Gustavs Traum von Christian Zehnder, 2008, Ammann

Christian Zehnder

Gustavs Traum
(Leseprobe aus:
Gustavs Traum, Erzählung, 2008, Ammann).

Was für sie einmal die Allee der Verführung gewesen war, wurde später zum Wald, in dem ihr Kind Blätter sammelte. Viele Bäume waren nicht vonnöten. Büsche gab es keine. Der Boden war nicht übersät mit Tannennadeln. Die Steine schimmerten nicht grün von Moos; das Farbigste blieben die gelben Flechten. Zwischen den in zwei Reihen stehenden Pappeln verlief ein schmaler Kanal. So weit das Auge reichte, machte er keine Kurve, auch da nicht, wo er ohne Pappeln weiterfloß.
In der Abendsonne aber, wenn die Wasseroberfläche glänzte, beugte sich der kleine Dominik über den Kanal wie über einen sprudelnden Bach. Wie im Wald berührte er die Baumstämme. Und die paar Blättchen hob er auf wie Hände voll Laub.
Veronika gab sich Mühe, nicht in tänzerische Schritte zu verfallen, und Gustav lag es fern, sich die Landschaft anders vorzustellen, als sie war.
An grauen Tagen gingen sie zum Spielen hinaus. Dominik schoß mit einem zierlichen Bogen Pfeile übers Feld. Gustav ließ den Drachen steigen. Veronika nahm ein Buch hervor und erzählte eine Geschichte daraus.
Irgendwann blieb der Drachen in den Baumkronen hängen, und die Pfeile lagen verteilt am Boden. Veronika wurde von Gustav unterbrochen: »Ich glaube dir kein Wort, eine solche Blume gibt es nicht! Bitte, lies, wie es geschrieben steht!«
Sie warf ihm das Buch vor die Füße, sah nach dem Kind, das auf dem Feld die Pfeile zusammensuchte, und ging zurück Richtung Stadt.
Gustav lehnte sich mit dem Buch gegen einen Baum und schickte sich an, die Geschichte im Wortlaut zu lesen. Dominik stand mit dem Köcher klappernd vor ihm, ein später Abkömmling sagenhafter Helden.
Gustav las, blätterte sauber, sein Mund stand offen. Dominik blickte zum ihm hoch, erst mit großen Augen, nach einer Weile geduldig und endlich nachsichtig. Der Vater wendete die Seiten vor und zurück: »Wie sollte ich dir die Geschichte vorlesen? Sie ist weder schön noch lehrreich!«
Ein bißchen fürchtete sich Dominik. Fast hätte er sich gefragt, wer genau der Mensch vor ihm sei.
Und könnte der Vater nicht plötzlich unter Zetern das Buch in Stücke reißen? In dem Moment knackte es in der Pappel, und der Drachen fiel ihnen surrend vor die Füße.

So eng verbunden die drei waren, so oft sah man sie einzeln. Waren sie auf verschiedene Orte verstreut, wunderte das niemanden. Verwunderlicher war, wie wenig sie verweilten. Nicht selten ging der kleine Dominik allein von Stadttor zu Stadttor. Und doch hätte niemand gesagt, man begegne ihm oft auf der Straße.
Denn immer wieder war plötzlich die Mutter da, um ihn an der Hand zu nehmen und an ein Ziel zu führen. Die Ziele waren vielfältig; in der schmalen Stadt, einer Aneinanderreihung von Plätzen und einem ungeometrischen Netz von Gassen, gingen sie in verschiedenen Elternhäusern ein und aus. Das Naheliegendste, nämlich eigene vier Wände, blieb Idee, für Veronika ein frommer Wunsch, ein Hirngespinst für Gustav.
Das Kind hätte nicht zu sagen gewußt, wo es wohnte. Die Umzüge kamen ohne Regelmäßigkeit. Im Augenblick, in dem der Knabe aus einer Tür trat, hatte er diese auch schon vergessen.


Im Elternhaus des Vaters liebte Dominik den Garten. Hier verbrachte er, in einer Schaukel, manchen Abend und erwartete die Eltern. Die Großmutter fragte aus der Küche, ob er noch da sei, ob er wenigstens Schuhe anhabe.
Wenn der Vater und die Mutter im Garten auf ihn zukamen, hätte er aus der Schaukel springen und ihnen entgegenlaufen wollen. Doch er erinnerte sich an die Dinge, die sie übereinander sagten: Er möge ein Auge haben auf Papas Gang. Ob er wisse, wie schön Mama sei.

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