Mara
(Leseprobe aus: Mara, Roman, 2003, Hanser)
Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, meine
Geschichte, wenn ich das darf, die Geschichte eines Cellos. Denn das bin ich,
ein Violoncello.
Ich darf mich vorstellen? Mit Vaternamen heiße ich Stradivari. Ich bin 1711 in
Italien, in Cremona, in der Werkstatt meines Meisters Antonio Stradivari zur
Welt gekommen und – was soll ich machen? – eigentlich seit dem Tag meiner
Geburt berühmt. Dafür kann ich nichts. Ich hatte Glück, ich hatte einen Namen
und als Spitzname (oder Adelstitel, ganz wie Sie wollen) bald – und bis heute
– noch einen. Mara. Die Welt nennt mich Mara. The Mara. Das berühmte, weltberühmte
Mara.
Kein schlechter Name, auch wenn er anspielt auf einen eher temperament- als
glanzvollen Musiker, ansonsten aber, glauben Sie mir, faszinierenden Sündenlümmel,
der Giovanni Mara hieß (oder, je nachdem, in welchen Engagements er sich wo in
Europa gerade aufhielt, auch Jean oder Johann Baptist oder Joseph) und dem ich
als Eigentum zu Diensten war, eine aufregende, gefährliche Zeit lang, auch für
mich gefährlich. Ich erinnere nur an die Flasche Wodka, die er einmal mit der
unkontrollierten Kraft eines Jähzornigen gegen die Wand schleuderte und die
mich nur knapp verfehlte. Ein anderes Mal warf er im Streit seiner Frau ein Glas
hinterher, das zwar sie verfehlte, mich aber nicht. Die Verletzung war nicht
schwerwiegend, ein Streifschuß, aber sie ist bis heute sichtbar und gilt
seitdem, sonderbar genug, als zusätzliches Gütesiegel, sozusagen als
Zertifikat, als Zeichen untrüglicher Echtheit.
Mein Vater war Handwerker, einer der fähigsten
und fleißigsten der Stadt, das schon, aber ein Hexenmeister war er nicht. Drei
Violoncelli allein in meinem Geburtsjahr, ebenfalls drei im Jahr davor, die
Geigen gar nicht mitgerechnet, das ist eine Menge. Da mußte er sich bei seinen
Frauen, die ihm die Kinder gebaren, länger gedulden. Aber es ging, wie er
einsah, mit ihnen eben leider nicht schneller, mit seiner Francesca nicht, der
ersten, die sechs, mit Antonia, der zweiten, nicht, die fünf Kinder zur Welt
brachte. Als Handwerker war er angewiesen auf Nachwuchs, auf Söhne vor allem,
und darauf, daß sie durchkamen und nicht durch Kindbettfieber oder die Pest
dahingerafft wurden. Und dann konnte man nur hoffen, daß bei dem ganzen Aufwand
wenigstens einer sein Talent geerbt hatte. Mit Francesco, Omobono und dem Nachzügler
Paolo, die er alle drei selbst in der Werkstatt noch ausbilden konnte, hatte er
zwar einen überdurchschnittlich guten Schnitt, aber selbst alle Vaterliebe
reichte nicht aus, sich Illusionen zu machen, es könne einer ihm nachfolgen,
ihn an Fertigkeit, an Genie gar noch übertreffen. Es würde mit ihm das Kapitel
seiner Kunst beendet sein.
