aus: Geheimnisse der karibischen Küche
EINLEITUNG
1. MAMA KOCHT IN GRENADA
Mama wog über zwei Zentner und
kochte in ihrem Restaurant an der Lagune, unweit des Jachthafens in St. George's, Grenada.
Morgens zog sie mit ihren Hilfstruppen zum Markt und kaufte ein, prüfte, schmeckte,
tastete ab und feilschte. Dann wälzte sie sich ins vorher georderte Taxi - der gesamte
Kofferraum war nun mit Obst, Gemüse, Kräutern, Gewürzen und Fleisch gefüllt;
Stoßdämpfer und Sprungfedern litten; und was noch fehlte - seien es Fische oder Hühner,
frische Hummer oder Lambie (Riesenmuscheln), ein gutes Stück Schweineschinken oder ein
saftiges Teil vom jungen Rind, manchmal gar eine riesige Schildkröte -, brachte ein
Fischer oder Vertragslieferant vorbei.
Mittags mußtest du dein Dinner mit
mehreren Gängen vorbestellen, und abends, wenn die Sonne gesunken war, saßen die Gäste
um selbstgezimmerte Tische in der kleinen Holzhütte, die sich stolz Mamas' Bar &'
Restaurant nannte, oder davor, unterhalb der zum Meer führenden Straße, und schmausten.
Da gab es duftende Marinaden, die
Soßen strotzten von Kräutern und diversen Gewürzen - Grenada ist das Spice Island -,
die Gemüse- und Knollensorten wurden gekocht oder gebraten, in Bällchen verwandelt und
fritiert oder kurz gedämpft, und alles war hot, hot, hot, wie der letzte Calypso lautete,
denn heiß ist scharf, und scharf ist geil; kurz, wenn Mama gut drauf war - und sie war es
meistens, und sie war es noch mehr, wenn sich gute Dominospieler angesagt hatten -,
bekamst du die schönsten Köstlichkeiten serviert. Dazu trankst du den besten Rumpunsch
der Welt. Sagten die einen. Mama selbst, bescheidener, sagte: der Straße.
»Wenn ein alter Mensch stirbt«,
lautet ein Sprichwort auf Jamaica, »ist das, als wenn eine Bibliothek in Flammen
aufgeht.«
Dies Sprichwort kannte ich noch
nicht, aber ich hielt mich damals schon dran, im Februar/März 1983, sieben Monate, bevor
die Yankees kamen, und flüsterte meiner Freundin Debbie, die nun mit mir auf Jamaica
lebt, zu: »Du mußt mit den Augen und der Nase stehlen!«
Sie tat es. Ihr ist dieses Buch
gewidmet.
Ein Teil der Rezepte stammt von
ihr.
2. KOCHEN UND KLASSENKAMPF
Nun auch der, werden einige sagen;
erst Militanter, Straßenkämpfer, Anarchist, »Terrorist« (F. J. Strauß, 1980), 68er,
Staatsschutzgefangener und jetzt auch Mitglied der Prosecco- und Slow-food-Kultur der
Bundesrepublik der 90er ... Die haben keine Ahnung. Die lesen nicht oder lesen ungenau.
Wie Reich-Ranicki. Denn wer meine Bücher gelesen hat von 1968 bis heute, weiß, daß ich
die Literatur in den 60ern gegen jene verteidigte, die sie für tot erklärten; daß ich
stets, wie Brecht, das Vögeln und Denken verteidigte, im Gegensatz zu ihm das Lachen aber
nie zum Luxus zählte; daß ich in meinem nun 'Kultbuch' genannten Schelmenroman Die
Glücklichen der Liebe, dem Essen, Trinken und Flanieren, der Faulheit und dem Easy-going
sehr, sehr viel Raum einräumte. Schon in der tageszeitung im März 1983 schrieb ich:
»Kochen nämlich ist Teil des Klassenkampfs. Ohne Neid kein Fortschritt. Was einst der
Adel sich erworben an zweiter Natur, an Künsten, die dem Leibe guttun - die Liebe, das
Trinken, das Essen, das Reisen und vieles mehr , das aufgeklärte Bürgertum übernahm es,
zu Recht, nach seiner anarchisch-puritanischen Phase. Und warum, verdammt, sollten
Proletarier und Plebejer, die Verdammten dieser Erde, bei jener Küche bleiben, die ihnen
einst durch schiere Armut aufgenötigt war? Sollen und wollen nicht alle um die
reichgedeckten Tische sitzen und schlemmen, dereinst, und, antizipierend, nun schon? (...)
