Ostfriesenschwur von Klaus-Peter Wolf, 2016, S. Fischer

Klaus-Peter Wolf

Ostfriesenschwur
(Leseprobe aus: Ostfriesenschwur, Roman, 2016,
S. Fischer).

Ubbo Heide hatte die Nacht mit seiner Lieblingsbeschäftigung verbracht: einfach nur dasitzen und aufs Meer schauen. