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Die Eisfee beim Nachtbad
(Leseprobe aus: Spieltrieb,
Roman, 2004, Schöffling&Co.)
Nichts wies auf einen Donnerstag hin. Fern von den geregelten Abläufen der Städte,
fern von Schulalltag, Morgenzeitung und Abendnachrichten verloren die Namen der
Wochentage mit solcher Geschwindigkeit an Bedeutung, dass man sich fragte, ob
sie ihre Bezeichnungen jemals zu Recht getragen hätten. Die Zeit sprang aus
ihrem Korsett, dehnte und streckte sich nach Belieben und ließ die Annahme, man
sei erst anderthalb Tage zuvor in Dahlem angereist, als dummdreisten Trick des
Erinnerungsvermögens erscheinen. An gefühlter Zeit waren seit der Ankunft zwei
Wochen vergangen, und Ada fing bereits an, ihr gewöhnliches Leben für unglaubwürdig
zu halten. Mit etwas mehr Erfahrung hätte sie im prompten Plausibilitätsverlust
der eigenen Herkunft ein zeitgemäßes Talent zum Vagabundieren erkannt. So aber
hielt sie den Effekt für eine Folge des ungewohnten Alleinseins unter Menschen,
das sich gegenüber dem üblichen Alleinsein ohne Menschen durch spürbar höheren
Kräfteverbrauch auszeichnete.
Gegen zehn am Abend beendete Smutek die Vorbereitungen zu einer fiktiven Stadtführung
durch Wien. In den verschiedenen Räumen des Hauses bereiteten Schülergruppen
die Darstellung von Sehenswürdigkeiten und, Oxymoron hin oder her, von
wichtigen historischen Ereignissen vor, bemalten Tapeten, probten dramatische
Szenen, klebten Photos und Postkarten an die Wände. Ada hatte darum gebeten,
wegen mangelnder Teamfähigkeit ein Stück Musil
auswendig lernen und vortragen zu dürfen. Als Smutek die Schüler mit fröhlicher
Stimme und geräumigen Handbewegungen entließ, drehte sich in ihr noch immer
ein Geschwader nicht zu Ende gedachter Gedanken, so dass die Aussicht, den
restlichen Abend zwischen menschlichen Kapseln unbekannten Inhalts zu
verbringen, unerträglich erschien. Ungesehen gelangte sie in die Eingangshalle,
schnürte die Laufschuhe zu und floh ins Freie.
Die Nachtluft war frisch und klar wie Wasser. Um sich nicht zu verirren, schlug
Ada den Weg ein, den sie tagsüber auf der Wanderung genommen hatten. Tief
atmete sie durch die Nase ein und durch den Mund aus, und der ganze Wald mit
seinen pelzigen oder gepanzerten Bewohnern, mit harsch gefrorenem Schnee,
geduckten Pflanzen, schwammig voll gesogenem Moos und aufgeweichter Baumrinde
blieb ihr als ein Geschmack auf der Zunge zurück. Der Mond schickte ihr den
eigenen Schatten als Späher voraus. Nach wenigen Minuten wurde ihr von innen
warm, eine Dampfwolke hüllte sie ein, die Erde federte, die Bäume am Wegrand
verschmolzen zu schwarzen Massen, rückten näher zusammen und fassten sich hoch
oben an den Händen, bis sie den Mond verdunkelten. Hinter Ada schloss sich die
Finsternis zu blickdichten Wänden.
Als sich rechter Hand eine Lichtung öffnete, verlangsamte sie das Tempo und
hielt schließlich an. Während des Spaziergangs am Tag hatte sie diese Stelle
vom Weg aus gesehen und sich vorgestellt, wie es sein müsste, bei Nacht hierher
zu kommen. Der Schauplatz war wie gemacht für Szenen aus einem Märchenfilm,
ein Treffpunkt für Wolf und Hase zur Beratung über das Wesen der Dinge, ein
Festanger für Elfenkinder außerhalb elterlicher Reichweite, Kulisse für den
Auftritt sprechender Quellen und denkender Pilze mit großen, braunen Hüten.
Das Gras stand niedrig, als würde es regelmäßig gemäht. In der Mitte befand
sich ein Tümpel von Länge und Breite eines Hockeyfelds, von Bäumen umgeben,
die in Grüppchen beisammenstanden wie Mannschaften beim Aushecken ihrer
Strategie für die nächsten Spielminuten. Die Oberfläche des Weihers war
bleich gefroren und schneebedeckt.