Mehr als andere Künstler, sagte
Altmeister Brecht, verlange es den Koch nach Lob. Ich lobe Mama, die da kocht in ihrer
winzigen Küche, kreolisch kocht: Sie ist die wahre Regionalistin und Revolutionärin.
(...)
Das Wort Genosse nämlich hat zwei
Ursprünge und Bedeutungen: genote, Menschen in gleicher Not, tun sich zusammen, den
ständigen Repressionen der Herrschenden zu trotzen und ein Band der Solidarität zu
knüpfen; Genosse kommt aber auch von - genießen.
Kann sich da Genosse nennen, wer
nicht genießt und nicht Genuß verschafft?« (St. George's, 28.2.83)
So verrate ich eines der
»Geheimnisse der karibischen Küche« schon im voraus: Sie ist - wie etwa die
phantastische der Toskana - Armeleuteküche. Meine Großmutter mütterlicherseits kochte
gut westpreußisch-derb; an Feier- und Geburtstagen begab sich mein Großvater in die
Küche, kochte »viel besser« und hinterließ seiner Frau ein Schlachtfeld. »Kein
Wunder«, spottete die, »sollte ich jeden Tag so kochen, müßtest du das Fünffache in
der Lohntüte nach Hause bringen.«
So ist eins der Geheimnisse der
Küche, und das weltweit, das raffinierte Nutzen sparsamster Ressourcen, die wundersame
Verwandlung von Essensresten von gestern in kulinarische Köstlichkeiten heute.
3. KOLUMBUS' ERBEN UND WIDERSTAND
When the Asian culture and the
European culture
Meet upon African culture in the
Caribbean people
We stir them up and blend them to
our flavour
We shake them up and move them to
our beat
We wheel them and we turn them and
We rock them and we sound them
And we temper them - and, Lord, the
rhythm sweet
Diesen Text habe ich aus dem Patois
ins Englische übertragen. So kommentiert die einzigartige Miss Lou, wie Jamaicas
Kulturbotschafterin liebevoll genannt wird, die Entstehung einer neuen, unverwechselbaren
Kultur der Karibik.
Sie erstreckt sich zwischen dem zehnten und siebenundzwanzigsten Parallelkreis nördlicher Breite über etwa zweitausendfünfhundert Kilometer von Norden (Bahamas) nach Süden (Trinidad) und dreitausend Kilometer von Westen (Belize) nach Osten (Barbados) zwischen Atlantik und Zentralamerika.
»War übrigens kürzlich ganz in
Deiner Nähe«, schrieb mir vor ein paar Jahren ein alter befreundetet Kollege. Er
verbrachte seinen Urlaub auf Barbados. Ich lebe auf Jamaica. Diese Inseln sind etwa
zweitausend Kilometer voneinander entfernt. Würden wir etwa schreiben, Stockholm liege in
der Nähe von Neapel? Aber auch ich wußte vor fünfzehn Jahren wenig über die Karibik.
In unserer europäischen Ignoranz sind wir noch immer die Enkel von Kolumbus, der diesen
Teil der Welt wahrhaftig Westindien nannte. Über die Schönheit dieses Teils der Welt ist
schon viel geschrieben worden, was aber meist vergessen oder verdrängt wird, ist die
Tatsache, daß dieses Paradies mit reichlich Hölle unterfüttert ist. Seit der weiße
Mann kam, der von sich behauptet, es entdeckt zu haben.
Im Jahre 1492 studiert Kopernikus
an der Universität in Krakau, konstruiert Martin Behaim in Nürnberg den ersten Globus
(noch ohne Amerika und Australien), werden Margareta von Navarra und Pietro Aretino
geboren, verlieren die Araber mit Granada den letzten Stützpunkt in Spanien, vertreibt
die Inquisition unter Torquemada glaubenstreue Juden und Mauren, stirbt Lorenzo de Medici,
Il Magnifico, besteigt der Vater von Cesare und Lucrezia Borgia als Alexander VI. den
Thron des Papstes, entwirft da Vinci seine Flugmaschine; geht der Kinderglaube endgültig
verloren, wonach die Erde eine Scheibe sei.
