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Glückliche Ehe
(Leseprobe aus: Glückliche Ehe, Roman,
2010, Klett-Cotta -
Übertragung Cornelia Holfelder-von der
Tann).
Für sie
1 LIEFERSERVICE
Er hatte sie sich bestellt. Während er darauf wartete, dass auf seinem neuen
Trinitron (diese Farben, dieses klare Bild, welch Wunder der Technik!) Saturday
Night Live anfing, erschien auf seine Bestellung die Traumfrau, von der er gar
nicht gewusst hatte, dass er von ihr träumte, bis ihn ihre großen blauen Augen,
von der Dezemberkälte tränend, erstaunt und amüsiert musterten. Der Lieferant
war sein zuweilen nerviger Freund Bernard Weinstein, der, stoffelig wie immer,
ihre Namen in Richtung Fußboden murmelte, »Enrique, Margaret - Margaret,
Enrique«, und sich prompt vor ihr in das neue Studio-Apartment drängte. Neu für
Enrique Sabas und überhaupt. Das fünfstöckige Haus ohne Fahrstuhl in der Eighth
Street in Greenwich Village war praktisch entkernt worden und seit zwei Monaten
frisch saniert, so dass die erhöhten Preisbindungsmieten jetzt das Marktniveau
erreichten. Eine Woche nach dem Verfugen der letzten Badfliese war Enrique
eingezogen. Also war in Enriques Leben alles nagelneu, von den Leitungen bis zum
Fernseher, als jetzt auch noch diese neue Frau hereinspazierte, zum einzigen
Luxus des Apartments, einem echten Kamin, ging. Ein Lavastrom von glänzend
schwarzem Haar floss ihr die Schulter herab, als sie ihre rote Baskenmütze
abnahm. Dann wandte sie der Komposition aus Bleichziegeln und hellem Marmor den
Rücken zu und heftete ihre tränenden Suchscheinwerfer auf Enrique, während sie
den Reißverschluss einer schwarzen Daunenjacke öffnete und ein feuerwehrroter
Wollpullover zum Vorschein kam, der sich eng an ihren schlanken Oberkörper und
ihre kleinen Brüste schmiegte. Beim Anblick dieses bourgeoisen Striptease
durchzuckte Enrique ein Stromstoß, der sich so real anfühlte, als hätte er den
Warnaufkleber ignoriert, die Rückwand seines neuen Trinitron geöffnet und den
Finger irgendwohin gesteckt, wo er nichts zu suchen hatte.
Ihre blauen Augen fixierten ihn immer noch, während sie sich in einen Regiestuhl
am Kamin fallen ließ, die dünnen Arme aus den Daunen wand und mit einem
zierlichen Heben und Rollen der schmalen Schultern die Jacke schließlich
abschüttelte. Sie hatte das körperliche Selbst bewusstsein eines Jungsmädchens,
hakte ein Bein über die Armlehne des Stuhls, als hätte sie vor, sich darauf zu
setzen. Stattdessen blieb sie, wie sie war, die Beine gespreizt, das
geschmeidige Becken in einer ausgebleichten Jeans. Lange konnte Enrique da nicht
hinschauen. Er betrachtete dagegen ihren außerordentlich schmalen Fuß, so
schmal, dass ihm nur, wie Enrique später erfuhr, Sondergrößen passten. Er wusste
weder, dass so kleine Füße für eine Frau, die Schuhe liebte, ein immenses
Problem waren, noch, dass der schwarze Wildlederstiefel, der hin und her wippte,
ihr des Preises wegen Seelenqualen verursacht hatte. Für ihn, einen ignoranten
einundzwanzigjährigen Mann, war dieser Fuß in seinem Stiefel eine Provokation,
nicht weil er so klein war, sondern weil er unablässig in Enriques Richtung
kickte, als sollte er ihn dazu bringen, irgendetwas zu tun, um sie zu
beeindrucken : Zeig was! Zeig was! Zeig was!
