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Marina
(Leseprobe aus:
Marina, Roman (2011,
S. Fischer - Übertragung
Peter Schwaar).
3
L
angsam löste sich ein Fahrrad aus dem Dunst. Einjunges Mädchen in einem weißen Kleid fuhr mir
bergauf entgegen. Im durchscheinenden Licht
des frühen Morgens waren durch die Baumwolle hindurch
die Umrisse ihres Körpers zu erraten. Lange
heublonde Haare verdeckten in Wellen ihr Gesicht.
Reglos, wie ein halbgelähmter Idiot schaute ich zu,
wie sie sich mir näherte. Zwei Meter vor mir blieb das
Rad stehen. Meine Augen – oder meine Phantasie –
erahnten die Konturen schlanker Beine, die sich auf
den Boden stemmten. Mein Blick kletterte das Kleid
hoch, das einem Bild von Sorolla zu entstammen
schien, um dann bei den Augen innezuhalten, so tief
grau, dass man hätte hineinfallen können. Sie ruhten
mit sarkastischem Blick auf mir.
Ich lächelte und setzte das dümmlichste Gesicht
auf, das ich zustande brachte.
»Du musst der mit der Uhr sein«, sagte das junge
Mädchen in einem Ton, der zu ihrem starken Blick
passte.
Ich schätzte sie auf mein Alter, vielleicht ein Jahr
älter. Das Alter einer Frau zu erraten war für mich
eine Kunst oder eine Wissenschaft, nie ein bloßer
Zeitvertreib. Ihre Haut war so blass wie das Kleid.
»Wohnst du hier?«, stotterte ich und deutete auf
das Gittertor.
Sie blinzelte nur. Ihre Augen durchbohrten mich
mit solcher Wut, dass ich zwei Stunden brauchen
würde, um zu merken, dass dies das bezauberndste
Geschöpf war, das ich je im Leben gesehen hatte oder
zu sehen hoffte. Aber das ist ein anderes Thema.
»Und wer bist du, dass du das fragst?«
»Vermutlich bin ich der mit der Uhr«, improvisierte
ich. »Ich heiße Óscar. Óscar Drai. Ich bin gekommen,
um sie zurückzubringen.«
Bevor sie etwas sagen konnte, zog ich die Uhr
aus der Tasche und reichte sie ihr. Einige Sekunden
schaute mich das junge Mädchen weiter an, ehe sie sie
ergriff. Dabei sah ich, dass ihre Hand so weiß wie
Schnee war und dass sie am entsprechenden Finger
einen goldenen Ring trug.
»Sie war schon kaputt, als ich sie an mich nahm«,
erklärte ich.
»Sie ist seit fünfzehn Jahren kaputt«, murmelte sie,
ohne mich anzusehen.
Als sie schließlich aufschaute, musterte sie mich
von oben bis unten wie ein altes Möbelstück. Etwas
in ihren Augen sagte mir, dass sie mich nicht unbedingt
für einen Dieb hielt, sondern vielmehr für einen
Schwachsinnigen oder ganz gewöhnlichen Dumm
kopf. Das Idiotengesicht, das ich aufgesetzt hatte,
mochte das Seinige dazu beitragen. Das Mädchen zog
eine Braue in die Höhe, während sie rätselhaft lächelte
und mir die Uhr zurückgab.
»Du hast sie mitgenommen, also sollst auch du sie
ihrem Eigentümer zurückgeben.«
»Aber …«
»Die Uhr gehört nicht mir«, erklärte sie. »Sie gehört
Germán.«
Die Nennung dieses Namens beschwor die riesige
Silhouette mit der weißen Mähne herauf, die mich
einige Tage zuvor in der Galerie des alten Hauses
überrascht hatte.
»Germán?«
»Mein Vater.«
»Und du bist …?«, fragte ich.
»Seine Tochter.«
»Ich meine, wie du heißt.«
»Ich weiß ganz genau, was du meinst.«
Und sie stieg wieder aufs Rad und fuhr durchs Tor.
Bevor sie sich im Garten verlor, wandte sie sich kurz
um. Ihre Augen lachten mich lauthals aus. Ich seufzte
und folgte ihr. Eine alte Bekannte hieß mich willkommen.
Die Katze schaute mich mit ihrer üblichen Verachtung
an. Gern wäre ich ein Dobermann gewesen.
Eskortiert von dem Tier, ging ich durch den Garten,
bahnte mir einen Weg durch den Dschungel bis zu
dem Brunnen mit den Cherubim. Dort war das Rad
angelehnt, und seine Eigentümerin hievte eine Tüte
aus dem Korb am Lenker. Es duftete nach frischem
Brot. Sie zog eine Flasche Milch aus der Tüte und
kniete nieder, um eine große Tasse auf dem Boden zu
füllen. Das Tier schoss auf sein Frühstück zu. Das
schien ein tägliches Ritual zu sein.
»Ich dachte, deine Katze frisst nur wehrlose Vögel
«, sagte ich.
»Er jagt sie bloß. Er frisst sie nicht. Das ist eine
Frage des Territoriums«, erklärte sie, als hätte sie ein
Kind vor sich. »Was er wirklich mag, ist Milch. Nicht
wahr, Kafka, Milch schmeckt dir?«
Zum Zeichen der Zustimmung leckte ihr das kafkaeske
Katzentier die Hand. Sie lächelte warm, während
sie ihm den Rücken streichelte. Dabei zeichneten sich
in den Falten des Kleides ihre Muskeln ab. Nun
schaute sie auf und ertappte mich dabei, wie ich sie anstarrte
und mir mit der Zunge über die Lippen fuhr.
»Und du? Hast du gefrühstückt?«, fragte sie.
Ich schüttelte den Kopf.
»Dann hast du bestimmt Hunger. Dummköpfe haben
immer Hunger«, sagte sie. »Komm rein und iss
was. Es wird gut sein, etwas im Magen zu haben,
wenn du Germán erklären willst, warum du ihm die
Uhr gestohlen hast.«
Rezension I Buchbestellung I home II11 LYRIKwelt © S. Fischer