Im Jahre 1492 nämlich entdecken
einige müßig ihre Tabakpfeifen rauchende Tainos auf Kuba drei seltsame kleine Schiffe am
Horizont - das Flaggschiff Santa Maria trägt siebzig Mann und wiegt
zweihundertfünfunddreißig Tonnen , die sich schnell dem Strand nähern. Etwas später
waten einige seltsam bleich aussehende Männer in Rüstungen an Land und rammen ein
hölzernes Kreuz in den Sand. Damit begann der Anfang vom Ende der friedlichen Bewohner
der nun Neu genannten Welt. Die Moderne beginnt mit Völkermord.
Die da kamen, einen neuen Seeweg
nach Indien und China zu entdecken, um billiger an Gewürze, Tee und Stoffe zu gelangen
und Gold zu rauben, folgten einer klaren Weisung des Papstes, der in seiner unermeßlichen
Güte verkündet hatte: »Greift die Sarazenen, Heiden und anderen Feinde Christi an,
unterwerft sie, und überführt sie in immerwährende Sklaverei!«
So bilden Kolonialismus und
Sklavenhandel vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert eine untrennbare Einheit.
Aber wie es in der Ansprache des Königs von Äthiopien, Haile Selassie I., im Februar
1968 heißt, die so genial vom Reggaestar Bob Marley vertont wurde: »Bis die Philosophie
endgültig und für immer verworfen und aufgegeben ist, die eine Rasse für besser und
eine andere für schlechter hält, wird es Krieg geben.«
Wer einmal flieht,
Kann nochmal siegen.
Wer tot ist,
Bleibt für immer liegen.
(Aus: Fritz, a German Hero)
4. VÖLKERMORD ODER: EIN KAPITEL IM
SCHWARZBUCH DES KAPITALISMUS, DAS NOCH ZU SCHREIBEN IST
Nach den Begriffen »Arawak« und
»Tainos« suchte ich im dtv-Brockhaus von 1984 vergeblich, und unter dem Stichwort
<>»Kariben« fand ich lediglich <>»indian. Sprachfamilie in Südamerika,
bes. in Surinam und Guayana sowie früher auf den Kleinen Antillen«. Sowie früher.
Selten ist Völkermord eleganter umschrieben worden. Es war nicht zufällig ein
mexikanischer Schriftsteller (Octavio Paz), der den Begriff Ninguneo prägte,
Verniemandung. Die gesamte Urbevölkerung der Karibik wurde von Europäern vorsätzlich
ausgerottet (bis auf etwa vierhundert Kariben auf der Insel Dominica).
Um das Jahr dreihundertfünfzig vor
Christus brachen die Tainos vom Orinocobecken in Venezuela in bis zu knapp dreißig Meter
langen Einbäumen auf in Richtung Norden. Sie erreichten das heutige Trinidad, das sie
Irie nannten, Land des Kolibris. Sie waren hervorragende Seeleute und arbeiteten sich von
Guayana und Venezuela bis Kuba hoch. Im Jahre des Herrn (ihrer Feinde)
sechshundertfünfzig hatten sie Xamayca entdeckt, was soviel bedeutet wie Land der Wälder
und der Flüsse.
Viele der Inseln des Karibischen
Archipels sind vulkanischen Ursprungs. Die Indianer benutzten die Gipfel als
Navigationshilfe, dort befand sich ihrer Meinung nach der Wohnsitz ihrer toten
Häuptlinge; ihr oberster Gott, Vater Yaya, hatte die Knochen des von ihm umgebrachten,
weil rebellischen Sohnes auf die Zweige des Kalebassenbaums gelegt; dieser Mord schuf die
irdischen Meere und die Inseln in ihnen und alle Lebewesen zu Lande, im Wasser und in den
Lüften.
Frühe spanische Historiker und die
englischen Freibeuter Drake und Raleigh schilderten Lebensweise und Alltag der Menschen,
die sie zwischen Panama und Kuba antrafen. Jedes Dorf wurde von einem Kaziken angeführt,
und die Dörfer waren entweder wie Perlen an den Flußufern aufgereiht oder befanden sich
in den Lichtungen des Urwalds. Rund um die riedgedeckten Fachwerkhütten pflanzten die
Bewohner Mais, Kassawa, Tabak, Tomaten, Guavas und andere Nutzpflanzen.
