|
|
Der reinste
Terror
(Leseprobe aus: Der reinste
Terror vonHans Zengeler,
Dahlemer
Verlagsanstalt).
Es war wieder einmal soweit: der Besuch bei Lisa Koblenzer stand an. In letzter Zeit zuckte ich innerlich zusammen, wenn ich den Namen bloß hörte, auch heute sträubte sich alles in mir, und ich suchte nach Ausreden wie schon so oft, aber Johanna ließ nie eine gelten. Sie war der unerschütterlichen Ansicht, gerade ich mit meinen emotionalen Hemmungen könne viel von Lisa lernen, und der Besuch bei ihr geschehe auch zum Wohl unserer Ehe, um nicht zu sagen zu deren Rettung. Von derlei Auswirkungen hatte ich zwar bislang noch nichts bemerkt, aber wenn Johanna so fest daran glaubte, bitte, dann kam ich eben mit.
Tatsächlich ist Lisa eine Kapazität, was Gefühle anbetrifft, mehr noch, eine Gefühlsfanatikerin ist sie, eine von diesen hochmodernen Streichelwahnsinnigen, die einem andauernd um den Hals fallen und ihre Verluste an Zärtlichkeit beklagen. Bei mir hieß sie nur die Gefühls- und Umarmungs-Lisa, die Tränen- und Bauch-Lisa, die Stets-auf-der-Höhe-der-Zeit-Lisa, und gerade standen Gefühle ja hoch im Kurs, sie waren ein sozusagen neu entdecktes Kulturgut, das sich von smarten Esoterik-Managern überdies ganz gut vermarkten ließ. Der Verstand war jedenfalls nicht mehr gefragt, Kopf müsse weg, hieß es bei Lisa verkürzt, Bauch müsse her, Schluß mit dieser abstrusen okzidentalen Kopfscheiße, die das Lebensglück beeinträchtige und her mit den Gefühlen, auf Teufel komm raus. Spontan sein, lautete ihr oberstes Gebot, man müsse um Gottes willen spontan sein, Kinder, ihr habt ja alle eure Spontaneität verloren, ihr denkt zuviel nach und tut nicht, was euch Spaß macht. Nicht mit dem Kopf solle man die Dinge und Menschen um sich herum zu begreifen versuchen, sondern erfühlen solle man sie, auf den Körper solle man hören, weil jener ein Tempel sei, und überhaupt könne nur der reine Gefühlsmensch diese morbide Welt noch retten.
Johanna fuhr, ich saß schweigend neben ihr, Sebastian lag hinten und las Comics. Da bietet so eine Stadt tausend Möglichkeiten, dachte ich, aber ausgerechnet zu Lisa muß man gehen, einmal in der Woche mindestens, als hätten wir keine anderen Bekannten mehr.
Als ich ihr das erste Mal begegnete - es war bei
einer Geburtstagsparty -, hockte sie im Schneidersitz am Boden und studierte mit
einem provokanten Pipi-Langstrumpf-Gesicht die Gäste. Hin und wieder, wenn sich
ihr Blick an jemandem festgesaugt hatte, entblößte sie imponierend breite
Frontzähne und grinste, daß man sich fürchten konnte. Sie sagte jedoch den
ganzen Abend kein Wort, reagierte höchstens mit Gebärden, wenn man sie
ansprach. Sonderlich mich starrte sie öfter an, das war mir schon unangenehm,
aber ich war damals noch selbstbewußt genug, einfach zurückzustarren. Später
kam sie dann auf mich zu und warf mir die Diagnose an den Kopf, ich müsse mich
ja ziemlich schlecht fühlen, das sehe sie nicht nur, das rieche sie förmlich.
Warum? fragte ich.
Lisa winkte ab. Die Frage allein zeige den Grad meiner Verunsicherung.
Warum? wiederholte ich.
Fassade, entgegnete sie, alles Fassade, überhaupt sehe sie nur noch Fassadenträger.
