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Genie Royal
(Leseprobe aus: Alles auf dem Rasen,
Kein Roman, 2006, Schöffling&Co.)
Schlecht gelaunt saß ich sinnend im Garten hinter der Villa des Deutschen
Literaturinstituts Leipzig, als etwas in den Büschen raschelte und plötzlich
hervortrat, nicht weniger grün als das Gebüsch selbst.
Er sei Kulturbeauftragter, stellte er sich vor, vom Mars. Ob ich sagen könne,
was ein junger Autor sei? – Dem kann geholfen werden, dachte ich, klemmte die
Faust unter das Kinn und richtete den Blick in die Ferne.
»Junge Autoren«, antwortete ich schließlich, »sind wie CRITTERS. Klein und
hinterhältig, und niemand weiß, wie sie aussehen. Es sei denn, sie treten im
Fernsehen auf.«
Aber an irgendetwas müsse man sie doch erkennen? Vielleicht am Alter?
»Nun ja«, entgegnete ich. »Alter ist eine relative Größe. Vor kurzem noch
galt ein Schriftsteller ab vierzig als junger Autor. Dann verfasste Benjamin
Lebert sein erstes Buch – nach dieser Rechnung vor der eigenen Zeugung.
Junger Autor kann man von minus fünf bis plus fünfundfünfzig Jahren sein.«
Aber es stimme doch, beharrte der Marsbewohner, dass junge Autoren gelegentlich
etwas niederschreiben?
»Ach, Schreiben«, seufzte ich und schüttelte den Kopf, »ist ebenfalls eine
relative Größe. Meist heißt es, schreiben könnten junge Autoren am
allerwenigsten.«
Der Marsianer schaute verdutzt. Er hatte die terrestrische Jungliteratur-Debatte
eingehend studiert und recherchierte für ein Feature über Fetische primitiver
Kulturen. Schnell fasste er seine Resultate für mich zusammen: Entstanden ist
die junge Autorenschaft, weil Schriftsteller nicht wie Popstars zehn Jahre lang
Gitarrenunterricht nehmen und sich die Augenbrauen piercen müssen, um berühmt
zu werden und morgens lange im Bett bleiben zu dürfen. Ihre Kampftaktik besteht
darin, arglosen Lesern zu suggerieren, sie wollten ihre Bücher lesen und nicht
die von Goethe, Mann oder Grass. So vergiften sie die abendländische Kultur, töten
den Regenwald und reißen nach und nach die ganze Welt in den Abgrund. Ob das
zutreffe?
»Hundertprozentig«, bestätigte ich. »Dennoch bemerkt es der Ungeübte nicht
immer, wenn er einen von denen vor sich hat. Nehmen Sie im Ernstfall zuerst eine
Geschlechtsbestimmung vor, denn die Weibchen sind noch gefährlicher als die Männchen.
Sie heißen Fräulein Wunder oder Shooting Starlet und haben mehr Seiten als
ihre eigenen Bücher. Und jetzt: Viel Glück und schönen Tag noch.«
Halt! Mir könne er es ja sagen: Gern finge er sich einen jungen Autor zu
Forschungszwecken. Ob ich nicht wisse, in welchem Kaffeehaus man am ehesten
welche träfe?
»Kaffeehaus?«, spottete ich. »Die Zeiten sind vorbei. Heute gibt es ein
ganzes Trainingslager für junge Autoren. Am Deutschen Literaturinstitut sammeln
sich mindestens hundert von ihnen. Dort produzieren sie zum Getrommel ihrer
Meister einen Erfolgsroman nach dem anderen und heben nur die Köpfe, wenn
gelegentlich ein Journalist vorbeikommt, um zu fragen, ob man Schreiben überhaupt
lernen könne. Und das...«, an dieser Stelle hob ich Stimme und Faust, »ist
doch wohl eine berechtigte Frage. Schließlich verlangt Schöpfertätigkeit
Genie. Gott hat auch kein Seminar in Welterschaffung absolviert.«
»Hätte er tun sollen«, meinte der Marsmensch und zückte einen Notizblock. »Und,
kann man es lernen?«
»Die jungen Autoren«, sagte ich, »geben darauf abwechselnd drei Antworten.
