aus: Unauslöschlich
Shirô Kikutani öffnete die Augen und richtete sich auf.Völlig verwirrt schaute er sich im Zimmer um. Das erste, was ihm auffiel, waren die vergilbten Tatamis und die Schiebetür aus Glas anstelle von Gitterstäben.
Er hatte plötzlich das erhebende Gefühl zu schweben, und seine Augen begannen zu funkeln. Freudig und erleichtert besann er sich darauf, daß er nun nicht mehr in einer Zelle hauste, sondern ein Zimmer im Bewährungsheim bewohnte.
Dann stellte er jedoch mit Besorgnis fest, daß es nicht mehr das elektrische Licht, sondern bereits Tageslicht war, das jetzt durch die Türscheiben drang. Im Gefängnis war er jeden Morgen um sechs Uhr durch die Musikanlage geweckt worden, aber hier schien es so etwas nicht zu geben.
Nach der Hausordnung, die Kiyoura erwähnt hatte, gab es Frühstück von sechs bis halb acht. Diejenigen, die zur Arbeit mußten, aßen früh, während manche Tagelöhner ohne Frühstück das Heim verließen, um noch einen Job zu ergattern.
Da er letzte Nacht erst sehr spät eingeschlafen war, hatte er vielleicht verschlafen, und es mochte bereits nach halb acht sein. Selbst als freier Mann mußte er schließlich die Hausordnung befolgen.
Er stand auf und trat in Unterwäsche auf den Korridor, wo er sich halbwegs die Treppe hinunterschlich und über das Geländer beugte, um einen Blick auf die Uhr neben dem Büro zu werfen.
Es war erst kurz nach sechs. Erleichtert setzte er sich auf die Stufe.
Ins Zimmer zurückgekehrt, dachte er, während er ordentlich den Futon zusammenlegte, daß er über viele Jahre immer zur gleichen Zeit aufgestanden war und aufgrund dieser Gewohnheit jetzt auch ohne Weckmusik wach wurde.
Er holte sich Handfeger und Kehrblech von hinten im Flur und machte sein Zimmer sauber. Dann zog er sich Hose und Hemd an und ging hinunter in den Waschraum.
Drei Männer waren gerade dabei, sich die Zähne zu putzen und das Gesicht zu waschen. Kikutani schloß sich ihnen an. Die anderen warfen ihm lediglich einen kurzen Blick zu, keiner von ihnen sprach ihn an. Kikutani bemerkte bei dem Mann mittleren Alters, der sich gerade das Gesicht abtrocknete, eine dunkle Tätowierung. Sie zog sich wie eine Schutzkleidung über den ganzen Arm bis hinunter zum Handgelenk.
Nachdem Kikutani das Waschzeug in sein Zimmer zurückgebracht hatte, ging er wieder nach unten und schob die Glastür zum Speisesaal auf. Zwei Männer schaufelten sich Reis in den Mund. Als Kikutani auf der Sitzbank Platz nahm, wies einer der beiden mit seinen Stäbchen auf eine Terrine, die mitten auf dem Tisch stand.
«Misosuppe», erklärte er.
Kikutani nickte kurz, hob den Deckel ab und schöpfte sich eine Kelle in seine Schale. Als Beilagen gab es Pickles und gegorene Sojabohnen. In der Suppe schwammen Tofustückchen.
Er nahm die Schüssel in die Hand und schlürfte die Suppe. Sie schmeckte köstlich. Im Gefängnis war die Misosuppe, die in großen Kübeln mit Handwagen ausgeteilt wurde, immer schon lau gewesen. Doch diese heiß dampfende Brühe erinnerte ihn an alte Zeiten. Er genoß die herrliche Ausgewogenheit zwischen dem weißen Reis und der warmen Suppe.
Seine beiden Tischnachbarn standen gerade auf, als drei weitere Männer, darunter auch Igarashi, den Saal betraten. Igarashi setzte sich neben Kikutani, der ihm Misosuppe in die Schale füllte. Im Gefängnis war es den Häftlingen strikt untersagt, miteinander zu reden, und so saßen sie auch jetzt Seite an Seite und hantierten schweigend mit den Stäbchen.
Als Kikutani sein Frühstück beendet hatte, trug er sein Geschirr zur Spüle und wusch es ab.