Er konnte sich schlecht über diese fordernde Präsenz beschweren, weil er sich
die Frau ja selbst ins Haus bestellt hatte, so wie das chinesische Fastfood von
Charlie Mom, dessen Reste jetzt in dem roten Mülleimer unter der blitzenden
Edelstahlspüle steckten. Geblitzt hätte die Spüle ohnehin, denn er kochte kaum
je in seiner neuen Küche, die eine Treppenstufe erhöht war, aber offen zum
schmalen Schlaf-Wohn-Arbeitsbereich des Apartments, das er sich eigentlich nicht
leisten konnte und das, obgleich schon seine dritte Bleibe, seit er das Reich
seiner Eltern verlassen hatte, sein erstes wirklich eigenes Zuhause war, da er
die beiden vorherigen Wohnungen mit jemandem geteilt hatte - in der einen auch
das Schlafzimmer, in der anderen nicht. Er sah den mürrischen Bernard an, um ihm
irgendein hilfreiches Wort abzuringen, denn, okay, er hatte sich das hier aus
der Menükarte seines Freunds ausgewählt, aber er hatte nicht damit gerechnet,
dass die Nudeln so scharf sein würden.
Bernard hatte zwar Margarets außergewöhnliche Qualitäten gepriesen, aber nur auf
seine typisch nebulöse Weise. Bei seinen ausschweifenden Beschreibungen hatte er
weder die unglaublich großen, leuchtend blauen Augen erwähnt, die es von der
Wirkung her mit Elizabeth Taylor aufnehmen konnten, noch das eiskremzarte Weiß
ihrer sommersprossigen Haut. Dabei war Bernard ein heterosexueller Mann, und er
hätte allemal ein Wort darüber verlieren können, dass sie perfekt
proportionierte Beine hatte, dass sie schlank war, trotzdem einen Hintern und
Brüste hatte und dass - soweit Enrique sich hinzuschauen gestattet hatte - man
geneigt war, angesichts dieser reizvoll geöffneten Schenkel, schmal und dennoch
wohlgerundet, den Verstand zu verlieren, weshalb doch, Himmelherrgott, eine
Warnung angebracht gewesen wäre.
Enrique hatte Bernard damit aufgezogen, er solle Margaret doch mal vorzeigen,
als sie wie gewohnt bei ihrem Nachmittagsfrühstück im Homer Coffee Shop saßen
und Bernard wieder in einem fort von seiner tollen Freundin von der Cornell
University redete, sich aber nicht breitschlagen ließ, ihn mit ihr bekannt zu
machen. ( Margaret Cohen, nörgelte Enrique, welche jüdischen Eltern nennen ihre
Tochter denn Margaret? Ein Einwand, der vielleicht eher überzeugt hätte, wenn er
nicht ausgerechnet von jemandem gekommen wäre, der Enrique Sabas hieß und mit
einer aschke nasischen Mutter selbst Jude war.) Bernard erklärte, er wolle nicht
Freunde aus verschiedenen Ghettos seines Lebens zusammenbringen.
»Warum?«, wollte Enrique wissen.