Ada durchquerte den Graben neben dem Weg und löste dabei die Stacheln
vertrockneter Brombeerranken so behutsam aus der Kleidung, als handelte es sich
um die Hände winzigster Wesen. Quer über die Lichtung folgte sie einer
undeutlichen Spur, die sie zunächst für einen schlecht besuchten Wildwechsel
hielt, und fand sich jäh einem Anblick gegenüber, der ihr in die
Schaltzentrale des Nervensystems drang und es für mehrere Sekunden völlig lahm
legte. Unmöglich, einen Gedanken zu fassen, geschweige denn, eine Bewegung
auszuführen. Sie stand still auf der mondhellen Wiese und schaute. Sie war
nicht allein.
Die zweite Person befand sich im Teich, großzügig eingerahmt von den Rändern
eines sternförmigen Lochs. Sie stützte die Unterarme auf den Rand der Eisdecke
wie auf eine Fensterbank und ließ den Körper reglos im Wasser hängen. Ada sah
das Wesen im Profil, bemerkte, dass es die Augen geöffnet und ins Leere
gerichtet hielt, und glaubte ein Lächeln wahrzunehmen – die Mundwinkel waren
eindeutig nach oben gebogen. Sie hatte eine Eisfee beim Nachtbad überrascht.
Als die Zeitspanne abgelaufen war, die Verstand und Gefühle brauchen, um in
Momenten des Schocks zu einer Einigung zu gelangen, erkannte sie die
schnurgerade Linie von Fußspuren auf dem verschneiten Eis. Die gezackten Kanten
des Lochs stammten von mehreren Versuchen, sich aufgestützt aus dem Wasser zu
hieven, wobei die Eisdecke jedes Mal weiter eingebrochen war. Mit wenigen
Schritten gelangte Ada ans Ufer und rief die Sylphe an. Nicht der kleinste
Widerschein einer Regung zeigte sich auf Frau Smuteks weißem, dämonisch lächelndem
Gesicht.
Während Ada Jacke und Pullover auszog und die Schnürsenkel der Laufschuhe löste,
überlegte sie, ob Gott oder der Teufel sie zwangen, bei Minusgraden ins
Eiswasser zu steigen. Außer Angst und Aufregung und einem Herzen, das sich hart
gegen den Brustkorb meldete, verspürte Ada eine gewisse Begeisterung, die nur
der Teufel hervorgebracht haben konnte. Die Lage kürte sie schnell und
zweifelsfrei zum Despoten im Ich-Staat. Ihre Befehle gab sie scharf und
unmissverständlich, Schuhe aus, Hose anlassen, langsam atmen, und stellte mit
Befriedigung fest, dass der Körper gleich einem gedrillten Soldaten ohne Zögern
der Gefahr entgegenlief. Gott hätte vorgeschlagen, ein flinkes Beinpaar zu
nutzen, um zur Herberge zurückzulaufen und Hilfe zu holen, und Gott wäre wie
immer zu spät gekommen. Ada warf sich auf den Boden, wälzte wie ein junger
Hund den erhitzten Leib durch den Schnee, um das bevorstehende physische
Entsetzen zu mildern, sprang auf die Füße, hüpfte einige Male auf der Stelle
und rannte los, das abschüssige Ufer hinunter und auf das Eis.
Schon nach zwei Metern begann es unter den Füßen zu brechen. Frau Smutek hatte
den Teich von der anderen Seite betreten, wog weniger und war viel weiter
gekommen. Noch ein paar Schritte trug die Geschwindigkeit Ada über splitternden
Untergrund hinweg, dann brach sie ein. Das Wasser empfing sie mit elektrischen
Schlägen von allen Seiten, unmöglich zu entscheiden, ob es kochend heiß war
oder kalt, und diese Ungewissheit war leichter zu ertragen als der Kälteschock,
den sie erwartet hatte. Noch spürte sie Grund unter den Füßen, stieß sich ab
und warf sich einige Male mit dem Oberkörper auf die krachende und singende Fläche,
die sofort nachgab und in dünnen Schollen auseinander trieb. Als das Wasser zu
tief wurde, begannen die Beine von selbst mit hektischen kleinen
Schwimmbewegungen, während die Ellenbogen vorausstießen und einen schwarzen
Streifen durch die helle Fläche bahnten. Das gezackte Loch durchquerte sie mit
den schnellen Zuckungen eines Nichtschwimmers, begleitet vom empörten Schaukeln
und Klirren der Eisstücke um sie herum.