Dann ging er zurück auf sein Zimmer und setzte sich, die Beine gekreuzt und mit Blick auf die Glastür, in die Mitte des Raums. Im Gefängnis mußte um diese Zeit gerade der Appell beendet sein, worauf die Zellen aufgeschlossen wurden und die Insassen sich in einer Kolonne zur Werkstatt begaben.
In der letzten Nacht hatte er alle möglichen Geräusche vernommen, darunter auch das mehrmalige Sirenengeheul eines Streifen- oder Ambulanzwagens. Doch jetzt war es ruhig im Zimmer, nur die gelegentliche ferne Ansage auf der nächsten Bahnstation unterbrach die Stille.
Die Betriebsamkeit der Stadt, deren Getöse mit Einbruch der Dunkelheit zunahm, hatte gegen Morgen nachgelassen. Die Menschen schienen endlich zur Ruhe gekommen zu sein.
Er hatte geglaubt, das Bewährungsheim befände sich in einem Außenbezirk von Tokio. Um so erstaunter war er, als Kiyoura auf die belebte Einkaufsstraße in Shinjuku fuhr und gleich in einer Seitengasse parkte. Eingeklemmt zwischen Stundenhotels, deren Neonreklamen in die Straße ragten, befand sich ein einstöckiges Gebäude mit einer abgeblätterten Fassade, über dessen Eingangsportal ein Holzschild mit der Aufschrift <Haus Sommerbrise> hing.
Kiyoura war vermutlich der Eigentümer dieses Hauses, was erklären würde, warum sich das Übergangsheim ausgerechnet in dieser Gegend befand. Kikutani fragte sich besorgt, ob dieser Ort nicht allzu aufreizend für freigelassene Strafgefangene sei. Es sei denn, Kiyoura hielt es im Gegenteil für sinnvoll, sie gleich mit dem vollen Leben vertraut zu machen, anstatt sie irgendwo in eine ländliche Idylle mit Bergpanorama zu verfrachten. Dennoch wirkte das Heim in diesem Milieu gänzlich deplaziert.
Kikutani saß einfach nur da, die Augen halb geschlossen. Er wußte, niemand würde ihn maßregeln, wenn er jetzt herumliefe oder sich schlafen legte, aber in dieser Haltung hatte er immer in seiner Zelle gesessen, und nur so hatte er die Zeit herumbringen und Frieden finden können. Nach etwa zwei Stunden vernahm er Schritte im Flur. Die Glastür wurde aufgeschoben.
«Ziehen Sie sich bitte an, und kommen Sie herunter ins Sprechzimmer. Der Herr Direktor erwartet Sie», rief ihm ein Mann von Mitte Zwanzig in Jeans zu, der gleich darauf wieder verschwand. Kikutani erhob sich, kleidete sich an und trat hinaus auf den Flur.
Das Sprechzimmer befand sich unten neben dem Büro. Als er die Tür öffnete, erblickte er Igarashi auf einem verschlissenen Sofa sitzend. Kikutani ließ sich neben ihm nieder, und beide saßen schweigend, den Blick stur nach vorn gerichtet. Kurz darauf ging die Verbindungstür zum Büro auf, und Kiyoura, ebenfalls im Anzug, betrat den Raum.
«Wie habt ihr die Nacht verbracht? Konntet ihr schlafen?» erkundigte er sich, während er sich in einen Sessel gegenüber am Tisch sinken ließ.
Die beiden Männer bejahten seine Frage.
«Ihr seht aber eher so aus, als hättet ihr kein Auge zugetan. Sagt mir ruhig, wenn ihr nicht schlafen konntet. Ihr braucht hier nicht zu kuschen.»
Kiyoura holte sich eine Zigarette heraus und zündete sie mit dem Feuerzeug an.
Kikutani mußte innerlich lachen. Durch seine Erfahrung mit Exhäftlingen wußte der Bewährungshelfer offenbar genau, was in ihnen vorging. Man konnte problemlos mit Kiyoura reden, und Kikutani hatte das Gefühl, ihm alles anvertrauen zu können.
«Wie ich gestern bereits sagte, werdet ihr in zwei Wochen eine Stelle gefunden haben. Bis dahin solltet ihr euch an das Leben da draußen einigermaßen gewöhnen. Leider bin ich zur Zeit sehr eingespannt, so daß ihr euch weitgehend selbst darum kümmern müßt. Heute gehe ich mit euch ins Kaufhaus, damit ihr euch ein Bild von den Preisen machen könnt. Falls ihr etwas braucht, könnt ihr es bei der Gelegenheit gleich besorgen. Überlegt euch, was ihr kaufen wollt.»