Auf die erste Einwanderungswelle
durch die Tainos vom Orinoco her folgte eine zweite durch die Kariben. Letztere ermordeten
die Männer der ersteren und heirateten die Frauen auf den Kleinen Antillen: Nur die
Grammatik der Tainos überlebte dort. Kolumbus überschlug sich geradezu beim Schildern
der liebenswerten Eigenschaften der Bewohner der Großen Antillen; die Kariben im Süden
der Karibik hingegen, die sich sofort militant wehrten und es den Spaniern und später
Franzosen und Briten schwermachten, die kleinen Inseln zu erobern, wurden sogleich
»grausame Wilde« genannt. Auf Grenada zogen sie es gar vor, kollektiven Selbstmord zu
begehen, um nicht in Gefangenschaft und Sklaverei zu geraten. Die Klippe über dem Meer an
der Nordküste heißt daher immer noch Leapers' Hill.
Die wenigen Tainos und Kariben, die
Krieg und Sklaverei überlebten, wurden Opfer der von den Europäern eingeschleppten
Krankheiten. Las Casas schildert bewegend, wie brutal und zynisch die Ausrottung der
Urbevölkerung betrieben wurde und schlug vor, als Arbeitskräfte die robusteren Bewohner
Afrikas einzuführen. Es spricht für ihn, daß er später seinen Vorschlag bereute, als
er mitbekam, wie seine Landsleute die schwarzen Sklaven behandelten. Aber da war es schon
zu spät.
In einem kleinen Museum in St.
George's auf Grenada und in Museen und Höhlen auf anderen Inseln zeugen heute nur noch
einzelne Artefakte vom Leben jener Indianervölker, die keine Tempel und Stadtanlagen,
Terrassen und Paläste hinterließen wie die Inkas, Mayas, Tolteken und Azteken Mittel-
und Südamerikas. Dafür hinterließen sie einige Wörter im Spanischen und Englischen und
einige Grundlagen der karibischen Küche.
Von ihnen haben wir die Namen für
Kartoffeln (potato / patata), Mais, Tomaten, Hängematte (hammock), Grillen (barbacoa /
barbeque), Tabak (tobacco) u. a. mehr; und von ihnen stammt die Sitte, Fleisch mit
Limonensaft, Chilipfeffer, Piment, Kräutern und Gewürzen zu marinieren; von ihnen
übernahmen die Freibeuter ihren englischen Namen: aus boucan (geräuchertes
Schweinefleisch) wurde Buccaneer; von ihnen stammt das Rezept für eines der besten
natürlichen Konservierungsmittel für Fleisch, cassareep (Kassawasaft); und die Art und
Weise, ein komplettes Schwein zu marinieren und langsam über Pimentbaumzweigen zu
grillen, wie sie in unserem kleinen Nachbarort Boston/Portland betrieben wird, von wo aus
sich der Ruhm dieses Jerking genannten Kochens über die gesamte englischsprachige Welt
verbreitete, übernahmen fortgelaufene Sklaven von den wenigen Tainos, die dem Völkermord
entkommen waren. In Trinidad, Guayana und Grenada gibt es immer noch ein ungemein
schmackhaftes Gericht, das von den Ureinwohnern der Karibik entwickelt wurde: Pepperpot.
Hier nähert sich die Kochkunst dem
Mythischen: Ein Ton-, heute auch schwerer Gußeisentopf steht auf einem Holz- oder
Holzkohlefeuer, das man nie ausgehen läßt, ja, das der Legende nach jahrhundertelang
brennt, darin ein Gericht aus Fleisch jeglicher Art, jeden Tag ein anderes, das mit
cassareep - Bitterkassawasaft - zubereitet wird. In einem alten Gutshaus auf Grenada stand
dies Pepperpot-Gericht zwölf Jahre ununterbrochen auf dem Herd und der Speisekarte. Das
Feuer ging erst aus an dem Tag, an dem die gewalttätigen Truppen des Präsidenten Reagan
einmarschierten. Hier das Rezept:
Lege zwei Pfund Ochsenschwanz, eine
Schweinshaxe, Schweinefüßchen und anderthalb Pfund fettloses Rind-oder Kalbfleisch in
einen großen Tontopf in etwa 100 ml Cassareep ein und lasse sie dort über Nacht. Am
nächsten Tag füge eine Zimtstange hinzu (besser noch: ein Stück Zimtborke), ein Dutzend
Gewürznelken, einen Eßlöffel braunen Zucker, einige Piment- oder Lorbeerblätter, zwei
Chilischoten, einen halben Teelöffel frischen Muskat, einen Spritzer Angostura; gib
anderthalb Liter Wasser dazu, bringe es zum Kochen, und köchele das Gericht dann auf
kleinster Flamme für zwei bis drei Stunden ...
