Michael Zeller

Lied der Amsel
(Leseprobe aus: Mein schöner Ort, Gedichte, mit CD, 2000, Ars Vivendi)

Wer ist die Stadt, durch die wir gehen
Wer hat das Leben ihr gegeben?
Sitzt es in dem schiefen Turm
von hochgespitzten Kathedralen
die an die Himmel rühren wollen
oder unterm knappen Rock
VENEZIAs der Café-Bar
wohin die vielen Menschen drängen
zu leichter Kost für ihren Magen
heute, vor und nach der Arbeit
die ihren Rhythmus aufrecht hält? 
Wem singt die Amsel in der Linde
der julisüßen, zwischen Autos
die lautstark auf ihr Dasein pochen?
Der sie gepflanzt, liegt auf dem Friedhof
sein Grab vielleicht schon eingeebnet
und wäre doch die Linde nicht 
könnt keine Amsel in ihr singen
Wer hat die Stadt uns hier gegeben
durch die wir gehen, bummeln, rasen
mal aufmerksam, mal ohne Augen?
Denn das Vertrauen zu ihr ist blind
Was ist die Stadt, die wir benutzen
wie unser Frühstück jeden Morgen?
Geschenkt - gefunden - ausgeliehen?
Mit eignen Armen hingestellt?
Wer macht uns da die Rechnung auf?
Wir selbst? Die Erben, wenn wir gehen
und Amseln, so Gott will, noch singen
auch ohne uns, in jungen Linden?
Ein bißchen Dieb, ein bißchen Täter
Einst haben wir die Stadt belebt
Den Strich darunter - wer ihn ziehe
er mag es nicht zu gerade tun

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