Damals fingen diese regelmäßigen Besuche an. Johanna war begeistert. Lisas
Diagnosen hätte ich aushalten können, gerade noch, nicht aber, daß sie mich
bei der Begrüßung jedesmal umarmen mußte, als hätten wir uns Jahre nicht
gesehen. Sie drückte mich so fest an sich, daß ich mich unweigerlich erdrückt
fühlte. Andererseits hätte ich das gerne geschehen lassen, wäre die Umarmung
einem wahren Bedürfnis entsprungen, aber ich kam bald dahinter, daß dies nur
die allerneueste Art der Begrüßung war. Eine Formsache, nichts weiter. Der
Form halber wollte ich aber nicht umarmt werden. Nur, man mußte sich eben
umarmen lassen, wollte man nicht als hoffnungslos altmodisch gelten oder als -
wie Lisa sagte - neurotisch berührungsverklemmt: Mein lieber Franz, das ist
tiefenpsychologisch ja höchst interessant, daß du dich sperrst, wollen wir da
mal nachbohren?
Ich sah es schon kommen: Lisa fällt mir
schreiend um den Hals, umklammert mich, sucht den direkten Hautkontakt, küßt
mich auf die linke, die rechte Wange, küßt Stirn, Nasenspitze und manchmal
auch den Mund. Sie schiebt mich dann auf Distanz, damit sie mir prüfend in die
Augen sehen kann und sagt: Na, Franz, wie fühlst du dich? Niemals sagt sie
„Guten Tag“ oder „Grüß dich“ oder einfach „Hallo“, nein, immer
nur: Franz, wie fühlst du dich.
Lisa fragt einen das so oft, daß man sich ja schlecht fühlen muß. Aber das
war noch gar nichts gegen ihren stechenden Blick, der einen glauben machen
konnte, sie schaue einem bis in die tiefsten seelischen Abgründe hinein.
Sie war der unverrückbaren Ansicht, es müsse sich in diesen Zeiten jedermann
schlecht fühlen (damit er von ihr bzw. ihren Botschaften gerettet werden
konnte), von den paar glücklichen Momenten mal abgesehen. Behauptete man
jedoch, sich gut oder gar ausgezeichnet zu fühlen, dann wurde man von Lisa so
lange mit psychoanalytisch inquisitorischen Fragen bearbeitet, bis man aufschrie
und um des lieben Friedens willen zugab, sich hundeelend zu fühlen.
Die Ankunft: wie gehabt. Na, Franz, wie fühlst
du dich? Sag nichts, ich seh schon, immer noch so verkrampft, immer noch so
introvertiert, immer noch so flatternd der Blick.
Ich unterwarf mich schweigend ihrer Diagnose.
Man ging in die Küche, Sebastian zu den Kindern, Lisa fing sofort zu dozieren
an, ich hörte kaum hin, sie drehte pausenlos Zigaretten - die flinken,
geschickten Fingerchen faszinierten mich -, und als die Kinder einmal
hereinkamen, brach sie ihren Vortrag ab, warf uns beschwörende Blicke zu, als
wollte sie sagen: Davon dürfen die Kinder nichts wissen, also verplaudert euch
bitte jetzt nicht. Mit der Aufforderung, doch etwas zu malen, zu basteln oder
sonstwie kreativ zu sein, schickte sie die Kinder wieder hinaus. Und dozierte
weiter. Ich trank eine um die andere Tasse Kaffee und studierte die Spruchtäfelchen,
die über der Spüle hingen:
Heute ist der erste Tag meines
restlichen Lebens.
Ich liebe mich.
Ich bin positiv.
Ich bin der Schlüssel zu meinem Glück.
Und so weiter...
Koko, der Nymphensittich hockte auf seinem Käfig und döste. Lisa sprach
unterdessen von der Verabschiedung ihrer Eltern. Wer die Eltern in sich nicht
umbringe, könne niemals wirklich zur Freiheit gelangen, schon gar nicht glücklich
werden, meinte sie. Man müsse wieder Kind werden und die kindliche Phantasie
zurückerobern, denn die Kinder seien die einzig wahren und echten Menschen auf
der Welt.