Bernard zuckte nur die Achseln. »Ich bin eben neurotisch.«
»Quatsch«, sagte Enrique. »Du willst nur deine ganzen sorgsam gedrechselten
Betrachtungen auf verschiedene Dinnerpartys verteilen.«
»Was für Dinnerpartys?«
»Okay, Schüssel Chili. Aber wenn du all deine Freunde nur einzeln siehst, kannst
du jeden deiner kostbaren Gedanken siebenmal ausbreiten.«
Bernard lächelte matt. »Nein, ich habe Angst, wenn meine Freunde sich treffen,
finden sie sich gegenseitig toller als mich.«
»Du hast Angst, das fünfte Rad am Wagen zu sein?«
»Ich habe Angst, überhaupt kein Rad zu sein.«
Enrique konnte das aus Bernards Sicht gut verstehen, aber in seiner äußerst
widerstandsfähigen Eitelkeit glaubte er, Bernards Paranoia beziehe sich nur auf
ihn, weil er der Schriftsteller war, für den sich Bernard nur ausgab. Gerade mal
einundzwanzig, hatte Enrique schon zwei Romane veröffentlicht, und ein dritter
würde bald folgen, während Bernard mit fünfundzwanzig lediglich ein permanent
umgeschriebenes Manuskript als Rechtfertigung dafür vorweisen konnte, dass er
die gleiche Künstleruniform aus schwarzer Jeans und knittrigem Arbeitshemd trug
wie Enrique. Der stolze Enrique glaubte, Bernard enthalte ihm seine Freunde -
und insbesondere Freundinnen - deshalb vor, weil sich, wenn die Welt sie beide
auf einmal sähe, neben dem wahren Kronprinzen der Literatur der falsche
Thronbewerber schnell als solcher entlarven würde.
Noch immer nicht bereit, ein Treffen zu arrangieren, erging sich Bernard weiter
in unspezifischen Elogen auf Margaret. »Sie ist wirklich total außergewöhnlich.
Ich kann es nicht in banale Worte fassen, aber sie ist stark und gleichzeitig
feminin, intelligent, ohne prätentiös zu sein. In vielem ist sie wie die
Heldinnen der amerikanischen Dreißigerjahrefilme, besonders der Schwarzen Serie,
aber auch der Sturges-Komödien«, und so weiter und so fort, eine Lobesflut, die
einen kirre machte, weil sie alle erdenklichen Qualitäten beschwor, ohne konkret
auf irgendetwas einzugehen. Die unpräzise Beschreibung schien Enrique zu
bestätigen, dass Bernard ein schlechter Schriftsteller war. Keine seiner
Margaret-Geschichten kam zu einem (sexuellen oder sonstigen) Höhepunkt oder
veranschaulichte ihr angeblich so außerge wöhnliches Wesen. Nachdem Enrique den
fünften Homer-Kaffee in sich hineingekippt hatte, verlegte er sich auf die
Strategie, ihre Existenz zu bezweifeln. Es war der Montag der Thanksgiving-Woche
1975 , und er hatte fast ein Jahr quälenden Zölibats hinter sich. Er erklärte
diese Margaret für ein Konstrukt, eine boshafte Phantasie, die Bernard ersonnen
hatte, um ihn, den einsamen, sexuell ausgehungerten Enrique, zu foltern.
Bernard erblasste - was bei seinem bleichen, ausdruckslosen Gesicht ein ganz
schönes Kunststück war. Bernard maß keine eins siebzig und war eher schmächtig,
aber der große Kopf mit der schwarzen Haarkrause verlieh ihm eine stärkere
Präsenz, vor allem in einer Coffee-Shop-Sitznische. Dieser Kopf wackelte kurz,
ehe Bernard protestierte, dass er nie einen Genossen (gemeint: einen ebenfalls
unbeweibten Mann) foltern würde. »Ich erspar's dir nur.«
»Du ersparst mir was ?«
»Sie wird nie mit dir ausgehen.«
Da er das für ein Geständnis hielt, hob Enrique die Hand, um in Richtung eines
unsichtbaren Geschworenengerichts zu gestikulieren, machte damit aber ungewollt
den Kellner auf sich aufmerksam. Der hob die buschigen griechischen Augenbrauen
und fragte: »Zahlen?« Enrique schüttelte den Kopf und wandte sich wieder seinem
unmöglichen Freund zu. »Du erzählst mir die ganze Zeit von dieser schönen - «
» Dass sie schön ist, hab ich nicht gesagt«, fiel ihm Bernard ins Wort.