In der Sekunde, bevor sie Frau Smutek mit ausgestreckter Hand berühren konnte,
fragte sie sich zum ersten Mal, wie sie einen solchen ausgeschalteten Leib an
Land bringen sollte. Seitdem der erste Kontakt mit dem Wasser die Wut zum
Aufwallen gebracht hatte, sog die Kälte unablässig Kraft aus Armen und Beinen,
verwirrte die Sinne und fasste mit sanften Fingern direkt ins Hirn. Entspann
dich doch, leg dich hin, ich trag dich, es könnte so schön sein. Einen Moment
später hatte Ada die Eisfee erreicht, hob einen Arm aus dem Wasser, schlug ihr
auf die Schulter und spürte den kleinen, schroffen Widerstand gefrorenen Stoffs
und darunter ein Körperteil, das kalt und hart war wie Stein. Mit einer
langsamen, gutmütigen Bewegung drehte Frau Smutek den Kopf, zeigte ein selig
erstarrtes Gesicht und wandte die Augen unter halb geschlossenen Lidern blicklos
nach rechts und links.
»Nie wiedzia?am, øe to tak ?atwo«, sagte sie, und ihre Stimme klang auf
geradezu lächerliche Weise normal.
Ada verstand nicht, wusste im Voraus, dass die andere, im Halbschlaf sprechend,
sich nie wieder an eins dieser Worte erinnern würde, und gab den Satz verloren.
Sie packte den schmalen Oberkörper grob mit beiden Händen und zog ihn von der
Eisdecke ins Wasser. Frau Smutek ging unter und kam sofort lächelnd wieder an
die Luft, das schwarze Haar von Nässe glatt an den Schädel gekämmt.
»Schwimm«, brüllte Ada ihr ins Ohr, »schwimm!«
Und auch Frau Smutek gehorchte wie ein guter Soldat. Sie schwamm folgsam, mit
zackigen, automatischen Bewegungen, Kopf an Kopf mit Ada, als wären sie
gemeinsam an dieselbe Nervenbahn angeschlossen. Ada redete weiter, um bei
Verstand zu bleiben, sprach zu ihnen beiden wie zu einer Person, brav machst du
das, gutes Mädchen, schwimm einfach, verdammt noch mal, schwimm.
Aus Angst, den Faden zu zerreißen, der sie miteinander verband, wagte sie
nicht, mit den Füßen nach Grund zu tasten, sondern schwamm weiter, bis der
Bauch über Steine schrammte und die Hände den Schopf des Uferbewuchses zu
fassen bekamen. Sie kam an Land, Frau Smutek blieb liegen, bleich im Wasser wie
ein totes Reptil, und Ada bemerkte, dass sie in dünnem Hemd, Stoffhose und ohne
Schuhe in den Wald gelaufen sein musste. Nirgendwo am Rand war ein Kleidungsstück
zu sehen, das nicht Ada gehörte.
Mit einer Hand in den schwarzen, triefenden Haaren, die andere unter eine
Achselhöhle gekrallt, zog Ada Frau Smutek an Land. Die Verbindung war
unterbrochen; Schwimmen hatte funktioniert, Aufstehen funktionierte nicht. Ada
ging in die Knie und lud sich die eiskalte Fee, die plötzlich schwer wie fünf
Menschen war, auf den Rücken. Abgeknickt hing ihr der fremde Kopf über die
Schulter, das lange Haar reichte bis zu den Oberschenkeln und klebte sich an die
Haut wie Wasserpflanzen bei Ebbe an die Uferfelsen. Ein paar Schritte konnte Ada
sie schleppen, stapfte starrsinnig in der eigenen Spur voran, und von der
Anstrengung wurde ihr warm. Als es nicht mehr ging, standen sie in der Mitte der
Lichtung, die eine halb nackt, den Brustkorb der anderen umklammernd, schwankend
und flüsternd, Stirn an Stirn wie ein irrsinniges Liebespaar. Ada verlagerte
das Gewicht, um den rechten Arm freizubekommen, holte aus und fing an, Frau
Smutek zu schlagen, immer ins Gesicht, einmal, viele Male, abwechselnd mit
Handfläche und -rücken, und mit jedem Schlag ging es besser, bis Frau Smutek
ein Wimmern von sich gab und versuchte, sich wegzudrehen.
»Lauf«, brüllte Ada, »lauf!«
Und sie lief. Auf Beinen, die sich kaum kontrollieren ließen, in stürzenden
Schritten wie eine von den Seilen geschnittene Marionette, schwer mit dem Arm über
Adas Schultern lastend, immer wieder einknickend und weitergeschleift. So kamen
sie durch den Graben, so kamen sie auf den Weg, so kamen sie den Weg hinunter.
Mal ging es besser, mal schlechter, dann brüllte Ada sie an, schlug und trat
mit nackten Füßen und prügelte sie wie ein halb totes Tier die nächsten
Meter voran.
