Das Geschenk von Wolf Wondratschek, 2011, Hanser-VerlagWolf Wondratschek

Warum Gefühle zeigen?
(Leseprobe aus: Das Geschenk, Gedichte, 2011, Hanser).

Chuck geht die Straße runter

und wenn er jemand trifft, sagt er automatisch

Gut geht’s mir, ja ausgezeichnet, tausendprozentig,

glaubs mir!

Und dann Sprüche wie

Ja, wir telefonieren, gut, okay,

Nein, ich weiß noch nicht, ob ich heut ins Kino geh!

Chuck trifft halb München,

setzt sich ins Capri,

starrt gleich aufs erste nackte Knie

und der erste Gedanke ist:

Bleib sitzen, bis sie wieder Weihnachtsbäume verkaufen

oder bis dir ungemütlich wird

und die Füße in den Turnschuhen anfangen zu schwitzen

oder bis ein Mädchen vorbeigeht

mit dem Kleid mit den Flugzeugen drauf, aus denen

Palmen wachsen

und daß ihr der Wind über die Schenkel weht –

zu welchen Träumen gibt das Anlaß?

». . . weißt du, die hat viel Phantasie, viel Erfahrung,

aber in Wirklichkeit?« und wie die Sprüche heißen aus

dem geschminkten

Totenkopf der Eitelkeit.

Du machst es

Du bist es

Du verstehst es

wie alle anständigen Frauen, die sich eines Tages

in Gedanken in die Toilette einschließen,

um ein paar der miesesten Angewohnheiten eines

fremden Mannes zu genießen,

und wieder tönt es irgendwo

Du machst es

Du bist es

Du verstehst es

Der Mann dürfte keinen Namen haben,

müßte erfolgreich sein

und könnte eigentlich nur aus dem Luftschacht da oben

kommen.

Da geht sie, Hemmungen hätte sie keine,

Lippenstift-Jäckchen,

das Gesicht so weiß wie die Knochen von Papa,

so unsichtbar wie Unterwäsche auf der Wäscheleine,

verliebt in den Gedanken ihrer völligen Versklavung,

zerfressen von Vitaminpillen,

um etwas jünger auszusehen.

Da geht sie,

Chuck könnte ihr die Juwelen, die sie schmücken,

einzeln ins Hautinnere drücken.

Oder sieht er das alles etwas zu kraß?

Vor allem wenn er zu Hause sitzt in seinem Zimmer,

zwischen den Mädchen mit dem aufgemalten

Hoffnungsschimmer,

zwischen den Freunden, die erzählen, daß sie, um nicht

durchzudrehen,

nicht mehr aus dem Haus gehen –

Chuck, der sein Kind liebt,

das nie zur Welt kommen wird.1)

 

1) Gedicht aus »Chuck’s Zimmer«, 1974

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