Familienbrand von Vladimir Zarev, 2009, Deuticke

Vladimir Zarev

Familienbrand
(Leseprobe aus:
Familienbrand, Roman, 2009, Deuticke - Übertragung Thomas Frahm).

Erstes Kapitel

1

Das war ein Leben lang nie anders gewesen, selbst als er ihr die Kinder

machte. Immer hatte er sie zum Narren gehalten. Als er nun auf dem Bett

lag, mit trunkenen, schweißgebadeten Zügen und zerzaustem Schnurrbart,

und sie um eine Kerze bat, wollte sie ihm einfach nicht glauben, sondern

musste laut lachen. Zum Scherz steckte sie ihm eine Stange Lauch

zwischen die gefalteten Hände. Doch dann sah sie, wie sich sein Gesicht

verkrampfte, wie sein Mund sich plötzlich öffnete, dann, wie er die Zähne

bleckte, und schließlich,wie sein schwacher letzter Seufzer die Flamme des

Petroleumlichtes neben der Schlafstatt glattstrich.

»Ja, willst du denn im Ernst …?«, fragte sie mehr sich selbst – und begann

zu weinen. Ihre Tränen flossen nicht so sehr aus Schmerz als vielmehr

aus dem schalen Gefühl heraus, dass er es wieder einmal geschafft

hatte, sich aus der Äffare zu ziehen und sie dabei an der Nase herumzuführen.

Sie empfand eine bodenlose Einsamkeit und zugleich etwas Erhabenes.

Durch das Dach des Hauses spürte sie die Sterne, den Frühlingshimmel,

kalt und feierlich wie die Kuppel eines Doms. Das Zimmer kam ihr

auf einmal furchterregend leer vor, so, als hätte eine unsichtbare Gestalt

alles hinausgetragen, sogar ihr Leben. Sie biss sich auf die Lippen, schaute

sich hilflos um. Seine Finger waren schon in Totenstarre um den Lauch gekrallt,

so dass sie ihn mit ihrem zahnlosen Mund abknabbern musste. Der

scharfe Saft mischte sich in ihrem Hals angenehm mit dem Salz der heruntergeschluckten

Tränen, klärte ihren Kopf und trieb sie zur Eile an: Die

Dinge der Tradition duldeten keinen Aufschub.

Mühsam entkleidete sie ihn, durchtrennte mit der Schere den groben

Stoff seiner langen Wollhose und blickte verdattert auf die wächserne

Durchsichtigkeit seiner abgemagerten Beine. Nein, das war nicht der

Mann, den sie kannte, sondern eine Elfenbeinpuppe, die einem toten

Menschen glich. Sie wurde müde. Alles kam ihr lautlos vor, rätselhaft, wie

in der Zeitlupe eines Traums.

Er war ein schuldbeladener, ein gütiger und ein grausamer Mensch zugleich

gewesen, mit einer Jugend, die ein blutiges Geheimnis barg, und

einem Alter voller Laster. Er ging bis zuletzt zu den Zigeunern, brachte

ihnen Wein und kleine Münzen, und sie heiterten ihn dafür mit ihrem

Klarinettenspiel auf. Die Zigeunerinnen setzten sich ihm auf den Schoß,

zerstrubbelten seinen seidigen Schnurrbart, und wenn es heiß war, fächelten

sie ihm mit ihren Röcken Luft zu und warteten, dass er sie mit einem

Fünf-Lewa-Schein zwischen den Brüsten oder am Hintern streichelte. Es

gab auch eine verwitwete Walachin mit weißen Schenkeln, die ihm abends

das Tor ihres ärmlichen Häuschens auftat, von seiner Altersschwäche kostete

und ihn mit ihrer gesalbten Haut vergiftete.Manchmal betrank er sich

oder saß beim Würfelspiel in den Kneipen. Doch er versäumte es nie, in

die Kirche zu gehen.Während der Liturgie liefen ihm die Tränen herunter.

Und wenn er beim Abendmahl die Hostie von Vater Anissi entgegennahm,

erzitterte sein weiß gewordenes Haar.

Er war ein großer Mann mit einem harten Leben und einer harten

Hand gewesen. Er hatte Gott und die Menschen mehr als sich selbst geliebt,

was ihn aber nicht daran gehindert hatte, nur nach eigenem Wissen

und Gewissen zu handeln. In seinem Gemüt lebten ein Judas und ein

barmherziger Engel brüderlich nebeneinander. Sie, Petruniza, verzieh ihm

mit derselben Hartnäckigkeit, mit der er sündigte, denn sie hatte von ihm

eine Glasperlenkette, fünf Kinder und ebenso viele Kattunkleider.