Begleitlektüre: Die unendliche Geschichte.
Johanna hing wie gebannt an Lisas Lippen und hatte schon Tränen in den Augen,
so nahe ging ihr das. Sie wollte dann unbedingt wissen, wie Lisa es anstelle,
die Eltern in sich umzubringen, sie, Johanna, habe nämlich auch ein Problem mit
ihrem Vater.
Du mußt ihm den Krieg erklären, empfahl Lisa, und alles beim Namen nennen, was
er dir angetan hat. Mein Vater beispielsweise ist zwar schon lange tot, aber das
ändert nichts, denn schließlich habe ich erkennen müssen, daß er in mir als
Programm immer noch vorhanden ist. Von wegen der Schuldgefühle. Von wegen der
Ängste. Die kleine Tochter und der Patriarch, der mich zur Unterwerfung erzogen
hat, zum Gehorsam, verstehst du.
Begleitlektüre: Die Elternaustreibung.
Es gebe ja nicht nur körperliche,
sondern auch seelische Vergewaltiger, fuhr sie fort. Und so ein seelischer
Vergewaltiger sei ihr Vater gewesen. Sie habe ihn posthum noch einmal umbringen
müssen, damit sie endlich ein anderes Verhältnis zu Männern finden könne,
damit sie endlich freikomme davon, in jedem Mann ihren Vater zu entdecken und
sich dadurch einschüchtern zu lassen.
In diesem Augenblick kam ihr Mann von der Arbeit zurück. Lisa hob die Stimme
und sagte: Ich habe es ein für allemal satt, die große Nachgiebige zu spielen,
nicht wahr, Gerd?
So isses, nickte der und fragte nach dem Abendessen.
Kühlschrank, erwiderte Lisa kurz angebunden.
Aha, sagte Gerd.
Ja, also, wo war ich stehengeblieben? sah Lisa mich an.
Ist noch Fleischsalat da? wollte Gerd wissen.
Kühlschrank! bellte Lisa.
Koko flatterte erschrocken und laut kreischend auf die Gardinenstange.
Und dann Lisa: Ach so, mein Ritual. Kinder, daß muß ich euch unbedingt erzählen.
Also: Sie stehe sehr früh auf und versuche gleich durch einen Meditationstanz
Kontakt mit ihrem Körper aufzunehmen. Man bzw. frau könne natürlich auch
sagen: eine Beschwörung der intuitiven Energien. Danach gehe sie unter die
Dusche und reinige sich gründlichst. Es könne durchaus vorkommen, daß sie
dabei masturbiere; und zwar ohne jegliche Schuldgefühle, denn die Lust an sich
sei etwas Göttliches.
Der Sittich richtete wie fragend die Kopffedern auf.
Ich finde den Fleischsalat nicht, klagte Gerd.
Man müßte endlich Masturbations-Seminare abhalten, fuhr Lisa unbeirrt fort.
Sie schreie übrigens auch, falls ihr danach zumute sei. Oder sie heule eine
halbe Stunde lang. Danach mache sie Atemübungen. Sie atme die Schmerzen aus,
sie löse Blockaden. Es sei dies ein psychohygienisches Verfahren, wie man sich
wohl denken könne.
Sie sah mich an.
Ich hustete.
Was meinst du? fragte sie.
Gerd hatte den Fleischsalat endlich gefunden.
Ich meinte nichts.
Einerseits beeindruckte mich Lisas rücksichtslose Offenheit, andererseits fand
ich sie peinlich. Ich wollte doch nicht wissen, wann und wo und unter welchen
Umständen sie masturbierte. Nein, aus guten Gründen meinte ich dazu lieber
nichts.
Jedenfalls fühle sie sich nach ihrem Morgenritual jeder Herausforderung
gewachsen, so Lisa weiter, auch gebe der Vater in ihr allmählich nach, was natürlich
Auswirkungen auf ihre Ehe habe, nicht wahr Gerd, so ist es doch.
So isses, ja, sagte der und bedauerte, daß kein Bier da sei.
Keller, donnerte Lisa.