Im Nebenraum klingelte das Telefon, woraufhin ein junger Mann an der Tür erschien. Kiyoura erhob sich und ging kurz ins Büro hinüber.
Einen Wecker, überlegte sich Kikutani. Heute morgen war er zwar wie üblich um sechs aufgewacht, doch mit der Zeit würde diese Angewohnheit vermutlich nachlassen. Vor seiner Inhaftierung kostete ein Wecker rund 1500 Yen. Wenn jedoch das Porto inzwischen um das Sechsfache gestiegen war, würde der Preis eines Weckers wahrscheinlich zehnmal soviel betragen. Eine erschreckende Summe! Aber pünktliches Aufstehen am Morgen war eine grundlegende Angelegenheit. Deshalb mußte er -koste es, was es wolle - sich unbedingt einen Wecker anschaffen.
Die Tür ging auf, und Kiyoura kam mit zwei Umschlägen zurück. Er setzte sich und händigte ihnen jeweils einen aus.
«Da ist euer Arbeitslohn drin», sagte er. «Da ihr vermutlich schwer abschätzen könnt, wieviel ihr zum Einkaufen braucht, würde ich vorschlagen, sicherheitshalber 20000 Yen einzustecken.»
Kikutani erklärte sich einverstanden und griff in den Umschlag.
Er fühlte das Bündel Geldscheine und holte es heraus: Es waren lauter 10000-Yen-Noten. Aus einem Fernsehbericht kannte er die neuen Scheine, aber in Wirklichkeit waren sie viel kleiner, als er sich vorgestellt hatte, und fühlten sich ganz glatt an. Im Gefängnis hatte er nie Geldscheine oder Münzen in die Hände bekommen. Man bestellte die gewünschten Waren mittels eines Formulars beim zuständigen Vollzugsbeamten, woraufhin die Auslagen vom Arbeitslohn abgezogen wurden. Für den entsprechenden Betrag erhielt man eine Quittung.
Kikutani entnahm dem Bündel zwei 10000-Yen-Scheine und steckte den Rest in den Umschlag zurück. Er trug den Betrag in das Schreibheft ein, das Kiyoura ihm zugeschoben hatte, und setzte seinen Namensstempel darunter.
«Einen Schein wechsle ich euch», sagte Kiyoura und nahm die Umschläge mit ins Büro. Kurz darauf kam er mit 1000-Yen-Noten und Münzen zurück, die er vor ihnen auf dem Tisch ausbreitete.
«Das hier sind 500 Yen», erklärte er und wies auf eine größere Silbermünze. «Scheine sind davon nicht mehr im Umlauf, nur noch Hartgeld.»
Er erhob sich. «Los, gehen wir.»
Kikutani steckte die Scheine hastig in die Innentasche seines Jacketts und ließ die Münzen klimpernd in seine Hosentasche fallen.
Er und Igarashi warteten draußen auf Kiyoura.
«Hört jetzt endlich auf mit dem Marschieren. Ihr befindet euch schließlich wieder im normalen Leben. Was sollen die Leute denken, wenn ihr im Stechschritt lauft. Vorsichtshalber gehe ich in der Mitte.»
Er schob sich zwischen sie, faßte beide Männer am Handgelenk und ging los.
Ihre Arme und Beine schwangen automatisch mit beim Laufen, doch Kiyoura verstärkte seinen Griff, um sie daran zu hindern. Kikutani merkte, wie seine Muskeln sich spannten und die Knie blockierten. Sie bogen um die Ecke und gelangten auf die Einkaufsstraße.
Im Verkehrsstau kamen die Autos nur schrittweise voran, doch die Fahrer wirkten gelassen, keiner hupte. Kikutani wunderte sich darüber, in was für einem Schneckentempo die Autokolonne über die Straße kroch.
Im nächsten Moment schlug ihm eine Flut aufdringlicher Gerüche entgegen: Essen, Benzin, Arzneien, Farbe, Parfüm - eine wilde Mixtur, die seine Sinne benebelte. Er hatte das Gefühl zu ersticken und verzog angewidert das Gesicht.
