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Stimmungen
(aus: Leben und Schreiben,
2003, Büchergilde
Gutenberg)
Aus den Tagebüchern von 1915-1930
Sonntag 3. Januar 1915
Würden die Briten offen über WCs & Beischlaf sprechen, dann könnten sie
sich auch von allgemeinen Gefühlen ergreifen lassen. So wie die Dinge stehen,
wird jeder Appell, gemeinsam etwas zu fühlen, hoffnungslos blockiert durch die
verhindernden Paletos & Pelzmäntel. Ich beginne, meinesgleichen zu hassen,
hauptsächlich wenn ich ihnen in der U-Bahn in die Gesichter sehe. Wirklich, ich
betrachte rohes rotes Rindfleisch & silberne Heringe mit größerem Vergnügen.
(S.15)
Sonntag 3. November 1918
Es ist der Fluch des Schriftstellerlebens, daß man sich so sehr Lob wünscht,
& vom Tadel oder der Indifferenz, so niedergeschmettert wird. Der einzig
vernünftige Weg ist, sich ins Gedächtnis zu rufen, daß das Schreiben schließlich
das ist, was man am besten kann; daß jede andere Arbeit mir wie eine
Lebensvergeudung vorkäme; daß ich im großen und ganzen unendlich viel Vergnügen
daran habe; daß ich einhundert Pfund im Jahr verdiene; & daß das, was ich
schreibe, ein paar Menschen gefällt. (S.18/19)
Montag 19. Februar 1923
Es ist immer so, daß ich über die Seele schreiben will, & dann kommt mir
das Leben dazwischen. (S.33)
Dienstag 6. März 1923
Aber du Leben, Leben! Wie groß ist meine Sehnsucht, dich in die Arme zu nehmen
& zu erdrücken! (S.33)
Dienstag 19. Juni 1923
Ich will Leben & Tod, geistige Gesundheit & Wahnsinn zum Ausdruck
bringen; ich will Kritik am Gesellschaftssystem üben & es in Aktion vorführen,
da wo es am intensivsten ist – Aber jetzt rede ich vielleicht zu großspurig.
(S.33)
Montag 20. April 1925
Glück ist, ein Stück Schnur zu haben, an dem die Dinge von selbst hängenbleiben.
(S.34)
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