Natürlich frage ich mich manchmal, wenn der Rummel um meine Berühmtheit lächerlich
zu werden beginnt, was er zu der fast schon ans Unheimliche grenzenden Verzückung
der Leute sagen würde, die uns, mir und seinen anderen Kindern, zuhören? Was
zu der grenzenlosen Bereitschaft gewisser wohlhabender, weltgewandter oder eben
nur geschäftstüchtiger Kreise, zu denen Champagnerdynastien ebenso gehören
wie Sägewerksbesitzer oder Erdöl- und Stahltycoons, seine Geigen, Bratschen
oder Celli für mehr als alles Geld der Welt zu ersteigern, zu der Sucht, sie
besitzen zu müssen, und sei es auch nur für ihr Prestige, als Trophäe und
Kleinod ihrer gepanzerten Kammern und Banktresore? Oder dazu, die Spezialität
organisierter Auftragskriminalität, die Instrumente (mit welchem Risiko auch
immer) stehlen zu lassen, was mehr als uns Celli natürlich unsere kleinen
Geschwister, die Geigen, betrifft, weil sie handlicher sind, auch berühmter,
zugegeben, und deshalb mehr bringen? Was würde er sagen zu dem lange schon
wahrhaft wahnhaften Kult um seinen Namen, der als magic word, als Markenzeichen,
nicht nur Konzertsäle in Kathedralen, Konzertbesucher in Gläubige und
Virtuosen in unfaßbar erfolgreiche Verführer verwandelt, sondern dem einen
oder anderen gelegentlich ganz schön auch den Verstand verhext?
Natürlich werden wir Stradivaris nicht nur von Kennern und Liebhabern der Musik
oder von Dieben hofiert, sondern auch von Fälschern. Ich weiß noch, 1937, als
unsere Heimatstadt den zweihundertsten Todestag meines Vaters feierte und die
Sache zum Anlaß nahm, eine Ausstellung Cremoneser Instrumente aus aller Welt zu
zeigen, waren von fünfhundert der angereisten Instrumente, die ihm
zugeschrieben wurden, nur zweihundert unzweifelhaft von seiner Hand. Der Rest
Ausschußware! Aber glauben Sie nicht, das seien deshalb alles Fehlgeburten
gewesen, zusammengeleimte Waisenkinder. Schade, daß keiner auf die Idee kam,
den Experten einfach mal die Augen zu verbinden und abwechselnd echte und
falsche Stradivaris zu Gehör zu bringen. Also, ich weiß nicht. Der eine oder
andere hätte sich ganz schön blamiert. Aber was tun mit der Ehre, auch unter
Ganoven anerkannt zu sein? Keiner der Musikhistoriker, die sich mit der
Geschichte der Fälschungen beschäftigt haben, konnte mir die Frage
beantworten. Einer winkte mit der Bemerkung ab, es sei selbstverständlich, daß
sich die organisierte internationale Verbrecherwelt längst auch auf den
Diebstahl dieser kostbaren Meisterwerke geworfen habe.
Hat sie! Mit hochqualifizierten Experten sogar, die wiederum zusammenarbeiten
mit gelernten, selbst einmal ausübenden, aus irgendeinem Grund aber glücklosen,
durch eine Arm- oder Handverletzung oder sonst ein Mißgeschick aus ihrer
Karriere katapultierten oder auch nur einfach von der Routine in unbedeutenden
Provinzorchestern gelangweilten Musikern, Schattenmännern in Zusammenarbeit mit
korrupten Instrumentenhändlern, die immer zur Stelle sind bei Liquidierungen
von Privatkollektionen und, gebildet und kultiviert, wie sie auftreten, hinter
der Bühne und im Pulk von Verehrern in Künstlerzimmern nie weiter auffielen.
Aber sie hatten nicht nur im Allerheiligsten ihre Augen immer weit offen,
sondern im Visier auch die Straßen, Gasthöfe und Poststationen, um beim
Wechseln der Pferde oder der Kutschen rechtzeitig zur Stelle zu sein. Später
kamen dann die Hotels hinzu (wo sich immer einer findet, der für dunkle Geschäfte
zu haben ist), Züge (Schlafwagen), Bahnhöfe, Flughäfen, Aufnahmestudios.
Einer meiner älteren Brüder, genannt Duke of Modena, geboren 1686, ist wo
abgeblieben? Wahrscheinlich in Rußland – wie mein (dort entweder umgekommener
oder bis heute unter Verschluß gehaltener) anderer Bruder vermutlich auch,
dessen Name – Russian Czar – ja eigentlich deutlich genug verrät, wo man zu
suchen hätte.
Es gibt Dutzende solcher Geschichten.
Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © Hanser