Erstens: Ja, in der Grundschule, mit Griffel auf Schiefer. Zweitens: Nein, ich
konnte das schon vor meiner Zeugung und habe mit minus fünf Jahren besser
geschrieben als Grass mit fünfundfünfzig. Drittens: Das Handwerk ist
vermittelbar, aber Talent schadet auch nicht.«
Er selbst habe lange über eine Gegenfrage nachgedacht, wendete der Marsmensch
ein. Warum störe sich nie jemand daran, dass Beethoven mit vierundzwanzig noch
Klavierunterricht nahm, dass Michelangelo ausgedehnte Lehr- und Studienjahre
hinter sich brachte und Picasso an der Kunstakademie in Barcelona studierte?
Wieso habe keiner etwas gegen creative painting, creative sculpturing oder
creative piano playing?
Ich nahm die Faust herunter und Dozentenpose ein: »Weil writing im Gegensatz zu
den anderen genannten Disziplinen nicht notwendig creative ist! Das
Arbeitsmaterial des Schriftstellers, die Sprache, steht jedem zur Verfügung.
Sprechen und damit in den meisten Fällen auch Denken und Schreiben gehören zum
grundlegenden ergo sum des Menschen. Was man vom Umgang mit Tonklumpen,
Farbpulver oder Saiteninstrumenten nicht behaupten kann. Worin will ein junger
Autor sich üben? Etwas Unwägbares unterscheidet die Fähigkeiten eines
Schriftstellers von denen seiner Artgenossen! Hebt ihn aus dem Kreis der
Postkarten- und Einkaufszettelverfasser heraus! Wie Gelee Royale die Königin
aus der Masse der Arbeitsbienen.«
Interessant, fand der Kulturbeauftragte aus dem All, eifrig kritzelnd, GENIE
ROYAL, schöne Überschrift, und das Ganze eine interessante, primitive
Sichtweise der Dinge. Auf dem Mars, erklärte er, seien Umgangssprache und
literarisches Sprechen zwei essentiell verschiedene Gegenstände. Literarischer
Ausdruck habe mit der Niederschrift eines Einkaufszettels so viel zu tun wie das
beliebige Anschlagen von Klaviertasten mit der Interpretation einer
Beethovensonate. Ein Schriftsteller müsse Eigenschaften und Möglichkeiten der
Sprache entdecken und studieren wie ein Bildhauer jene des Steins. Beim Bäcker
werde er trotzdem nicht in Hexametern nach Brötchen verlangen. Vielmehr gleiche
der Schriftsteller bei Verwendung der Umgangssprache einem Komponisten, der den
ganzen Tag Alle-meine-Entchen pfeift. Alle-meine-Entchen werden nicht
weiterhelfen, wenn er sich an die künstlerische Arbeit begibt.
»Und können Sie sich vorstellen«, fragte ich gereizt, »diese geheimnisvolle
marsianische Literatursprache an einem Institut zu lehren, einem Teil der
Universität, wohlbemerkt, auf dessen Korridoren es nach Kreidestaub und
Gleichschaltung riecht? In Meisterklassen, wo der Lehrer mit dröhnender Stimme
Regelkodizes und Benotungssysteme exerziert und zum Schluss ein Diplom verleiht,
ein, ha!, Schriftstellerdiplom?«
So ein Haus wie dieses, sagte der Marschmensch und zeigte auf die Villa hinter
uns, wäre vielleicht am ehesten der rechte Ort.
Ich schaute das Gebäude an, als sähe ich es zum ersten Mal, und zuckte die
Achseln. Als wir uns umwandten, hatten sich vom Fenster des Seminarraums im
ersten Stock blitzschnell fünf Gestalten zurückgezogen.
