Marina von Carlos Ruiz Zafón, 2011, S. Fischer

Carlos Ruiz Zafón

Marina
(Leseprobe aus: Marina, Roman (2011, S. Fischer - Übertragung Peter Schwaar).

3

Langsam löste sich ein Fahrrad aus dem Dunst. Ein

junges Mädchen in einem weißen Kleid fuhr mir

bergauf entgegen. Im durchscheinenden Licht

des frühen Morgens waren durch die Baumwolle hindurch

die Umrisse ihres Körpers zu erraten. Lange

heublonde Haare verdeckten in Wellen ihr Gesicht.

Reglos, wie ein halbgelähmter Idiot schaute ich zu,

wie sie sich mir näherte. Zwei Meter vor mir blieb das

Rad stehen. Meine Augen – oder meine Phantasie –

erahnten die Konturen schlanker Beine, die sich auf

den Boden stemmten. Mein Blick kletterte das Kleid

hoch, das einem Bild von Sorolla zu entstammen

schien, um dann bei den Augen innezuhalten, so tief

grau, dass man hätte hineinfallen können. Sie ruhten

mit sarkastischem Blick auf mir.

Ich lächelte und setzte das dümmlichste Gesicht

auf, das ich zustande brachte.

»Du musst der mit der Uhr sein«, sagte das junge

Mädchen in einem Ton, der zu ihrem starken Blick

passte.

Ich schätzte sie auf mein Alter, vielleicht ein Jahr

älter. Das Alter einer Frau zu erraten war für mich

eine Kunst oder eine Wissenschaft, nie ein bloßer

Zeitvertreib. Ihre Haut war so blass wie das Kleid.

»Wohnst du hier?«, stotterte ich und deutete auf

das Gittertor.

Sie blinzelte nur. Ihre Augen durchbohrten mich

mit solcher Wut, dass ich zwei Stunden brauchen

würde, um zu merken, dass dies das bezauberndste

Geschöpf war, das ich je im Leben gesehen hatte oder

zu sehen hoffte. Aber das ist ein anderes Thema.

»Und wer bist du, dass du das fragst?«

»Vermutlich bin ich der mit der Uhr«, improvisierte

ich. »Ich heiße Óscar. Óscar Drai. Ich bin gekommen,

um sie zurückzubringen.«

Bevor sie etwas sagen konnte, zog ich die Uhr

aus der Tasche und reichte sie ihr. Einige Sekunden

schaute mich das junge Mädchen weiter an, ehe sie sie

ergriff. Dabei sah ich, dass ihre Hand so weiß wie

Schnee war und dass sie am entsprechenden Finger

einen goldenen Ring trug.

»Sie war schon kaputt, als ich sie an mich nahm«,

erklärte ich.

»Sie ist seit fünfzehn Jahren kaputt«, murmelte sie,

ohne mich anzusehen.

Als sie schließlich aufschaute, musterte sie mich

von oben bis unten wie ein altes Möbelstück. Etwas

in ihren Augen sagte mir, dass sie mich nicht unbedingt

für einen Dieb hielt, sondern vielmehr für einen

Schwachsinnigen oder ganz gewöhnlichen Dumm

kopf. Das Idiotengesicht, das ich aufgesetzt hatte,

mochte das Seinige dazu beitragen. Das Mädchen zog

eine Braue in die Höhe, während sie rätselhaft lächelte

und mir die Uhr zurückgab.

»Du hast sie mitgenommen, also sollst auch du sie

ihrem Eigentümer zurückgeben.«

»Aber …«

»Die Uhr gehört nicht mir«, erklärte sie. »Sie gehört

Germán.«

Die Nennung dieses Namens beschwor die riesige

Silhouette mit der weißen Mähne herauf, die mich

einige Tage zuvor in der Galerie des alten Hauses

überrascht hatte.

»Germán?«

»Mein Vater.«

»Und du bist …?«, fragte ich.

»Seine Tochter.«

»Ich meine, wie du heißt.«

»Ich weiß ganz genau, was du meinst.«

Und sie stieg wieder aufs Rad und fuhr durchs Tor.

Bevor sie sich im Garten verlor, wandte sie sich kurz

um. Ihre Augen lachten mich lauthals aus. Ich seufzte

und folgte ihr. Eine alte Bekannte hieß mich willkommen.

Die Katze schaute mich mit ihrer üblichen Verachtung

an. Gern wäre ich ein Dobermann gewesen.

Eskortiert von dem Tier, ging ich durch den Garten,

bahnte mir einen Weg durch den Dschungel bis zu

dem Brunnen mit den Cherubim. Dort war das Rad

angelehnt, und seine Eigentümerin hievte eine Tüte

aus dem Korb am Lenker. Es duftete nach frischem

Brot. Sie zog eine Flasche Milch aus der Tüte und

kniete nieder, um eine große Tasse auf dem Boden zu

füllen. Das Tier schoss auf sein Frühstück zu. Das

schien ein tägliches Ritual zu sein.

»Ich dachte, deine Katze frisst nur wehrlose Vögel

«, sagte ich.

»Er jagt sie bloß. Er frisst sie nicht. Das ist eine

Frage des Territoriums«, erklärte sie, als hätte sie ein

Kind vor sich. »Was er wirklich mag, ist Milch. Nicht

wahr, Kafka, Milch schmeckt dir?«

Zum Zeichen der Zustimmung leckte ihr das kafkaeske

Katzentier die Hand. Sie lächelte warm, während

sie ihm den Rücken streichelte. Dabei zeichneten sich

in den Falten des Kleides ihre Muskeln ab. Nun

schaute sie auf und ertappte mich dabei, wie ich sie anstarrte

und mir mit der Zunge über die Lippen fuhr.

»Und du? Hast du gefrühstückt?«, fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf.

»Dann hast du bestimmt Hunger. Dummköpfe haben

immer Hunger«, sagte sie. »Komm rein und iss

was. Es wird gut sein, etwas im Magen zu haben,

wenn du Germán erklären willst, warum du ihm die

Uhr gestohlen hast.«

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