Auf dem Gehsteig herrschte ein derartiges Gedränge, daß sie nicht länger zu dritt nebeneinander laufen konnten. Kiyoura ließ ihre Handgelenke los und ging voran. Sobald Kikutanis Arme frei waren, fingen sie unweigerlich wieder an zu schwingen. Er preßte die Hände an die Hosennaht.
Kikutani versuchte, dem Passantenstrom auszuweichen, doch er war zu ungelenk und fing an zu straucheln. Die vielen Menschen machten ihm angst. Keuchend hetzte er hinter Kiyoura her. Besorgt, nicht mit ihm Schritt halten zu können, wühlte er sich durch die Menge, ohne sich darum zu scheren, daß er andere dabei anrempelte.
Die Überführung zur S- Bahn kam in Sicht. Oben auf der Trasse setzte sich gerade ein Zug in Bewegung, woraufhin ein Waggon nach dem anderen mit zunehmendem Tempo nach rechts vorbeirollte.
Kiyoura wandte sich nach ihnen um und wartete, bis sie aufgeholt hatten. Sie betraten die Bahnhofshalle.
«Damals vor eurer Inhaftierung gab es noch Fahrkartenschalter mit Personal», sagte der Betreuer leise und blieb stehen. «Die sind inzwischen abgeschafft, abgesehen von Stationen in kleinen Ortschaften. Heutzutage besorgt man sich die Tickets aus Automaten. Schaut zu, was die Leute tun, wenn sie einen Fahrschein ziehen.»
Kikutani kannte zwar schon aus etlichen TV -Serien, daß sich die Darsteller Fahrkarten aus Automaten besorgten, doch er wußte nicht, wie man das anstellte.
Ein junger Mann trat an den Automaten, warf eine Münze in den Schlitz und drückte unmittelbar danach auf die aufleuchtende Taste, woraufhin unten ein Ticket herausfiel. Er entnahm die dünne Karte und ging seines Weges. An dem routinierten Ablauf ließ sich erkennen, daß Automaten ein fester Bestandteil des täglichen Lebens geworden waren.
Als bei der Frau danach mitsamt dem Fahrschein Münzen herausklimperten, wußte Kikutani, daß die Automaten sogar Wechselgeld zurückgaben.
«500-Yen-Münzen nimmt er nicht an. Wir müssen nach Shinjuku. Verwendet deshalb die 100-Yen-Stücke. Es gibt auch Automaten, die auf 1000-Yen-Scheine herausgeben.»
Kiyoura ging zu einem Automaten weiter hinten, schob einen 1000-Yen-Schein in den Schlitz und entnahm das Ticket mitsamt dem Wechselgeld.
Kikutani kramte die Münzen aus der Hosentasche, da er jedoch den Fahrpreis nach Shinjuku nicht kannte, blieb er ratlos stehen.
«Schau nach oben. Die Ziffer neben <Shinjuku> zeigt den Tarif an.»
Kiyouras Rat befolgend, studierte Kikutani die beleuchtete Tabelle, woraufhin er zwei 100-Yen-Münzen hervorholte, sie in den Schlitz warf und auf die Taste drückte. Er entnahm das Ticket mit dem Wechselgeld. Igarashi, der angestrengt zur Tabelle hochschaute, schien den Preis ebenfalls entdeckt zu haben, denn er steuerte nun auch auf den Automaten zu.
Als sie die Schranke passiert hatten und die Treppen hochstiegen, stellte Kikutani erschrocken fest, daß er für die kurze Strecke bis zur nächsten Station 120 Yen bezahlt hatte. Der niedrigste Tarif, auf den er sich besinnen konnte, hatte damals 20 Yen betragen, was ihm erneut vor Augen führte, daß das Geld an Wert verloren hatte.
Das Abteil war voll. Kikutani blieb an der Tür stehen und schaute hinaus. Eine Kulisse mit imposanten Hochhäusern, die hinter den schäbigen Gebäuden entlang der Trasse aufragten, zog an ihm vorüber. Es gab normale Quader, aber auch bogenförmig geschwungene Bauten, die sich in ihrer Farbgebung fein unterschieden. Er stellte sich die Heere von Arbeitern vor, die diese Häuser hochgezogen hatten, während er im Gefängnis saß, und ihm wurde abermals bewußt, wie sehr er der Zeit hinterherhinkte.
