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Schilf
(Leseprobe aus: Schilf,
Roman, 2007, Schöffling&Co.)
Schon als Kind war er begeistert von der Idee,
die Welt könne in Wahrheit ganz anders beschaffen sein, als die menschlichen
Sinne sie zeigen. Im Sommer lag der kleine Kommissar im Garten hinter dem
Elternhaus auf dem Bauch und diskutierte mit einem Schmetterling darüber, ob
der Nussbaum an der Mauer als ein einzelnes Gebilde oder, durch die
Facettenaugen des Insekts betrachtet, als ein Konglomerat aus zweitausend
ineinander geschobenen Nussbäumen zu begreifen sei. Die Diskussion nahm kein
Ende, denn beide, der kleine Kommissar und der Schmetterling, hatten
unwiderlegbar recht. Von diesem Schmetterling, von echolot-gesteuerten Fledermäusen
und von den Eintagsfliegen hat Schilf gelernt, dass Zeit, Raum und Kausalität
im wahrsten Sinne des Wortes Ansichtssache sind. Während er im Gras lag,
zugleich zerstreut und konzentriert, fiel es ihm nicht schwer, das Geländer der
vertrauten Wahrnehmung für einige Momente loszulassen und freihändig über
einem unbegreiflichen Chaos zu schweben. Er spricht so nett mit sich selbst,
sagte ein entzücktes Elternteil zum anderen. Dabei fehlte nicht viel, und der
Kommissar hätte im Alter von zehn Jahren den Verstand verloren.
Inzwischen ist aus den kindlichen Selbstversuchen eine Arbeitsmethode geworden,
nur dass Schilf heute nicht mehr im Garten liegen kann. Mit schmerzhafter
Penetranz bohrt er Löcher in die Benutzeroberfläche aus Tatortbeschreibungen
und Zeugenaussagen, bis sie porös genug ist, um Rückschlüsse auf den
Quelltext, auf das Eigentliche zuzulassen. Zufälle versteht er als Metaphern,
in Widersprüchen erkennt er Oxymora, das wiederholte Auftreten von Details
liest er als Leitmotiv. Wenn sich ein hohles Gefühl in der Magengrube
einstellt, als befände sich Schilf auf einer Flugbahn am Scheitelpunkt der
Parabel, greift er instinktiv nach dem nächstbesten Halt (Tischkante, Türrahmen,
Waschbeckenrand) und erntet die Früchte seiner Anstrengung: Ahnungen, Wachträume,
Déjà-Vus.
Auf den Fluren seiner Dienstelle begreift niemand, wie er arbeitet; man sieht
nur seine Erfolge. Die Kollegen drücken ihm die Hand, nennen ihn in Anwesenheit
einen genialen Hellseher und in Abwesenheit einen unverschämten Glückspilz.
Nach der Aufklärung der Zeitmaschinenmorde hieß es, er habe nichts weiter
getan, als tagelang in aller Seelenruhe herumzusitzen, bis sich der Mörder bei
ihm gemeldet und freundlich gebeten habe, sein Geständnis zu Protokoll zu
nehmen.
In Wahrheit verbrachte der Kommissar Wochen damit, den Käfig seiner Wahrnehmung
in Stücke zu hauen, um jene Fäden aufzuspüren, die ihn mit dem Gesuchten
verbanden. In einer Mischung aus Aktenstudium und Meditation wartete er auf
einen Hinweis, der ihm verriet, wo und wann sich der Zufall ereignen würde, den
er dringend benötigte. Irgendwann klingelte das Telefon, und eine Frau, die
sich verwählt hatte, wollte gar nicht mehr aufhören, nach einem gewissen
Roland zu fragen. Am gleichen Nachmittag prallte im Konferenzraum ein Vogel
gegen die Scheibe, blieb auf dem Sims liegen wie tot und flog schließlich, als
eine junge Kriminalmeisterin nach ihm fasste, völlig unversehrt davon. Wenig später
stolperte der Kommissar auf dem Flur und schlug dabei das Glas seiner Armbanduhr
am Türrahmen kaputt. In der Uhrenabteilung bei Karstadt standen vor ihm in der
Schlange zwei junge Männer, von denen einer dem dritten Mordopfer nicht unähnlich
sah. Sie sprachen lachend darüber, dass ein Leben ohne Uhren nicht nur möglich,
sondern eigentlich auch angenehmer sei. Der Kommissar verzichtete auf die
Reparatur und nahm auf der Straße ein Faltblatt entgegen, das für eine
Veranstaltung im Panorama Café des Stuttgarter Fernsehturms warb. Am Abend
schaltete er den Fernseher ein und landete in einem Film, der Vertigo hieß, von
der Rückkehr einer toten Frau handelte und ein Ende besaß, das der Kommissar
nicht verstand.
