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Hamburger Hochbahn
(Leseprobe aus: Hamburger
Hochbahn, Roman,
2007, Wallstein)
Der lange Nachmittag über dem weißen
Land hatte ihn seinem Ziel nahe gebracht, nichts zu denken, während sie, die
jetzt ihre Kladden bündelte und in einem speckigen Leinenrucksack
verschwinden ließ, erst im Sinkflug über New Jersey von Hamburg Abschied
nahm. Ihre Rippen gedrückt in die Armlehne, hatte sie sich so weit zu ihm hinübergebeugt,
wie der Gurt es erlaubte, während das Flugzeug eine Schleife zog. Die Sicht zunächst
blockiert durch den Flügel, beginnend im Norden, erschien die Silhouette
Manhattans Stück für Stück im metallischen Licht eines frühen Januarabends.
"Wo waren sie denn?" fragte Elise, kurz bevor der Radblock auf die
Piste schlug.
Gefangen zu Hunderten in Fluren, die sich bei Alarm verwandeln würden in
Fallen, fiel ihn Trübnis an, ein Zweifel, ob es richtig gewesen war, Elise nach
Amerika zu folgen um eines Abenteuers willen. Dann, bei Dunkelheit, in einer Röhre
von Flugzeug mit wenigen Passagieren unterwegs nach Westen, die Ledersessel
geschmeidig, Elise jenseits des Gangs vergraben in die Januarausgabe von
"Artforum", war es wieder da: Das wohlige Einverständnis mit der
Institution der Vereinigten Staaten. Das patriarchale Räuspern des Flugkapitäns
über die Anlage, bevor er sprach, und das Sportgeplapper der Männer mit ihren
mißratenen Frisuren, und der Teppich der Bundesländer, deren Namen er kannte:
New Jersey, Pennsylvania, Ohio. Einen Arm über dem Kopf, schirmte er sein
Fernglas ab gegen Lichter aus der Kabine, um die Anlagen dort unten zu entschlüsseln,
teils Firmen, teils Farmen.
Oh-hai-oh, noch ein Vierteljahrhundert später klang der Name in seinen Ohren
wie der Ruf der Landleute, die ihn damals aufgenommen hatten, einfach so, ein
Junge aus Deutschland. Keiner wollte wissen, was er dachte, außer über
Amerika, und keine Frage, Amerika war gut, denn es war gut zu ihm, zwischen der
Farm des einen Onkels, der Sägerei des anderen und der Tierarztpraxis des
Gastvaters; den kleinen und großen Transporten, den Ernten, der Footballsaison.
Schule, Arbeit, Essen, Fernsehen, Kirche und Führerschein, da war das Jahr
schon um, und damit er, er hieß dort Tom, es nicht vergaß, verwirrte ihn die
ältere der Schwestern, selbst fast noch ein Kind, drei Wochen vor dem Abschied
mit heimlichen Zärtlichkeiten. Als er zurückgekehrt war nach Lüneburg, war
sein Deutsch mühevoll und schwer geworden, gezeichnet vom Alltag nördlich und
südlich der Main Street. Das Gitter, in das die Lichter von Ohio gezeichnet
waren, betrachtete er mit Genugtuung, als hätte er es selbst erfunden.
Elise bemerkte, wie er mit dem Fernglas in dem Plastikfensterchen hing, und sie
lächelte. Aber als Thomas, ermüdet von den ausgedünnten Lebenszeichen
Indianas, zu ihr hinübersah, war sie schon wieder versunken in dem Magazin,
dessen Seiten sie mit einem Krachen umschlug, als müßte es physisch gezwungen
werden, seine Informationen preiszugeben.
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