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Wie die Frage lautet
(Leseprobe aus:
Corpus delicti
- Ein Prozess, Theaterstück/Roman, 2007/2009, Schöffling&Co.).
Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und
trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer
Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich
entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut,
sondern eine kollektive Vision vom Normalkörper darstellen soll. Ich entziehe
einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert. Ich
entziehe einer Gesundheit das Vertrauen, die sich selbst als Normalität
definiert. Ich entziehe einem Herrschaftssystem das Vertrauen, das sich auf
Zirkelschlüsse stützt. Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine
letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet. Ich
entziehe einer Philosophie das Vertrauen, die vorgibt, dass die
Auseinandersetzung mit existentiellen Problemen beendet sei. Ich entziehe einer
Moral das Vertrauen, die zu faul ist, sich dem Paradoxon von Gut und Böse zu
stellen und sich lieber an »funktioniert« oder »funktioniert nicht« hält. Ich
entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen
Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das
glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. Ich
entziehe einer Methode das Vertrauen, die lieber der DNA eines Menschen als
seinen Worten glaubt. Ich entziehe dem allgemeinen Wohl das Vertrauen, weil es
Selbstbestimmtheit als untragbaren Kostenfaktor sieht. Ich entziehe dem
persönlichen Wohl das Vertrauen, solange es nichts weiter als eine Variation auf
den kleinsten gemeinsamen Nenner ist. Ich entziehe einer Politik das Vertrauen,
die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens
stützt. Ich entziehe einer Wissenschaft das Vertrauen, die behauptet, dass es
keinen freien Willen gebe. Ich entziehe einer Liebe das Vertrauen, die sich für
das Produkt eines immunologischen Optimierungsvorgangs hält. Ich entziehe Eltern
das Vertrauen, die ein Baumhaus »Verletzungsgefahr« und ein Haustier
»Ansteckungsrisiko« nennen. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser
weiß, was gut für mich ist, als ich selbst. Ich entziehe jenem Idioten das
Vertrauen, der das Schild am Eingang unserer Welt abmontiert hat, auf dem stand:
»Vorsicht! Leben kann zum
Tode führen.«
Ich entziehe mir das Vertrauen, weil mein Bruder sterben musste, bevor ich
verstand, was es bedeutet zu leben.
Rezension I Interview I Buchbestellung II09 LYRIKwelt © Schöffling