An den folgenden Tagen aß Schilf in dem Café auf dem Fernsehturm stundenlang
Zwetschgenkuchen und sah zu, wie die Autos tief unten ihre komplizierten Bahnen
durch das Muster aus Straßen zogen und wie der Schwarzwald am Horizont im Dunst
verschwamm. Seine kaputte Uhr hatte er neben sich auf den Tisch gelegt. Als sich
am Nachbartisch ein junger Mann niederließ, um eifrig in ein kariertes
Notizbuch zu schreiben, prallte ein Vogel gegen die großflächige Scheibe. Der
Kommissar warf im Schreck seine kaputte Uhr vom Tisch. Sein Nachbar schob den
Stift hinters Ohr und hob die Uhr für ihn auf. Man kam ins Gespräch. Der junge
Mann trug ein blaues Hemd zur weißen Hose und hatte sein Handy in einem
Lederetui an den Gürtel geklemmt. Nach zwei Stunden angeregter Unterhaltung bat
der Kommissar um ein kurzes Telefongespräch. Nachdem ihm der junge Mann sein
Handy geliehen hatte, trat Schilf höflich ein paar Meter beiseite und
informierte die Kollegen im Präsidium. Erst später stellte sich heraus, dass
sein neuer Bekannter mit Nachnamen Roland hieß.
Nie würde er den vorwurfsvollen Blick des Mörders im Moment seiner Verhaftung
vergessen. Der junge Mann hatte ihm auf den ersten Blick vertraut und erzählt,
dass er aus der Zukunft komme und in dieser Zeit gelandet sei, um einige
bahnbrechende Experimente durchzuführen. Er arbeite an nichts weniger als an
einer Auflösung des Großvaterparadoxons. Er wolle beweisen, dass Veränderungen
der Vergangenheit keinerlei Auswirkungen auf spätere Ereignisse zeitigten; dass
man also als Zeitreisender seine Vorfahren töten könne, ohne die eigene, zukünftige
Existenz zu gefährden. Schilf hatte ihm eine weitere halbe Stunde interessiert
zugehört, bis zwei Beamte in Zivil das Café betraten und den jungen Mann so
galant festnahmen, dass keiner der anderen Gäste etwas bemerkte.
Im Verhör präsentierte der Mörder ein Dossier mit Lebensläufen seiner Opfer,
die bis ins Jahr 2015 reichten. Am Rand der Verzweiflung versicherte er wieder
und wieder, dass die Getöteten in der Zukunft wohlauf, zum Teil verheiratet und
beruflich erfolgreich seien. Überdies hätten sie dem Experiment zugestimmt. Er
selbst sei nicht wie die anderen da draußen, rief er. Er lebe nicht hier,
sondern sei nur zu Gast, auf Arbeitsexkursion in einer Welt ohne Konsequenzen
und deshalb für keine wie auch immer geartete Tat zu belangen. In den
Dschungeln der Zeit, schrie der Zeitmaschinenmörder, während Schilf den Raum
verließ, sei jeder Augenblick sich selbst der nächste.
Auf dem Flur vor dem Verhörzimmer lehnte sich der Kommissar an die Wand. Er
wusste, dass das Schwurgericht einen Unbelehrbaren, einen Einsamen, einen im
tragischen Sinne Unschuldigen verurteilen würde.
Rezension I Buchbestellung IV07 LYRIKwelt © Schöffling