Richard
Yates
Zeiten des
Aufruhrs
(Leseprobe aus: Zeiten des Aufruhrs, Roman,
1953/2002, DVA - Übertragung Hans Wolf)
Das Problem war, daß er den
ganzen Nachmittag über in der Stadt, wie gelähmt von dem, was er als den
»denkbar ödesten Job« bezeichnete, seine Kraft aus der Vorstellung von Szenen
bezogen hatte, die an diesem Abend ablaufen sollten: wie er nach Hause eilen,
lachend seine Kinder in die Luft schwingen, einen Aperitif hinunterkippen und
bei einem frühen Abendessen mit seiner Frau plaudern würde, wie er sie
anschließend, seine beruhigende Hand auf ihrem straffen, warmen Schenkel
(»Wenn ich doch bloß nicht so nervös wäre, Frank!«), zur High School fahren
würde, wie er gebannt und stolz dasitzen, dann aufstehen und bei fallendem
Vorhang in den donnernden Beifall einstimmen würde, wie er sich begeistert und
aufgelöst durch die jubelnde Menge hinter der Bühne durchkämpfen und seiner
Frau den ersten tränenreichen Kuß abfordern würde (»War es wirklich gut,
Liebling? War es wirklich gut?«) und wie sie schließlich beide, in der
bewundernden Gesellschaft von Shep und Milly Campbell, irgendwo auf einen Drink
Station machen und, unter dem Tisch einander die Hände haltend, das Ganze noch
einmal durchsprechen würden. Nirgends in diesen Vorstellungen hatte er das
Gewicht und den Schock der Realität vorausgesehen; nichts hatte ihn davor
gewarnt, daß er von dem faszinierenden, strahlenden Anblick eines Mädchens,
das er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, überwältigt sein würde, daß
dessen Blicke und Gebärden ihm vor Sehnsucht die Kehle zuschnüren würden und
daß dieses Mädchen vor seinen Augen dann wieder vergehen und sich in das
reizlose, leidende Geschöpf verwandeln würde, dessen Existenz er jeden Tag
seines Lebens zu leugnen versuchte, das er jedoch ebenso gut und schmerzlich
kannte wie sich selbst, eine magere, verklemmte Frau, deren gerötete Augen
vorwurfsvoll blitzten, deren falsches Lächeln ihm so vertraut war wie seine
Füße, seine klamme, immer nach oben rutschende Unterwäsche und sein herber
Geruch.
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