Richard Wolf

aus: Die Farben Gelb

Es gab einen Tag im August, schreibt der Mann im blauen Zimmer.
Damals, im August, es war noch warm, sind Sie nach Laand gefahren. Mit
anderen sind Sie nach Laand gefahren. Mit Lastwagen, die Lebensmittel,
Kleider und Medikamente geladen hatten. In einer Kolonne aus
zweiundzwanzig Lastwagen mit Hilfsgütern für Laand.
Dann, nach sechzig Stunden, waren Sie dort, in Laand. Nach sechzig Stunden
erst, wegen der zaDie erste Stufe der Demut von Elisabeth Hauerhllosen Grenzkontrollen. Wegen der Gefahr in Laand. Der
Gefahr durch den Krieg.
Danach, nach Laand, waren Sie ein anderer als zuvor. Sie waren kaum noch
wiederzuerkennen. Alles war anders als zuvor, nach Laand, alles.
Sie waren durch alle möglichen Tode gegangen, hatten die Tode von Kindern,
Frauen und Männern durchlitten, sogar ihren eigenen. So rasch Sie sich
auch auf ihn zu bewegten, Sie erreichten ihn nicht, Ihren Tod.
Plötzlich hatten Sie den Tod hinter sich gelassen, so als könnte er Ihnen
nichts mehr anhaben. Unerwartet hatten Sie alle Zeit, ohne zu wissen, was
Sie damit noch anfangen sollten.
Da, im August, konnten Sie nicht anders. Sie waren dort angekommen, an dem
gefährlichsten Punkt Ihres Lebens. Wo Ihr Leben mit jedem Schritt, den Sie
nach vorne taten, zugleich rückwärts lief. Und wo Sie in dieser
Folgerichtigkeit in jedem der namenlosen Kinder sich als das Kind sahen,
das Sie einmal waren: das Kind, nach dem der Vater gepfiffen hatte, um es
zu rufen, das namenlose Kind.
Ein zertrümmertes Kind, und davon gezeichnet bis an das Ende Ihres Lebens.
Genau diesen Punkt hatten Sie erreicht. Nur deshalb waren Sie überhaupt
gefahren.
Und was das Schlimmste war: Sie waren ohne jede Kenntnis hiervon. Sie
waren ahnungslos, ganz und gar. Sie wußten nichts.

Am Morgen sind Sie im Park. Noch bevor die Sonne zu sehen ist, sehr früh
schon, sind Sie im Park. Man kann sehen, wie Sie durch den Park gehen, im
Morgengrauen. Langsam, mit dieser Fülle Zeit, wie nach Eintreten des
Todes.

Auch die anderen sind im Park. Die, die keine Zeit haben. Die mit den
Hunden. Auch die, die durch den Park gehen, weil es eine Abkürzung zur
Bäckerei gibt. Und die mit den Zeitungen, die schon seit einer Stunde in
dem Kiosk an der Ecke verkauft werden. Die anderen, sie gehen so rasch,
wie sie kommen, ohne jedes Innehalten. Nach einer Weile ist es wieder
ruhig, der Park verwaist. Niemand hat eine Spur hinterlassen. Ein
Geheimnis, das zu kurz dauert, um es zu begreifen.

Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Wiesenburg