»Wie dem auch sei«, sagte ich. »Wahre Literatur wird jedenfalls absinth- oder
opiumselig bei Nacht verfasst. Sie wird durchlitten, gebrochen, neu geboren. Ihr
Schöpfer durchlebt zahllose schauerlich-beglückende Gefühlszustände und
sinkt beim ersten Piepsen der Vögel schwer von Welthaltigkeit und erschöpft
vom Sichverströmen auf sein bescheidenes Lager. So.«
Mag sein, meinte der Marsmensch, aber warum sollte der Autor, wieder nüchtern,
den entstandenen Text nicht mit ein paar Kollegen besprechen? An ihnen erproben,
ob das sprachliche Mittel zum gewünschten Ausdruck taugt? Fehlerhaftes
verbessern? Warum dürfe er Ehen schließen oder Salons gründen, um sich über
Literatur auszutauschen, nicht aber eine Schreibschule besuchen? Eine solche
Schule, die nichts sei als ein fortdauerndes Gespräch über entstehende
Literatur, müsse doch erst recht wie ein Katalysator wirken. Ein Beschleuniger
des ewigen, mit dem Schreiben verbundenen Lernprozesses.
»Immerhin«, sagte ich, Kracauer zitierend, »werden an das Nichtschreibenkönnen,
seit es eine eigene Kunstform geworden ist, zunehmend höhere Anforderungen
gestellt.«
»Ach!«, rief der Kulturbeauftragte und hatte das Notieren längst eingestellt,
»meine These ist, dass sich das Volk der Dichter und Denker partout nicht vom
denkenden und dichtenden Genie verabschieden will. Wenn ein Naturvolk nicht mehr
an Gott, Kaiser oder väterliche Autorität glauben darf, will es wenigstens
Goethe als Götzen. Oder gibt es sonst einen vernünftigen Grund, der gegen die
Existenz einer Schreibschule spricht?«
»Ja«, sagte ich. »Die jungen Autoren. Sie sind zu jung und zu hinterhältig.
Und zu viele.«
Der Marsianer stutzte und blätterte in seinen Notizen zurück.
»Das Durchschnittsalter am Literaturinstitut«, sagte ich, »liegt geschätzt
bei vierundzwanzig Jahren. Worüber, mein grüner Herr, sollen die Grünschnäbel
denn schreiben? Über sich selbst? Ihre Kindheit? Die Ostberliner Studenten-WG?«
Aber das sei doch gerade das Phänomen, sagte er und schaute beunruhigt.
Vielleicht wusste er nicht, was eine WG ist. Oder er verstand mein Lächeln
nicht, dieses hinterhältige Lächeln. Deshalb gebe es doch die Debatte, und
deshalb forsche er über das Thema, weil sie alle so erschreckend jung seien.
»Goethe«, flüsterte ich, »war Mitte zwanzig, als der WERTHER erschien.
Thomas Mann begann die BUDDENBROOKS im Alter von zweiundzwanzig.« Der
Kulturbeauftragte wich zurück, während ich auf ihn zuging. »Büchner starb
mit vierundzwanzig und hatte folglich alles schon vorher zu Papier gebracht. Und
Schiller schrieb die RÄUBER mit zweiundzwanzig unter der Bettdecke.«
Er fing an zu begreifen, starrte auf mein Lächeln, das jetzt die Zähne entblößte.
»Eins habt ihr übersehen«, sagte ich, »die Debatte und du. Jetzt kann ich es
dir ja sagen: Wir waren schon immer so jung.«
Dann packte ich zu.
»Ein CRITTER!«, waren die letzten Worte des Kulturbeauftragten vom Mars. Ich
verbeugte mich und winkte zum ersten Stock hinauf, wo Applaus erklang. Ich zerknüllte
die Notizen des Marsianers und verfasste stattdessen einen einzigen Satz auf dem
Block, der Nachwelt zuliebe: Schreiben kann man lernen. Die notwendige Hinterhältigkeit
aber, die ist angeboren.
Rezension I Buchbestellung IV07 LYRIKwelt © Schöffling