»Dann ist sie also hässlich?«
»Nein!«
»Unscheinbar?«
»Mit Klischees kann man sie nicht beschreiben.«
»Bernard, ich denke nun mal in Klischees, also bitte. Ist sie groß? Was hat sie
für Titten? Wenn es sie gibt, könntest du mir das sagen.«
Bernard sah Enrique verächtlich an. »Das ist doch albern. Ich könnte diese
Details doch leicht erfinden.«
»Ach ja?«, schoss Enrique sarkastisch zurück. »Da habe ich meine Zweifel. Sich
die Größe von Brüsten vorzustellen - ich glaube, dass das deine kreativen
Fähigkeiten übersteigt.«
»Arsch«, sagte Bernard und meinte es auch. In Bernards Augen waren seine
Breitseiten gegen Enriques Talent nur freundschaftliche Frotzeleien, weil
Enrique ja schon veröffentlicht hatte, während für ihn jede negative Bemerkung
von Enrique gleich grausam und tödlich war.
»Selber Arsch, weil du sagst, sie würde nie mit mir ausgehen«, gab Enrique
zurück und meinte es ebenfalls, denn in seinem tiefsten Inneren fürchtete er,
dass keine begehrenswerte Frau je mit ihm ausgehen würde. Verstärkt wurde diese
Angst noch, weil er mit Frauen einerseits zwar einigermaßen erfahren war,
andererseits auch wieder überhaupt nicht. Er hatte schon mal dreieinhalb Jahre
mit einer Frau zusammengelebt, da er im zarten Alter von sechzehn Jahren neben
einem ersten Verlagsvertrag auch eine feste Freundin hatte ergattern können. Vor
dieser Beziehung mit Sylvie hatte er nur einmal Geschlechtsverkehr gehabt (ein
Klassiker : so schnell wie möglich den Zustand der Jungfräulichkeit überwinden,
kurz und ernst wie eine spätnächtliche Durchsage im Fernsehen). Seit ihrer
Trennung vor achtzehn Monaten war Enrique nur mit einer einzigen Frau zusammen
gewesen, und da hatte er nicht gekonnt. Er hatte also schon oft Sex gehabt, aber
nur zwei Frauen - dieselbe Anzahl wie die der Bücher, die er veröffentlicht
hatte.
Der Grund seiner sexuellen Verunsicherung war, dass Sylvie sich einen anderen
zugelegt hatte. Sie hatte ihm zunächst nur erklärt, sie werde für ein paar
Wochen ausziehen, damit sie mal »Pause« machten. Enrique hatte sie daraufhin
wüst beschimpft, sie »treibe es mit einem anderen«. Zu seinem Entsetzen hatte
sie zugegeben, dass er recht hatte, aber gleichzeitig beteuert, sie liebe ihn
genauso sehr wie seinen Rivalen; sie brauche Zeit, hatte sie behauptet, um
herauszufinden, wen sie mehr liebe. Enrique war zu sehr Latino, um sich auf eine
solche Konkurrenzsituation einzulassen, und zu sehr Jude, um Sylvie die
Ambivalenz zu glauben. In seinen Augen wollte sie nur nicht diejenige sein, die
die Beziehung beendete, sie wollte, dass er diesen schmutzigen Job übernahm, was
er auch prompt tat, indem er ihr ein Ultimatum stellte, brüllend (»Er oder
ich!«), und aus der Wohnung stapfte, um allein in den Straßen von Little Italy
zu heulen.
Enrique kam gar nicht auf die Idee, dass Sylvie sich von ihm missachtet fühlte.