Aha, sagte Gerd, Keller und schlurfte gebeugt aus der Küche. Koko pfiff ihm spöttisch
nach und flog Lisa auf die Schulter.
Sie war überzeugt, das wirksamste Rezept für die Selbstbefreiung der
Menschheit gefunden zu haben, und weil sie ganz fest daran glaubte, weil sie
zudem überhaupt nicht egoistisch war, mußte sie dieses Rezept weitergeben, so
nun an mich, vor allem an mich, denn ihrer Diagnose zufolge, mußte ich
entsetzlich unter meinen Gefühlsverklemmungen leiden. Meine Therapie laute: Tötung
der Mutter. Denn die Mutter sei es, die in meine Ehe destruktiv hineinwirke.
Wahrscheinlich sei ich von meiner Mutter zum Eheversager programmiert worden,
damit sie mich auf ewig behalten bzw. besitzen bzw. besetzen könne, klar?
Koko stellte sich von einem Bein aufs andere; es sah aus, als wolle er Lisas
diagnostisches Stakkato rhythmisch begleiten.
Tatsächlich erinnerte ich mich, daß mir von meiner Mutter einmal prophezeit
worden war, keine Frau werde es lange mit mir aushalten, aber das verschwieg ich
Lisa, damit ihre Überzeugung nicht in Größenwahn ausartete.
Also meine Mutter. Von mir aus, dachte ich. Johanna sah mich triumphierend an,
als wollte sie sagen: Siehst du, diese Lisa klopft dir ganz gehörig den Rost
von der Seele, wo bleiben jetzt deine scharfsinnigen, intellektuellen Qualitäten,
die du vor mir immer so herauskehrst, um sie gegen mich zu verwenden?
Wie stark ich von meiner Mutter besetzt sei, fuhr Lisa fort, beweise allein die
Tatsache, daß ich sie nahezu täglich anriefe, also das sei doch pervers. Sie,
Lisa, glaube, es sei Johanna für mich nichts weiter als eine Art Mutterersatz,
und so eine mit ungelösten ödipalen Konflikten überschattete Beziehung könne
naturgemäß niemals gutgehen.
Ich gab zu, an Johanna durchaus mütterliche Züge entdeckt zu haben, aber das
habe doch mit mir nichts zu tun, im Gegenteil, Johanna sei es doch, die hin und
wieder ein mütterliches Verhalten entwickle, wogegen ich, zugegeben, nichts hätte,
zumal sich dieses Verhalten nur dann einstelle, wenn ich krank sei.
Lisa heulte auf. Um Himmels willen, hör sich das einer an! So spricht Franz,
der total verkopfte Muttersohn. Nein, nicht Johanna entwickelt Mütterlichkeit,
sondern du bist das, du provozierst eine mütterliche Johanna, du willst sie so
haben, deswegen wirst du so oft krank.
Was heißt da oft, bei höchstens einem grippalen Infekt pro Jahr, wollte ich
einwenden, doch sie rannte plötzlich hinaus, kam wenig später zurück und
legte mir Bücher hin. Von Buddha bis zu den Lehren der Schamanen. Lies das mal!
Und dann mach eine Therapie. Sie schlug mir die psychosomatische Klinik in Strötten
vor, diese legendäre Streichelklinik, wo man Gefühle total erlebe und wieder
erlerne, verstehst.
Sie schien offenbar stark an meinem Lebensglück interessiert, und ich konnte
nicht umhin, sie dafür sympathisch und rührend zu finden, nur sagte ich ihr
das natürlich nicht, denn hätte ich es ihr gesagt, hätte sie gemeint, ich
solle doch bitte in diesem Fall meinen Gefühlen keine Zwang antun und ihr um
den Hals fallen.
