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Familienbrand
(Leseprobe aus:
Familienbrand, Roman, 2009,
Deuticke -
Übertragung Thomas Frahm).
Erstes Kapitel
1
Das war ein Leben lang nie anders gewesen, selbst als er ihr die Kinder
machte. Immer hatte er sie zum Narren gehalten. Als er nun auf dem Bett
lag, mit trunkenen, schweißgebadeten Zügen und zerzaustem Schnurrbart,
und sie um eine Kerze bat, wollte sie ihm einfach nicht glauben, sondern
musste laut lachen. Zum Scherz steckte sie ihm eine Stange Lauch
zwischen die gefalteten Hände. Doch dann sah sie, wie sich sein Gesicht
verkrampfte, wie sein Mund sich plötzlich öffnete, dann, wie er die Zähne
bleckte, und schließlich,wie sein schwacher letzter Seufzer die Flamme des
Petroleumlichtes neben der Schlafstatt glattstrich.
»Ja, willst du denn im Ernst …?«, fragte sie mehr sich selbst – und begann
zu weinen. Ihre Tränen flossen nicht so sehr aus Schmerz als vielmehr
aus dem schalen Gefühl heraus, dass er es wieder einmal geschafft
hatte, sich aus der Äffare zu ziehen und sie dabei an der Nase herumzuführen.
Sie empfand eine bodenlose Einsamkeit und zugleich etwas Erhabenes.
Durch das Dach des Hauses spürte sie die Sterne, den Frühlingshimmel,
kalt und feierlich wie die Kuppel eines Doms. Das Zimmer kam ihr
auf einmal furchterregend leer vor, so, als hätte eine unsichtbare Gestalt
alles hinausgetragen, sogar ihr Leben. Sie biss sich auf die Lippen, schaute
sich hilflos um. Seine Finger waren schon in Totenstarre um den Lauch gekrallt,
so dass sie ihn mit ihrem zahnlosen Mund abknabbern musste. Der
scharfe Saft mischte sich in ihrem Hals angenehm mit dem Salz der heruntergeschluckten
Tränen, klärte ihren Kopf und trieb sie zur Eile an: Die
Dinge der Tradition duldeten keinen Aufschub.
Mühsam entkleidete sie ihn, durchtrennte mit der Schere den groben
Stoff seiner langen Wollhose und blickte verdattert auf die wächserne
Durchsichtigkeit seiner abgemagerten Beine. Nein, das war nicht der
Mann, den sie kannte, sondern eine Elfenbeinpuppe, die einem toten
Menschen glich. Sie wurde müde. Alles kam ihr lautlos vor, rätselhaft, wie
in der Zeitlupe eines Traums.
Er war ein schuldbeladener, ein gütiger und ein grausamer Mensch zugleich
gewesen, mit einer Jugend, die ein blutiges Geheimnis barg, und
einem Alter voller Laster. Er ging bis zuletzt zu den Zigeunern, brachte
ihnen Wein und kleine Münzen, und sie heiterten ihn dafür mit ihrem
Klarinettenspiel auf. Die Zigeunerinnen setzten sich ihm auf den Schoß,
zerstrubbelten seinen seidigen Schnurrbart, und wenn es heiß war, fächelten
sie ihm mit ihren Röcken Luft zu und warteten, dass er sie mit einem
Fünf-Lewa-Schein zwischen den Brüsten oder am Hintern streichelte. Es
gab auch eine verwitwete Walachin mit weißen Schenkeln, die ihm abends
das Tor ihres ärmlichen Häuschens auftat, von seiner Altersschwäche kostete
und ihn mit ihrer gesalbten Haut vergiftete.Manchmal betrank er sich
oder saß beim Würfelspiel in den Kneipen. Doch er versäumte es nie, in
die Kirche zu gehen.Während der Liturgie liefen ihm die Tränen herunter.
Und wenn er beim Abendmahl die Hostie von Vater Anissi entgegennahm,
erzitterte sein weiß gewordenes Haar.
Er war ein großer Mann mit einem harten Leben und einer harten
Hand gewesen. Er hatte Gott und die Menschen mehr als sich selbst geliebt,
was ihn aber nicht daran gehindert hatte, nur nach eigenem Wissen
und Gewissen zu handeln. In seinem Gemüt lebten ein Judas und ein
barmherziger Engel brüderlich nebeneinander. Sie, Petruniza, verzieh ihm
mit derselben Hartnäckigkeit, mit der er sündigte, denn sie hatte von ihm
eine Glasperlenkette, fünf Kinder und ebenso viele Kattunkleider.