Er war wütend, als sie ihn tränenüberströmt fragte, ob er sie liebe - eine
Viertelstunde nachdem sie gestanden hatte, ihm Hörner aufgesetzt zu haben. Er
wollte nicht hören, dass sie sich zurückgewiesen fühlte, weil ihm nur noch
danach war, sich in einer Ecke zusammenzurollen und zu sterben. Er ließ sich
nicht mal dazu herbei, auf ihre Frage zu antworten, weil ja wohl angesichts
seines Schmerzes offensichtlich war, dass er sie liebte und sie während der
ganzen Zeit ihres Zusammenseins geliebt hatte. Er war das Opfer und sie die
Mörderin, was Enrique, jung, wie er war, für moralische Kategorien hielt. Sie
hatte dreieinhalb Jahre mit ihm zusammengelebt, praktisch sein ganzes
Erwachsenenleben, wenn man denn die Zeit zwischen sechzehn und zwanzig als
Erwachsensein bezeichnen konnte. Sie hatte ihn in dieser Zeit durch und durch
kennengelernt und warf ihn jetzt einfach auf den Müll wie den
Schwarzweißfernseher vom letzten Jahr, als wäre er minderwertig, nicht mehr zu
gebrauchen. Kurz, er war abserviert worden, und wenn er auch öffentlich ihre
Trennung mit unüberbrückbarer geistiger und seelischer Verschiedenheit
begründete, glaubte er doch in der dunklen Tiefe seiner Seele, dass ihr der
Schwanz des anderen Typen besser gefiel. So wie sein zweiter Roman weniger
Beachtung gefunden und sich sehr viel schlechter verkauft hatte als der erste,
hatte auch sein Liebesleben einen steilen Absturz erlitten, der der Anfang einer
desolaten Zukunft schien.
»Sie existiert nicht, Bernard, deshalb kannst du sie nicht beschreiben«, fauchte
Enrique gekränkt aus seiner Ecke der roten Kunstledernische. »Du bist so
schlecht im Erfinden von Figuren, dass du nicht mal die ideale Frau hinkriegst.«
Bernards langes, käsiges Gesicht starrte ausdruckslos ins Leere. Das war sein
üblicher Ausdruck, abgesehen von einem verächtlichen Kräuseln der Oberlippe, das
sich zeigte, wenn er den Bankrott traditioneller Formen im Roman - wie
Realismus, chronologischer Aufbau oder Erzählen in der dritten Person -
verkündete. »Ideale Frau«, knurrte er abschätzig. »Das ist absurd. Es gibt keine
ideale Frau.«
Nervös wegen der fünf Becher Kaffee, schlug Enrique mit der Faust auf den
Resopaltisch, dass der sechste Becher wackelte. »Das ist überhaupt nicht
absurd!«, rief er. »Ich meine - ideal für mich! Relativ ideal!«
Bernard lachte höhnisch. »Relativ ideal. Das ist wirklich lächerlich.« Enriques
gelasseneres, klügeres Selbst wusste, dass er sich von Bernard nicht so leicht
auf die Palme bringen lassen sollte, dass Bernard einfach lachhaft war und jeder
vernünftige Mensch ihm, Enrique, recht gäbe. Also schien es doch unfair, dass er
im Moment wohl eingestehen musste, Bernard an Idiotie noch übertroffen zu haben.
Bernard, zufrieden mit seinem Sieg, zog ein noch ungeöffnetes Päckchen
filterlose Camel aus der Brusttasche seines Arbeitshemds und begann mit einem
komplizierten Ritual. Er schlug das Päckchen mindestens ein Dutzend Mal auf den
Tisch, nicht etwa ein- oder zweimal, wie es Enrique genügte, um den Tabak seiner
filterlosen Camel festzuklopfen. ( Sie bevorzugten beide denselben Schnellzug
zum Lungenkrebs.) Dann vollführten Bernards nikotingelbe, spitze Finger ein
langsames Ballett, um die Zellophanhülle zu entfernen. Er begnügte sich nicht
damit, an dem roten Streifen zu ziehen, durch den es Philip Morris einem
erleichterte, die Oberseite des Päckchens freizulegen, nein, er entblößte die
ganze Packung, was Enrique so widerwärtig fand, dass er ihn anherrschte: »Warum
machst du das ganze Zellophan ab?«
Bernard antwortete übertrieben geduldig und herablassend: »Damit ich weiß, dass
es mein Päckchen ist. Wir sind nun mal beide Camel-Raucher.« Er deutete mit dem
Kinn auf Enriques zellophanbekleidete Schachtel.
