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Zunixkommen 1
(Leseprobe aus:
Einsam
lehnen am Bekannten, Kurze Prosa, 2008,
Lilienfeldiana im
Lilienfeld
Verlag).
Wenn ich Kinder hätte, könnte ich so aussehen wie
die, die Kinder haben. Mit dunklen Augenringen und
dünnen, ausgelaugten Gesichtern sitzen sie auf den
Sofas ihrer Wohnzimmer, aus deren Ritzen sie beständig
kleine Autos, kleine Soldaten, Legobausteine
und Popel popeln. Ihre Augen, unter denen große
Säcke hängen, durchstreifen in steter Aufmerksamkeit
das Zimmer, um möglichen Gefahren zuvorzukommen.
Wenn ich Kinder hätte, könnte ich auch so
ein edles, angeschwollenes Aufgabengesicht in meinem
Gesicht / Fresse / Antlitz tragen, und ich würde
dann nicht nur genau so aussehen wie die, die Kinder
haben, sondern mich auch genau so bewegen. Denn
Leute, die Kinder haben, bewegen sich nicht nur,
wenn sie sich bewegen, sondern auch dann, wenn
sie sitzen. Zwar bemühen sie sich, und sie bemühen
sich wirklich immer wieder mit aller Kraft, entspannt
und irgendwie interessiert neben dir auf dem Sofa zu
sitzen, aber egal in welcher Unterhaltung man sich
befindet, stets denkt man, in jedem Moment kann es
passieren, in jedem Moment passiert es, gleich springen
sie auf, um eine mögliche Katastrophe zu verhindern
oder um irgendwas warm zu machen. Meistens
handelt es sich dann um Milch oder Karotten oder
Blumenkohl im Fläschchen mit ohne Salz.
Wenn man mit Menschen mit Kindern spricht, dann
immer nur in einem Zeitraum, der zwischen dem
Schnell-noch-Warmmachen- oder Gleich-Abholen-
Bereich liegt. Sie sind also ständig sprungbereit, nicht
schwarz und edel wie der Panther, sondern eher wie
kleinere, gehetzte Tiere, die selbst beim einfachen
Verzehr einer Nuss in panischer Alarmbereitschaft
zu stehen scheinen. Nur nie zur Ruhe kommen. Du
kommst einfach zu nichts mehr, sagen sie und seufzen
irgendwie glücklich, aber auch irgendwie anstrengend.
Du kommst zu nichts, und wenn du zwei hast,
und sie tragen das eine weg und holen das andre her,
dann kommst du zu gar nichts mehr. Du kommst einfach
zu nichts mehr, die ganze Zeit, und sie stehen
auf, um schnell noch was warm zu machen, stehen
auf, ohne sich zu entschuldigen, und kehren nach einer
Weile mit einem Fläschchen zurück oder mit einer
Karotte oder einem Stück Blumenkohl auf dem
Kopf. Nur Menschen, die Kinder haben, können so
kommentarlos aufstehen, denn in einer Familie ist alles
normal. In einer Familie gibt es nicht viel zu diskutieren
und nichts zu entschuldigen. Oder man hat
einfach keine Zeit mehr, und vor allem keine Zeit
mehr dazu, jetzt noch groß rumzudiskutieren. JETZT
WIRD HIER NICHT GROSS RUMDISKUTIERT gehört
zu den meistgebrauchten Sätzen, die Menschen, die
Kinder haben, anwenden oder anwenden müssen, damit
alles seinen Lauf geht. Mit diesen Worten stopfen
sie JETZT WIRD HIER NICHT GROSS RUMDISKUTIERT
den Blumenkohl in die Kinder hinein, mit
dieser magischen Formel zerren sie die Kinder HIER
WIRD GAR NICHT GROSS RUMDISKUTIERT zurück
ins Kinderzimmer, zurück ins Bett oder durch die
endlosen Gänge des DA WIRD JETZT GAR NICHT
GROSS RUMDISKUTIERT Deutschen Historischen
Museums.
Wenn ich Kinder hätte, dann käme ich auch zu nichts.
Ich komme zwar auch so zu nichts, aber wenn ich Kinder
hätte, dann käme ich so auch zu auch nichts und
könnte dabei gar nichts für das Nichts. Das Entscheidende
wäre, das wäre normal. Normalzustand, guter
Zustand, unabänderlicher Zustand. Abgang.
Rezension I Buchbestellung I home II10 LYRIKwelt © Lilienfeld Verlag