Shirô Kikutani öffnete die Augen und richtete sich auf.Völlig verwirrt schaute er sich im Zimmer um. Das erste, was ihm auffiel, waren die vergilbten Tatamis und die Schiebetür aus Glas anstelle von Gitterstäben.
Er hatte plötzlich das erhebende Gefühl zu schweben, und seine Augen begannen zu funkeln. Freudig und erleichtert besann er sich darauf, daß er nun nicht mehr in einer Zelle hauste, sondern ein Zimmer im Bewährungsheim bewohnte.
Dann stellte er jedoch mit Besorgnis fest, daß es nicht mehr das elektrische Licht, sondern bereits Tageslicht war, das jetzt durch die Türscheiben drang. Im Gefängnis war er jeden Morgen um sechs Uhr durch die Musikanlage geweckt worden, aber hier schien es so etwas nicht zu geben.
Nach der Hausordnung, die Kiyoura erwähnt hatte, gab es Frühstück von sechs bis halb acht. Diejenigen, die zur Arbeit mußten, aßen früh, während manche Tagelöhner ohne Frühstück das Heim verließen, um noch einen Job zu ergattern.
Da er letzte Nacht erst sehr spät eingeschlafen war, hatte er vielleicht verschlafen, und es mochte bereits nach halb acht sein. Selbst als freier Mann mußte er schließlich die Hausordnung befolgen.
Er stand auf und trat in Unterwäsche auf den Korridor, wo er sich halbwegs die Treppe hinunterschlich und über das Geländer beugte, um einen Blick auf die Uhr neben dem Büro zu werfen.
Es war erst kurz nach sechs. Erleichtert setzte er sich auf die Stufe.
Ins Zimmer zurückgekehrt, dachte er, während er ordentlich den Futon zusammenlegte, daß er über viele Jahre immer zur gleichen Zeit aufgestanden war und aufgrund dieser Gewohnheit jetzt auch ohne Weckmusik wach wurde.
Er holte sich Handfeger und Kehrblech von hinten im Flur und machte sein Zimmer sauber. Dann zog er sich Hose und Hemd an und ging hinunter in den Waschraum.
Drei Männer waren gerade dabei, sich die Zähne zu putzen und das Gesicht zu waschen. Kikutani schloß sich ihnen an. Die anderen warfen ihm lediglich einen kurzen Blick zu, keiner von ihnen sprach ihn an. Kikutani bemerkte bei dem Mann mittleren Alters, der sich gerade das Gesicht abtrocknete, eine dunkle Tätowierung. Sie zog sich wie eine Schutzkleidung über den ganzen Arm bis hinunter zum Handgelenk.
Nachdem Kikutani das Waschzeug in sein Zimmer zurückgebracht hatte, ging er wieder nach unten und schob die Glastür zum Speisesaal auf. Zwei Männer schaufelten sich Reis in den Mund. Als Kikutani auf der Sitzbank Platz nahm, wies einer der beiden mit seinen Stäbchen auf eine Terrine, die mitten auf dem Tisch stand.
«Misosuppe», erklärte er.
Kikutani nickte kurz, hob den Deckel ab und schöpfte sich eine Kelle in seine Schale. Als Beilagen gab es Pickles und gegorene Sojabohnen. In der Suppe schwammen Tofustückchen.
Er nahm die Schüssel in die Hand und schlürfte die Suppe. Sie schmeckte köstlich. Im Gefängnis war die Misosuppe, die in großen Kübeln mit Handwagen ausgeteilt wurde, immer schon lau gewesen. Doch diese heiß dampfende Brühe erinnerte ihn an alte Zeiten. Er genoß die herrliche Ausgewogenheit zwischen dem weißen Reis und der warmen Suppe.
Seine beiden Tischnachbarn standen gerade auf, als drei weitere Männer, darunter auch Igarashi, den Saal betraten. Igarashi setzte sich neben Kikutani, der ihm Misosuppe in die Schale füllte. Im Gefängnis war es den Häftlingen strikt untersagt, miteinander zu reden, und so saßen sie auch jetzt Seite an Seite und hantierten schweigend mit den Stäbchen.
Als Kikutani sein Frühstück beendet hatte, trug er sein Geschirr zur Spüle und wusch es ab.