Die Herberge geriet in Sicht, warm leuchtete die gläserne Eingangstür. Mit
einem letzten Aufraffen warf Ada sich selbst und die andere in Richtung des
Lichts, die Tür schwang auf, Helligkeit versengte die Augen, eine Phalanx von
Schülerschuhen geriet in den Weg. Frau Smutek rumpelte zu Boden. Gerüche nach
Menschen. Jacken am Haken. Für einen Moment sehnte Ada sich zurück in den
Wald.
Dann spannte sie sich zu einer letzten Kraftanstrengung und schrie, und weil ihr
kein Wort mehr einfiel, schrie sie wie vorhin: Lauf!, mit langem, heulendem Laut
in der Mitte, lauf!, bis die Treppe am Ende der Eingangshalle zu dröhnen begann
und Smutek von unten nach oben ins Blickfeld geriet, erst Beine, dann Hüften
und Oberkörper. Hinter ihm Höfi, mit blanken Knopfaugen vor Grauen.
Frau Smutek verschwand, in die Luft gehoben, und Ada, längst in den Knien
eingebrochen, rutschte gänzlich zu Boden und blieb minutenlang auf der nassen
Fußmatte liegen. Befehlsverweigerung. In Armen und Beinen war nur noch Gelee
ohne Knochen. Höfi, der sie nicht aufheben konnte, kauerte neben ihr, fuhr ihr
mit fliegenden Fingern übers Gesicht, und als etwas Heißes ihr auf die Wange
tropfte, begriff sie, dass er weinte, zusammengekrümmt wie über einem
verstorbenen Kind, beweinte ein fernes Unglück oder seine eigene Schwäche, und
haspelte Dinge, die sie nicht verstand. Als Smutek wieder auftauchte, war Höfi
fort, verschwunden wie eine Erscheinung, und Ada schwebte hoch über dem Boden
und blickte direkt auf Smuteks Kinn, auf diese fleischige, in der Mitte geteilte
Zwillingspflaume.
»Danke«, flüsterte er, während er sie auf den Armen durchs Haus trug, »ich
danke dir.«
»Ich habe nicht Ihnen geholfen«, sagte Ada, »sondern Ihrer Frau.«
Die Stimme klang ganz wie gewohnt, Ada erkannte sie ohne weiteres als die
eigene, ohne zu wissen, wie und womit sie in ihrem Körper erzeugt wurde. Smutek
blieb stehen und sah ihr aus nächster Nähe ins Gesicht. Abgesehen von der
unnatürlichen Blässe sah sie nicht krank aus, sondern selbst in dieser Lage
blasiert und arrogant. In Smutek erwachte der Widerstand des Deutschen gegen
jede Art von Gefühlsseligkeit und kämpfte mit der Sehnsucht des Polen nach Höhen,
zu denen man aufsteigen, und Tiefen, in die man stürzen konnte. Eine Weile
stand er ratlos, hätte sie gern geküsst oder streng zurechtgewiesen, lief
endlich weiter, Türen mit dem Fuß aufstoßend, und sprach erst wieder, als er
vor der letzten stand.
»Okay, Ada«, sagte er. »Ich danke dir hiermit im Namen meiner Frau.«
Sie nickte: Okay. Überall war dicker Wasserdampf, es gab gekachelte Wände, an
denen Bäche von Kondensat herunterliefen, ein schwarzes, beschlagenes Fenster,
draußen wohl Nacht. Sie befanden sich in einem der Bäder in der obersten
Etage, wo das Aufsichtspersonal schlief.
Smutek setzte sie auf den Klodeckel und zog ihr die Strümpfe aus, sie waren
steif gefroren und fielen wie kleine Bretter auf die Fliesen. Er befreite sie
von der Unterhose, zerrte an ihrem BH, und Ada schlug schon um sich, bevor er
sie erneut auf die Arme hob. Als eine Schulter in Reichweite geriet, biss sie
hinein. Smutek gab ein unterdrücktes Stöhnen von sich und senkte Ada trotzdem
langsam und vorsichtig in die Wanne. Das heiße Wasser schmerzte wie siedendes
Öl, unerträglicher als alles, was bislang passiert war. Ada glaubte, noch
immer zu schreien, und war längst still, vom Schmerz überwältigt, gerade
dabei, das Bewusstsein zu verlieren, als sie doch noch etwas sagte: Hol meine
Laufschuhe, bitte, die sind noch auf der Wiese... Und endlich war auch sie –
fort.
Rezension I Buchbestellung IV07 LYRIKwelt © Schöffling