Der therapeutische Nachmittag neigte
sich dem Ende zu. Man erhob sich. Im Flur sagte Lisa: Ach Kinder, Leben total,
das ist es doch. Die meisten Menschen kommen mit dem Leben bloß deshalb nicht
zurecht, weil es ihnen zu kompliziert geworden ist, wobei sie völlig übersehen,
daß sie selbst es sind, die sich diese Komplikationen schaffen. Das kommt
davon, wenn man die einfache Sprache der Gefühle nicht mehr beherrscht. Die
zwischenmenschlichen Beziehungskämpfe strotzen ja nachgerade von taktischen und
strategischen Überlegungen. Jeder will siegen. Und du, Franz, vergiß nicht:
das einfache, unkomplizierte Leben. Die Gefühle. Und wie fühlst du dich jetzt?
Sebastian quengelte. Schwätz nicht so viel, herrschte er sie an, ich will heim,
sonst verpaß ich Bud Spencer.
Bud Spencer, wer ist das denn? wollte Lisa wissen.
Sie nannten ihn Mücke, sagte Sebastian, aber davon hast du keine Ahnung.
Wir stiegen in den Wagen, ich war müde, fühlte mich wie ausgebeint, hing
kraftlos im Sitz, weit nach hinten gebeugt, über die Windschutzscheibe raste
die Straßenbeleuchtung, die Stunde nach Lisa, es war wie immer: als seien alle
Gefühle verraten worden. Es gab keine geschützten Räume mehr. Alles wollte
diese Lisa zum Vorschein gezerrt wissen, wogegen ich immer noch der Ansicht war
- hoffnungslos veraltet, ich weiß -, es bräuchten gerade die Gefühle einen
intimen Rahmen, nicht so einen circensischen, ich haßte diese permanenten Gefühlsenthüllungen,
bei denen der am meisten bestaunt wurde, der sich am hemmungslosesten zur Schau
stellen konnte, während man den Schweigsamen für einen Verklemmten hielt.
Franz, liebst du mich eigentlich noch?
Mit dem Verstand aber läßt sich wirklich nichts ausrichten, dachte ich.
Leider. Diese Gefühlswahnsinnigen können einen immer wieder entlarven und
verunsichern. Man braucht dem kopfgebundenen Intellektuellen bloß mit der
Zwischenfrage ins Wort zu fallen, das sei ja sehr schön, was er da sage, die
perfekte Logik und die reinste Vernunft, aber was und wer steckt dahinter, was fühlen
Sie dabei? Wenn der nun nicht wirklich hartgesotten ist, hängt er fest am
Angelhaken. Er will sich aus der Frage winden. Er sieht sich hilfesuchend in
seinem intellektuellen Argumentationsarsenal um, doch das kann ihm in der Eile
keine passenden Waffen zur Verfügung stellen, denn die Frage nach dem Gefühl
hat sich im Solarplexus festgefressen, breitet sich aus, entfacht die Zweifel:
Wie fühle ich mich wirklich in meiner Haut, was sage ich, welche Rolle spiele
ich denn überhaupt? Jetzt noch ein kleiner Stoß von Lisa, und er wird das
ganze Elend aus sich herauskotzen, und Strötten wird bald einen Patienten mehr
haben.
Ob du mich noch liebst, Franz, habe ich gefragt.
Liebe ich Johanna?
Lisa jedenfalls schafft es, die Wesenskerne ihrer Gäste aus den Schalen zu
sprengen, so daß eigentlich keiner mehr geht, als der er gekommen ist, dachte
ich weiter. Andererseits ist er dann vielleicht auch zum letzten Mal gekommen...
Ob du...
Ja, Johanna, ich liebe dich, aber erpresse mich nicht mit so einer Frage.
Früher hatte Lisa als verstaubt gegolten, als streit- und diskussionssüchtige
Intellektuelle, heute war sie die ewig Lächelnde, die Mona Lisa gewissermaßen,
mit dem sonnenhaft wärmenden Wesen. Wie kommt das? Sie entwickelt sich eben,
dachte ich, sie hält Schritt mit der Zeit. Also, es ist immer nur eine modische
Attitüde, morgen schon kann sie mit wieder völlig anderen Einsichten
aufwarten. Da mag dann das Übersinnliche, Esoterische, Paranormale dran sein.
