Leyla
(Leseprobe aus: Leyla, Roman, 2006, Kiepenheuer
& Witsch)
»Sie taucht
einen Seifenbrocken in den Waschzuber, ihre Hand flattert im Wasser wie ein
Vogelflügel, bis sich kleine Schaumflocken bilden. Dann legt sie die rot
bespritzte Stelle ihres Hauskittels auf die linke Handwurzel, holt den
Seifenklumpen vom Boden des Zubers hervor, reibt über die Stelle, bis der
Blutschmutz ausgerieben ist.
Willst du dich dort krumm stehen? sagt sie, komm rein oder geh raus.
Ich schließe die Tür hinter mir und sehe ihr dabei zu, wie sie ihr Gewicht vom
rechten auf das linke und wieder zurück auf das rechte Knie verlagert. In der
schönen Hitze will ich bleiben.
Mach das nochmal, sage ich.
Was soll ich machen? sagt sie.
Du sollst unter dem Wasser mit den Flügeln schlagen, sage ich.
Ich habe keine Zeit für Spiele, sagt sie, und dann, nach ein paar Wimperschlägen,
wird das Wasser unruhig, ich trete an den Waschzuber heran, um besser sehen zu können.
Sie hat die Daumen verhakt zum Kopf einer Taube, und die abstehenden Finger sind
die Federn zweier Flügel im rosarot gefärbten Wasser, die Taube fliegt hin und
her, meine Mutter gurrt dazu, dann wird sie still und starrt auf einen Fleck am
Boden, auf etwas, das nur sie sehen kann.«
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