»Jetzt bin ich auch noch ein Schnorrer!«, schrie Enrique und schlug wieder auf
den Tisch. »Du hast diese Margaret erfunden! Deshalb habe ich dich letzten Monat
nicht mit ihr im Riviera Café gesehen. Nicht, weil du auf der anderen Seite
gesessen hast! Du warst gar nicht mit ihr dort, weil sie Scheiße noch mal gar
nicht existiert!«
Bernard steckte sich die Zigarette zwischen die vollen, trockenen Lippen und
ließ sie dort baumeln. »Du bist kindisch«, murmelte er und zündete sich dabei
die hüpfende Camel an.
Von Bernard und sich selbst genervt, kramte Enrique seine Brieftasche aus der
Gesäßtasche seiner schwarzen Levi's und entnahm ihr alles, was sie an Geld
enthielt: einen Zehndollarschein, gut und gern vier Dollar mehr als sein Anteil
am Frühstück plus Trinkgeld. Spanischer Stolz siegte über den Geiz oder
vielleicht auch jüdische Selbstgerechtigkeit über sozialistische Ideale oder am
ehesten wohl eine dramatische Ader über graue Mathematik, und so stand er abrupt
auf, stieß sich schmerzhaft das Knie am Tisch, schleuderte aus Versehen den
Ärmel seines Army-Parkas in den vollen Aschenbecher und warf Bernard seine
Barschaft hin. Während er sich mit dem rechten Arm über den linken Ärmel
wischte, verkündete er : »Frühstück geht auf mich, du mieser Lügner.« Obwohl er
mit halbangezogenem Parka (und noch dazu verkehrt herum) hinausrauschte, glaubte
Enrique dennoch, einen guten Abgang hingelegt zu haben, und fühlte sich in
diesem Urteil bestätigt, als Bernard am nächsten Tag anrief, um zum einen für
den Pokerabend zuzusagen, der in derselben Woche bei Enrique stattfinden würde,
und um zum anderen schließlich zu fragen : »Bist du Samstag zu Hause?«
»Ja ...«, sagte Enrique, indem er das Wort gelangweilt dehnte.
»Ich gehe mit Margaret essen. Danach bringe ich sie mit zu dir. So um elf? Ist
das okay?«
»Ich bin hier«, sagte Enrique und verkniff sich das Lachen, bis er aufgelegt
hatte.
Die Behauptung, Margaret sei nur eine Fiktion, war tatsächlich der perfekte
Köder gewesen. Und ob sie real war! So beängstigend real sogar, dass er, obwohl
der wildlederbekleidete Fuß immer noch wippte, stur Bernard fixierte. Sein
bescheuerter Freund hatte sich an den kleinen, runden Massivholztisch rechts vom
Kamin gesetzt. Er hatte sein (für dieses Wetter) zu knappes, schwarzes
Lederjäckchen angelassen und griff jetzt in die Innentasche, um ein neues
Päckchen Zigaretten hervorzuziehen. Er begann wieder mit dem abartigen
Zigarettenritual und führte auf dem hellen Holz des Tischs sein Bartók-Konzert
für Camel ohne Filter und Zellophan auf.
Nachdem seine Gäste also Platz gefunden hatten, setzte sich Enrique auf seine
Bettcouch, die gegenwärtig dank zweier länglicher, mit blauem Kord bezogener
Schaumgummikissen Couchgestalt angenommen hatte. Sofort ging ihm auf, dass dies
keine günstige Position war, weil er vor der Wahl stand, geradeaus auf Margaret
zu schauen, die breitbeinig in seinem Regiestuhl saß, oder aber den Hals nach
rechts zu verdrehen, um Bernard, den modernen Nikotinkomponisten, im Blick zu
haben, denn sein Gesichtsfeld war nicht weit genug, um beide anzusehen und so
sein wahres Interesse zu verbergen.