Dann ging er zurück auf sein Zimmer und setzte sich, die Beine gekreuzt und mit Blick auf die Glastür, in die Mitte des Raums. Im Gefängnis mußte um diese Zeit gerade der Appell beendet sein, worauf die Zellen aufgeschlossen wurden und die Insassen sich in einer Kolonne zur Werkstatt begaben.
In der letzten Nacht hatte er alle möglichen Geräusche vernommen, darunter auch das mehrmalige Sirenengeheul eines Streifen- oder Ambulanzwagens. Doch jetzt war es ruhig im Zimmer, nur die gelegentliche ferne Ansage auf der nächsten Bahnstation unterbrach die Stille.
Die Betriebsamkeit der Stadt, deren Getöse mit Einbruch der Dunkelheit zunahm, hatte gegen Morgen nachgelassen. Die Menschen schienen endlich zur Ruhe gekommen zu sein.
Er hatte geglaubt, das Bewährungsheim befände sich in einem Außenbezirk von Tokio. Um so erstaunter war er, als Kiyoura auf die belebte Einkaufsstraße in Shinjuku fuhr und gleich in einer Seitengasse parkte. Eingeklemmt zwischen Stundenhotels, deren Neonreklamen in die Straße ragten, befand sich ein einstöckiges Gebäude mit einer abgeblätterten Fassade, über dessen Eingangsportal ein Holzschild mit der Aufschrift <Haus Sommerbrise> hing.
Kiyoura war vermutlich der Eigentümer dieses Hauses, was erklären würde, warum sich das Übergangsheim ausgerechnet in dieser Gegend befand. Kikutani fragte sich besorgt, ob dieser Ort nicht allzu aufreizend für freigelassene Strafgefangene sei. Es sei denn, Kiyoura hielt es im Gegenteil für sinnvoll, sie gleich mit dem vollen Leben vertraut zu machen, anstatt sie irgendwo in eine ländliche Idylle mit Bergpanorama zu verfrachten. Dennoch wirkte das Heim in diesem Milieu gänzlich deplaziert.
Kikutani saß einfach nur da, die Augen halb geschlossen. Er wußte, niemand würde ihn maßregeln, wenn er jetzt herumliefe oder sich schlafen legte, aber in dieser Haltung hatte er immer in seiner Zelle gesessen, und nur so hatte er die Zeit herumbringen und Frieden finden können. Nach etwa zwei Stunden vernahm er Schritte im Flur. Die Glastür wurde aufgeschoben.
«Ziehen Sie sich bitte an, und kommen Sie herunter ins Sprechzimmer. Der Herr Direktor erwartet Sie», rief ihm ein Mann von Mitte Zwanzig in Jeans zu, der gleich darauf wieder verschwand. Kikutani erhob sich, kleidete sich an und trat hinaus auf den Flur.
Das Sprechzimmer befand sich unten neben dem Büro. Als er die Tür öffnete, erblickte er Igarashi auf einem verschlissenen Sofa sitzend. Kikutani ließ sich neben ihm nieder, und beide saßen schweigend, den Blick stur nach vorn gerichtet. Kurz darauf ging die Verbindungstür zum Büro auf, und Kiyoura, ebenfalls im Anzug, betrat den Raum.
«Wie habt ihr die Nacht verbracht? Konntet ihr schlafen?» erkundigte er sich, während er sich in einen Sessel gegenüber am Tisch sinken ließ.
Die beiden Männer bejahten seine Frage.
«Ihr seht aber eher so aus, als hättet ihr kein Auge zugetan. Sagt mir ruhig, wenn ihr nicht schlafen konntet. Ihr braucht hier nicht zu kuschen.»
Kiyoura holte sich eine Zigarette heraus und zündete sie mit dem Feuerzeug an.
Kikutani mußte innerlich lachen. Durch seine Erfahrung mit Exhäftlingen wußte der Bewährungshelfer offenbar genau, was in ihnen vorging. Man konnte problemlos mit Kiyoura reden, und Kikutani hatte das Gefühl, ihm alles anvertrauen zu können.
«Wie ich gestern bereits sagte, werdet ihr in zwei Wochen eine Stelle gefunden haben. Bis dahin solltet ihr euch an das Leben da draußen einigermaßen gewöhnen. Leider bin ich zur Zeit sehr eingespannt, so daß ihr euch weitgehend selbst darum kümmern müßt. Heute gehe ich mit euch ins Kaufhaus, damit ihr euch ein Bild von den Preisen machen könnt. Falls ihr etwas braucht, könnt ihr es bei der Gelegenheit gleich besorgen. Überlegt euch, was ihr kaufen wollt.»
