Frösche von Mo Yan, 2013, Hanser

Mo Yan

Frösche
(Leseprobe aus: Frösche, Roman, 2013, Hanser - Übertragung Martina Hasse)

Erst nachträglich erfuhren wir, dass ein Kerl aus dem zanksüchtigen

Dorf Dongfeng, der sich schon vor der Befreiung 1949 wie ein Bandit

aufgeführt hatte, der drei Töchter besaß und dessen Frau mit dem vierten

Kind schwanger war, meiner Tante mit einem Knüppel den Kopf

blutig geschlagen hatte. Zhang Faust hieß er, hatte ein Paar Kulleraugen

wie ein Rind, einen erstklassigen Familienhintergrund und war im ganzen

Dorf bekannt als ein Kraftprotz, dessen Zorn man nicht ungestraft

erregte. In Dongfeng war bei fast allen Frauen im gebärfähigen Alter, die

zwei Kinder geboren hatten und bei denen eines ein Junge geworden

war, die Sterilisation bereits durchgeführt worden. Diejenigen, die zwei

Mädchen bekommen hatten, durften mit der Sterilisation noch warten,

unter der Bedingung, dass sie sich eine Spirale einsetzen ließen. Meine

Tante wollte sie nicht zwingen, erwartete aber, dass sie Rücksicht auf ihr

Dorf nahmen. Wer aber schon drei Kinder hatte, der musste sich sterilisieren

lassen, auch wenn es nur Mädchen waren. Die einzige Frau im

Dorf, die nicht zur Sterilisation erschienen war, die keine Spirale trug

und die dann auch noch schwanger geworden war, war Fausts Frau.

Meine Tante ignorierte den heftigen Regen und fuhr mit dem Patrouillenboot

bis nach Dongfeng, um sie dazu zu bringen, in die Krankenstation

mitzukommen, um dort einen Abort einleiten zu lassen. Während

sie auf dem Weg dorthin war, telefonierte der Kommuneparteisekretär

Qin Shan mit Dongfengs Parteizellensekretär, Zhang Goldzahn, und

gab den ausdrücklichen Befehl, alle Kräfte zu mobilisieren, um die Ehefrau

Fausts in die Kommune zu bringen, damit der Abort eingeleitet

würde.

Tante erzählte, dass Faust sie mit einem dornigen Aralienknüppel in

der Hand und mit rotglühenden Augen laut brüllend am Hoftor erwartet

habe. Zhang Goldzahn und die Dorfmilizionäre hätten ihn eingekreist,

aber nur in angemessener Entfernung, denn es habe sich keiner in

seine Nähe getraut. Seine drei Töchter hätten am Tor auf Knien, mit

schniefenden Nasen und in Tränen aufgelöst gefleht, fast wie eingeübt

habe es geklungen: »Ihr lieben großherzigen Großonkel und Großtanten,

ihr lieben großherzigen Großväter und Großmütter, ihr lieben

großherzigen großen Brüder und Schwestern! Bitte erbarmt euch unserer

Mutter! Bitte fasst euch ein Herz! Unsere Mutter ist herzkrank, sie

hat ein rheumatisches Fieber. Wenn sie eine Abtreibung machen muss,

wird sie daran sterben. Wenn unsere Mutter tot ist, sind wir Halbwaisen

und haben keine Mutter mehr!«

Aber sie, Gugu, habe nur entgegnet: »Regisseur Fausts miese Tricks,

Mitleid zu erregen, wirken gut. Ich sehe, wie die ringsum zuschauenden

Weiber schon flennen!«

(...)

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