Dies ist das Originalrezept. Läßt
du den Topf nicht mit Cassareep hundert Jahre auf der Flamme, kannst du ein Pfund Zwiebeln
und zwei ganze Knoblauchknollen mit den Kräutern und Gewürzen in den Topf geben, die, im
Gegensatz zum Originalrezept, das Gericht sauer werden ließen. (Wir verhindern dies durch
simples Einfrieren der Reste.)
Ein Menschheitstraum war vor über
tausend Jahren bei den Ureinwohnern der Karibik in Erfüllung gegangen: ein schmackhaftes
Essen, das »nie alle« wird! Bezeichnenderweise hörte ich eine Geschichte über eine
Suppe, die jeden Tag verschiedene Ingredienzen enthält und auf dem nie kalt werdenden
Herd steht in Mecklenburg, wo ich aufgewachsen bin. Es ist das ärmste Bundesland
Deutschlands seit Hunderten von Jahren ...
5. DIE ERINNERUNG AN DEN HUNGER
Zu Recht ärgerte sich Stefan Heym
darüber, daß die Menschen aus der DDR an den Tagen, nachdem die Mauer gefallen war, brav
nach dem Begrüßungsgeld in Höhe von hundert Mark anstanden, statt die
Lebensmittelabteilungen der Kaufhäuser zu plündern. Und jedesmal, wenn ich nach
Deutschland zurückkomme, stehe ich wie erschlagen vor den vollen Regalen der Obst- und
Gemüseabteilungen der Supermärkte, die den Eindruck erwecken, daß es keine Jahreszeiten
mehr gibt. Sommers wie winters Äpfel und Papayas, Avocados und Orangen, Birnen und Ananas
aus aller Herren Länder. Wenn Israel nicht liefern kann, kommen sie aus Chile oder
Neuseeland, wenn es keine Bananen aus Jamaica oder Ecuador gibt, kaufst du eben die von
den Philippinen. Ich dagegen lebe in einem Land, in dem »die Stunden und Monde« noch
»nach der Blumenuhr gezählt werden, nach Blüte und Frucht« (Georg Büchner, Leonce und
Lena). Und in dem in den Kneipen auf dem Lande fast jeden Abend auch über Essen geredet
wird. Die Erinnerung an Hungersnöte ist hier noch so lebendig wie in Irland.
6. DER DREIECKSHANDEL
Die Moderne seit 1492 wird durch
immer größer werdende Beschleunigung gekennzeichnet. Während die Ureinwohner der
Karibik nahezu zweitausend Jahre ein beschauliches Leben in Einklang mit der Natur
führten - bedroht nur durch Krieg, Hurrikan, Erdbeben und Dürre -, bestimmte Tempo das
Leben derer, die sie ausrotteten. Die Spanier machten sich daran, die enormen Gold- und
Silbervorräte Lateinamerikas zu plündern und in ihre Heimat zu schaffen. Was sie auf
diese Weise im golden genannten Zeitalter zur stärksten Großmacht formte, wurde später
zu ihrem Verderben: Durch die Vertreibung der Juden und Mauren gingen Handel und Handwerk
ein; Bedürfnisse des täglichen Lebens, Stoffe, Gewürze und Luxuswaren wurden
eingeführt. Es kam zu Inflationen. Das Gold floß in andere Länder ab. Da der Papst den
Portugiesen das Privileg auf Sklavenhandel verliehen hatte, arrangierten sich die Spanier
mit den Engländern, später auch Holländern und Franzosen, ihnen Arbeitskräfte für die
Plantagen in den Kolonien zu verschaffen.
So entstand der lukrativste
Dreieckshandel der Geschichte: Schiffe aus Großbritannien segelten mit Stoffen, Waffen,
Werkzeugen und wertlosem Schmuck nach Westafrika, tauschten diese gegen Sklaven, die sie
in die Neue Welt brachten, und kehrten mit Zucker, Tabak, Baumwolle, Kakao und Gewürzen
von dort zurück.
Portugiesen und Holländer, die als
erste Vorstöße in das Hinterland der westafrikanischen Küste machten, berichteten von
blühenden Kulturen. Der Lebensstandard entsprach dem der Europäer. Benin oder Dahomey
wurde mit den florierenden Stadtstaaten Italiens verglichen.