Im Nebenraum klingelte das Telefon, woraufhin ein junger Mann an der Tür erschien. Kiyoura erhob sich und ging kurz ins Büro hinüber.
Einen Wecker, überlegte sich Kikutani. Heute morgen war er zwar wie üblich um sechs aufgewacht, doch mit der Zeit würde diese Angewohnheit vermutlich nachlassen. Vor seiner Inhaftierung kostete ein Wecker rund 1500 Yen. Wenn jedoch das Porto inzwischen um das Sechsfache gestiegen war, würde der Preis eines Weckers wahrscheinlich zehnmal soviel betragen. Eine erschreckende Summe! Aber pünktliches Aufstehen am Morgen war eine grundlegende Angelegenheit. Deshalb mußte er -koste es, was es wolle - sich unbedingt einen Wecker anschaffen.
Die Tür ging auf, und Kiyoura kam mit zwei Umschlägen zurück. Er setzte sich und händigte ihnen jeweils einen aus.
«Da ist euer Arbeitslohn drin», sagte er. «Da ihr vermutlich schwer abschätzen könnt, wieviel ihr zum Einkaufen braucht, würde ich vorschlagen, sicherheitshalber 20000 Yen einzustecken.»
Kikutani erklärte sich einverstanden und griff in den Umschlag.
Er fühlte das Bündel Geldscheine und holte es heraus: Es waren lauter 10000-Yen-Noten. Aus einem Fernsehbericht kannte er die neuen Scheine, aber in Wirklichkeit waren sie viel kleiner, als er sich vorgestellt hatte, und fühlten sich ganz glatt an. Im Gefängnis hatte er nie Geldscheine oder Münzen in die Hände bekommen. Man bestellte die gewünschten Waren mittels eines Formulars beim zuständigen Vollzugsbeamten, woraufhin die Auslagen vom Arbeitslohn abgezogen wurden. Für den entsprechenden Betrag erhielt man eine Quittung.
Kikutani entnahm dem Bündel zwei 10000-Yen-Scheine und steckte den Rest in den Umschlag zurück. Er trug den Betrag in das Schreibheft ein, das Kiyoura ihm zugeschoben hatte, und setzte seinen Namensstempel darunter.
«Einen Schein wechsle ich euch», sagte Kiyoura und nahm die Umschläge mit ins Büro. Kurz darauf kam er mit 1000-Yen-Noten und Münzen zurück, die er vor ihnen auf dem Tisch ausbreitete.
«Das hier sind 500 Yen», erklärte er und wies auf eine größere Silbermünze. «Scheine sind davon nicht mehr im Umlauf, nur noch Hartgeld.»
Er erhob sich. «Los, gehen wir.»
Kikutani steckte die Scheine hastig in die Innentasche seines Jacketts und ließ die Münzen klimpernd in seine Hosentasche fallen.
Er und Igarashi warteten draußen auf Kiyoura.
«Hört jetzt endlich auf mit dem Marschieren. Ihr befindet euch schließlich wieder im normalen Leben. Was sollen die Leute denken, wenn ihr im Stechschritt lauft. Vorsichtshalber gehe ich in der Mitte.»
Er schob sich zwischen sie, faßte beide Männer am Handgelenk und ging los.
Ihre Arme und Beine schwangen automatisch mit beim Laufen, doch Kiyoura verstärkte seinen Griff, um sie daran zu hindern. Kikutani merkte, wie seine Muskeln sich spannten und die Knie blockierten. Sie bogen um die Ecke und gelangten auf die Einkaufsstraße.
Im Verkehrsstau kamen die Autos nur schrittweise voran, doch die Fahrer wirkten gelassen, keiner hupte. Kikutani wunderte sich darüber, in was für einem Schneckentempo die Autokolonne über die Straße kroch.
Im nächsten Moment schlug ihm eine Flut aufdringlicher Gerüche entgegen: Essen, Benzin, Arzneien, Farbe, Parfüm - eine wilde Mixtur, die seine Sinne benebelte. Er hatte das Gefühl zu ersticken und verzog angewidert das Gesicht.
