Im Schein der Laterna Magica/Hidden Patterns von Rosemarie Zons, 2011, Edition WortOrtRosemarie Zens

Memorandum
(Leseprobe aus: Im Schein der Laterna Magica//Hidden Patterns,
Ausgewählte Schriften, Gedichte und Photographien/Selected prose, poems and photographs, Deutsch/Englische Ausgabe, S. 7, 2011, Edition WortOrt Berlin, mit einem Essay/with a review by Martin Mosebach).

   Dichtkunst lässt sich als ein Raum der Erinnerung wahrnehmen: Erinnerung an unsere Ursprünge, -ängste und -sehnsüchte, an die aus diesem Stoff hervorgebrachten Urmythen, und kann darin verstanden werden als eine Urmelodie, ein Widerhall, gemacht und gedacht zur beständig fortlaufenden Klärung.

    Klarheit, in diesem Sinne zum Hellsehen, in die Zukunft nur, wenn sie, die Dichtkunst, sich dem Vergangenen vergewissert, der Wurzeln, die uns voraus liegen und uns vorauszeigen, wie der dunkle Raum auszufüllen sei: mit Geschrei oder Gesang. Dies eine tägliche Entscheidung, um im Abbilden, Widerklang und Widerstand, auch gegen uns selbst, Wirklichkeiten zu finden – die Herausforderung zur schöpferischen Form. Wie in den Sprachbildern der Mythen, die den Blick nach innen öffnen. Als eine Art gemeinsames Gedächtnis der Menschheit, indem die voneinander getrennte innere und äußere Welt eins wird und im Empfinden identitätsstiftend wirkt.

   Wenn Freud die Trieblehre als unsere Mythologie bezeichnet «Die Triebe sind mythische Wesen. Großartig in ihrer Unbestimmtheit» (1) können wir diese Unbestimmtheit heute soweit fassen, dass wir entsprechend dem ‚genetischen Code’ der belebten Natur im Mythos den poetischen Code des menschlichen Geistes sehen.

Im Schein der Laterna Magica/Hidden Patterns von Rosemarie Zons, 2011, Edition WortOrt***

Memorandum
(Leseprobe aus: Im Schein der Laterna Magica//Hidden Patterns, Ausgewählte Schriften, Gedichte und Photographien/Selected prose, poems and photographs, Deutsch/Englische Ausgabe, S. 6, 2011, Edition WortOrt Berlin, mit einem Essay/with a review by Martin Mosebach).

   Poetry can be perceived as a space for memory: memory of our origins, of our deepest fears and yearnings, and of the primal myths woven out of them; it can be also understood within this context as a primal melody, an echo, created and thought time and again in a continuous search for clarity.

    Clarity, in this sense of a clear vision, of entering into the future only if poetry is certain of the past, of the roots that lie ahead of us and show us the way forward, to how the dark room can be filled – with screaming or song. This being a daily decision in the process of finding reality in depiction, echo and resistance, even to ourselves – the challenge of finding creative form. As in the verbal images of myths which open our inward eyes to our inner being. As a kind of common human memory, in which the separate inner and outer worlds become one and impart identity in sense and sensibility.

   Freud describes his drive theory as our mythology: “Drives are mythological beings, splendid in their indeterminacy" (1) This can be modified today: just as we see the ‘genetic code’ in animate nature, we can see the poetic code of the human spirit in myth.

 

(1) Freud, Ges. Werke, Bd. XV, S. 10

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