Die Schätzungen, wie viele
afrikanische Sklaven die Neue Welt erreichten, schwanken zwischen fünfzehn und
fünfundzwanzig Millionen. Stellen wir nun die Verluste in Rechnung, von denen die Archive
berichten, starb einer von fünf Sklaven auf dem Transport vom Landesinneren zum
Verschiffungshafen (andere Schätzungen sagen: vier von fünf); in den Schiffsbäuchen, in
die sie wie Sardinen gepackt waren, krepierten etwa fünfunddreißig Prozent; wir müssen
also davon ausgehen, daß Afrika zwischen fünfzig und achtzig Millionen Menschen verloren
hat. Wenn wir nun bedenken, daß zunächst die stärksten, widerstandsfähigsten und am
besten ausgebildeten Menschen gejagt wurden, können wir uns vorstellen, mit welch
ungeheurer Brutalität und welchem Vorsatz man den Kontinent ausgesogen und zum Untergang
verdammt hat. Walter Rodney aus Guayana zog die Bilanz in seinem großartigen Buch Wie
Afrika von Europa unterentwickelt wurde.
Die Gewinne aus diesem Völkermord
waren ungeheuerlich. Die Royal African Company - unter deren Aktionären sich König Karl
V. befand - schüttete Dividenden von dreihundert Prozent aus. Diese Profite bildeten die
Hauptquelle der Kapitalakkumulation. Sie ermöglichten in Großbritannien, Holland und
Frankreich die industrielle Revolution.
7. SCHWARZER WIDERSTAND,
MILITÄRISCH
Aber mit dem Eintreffen der ersten
Sklaven in der Neuen Welt begann auch schon der Widerstand. Entflohene Sklaven zogen sich
in die Hügel, Berge und Regenwälder zurück. Sie wurden auf spanisch cimarrones genannt,
auf englisch maroons, und entwickelten sich zum Alptraum der Kolonialisten. Die
Gouverneure von Guatemala, Mexiko, Kolumbien, Kuba, Puerto Rico, Panama, Hispaniola (die
Insel, die in die Dominikanische Republik und Haiti aufgeteilt ist) u. a. versuchten über
ein Jahrhundert vergeblich, die Cimarrones einzufangen, die sich erfolgreich mit
Guerillataktiken zur Wehr setzten. So entstanden Palisadendörfer in den Urwäldern Kubas
- palenque genannt -, von denen aus ihre Krieger bis zu dreißig Kilometer marschieren,
Kasernen, Zuckermühlen und Ortschaften angreifen, sich in derselben Nacht zurückziehen
und befreite Sklaven mit sich zurückbringen konnten. In den Palmwäldern Brasiliens
vermehrten sich die quilombos - in der Sprache der Jaga in Afrika bedeutet ki-lombo
Kriegslager. Die Palmaristas bildeten Königreiche und Republiken. Francis Drake und
Walter Raleigh berichteten von den unerschrockenen schwarzen Guerilleros und ihrer
Zusammenarbeit mit ihnen bei den Freibeutereien gegen spanische Schiffe und Orte in der
Karibik und in Zentralamerika. Die Siedler in Surinam und den Guayanas fürchteten sich
vor den »Untaten der Buschneger«, und auf Jamaica setzten die Maroons ein Fanal, als sie
nach einem vierundachtzig Jahre dauernden Guerillakrieg gegen die Briten einen
Friedensvertrag und ihre Autonomie erhielten, die bis auf den heutigen Tag andauert.
Nirgends war der Widerstand der
Afrikaner stärker, intensiver und länger als auf Jamaica. Das hat mehrere Gründe:
Der Prozentsatz der direkt aus
Afrika kommenden Sklaven war sehr hoch, der Geist des Widerstands also noch frisch; der
Großteil davon stammte aus den Gegenden Afrikas, in denen die Kunst der
(Guerilla-)Kriegsführung hoch entwickelt war; nirgends war das zahlenmäßige Verhältnis
zwischen Schwarz und Weiß so ausgeprägt wie auf Jamaica, nämlich zehn zu eins (in den
USA zwo zu eins, auf Barbados vier zu eins); und nirgends fanden die Rebellen ein Terrain
vor, das sich so vorzüglich für Hit & Run-Attacken eignete: Die Blue Mountains im
Osten der Insel sind bis zu 2400 Meter hoch, waren von Urwäldern bedeckt und schwer
zugänglich; und im Westen bildet das Cockpit Country mit seinen versteckten Tälern,
unter- und oberirdisch verlaufenden Bächen und Flüssen die ideale Basis für die Dörfer
der Krieger und ihrer Familien und Möglichkeiten, sie zu verteidigen. Der Geist der
Maroons lebt fort bis auf den heutigen Tag.