Auf dem Gehsteig herrschte ein derartiges Gedränge, daß sie nicht länger zu dritt nebeneinander laufen konnten. Kiyoura ließ ihre Handgelenke los und ging voran. Sobald Kikutanis Arme frei waren, fingen sie unweigerlich wieder an zu schwingen. Er preßte die Hände an die Hosennaht.
Kikutani versuchte, dem Passantenstrom auszuweichen, doch er war zu ungelenk und fing an zu straucheln. Die vielen Menschen machten ihm angst. Keuchend hetzte er hinter Kiyoura her. Besorgt, nicht mit ihm Schritt halten zu können, wühlte er sich durch die Menge, ohne sich darum zu scheren, daß er andere dabei anrempelte.
Die Überführung zur S- Bahn kam in Sicht. Oben auf der Trasse setzte sich gerade ein Zug in Bewegung, woraufhin ein Waggon nach dem anderen mit zunehmendem Tempo nach rechts vorbeirollte.
Kiyoura wandte sich nach ihnen um und wartete, bis sie aufgeholt hatten. Sie betraten die Bahnhofshalle.
«Damals vor eurer Inhaftierung gab es noch Fahrkartenschalter mit Personal», sagte der Betreuer leise und blieb stehen. «Die sind inzwischen abgeschafft, abgesehen von Stationen in kleinen Ortschaften. Heutzutage besorgt man sich die Tickets aus Automaten. Schaut zu, was die Leute tun, wenn sie einen Fahrschein ziehen.»
Kikutani kannte zwar schon aus etlichen TV -Serien, daß sich die Darsteller Fahrkarten aus Automaten besorgten, doch er wußte nicht, wie man das anstellte.
Ein junger Mann trat an den Automaten, warf eine Münze in den Schlitz und drückte unmittelbar danach auf die aufleuchtende Taste, woraufhin unten ein Ticket herausfiel. Er entnahm die dünne Karte und ging seines Weges. An dem routinierten Ablauf ließ sich erkennen, daß Automaten ein fester Bestandteil des täglichen Lebens geworden waren.
Als bei der Frau danach mitsamt dem Fahrschein Münzen herausklimperten, wußte Kikutani, daß die Automaten sogar Wechselgeld zurückgaben.
«500-Yen-Münzen nimmt er nicht an. Wir müssen nach Shinjuku. Verwendet deshalb die 100-Yen-Stücke. Es gibt auch Automaten, die auf 1000-Yen-Scheine herausgeben.»
Kiyoura ging zu einem Automaten weiter hinten, schob einen 1000-Yen-Schein in den Schlitz und entnahm das Ticket mitsamt dem Wechselgeld.
Kikutani kramte die Münzen aus der Hosentasche, da er jedoch den Fahrpreis nach Shinjuku nicht kannte, blieb er ratlos stehen.
«Schau nach oben. Die Ziffer neben <Shinjuku> zeigt den Tarif an.»
Kiyouras Rat befolgend, studierte Kikutani die beleuchtete Tabelle, woraufhin er zwei 100-Yen-Münzen hervorholte, sie in den Schlitz warf und auf die Taste drückte. Er entnahm das Ticket mit dem Wechselgeld. Igarashi, der angestrengt zur Tabelle hochschaute, schien den Preis ebenfalls entdeckt zu haben, denn er steuerte nun auch auf den Automaten zu.
Als sie die Schranke passiert hatten und die Treppen hochstiegen, stellte Kikutani erschrocken fest, daß er für die kurze Strecke bis zur nächsten Station 120 Yen bezahlt hatte. Der niedrigste Tarif, auf den er sich besinnen konnte, hatte damals 20 Yen betragen, was ihm erneut vor Augen führte, daß das Geld an Wert verloren hatte.
Das Abteil war voll. Kikutani blieb an der Tür stehen und schaute hinaus. Eine Kulisse mit imposanten Hochhäusern, die hinter den schäbigen Gebäuden entlang der Trasse aufragten, zog an ihm vorüber. Es gab normale Quader, aber auch bogenförmig geschwungene Bauten, die sich in ihrer Farbgebung fein unterschieden. Er stellte sich die Heere von Arbeitern vor, die diese Häuser hochgezogen hatten, während er im Gefängnis saß, und ihm wurde abermals bewußt, wie sehr er der Zeit hinterherhinkte.
Rezension I Buchbestellung II02 LYRIKwelt © Beck