Er hatte sie sich gleich zu Beginn ihrer Ehe gefügig gemacht. Abends

fand er sie zwischen den Webdecken, unter denen sie schliefen, und umfing

sie mit Zärtlichkeit, vor allem aber mit roher Gewalt. Sie fuhr auf,

wenn er im Schlaf Dinge murmelte wie: »Ich hau dich in Stücke! Auf dieser

Welt gibt es keinen Platz für uns beide.« Sie erinnerte sich auch an

ein besonders schlimmes jener jährlichen Hochwasser, die zur Zeit der

Kirschblüte die Donau anschwellen ließen und daher in Widin »Kirschflut

« genannt wurden. Die Wassermassen brausten auf die Häuser zu, als

hielte Gott eine Strafpredigt. Brüllend füllte die Flut die Keller, stauchte

Widiner so aufs Neue ein bisschen Demut. Da hatte sie ihn das erste Mal

wehrlos erlebt. Sein kraftvoller Körper zuckte, als züngelten Flammen

darin auf; seine Augen waren fassungslos und unverstellt gleichsam auf

die Ewigkeit selbst gerichtet, auf eine ferne Bestimmung, die vor seiner

Geburt lag. Er sah fürchterlich und erbarmungswürdig zugleich aus und

wiederholte mit der suchenden Stimme eines Blinden: »Fleisch … Ich

muss Fleisch essen! Fleisch …« Und sie, verstört und sanft, hin und her gerissen

zwischen der rauschenden Naturgewalt des Wassers draußen und

der geballten Naturgewalt in seiner Seele, gab ihm das letzte Stück Speck,

das sie für die Kinder gehortet hatte. Sie wusste nicht, was in ihm vorging,

doch es wiederholte sich alle paar Jahre. Dann füllte eine urgewaltige Wut

seinen Mund mit Schaum, versetzte seinen ganzen Leib in Zuckungen. Es

sah aus, als empfinge er eine Offenbarung. Der gesunde Menschenverstand

trat ihm aus den Augen, er zerbiss das Fleisch, seine Kiefer kauten

hastig und gierig, dann beruhigte er sich unversehens und, ohne irgendetwas

zu erklären, ging er in seine eigene Kneipe, trank einen Liter vom

Zweijährigen und kehrte zurück, um Liebe mit ihr zu machen, sie mit

neuer Frucht zu füllen. Petruniza fragte nicht, weil sie ihn liebte. Mag es

denn so sein, dachte sie,wenn der Schrecken vorüber war,wenn Gott es so

gewollt hat … Es hilft nichts, aber es schadet auch nichts. Also mag es denn

so sein!

Die Kinder wuchsen heran, während er in der Düsternis seiner Kneipe

in immergleicher Trance, bis unter die Haarspitzen gespannt, in unerklärlicher

und schmerzlicher Ungeduld darauf lauerte, endlich etwas noch nie

Dagewesenes zu vollbringen, irgendeine grandiose Helden- oder Untat. Er

barst vor Verlangen, entweder zu ihr zurückzukehren oder sie einfach zu

verlassen, sich auf und davon zu machen, frei und ungezügelt wie das Leben

selbst. Die alte Petruniza wusste nicht, wofür er gelebt hatte, doch sie

fühlte, dass sein Leben im Guten wie im Bösen einen Sinn gehabt hatte.

Nun lag er da, nackt, kalt und vor allem verlassen, mit dem abgenagten

Stück Lauch zwischen seinen zusammengekrallten Fingern. Seine Kraft

war von ihm gewichen, zusammen mit seinem Atem und jener ewigen

Zeit, die er sechsundsechzig Jahre lang um sich her geschaffen hatte. Sie

wusch ihn mit den gleichmäßigen, gedehnten Bögen einer Volksliedmelo-

ie und fühlte, dass sie ihm bald schon nachfolgen musste. In der Sorgfalt

ihrer Trauer sah es aus, als sei sie untrennbar mit ihm verbunden.

Sie holte ein Stück Holzkohle aus dem Feuer, blies darauf und hielt die

Glut an das Ende seiner weißen Schnurrbartspitzen. »Zur Reinigung«,

stieß sie beklommen hervor und erschnupperte den Geruch verbrannter

Wolle. Sie warf die Kohle in den kleinen Kupferkessel, der daraufhin dreimal

Blasen warf, und ihr schien, dass das ein gutes Omen war. Dann löste

sie mit leichter Hand ihre Zöpfe und begann, wie es sich gehörte, zu wehklagen,

denn die Nachbarn mussten von seinem Tod hören, bevor die Kirchenglocken

ihn dem Himmel verkündeten.

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