Also erhob er sich erst einmal wieder. »Aschenbecher?«, fragte er, schob sich
hinter Bernard durch und stieg die Stufe zum Küchenbereich hinauf. Er suchte den
gläsernen Aschenbecher, den er bei Lamston's, gleich um die Ecke an der Sixth
Avenue, gekauft hatte. Er war stolz darauf, dass in seiner Wohnung alles neu
war. Er mochte den Massivholzküchentisch, und sein langer Schreibtisch unter den
beiden Fenstern zur lauten Eighth Street bot einer achtköpfigen Pokerrunde
Platz. Er war begeistert von dem Farbfernseher, der zwischen Schreibtisch und
Kamin stand, und genoss den Anblick der neuen, unbenutzten Töpfe und Pfannen,
Utensilien, Teller und Schälchen in der Küche.
Als er hinter dem einen Meter tiefen Wandvorsprung verschwand, auf dessen
Rückseite sein Herd stand, fiel ihm ein, dass er ja Gastgeber war. »Möchte
jemand was? Wein? Cola? Kaffee?« Und während er einen Blick auf seinen Mülleimer
warf und abzuschätzen versuchte, was sich von dem chinesischen Fastfood und den
dazugehörigen Gratisgaben noch retten ließ, setzte er skeptisch hinzu: »Tee?«
»Bier«, sagte Bernard.
»Bier«, wiederholte Enrique und machte den Kühlschrank auf. Er schaute hinein,
obwohl er die Antwort schon wusste. »Sorry. Kein Bier. Wein?«, ergänzte er sein
Angebot, da er eine Flasche Mateus besaß, einen billigen Wein, den Leute wie er
schätzten, weil sich die unkonventionell geformte Flasche in einen Kerzenhalter
umfunktionieren ließ, um dessen hängende Schultern das heruntergelaufene Wachs
eine dicke Stola bildete.
»Scotch«, sagte Bernard, als wäre die Sache damit geregelt.
»Kein Scotch da, Bernard. Wie wär's mit einem erstklassigen Mateus?«
»Mateus?«, rief Margaret, und es war nicht klar, ob ihr Ton Verblüffung oder
Verachtung ausdrückte.
Enrique sah zu seinen Gästen hinüber und fragte Margaret, ob das heiße, sie
wolle welchen. Beunruhigt bemerkte er, dass die blauäugige Schönheit das rechte
Bein von der Armlehne genommen und sich um neunzig Grad nach links gedreht
hatte, um seine Aktivitäten in der Küche verfolgen zu können, was hieß, dass ihr
der Regiestuhl jetzt als eine Art unbequem aussehende Hängematte diente. Ihr
Rücken lehnte nicht mehr an dem Segeltuchstreifen, sondern presste sich an die
rechte Armstütze, was nicht ganz schmerzfrei sein konnte, obwohl die
Fichtenholzkante durch ihre Daunenjacke abgepolstert war. Ihre Beine hingen über
der linken Armlehne, so dass die schmalen Hüften genau auf ihn ausgerichtet
waren. In seiner fiebrigen Phantasie bot sie sich ihm dar - wenn auch Bernard
noch zwischen ihnen saß und Margarets Sitzhaltung durchaus auch als Einladung an
ihn hätte verstehen können. Sie hob den rechten Arm, um sich beiläufig eine
hübsche Kaskade schwarzer Kringellocken hinter das perfekt geformte Ohr zu
stecken. Ihr Haar war überall glatt außer an den Schläfen, bemerkte er, war in
weiblichen Dingen allerdings zu wenig beschlagen, um beurteilen zu können, ob
das Natur war oder nicht. Als er das Mädchen dort sitzen sah, in dieser dem
Design seines Stuhls trotzenden Pose, wusste Enrique plötzlich nicht mehr, was
er sie hatte fragen wollen.
(...)
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