Früher war sie die rote Lisa gewesen, Studentenbewegung, vorderste Front,
extrem und radikal, Landfriedensbruch, vom Berufsverbot bedroht, Kommunistischer
Bund Westdeutschland, Anhörungsverfahren, plötzlich der Widerruf, Schwenk in
eine verfassungskonforme Linie, Rückzug ins Private, der damals sogenannten
Tendenzwende also gehorchend. Den Möbeln sah man schon an, welche Ideologie
gerade gepflegt wurde. Erst Sperrmüll und Matratzen am Boden, dann IKEA und
Betten mit Messinggestell, später die Wohnlandschaft mit Sitzgruppe aus
Nappaleder, wofür man sich entschuldigte und Platten aus der großen, alten
Zeit abspielte, Dylan, Donovan, Baez. Plötzlich ein erneuter Umbruch, Rückbesinnung
auf die Wesentlichkeiten des Lebens. Karrieregipfel erreicht, was jetzt? Die
Vierzigjährige hat Seymour im Bücher- und die Getreidemühle im Küchenschrank.
Sie will erst eine Töpferei aufmachen, reist dann aber ohne ihren völlig außer
Atem geratenen Gerd für zwei Monate nach Poona, kehrt in Orange zurück, geht
nicht mehr, nein, sie wandelt von nun an dauerlächelnd mit einem wie geläuterten
Antlitz durch die Landschaft. Da fing dieser Gefühlsterror allmählich an,
wurde nur kurz unterbrochen von einer grün erweckten Lisa, für die der Bhagwan
ein Meditationsfaschist war, und jetzt hätte man sie die
Baum-ab-nein-danke-Lisa nennen können, die Friedens- oder Öko-Lisa, die ihre
Pullover selber strickt und in ausgeleierten Pumphosen herumläuft, die
selbstgeschusterten Mokassins nicht zu vergessen, und die Indianer, richtig, die
lagen ihr plötzlich auch sehr am Herzen. Das dauerte ein paar Monate, und
schließlich kam die esoterische Selbsterfahrungs- und Streichel-Lisa heraus,
die ein sechswöchiges Training in Strötten und zahllose workshops hinter sich
hatte. Nahezu termingerecht, so mein Eindruck, hatte sie alle Moden der Zeit
angenommen, war immer am Ball geblieben, wer sollte da Schritt halten können?
Ich jedenfalls nicht. Trotzdem: Was ist nun wirklich mit deinen Gefühlen,
Franz, fühlst du noch was?
Wir steckten im Stau fest. Johanna
trommelte mit den Fingerspitzen aufs Lenkrad. Sebastian drohte dem Stau mit
einer Anzeige, wenn er deswegen Bud Spencer verpasse. Johanna seufzte und
runzelte die Stirn. Das sollte heißen: Für Sebastians Fernsehgewohnheiten trägst
du die Verantwortung. Ich starrte durch die Windschutzscheibe. Am liebsten hätte
ich jetzt über das Wetter gesprochen. So ein Wettergespräch wäre eine
Erleichterung. Verdammt nochmal, warum kann man jetzt nicht über das Wetter
sprechen, dachte ich. Als ahne sie meine Fluchtgedanken, holte mich Johanna
gleich wieder auf den Boden der Gefühlstatsachen zurück, indem sie meine
elementare Furcht vor der Enttarnung erwähnte, ich könne und wolle mein wahres
Gesicht nicht zeigen, ich wolle immer nur maskiert hervortreten, den Unbeschädigten,
den Starken, den Sieger wolle ich spielen. Da gab ich ihr recht. Natürlich will
ich viel lieber stark sein als schwach, natürlich ziehe ich den Sieg der
Niederlage vor. Ich finde, es reicht vollkommen aus, wenn ich mich als beschädigt
erkenne, ich brauche kein Podium, um das auch noch in die Welt hinauszubrüllen.
Feigling, winkte Johanna ab.
Der Stau löste sich auf.
Sebastian fragte nach der Uhrzeit.
Es reicht noch, sagte ich.
Na hoffentlich! bellte er.
Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © 1996 dahlemer verlagsanstalt michael fischer