Aber auch hier gilt: keine
Atempause, Geschichte wird gemacht. Nach dem Friedensschluß zwischen dem Maroon-Anführer
Cudjoe und den Briten im Jahre 1739 brach 1760 unter dem Aschanti-Krieger Tacky ein
heftiger Sklavenaufstand aus, der die Schaffung eines eigenen Königreichs und den Tod
aller Weißen zum Ziel hatte. Eilends aus anderen Parishes (Verwaltungsbezirken) und
Inseln herbeigebrachte Soldaten und Milizen benötigten ein halbes Jahr, um die Rebellion
niederzuschlagen. Der zweite Maroonkrieg - an dem sich nur ein kleiner Teil der Maroons
beteiligte - im Jahre 1795 dauerte acht Monate und soll fünftausend britische Soldaten
das Leben gekostet haben; die überlebenden Gefangenen wurden nicht, wie sonst üblich,
hingerichtet, sondern zunächst nach Neufundland - wo sie wieder rebellierten - und
schließlich nach Liberia und Sierra Leone deportiert.
1807 wurde der Sklavenhandel per
Gesetz in Großbritannien abgeschafft. Der letzte große Aufstand fand drei Jahre vor der
Abschaffung der Sklaverei, 1834, in Jamaica statt. Die Befreiung der französischen
Sklaven nach der Revolution im Mutterland setzte ein Fanal. Die Arroganz der Plantokratie,
die Schwarzen nicht als Menschen, sondern als bewegliches Eigentum auf der Stufe von
Tieren anzusehen, rächte sich. Jene, »die ihnen täglich das Brot brachten / die Milch,
Tortillas und Eier / jene, die ihre Kleidung stopften / die ihre Kutschen lenkten /
aufpaßten auf ihre Hunde / und Gärten, die für sie arbeiteten« (Otto René Castillo),
die Haussklaven also, verstanden sehr gut, was »liberté, fraternité, egalité«
bedeuteten, über die beim Abendbrot so zierlich diskutiert wurde: Die Revolution auf
Haiti unter dem »schwarzen Napoleon« Toussaint L'Ouverture war wohl das größte Trauma,
das den weißen Herren versetzt wurde.
Agenten der französischen
Revolution in der Karibik (vgl. Alejo Carpentier, Die Explosion in der Kathedrale und die
schönen und wichtigen karibischen Novellen von Anna Seghers) gelangten auch nach Grenada,
dieser winzigkleinen Insel im Süden, die für England so wichtig war: Der Wert der
britischen Importe von dort war achtmal höher als der aus Kanada. Schwarze und
französisch geprägte Mischlinge und Freigelassene erhoben sich im März 1795 unter
Julien Fédon. Eine Flotte unter General Abercrombie mußte die britischen Truppen in der
Karibik verstärken. Stürme dezimierten sie. So erreichten nur zweitausend Elitesoldaten
im Dezember Barbados. Sie mußten Aufstände in St. Lucia und St. Vincent niederschlagen
und nach anderthalb Jahren wütendsten Widerstandes wurden Fédons Rebellen geschlagen und
vernichtet. Aber dies war ein Pyrrhussieg, von dem Grenada sich nie wieder erholte: Die
Insel lag in Trümmern, ein Viertel der Sklavenbevölkerung war getötet, die
Zuckerindustrie zerstört.
Das Wissen über und der Stolz auf
die zahllosen Rebellionen ist im Bewußtsein der Völker in der Karibik stets
gegenwärtig. Ja, viele der Rebellen, Revolutionäre, Staatsfeinde und »Terroristen«
wurden posthum zu Nationalhelden erklärt. Hier gibt es die Arroganz der Postmoderne
nicht, nicht die Ignoranz der korrupten Intelligenz in Deutschland.
Über Widerstand wird stets nachgedacht, beim Nyabingi und Reasoning der Rastas, bei den Totenfeiern auf dem Lande, in den unzähligen Reggae- und Calypsoversen, im Rundfunk, im Fernsehen, in der Literatur, im Theater. Und nicht zuletzt: beim Essen.
Rezension I Buchbestellung II02 LYRIKwelt © Rotbuch-Verlag