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Animula vagula blandula
(Leseprobe aus: Ich zähmte die Wölfin, Roman,
1951/2005, dtv - Übertragung
Fritz Jaffé)
Mein Marcus,
ich bin heute morgen zu Hermogenes gegangen, meinem Arzt, der von einer längeren
Reise in Asien wieder in die Villa zurückgekehrt ist. Da die Untersuchung in nüchternem
Zustande vorgenommen werden sollte, hatte ich mich in den frühen Morgenstunden
eingefunden: Nachdem ich mich des Mantels und der Tunika entledigt hatte,
streckte ich mich auf ein Bett hin. Einzelheiten; die dir ebenso zuwider sein würden,
wie sie es mir sind, erspare ich uns. Was hätte es für einen Zweck, dir den
alternden Körper eines Mannes zu beschreiben; der sich damit abfinden muß, an
der Herzwassersucht zugründe zu gehn! So begnüge ich mich damit, dir zu sagen,
daß ich gemäß den Anweisungen, die der Arzt gab, hustete, tief einatmete und
den Atem anhielt. Der rasche Fortgang, den das Übel inzwischen genommen hat,
machte auf Hermogenes sichtlichen Eindruck. Er schien geneigt, die Schuld daran
dem jungen Jollas beizumessen, der mich in seiner Abwesenheit pflegte. Es ist
wahrlich nicht leicht, vor einem Arzt die Menschenwürde zu bewahren, geschweige
denn Kaiser zu bleiben. Vor seinem wissenden Blick schrumpfte ich zu einem
bresthaften Häufchen zusammen; zu einem schadhaften Gefäß für Blut und trübe
Säfte. Zum ersten Male enthüllte sich mir heute morgen mein Leib, dieser alte
Freund und treue Gefährte, den ich soviel besser kenne als meine Seele, als ein
tückisches Ungeheuer, das gegen seinen Gebieter aufbegehren will. Geduld! Ich
habe ihn lieb; diesen meinen Leib. Er hat mir treu gedient auf jegliche Weise,
und ferne sei es von mir, ihm die notwendige Pflege zu mißgönnen. Aber anders
als Hermogenes es immer noch zu tun vorgibt, vertraue ich nicht mehr auf die
Heilkräfte der Kräuter und das Mengenverhältnis der Salze, die er aus dem
Orient mitgebracht hat. Der sonst
so gescheite Mann glaubt mich mit Redensarten trösten zu sollen, zu
nichtssagend, als daß sie den Leichtgläubigsten täuschen könnten. Wohl weiß
er, wie sehr ich diese Art von Betrug verabscheue, aber man ist schließlich
nicht umsonst mehr als dreißig Jahre hindurch Arzt gewesen. So verzeihe ich
denn dem ergebenen Diener seinen Versuch, mir meinen baldigen Tod zu
verheimlichen. Hermogenes ist gelehrt, ja sogar weise, und weit redlicher; als
Hofärzte gemeinhin zu sein pflegen. Ich werde also besser betreut werden als
sonst ein Sterblicher. Aber die gesetzte Grenze überschreitet niemand. Meine
geschwollenen Beine lassen mich während der langwierigen römischen Zeremonien
im Stich, und ich ringe nach Luft. Ich bin ein Mann von sechzig Jahren.
Glaube mir, noch ist es nicht so weit, daß ich mich den Wahngebilden der Furcht
hingebe, die ebenso töricht, dabei aber quälender sind als die, welche die
Hoffnung uns vorgaukelt. Wenn ich mich schon irren soll; dann immer noch lieber
im zuversichtlichen Sinne: dabei verliere ich auch nicht mehr, leide aber
weniger. Der fatale Augenblick droht noch nicht unmittelbar hereinzubrechen, so
nah er auch sein mag. Noch darf ich jede Nacht in der Hoffnung einschlafen, das
Licht des neuen Tages zu sehen. Innerhalb der unübersehbaren Grenzen, von denen
ich sprach, vermag ich das Gelände Zoll für Zoll zu verteidigen, vielleicht
sogar hie und da ein wenig Boden zurückzugewinnen. Immerhin bin ich in das
Alter eingetreten, in dem das Leben für den Menschen zur eingestandenen
Niederlage wird. Es bedeutet nichts, wenn wir uns sagen, daß unsere Tage gezählt
sind, denn so war es von je und so ist es noch heute für alles, was atmet. Je
mehr aber die Krankheit fortschreitet, je mehr verringert sich die Ungewißheit
über Ort, Zeit und Todesart, die uns das Ziel verbirgt, dem wir unablässig
entgegengehn. Der erste beste kann im nächsten Augenblick sterben, aber der
Kranke weiß genau, daß er in zehn Jahren nicht mehr leben wird. Mein Spielraum
umfaßt nicht mehr Jahre, sondern nur noch Monate. Meine Aussichten, durch einen
Dolchstoß oder durch einen Sturz vom Pferde zu enden, schwinden immer mehr; der
Tod durch die Pest ist unwahrscheinlich geworden, Krebs und Aussatz können kaum
noch Macht über mich gewinnen. Keine scotische Streitaxt wird mir an den
Grenzen des Reiches den Schädel spalten und kein Partherpfeil die Brust
durchbohren. Auch dürfte der Magier recht behalten, der mir einst prophezeit
hat, daß ich nicht ertrinken würde: die Stürme haben die ihnen so oft
gebotene Gelegenheit verschmäht. So werde ich an einem Erstickungsanfall
sterben, hier in Tibur, vielleicht in Rom, höchstens in Neapel. Wird es der
zehnte oder der hundertste Anfall sein, der mich dahinrafft?. Nur darum handelt
es sich noch. Wie der Reisende, der das Inselmeer durchschifft, die Uferlinie im
Abenddunst aufleuchten sieht, sehe ich allmählich den Umriß meines Todes
Gestalt annehmen.
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