Nächte mit Spoon von Amy Yamada, 2008, Ammann

Amy Yamada

Nächte mit Spoon
(Leseprobe aus: Nächte mit Spoon, Roman, 20008, Ammann - Übertragung Ina Hein).

1

Spoon verstand es sehr gut, mich zu berühren. Aber er berührte nur meinen Körper, nicht mein Herz. Ich konnte mich zwar von ihm umarmen lassen, aber ihn selbst in die Arme schließen konnte ich nicht. Auch wenn ich es noch so oft versuchte. Ich wollte wissen, wie andere das machten, und fragte Maria, die wie eine ältere Schwester für mich war. Aber auch aus ihr bekam ich nichts Konkretes heraus. Am liebsten wäre es mir gewesen, jemand hätte mir klipp und klar gesagt, was zu tun sei. Willenlos wie eine Marionette hätte ich exakt nach ärztlicher Anordnung Spoons Wunden geleckt. Aber ich brauchte viel zu lang, bis ich merkte, daß das noch viel schwieriger war, als seinen Schwanz zu lutschen. Wenn ich nur früher angefangen hätte zu üben!
Im Badezimmer liegt immer noch die leere Flasche Brute, der Duft, den Spoon benutzt hat. Und seine Vitamin-E-Kapseln (er dachte, ohne die könne er nicht vögeln). Ich bringe es noch nicht über mich, die Sachen in einen Koffer zu packen und hinten im Schrank zu verstauen, geschweige denn, sie in den Müll zu werfen.
Als Spoon vom amerikanischen Militärstützpunkt in Yokosuka abgehauen war, kam er mit zwei Koffern an, in die er ordentlich seine gesamten Habseligkeiten gepackt hatte, und klingelte höflich an meiner Tür. Mir kam es vor, als begrüßte ich jemanden, der für länger bleibt. In einen der Koffer hatte er fein säuberlich zwanzig Tafeln Hershey-Schokolade gepackt, und mit einem seltsamen Gefühl im Bauch fragte ich mich, ob ich allein dafür, daß ich ihn bei mir wohnen ließ, so viel Schokolade annehmen dürfe.
Als ich Spoon zum ersten Mal im Club des Stützpunkts sah, war er aus irgendeinem Grund sehr formell gekleidet. Zu einem Smoking trug er eine schwarze Krawatte und wirkte zwischen den Billard spielenden Männern in Navy-Uniform und Jeans so cool, daß es fast schon komisch war. Während mein Begleiter einen Dollarschein zwischen Finger und Queue hielt und sich auf das Spiel konzentrierte, beobachtete ich Spoon unablässig mit verstohlenen Blicken. Das Glas Seven & Seven (Bourbon und Seven-up) in seiner Hand, das mich heute eher an eine Urinprobe denken läßt, schien damals so golden, als würde unter seinen schwarzen Fingern Honig hervorquellen.
Die andere Hand steckte in seiner Hosentasche. Offensichtlich hielt er etwas darin. Seine Finger, die sich die ganze Zeit in der Tasche bewegten, mußten groß und knochig sein, und es sah aus, als würden sie etwas in der Tasche liebevoll berühren. Ich errötete, während ich mir ausmalte, wie es sich anfühlen mußte, wenn er mit dieser gelassenen Miene und lüsternen Fingerspitzen meinen Schlitz erforschte.
Unsere Blicke trafen sich. Ich schlug die Augen nieder, denn ich hatte das Gefühl, er wisse genau, woran ich gerade gedacht hatte. Als ich wieder aufsah, fing er meinen Blick und führte ihn in Richtung Ausgang. Wie von einer unbekannten Kraft gelenkt, stand ich auf, sagte meinem Begleiter, ich müsse zur Toilette, und verließ das Billardzimmer. Ich öffnete die Tür, und da wartete er auf mich. Er stand an die Flurwand gelehnt, die Hände jetzt beide in den Hosentaschen, wie ein kleiner Halbstarker.
Spoon nahm meinen Arm und führte mich in den entferntesten Winkel des Gebäudes, zu einer Tür mit der Aufschrift »Betreten verboten« und hinein in einen Heizungsraum, in dem freiliegende Rohre sich umeinanderwanden und der Geruch von altem Staub in der Luft hing. Ich hörte, wie die Tür ins Schloß fiel. Ich war mit ihm allein.

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