Ostfriesentod von Klaus-Peter Wolf, 2017, S. Fischer

Klaus-Peter Wolf

Ostfriesentod
(Leseprobe aus: Ostfriesentod, Roman, 2017,
S. Fischer).

Es hatte alles ganz harmlos begonnen. Ein kleiner Spaß. Ein Studentenstreich. Mehr nicht. Aber jetzt brannte das Haus, und einer war tot …

Innerlich wehrte Sigmar sich dagegen, dafür verantwortlich zu sein, und gleichzeitig weidete er sich an seiner Macht. Er hatte Hauke Hinrichs tatsächlich so weit getrieben, selber Schluss zu machen.

Er stand auf der Norddeicher Straße und sah zu, wie die Flammen hinter den Fenstern flackerten.

Entweder hat der Idiot keinen Rauchmelder, oder er hat vorher die Batterien rausgenommen, dachte er. Ja, vermutlich wollte er verhindern, dass jemand aufmerksam wird und rechtzeitig Rettung kommt. Die Hütte sollte bis auf die Grundfesten niederbrennen.

Er fühlte sich, als würde er Hauke Hinrichs’ letzten Willen erfüllen, indem er jetzt nicht die Feuerwehr rief, sondern dabei zusah, wie sich die Flammen zum Dachstuhl durchfraßen.

Schon als Kind hatte er gern Streiche gespielt, nur war er dabei meist erwischt worden. Die Strafen hatte er stets gelassen ertragen. Manchmal musste er dabei sogar grinsen, denn er stellte sich die Folgen seiner Taten vor, ließ sie vor seinem inneren Auge passieren und lachte noch Tränen, nachdem der Schmerz der Ohrfeige längst verflogen war.

Sein Vater hatte ihn ermahnt: »Sigmar! Ein Indianer kennt keinen Schmerz.«

Er war kein Indianer und nahm den Satz als Zeichen für die galoppierende Verblödung seines Vaters. Er hatte doch nicht geweint, weil die Ohrfeige weh tat, sondern weil der Anblick so herrlich gewesen war, als die Nachbarin, die blöde Ziege, an dem Faden gezogen hatte. Nie wieder würde er dieses Bild vergessen! Er hatte zwölf mit Wasser gefüllte Plastikbecher, in denen einmal Joghurt gewesen war, aneinandergebunden und auf die Fensterbank gestellt. Eine Schnur baumelte herunter, daran hing ein Zettel. Und darauf stand: Bitte ziehen!

Sie hatte daran gezogen, und zwölf Plastikbecher waren nach unten gesegelt. Frau Sudhausen wurde pudelnass und kreischte vor Wut. Sie trat zornig mit dem Fuß auf. Puterrot war sie im Gesicht.

Leider gab es damals noch keine Filmchen auf Facebook. Herrje, das wäre dort ein Hit geworden! So hatte er es nur in seinem Kopf gespeichert.

(...)

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