Er hatte sie sich gleich zu Beginn ihrer Ehe gefügig gemacht. Abends
fand er sie zwischen den Webdecken, unter denen sie schliefen, und umfing
sie mit Zärtlichkeit, vor allem aber mit roher Gewalt. Sie fuhr auf,
wenn er im Schlaf Dinge murmelte wie: »Ich hau dich in Stücke! Auf dieser
Welt gibt es keinen Platz für uns beide.« Sie erinnerte sich auch an
ein besonders schlimmes jener jährlichen Hochwasser, die zur Zeit der
Kirschblüte die Donau anschwellen ließen und daher in Widin »Kirschflut
« genannt wurden. Die Wassermassen brausten auf die Häuser zu, als
hielte Gott eine Strafpredigt. Brüllend füllte die Flut die Keller, stauchte
Widiner so aufs Neue ein bisschen Demut. Da hatte sie ihn das erste Mal
wehrlos erlebt. Sein kraftvoller Körper zuckte, als züngelten Flammen
darin auf; seine Augen waren fassungslos und unverstellt gleichsam auf
die Ewigkeit selbst gerichtet, auf eine ferne Bestimmung, die vor seiner
Geburt lag. Er sah fürchterlich und erbarmungswürdig zugleich aus und
wiederholte mit der suchenden Stimme eines Blinden: »Fleisch … Ich
muss Fleisch essen! Fleisch …« Und sie, verstört und sanft, hin und her gerissen
zwischen der rauschenden Naturgewalt des Wassers draußen und
der geballten Naturgewalt in seiner Seele, gab ihm das letzte Stück Speck,
das sie für die Kinder gehortet hatte. Sie wusste nicht, was in ihm vorging,
doch es wiederholte sich alle paar Jahre. Dann füllte eine urgewaltige Wut
seinen Mund mit Schaum, versetzte seinen ganzen Leib in Zuckungen. Es
sah aus, als empfinge er eine Offenbarung. Der gesunde Menschenverstand
trat ihm aus den Augen, er zerbiss das Fleisch, seine Kiefer kauten
hastig und gierig, dann beruhigte er sich unversehens und, ohne irgendetwas
zu erklären, ging er in seine eigene Kneipe, trank einen Liter vom
Zweijährigen und kehrte zurück, um Liebe mit ihr zu machen, sie mit
neuer Frucht zu füllen. Petruniza fragte nicht, weil sie ihn liebte. Mag es
denn so sein, dachte sie,wenn der Schrecken vorüber war,wenn Gott es so
gewollt hat … Es hilft nichts, aber es schadet auch nichts. Also mag es denn
so sein!
Die Kinder wuchsen heran, während er in der Düsternis seiner Kneipe
in immergleicher Trance, bis unter die Haarspitzen gespannt, in unerklärlicher
und schmerzlicher Ungeduld darauf lauerte, endlich etwas noch nie
Dagewesenes zu vollbringen, irgendeine grandiose Helden- oder Untat. Er
barst vor Verlangen, entweder zu ihr zurückzukehren oder sie einfach zu
verlassen, sich auf und davon zu machen, frei und ungezügelt wie das Leben
selbst. Die alte Petruniza wusste nicht, wofür er gelebt hatte, doch sie
fühlte, dass sein Leben im Guten wie im Bösen einen Sinn gehabt hatte.
Nun lag er da, nackt, kalt und vor allem verlassen, mit dem abgenagten
Stück Lauch zwischen seinen zusammengekrallten Fingern. Seine Kraft
war von ihm gewichen, zusammen mit seinem Atem und jener ewigen
Zeit, die er sechsundsechzig Jahre lang um sich her geschaffen hatte. Sie
wusch ihn mit den gleichmäßigen, gedehnten Bögen einer Volksliedmelo-
ie und fühlte, dass sie ihm bald schon nachfolgen musste. In der Sorgfalt
ihrer Trauer sah es aus, als sei sie untrennbar mit ihm verbunden.
Sie holte ein Stück Holzkohle aus dem Feuer, blies darauf und hielt die
Glut an das Ende seiner weißen Schnurrbartspitzen. »Zur Reinigung«,
stieß sie beklommen hervor und erschnupperte den Geruch verbrannter
Wolle. Sie warf die Kohle in den kleinen Kupferkessel, der daraufhin dreimal
Blasen warf, und ihr schien, dass das ein gutes Omen war. Dann löste
sie mit leichter Hand ihre Zöpfe und begann, wie es sich gehörte, zu wehklagen,
denn die Nachbarn mussten von seinem Tod hören, bevor die Kirchenglocken
ihn dem Himmel verkündeten.
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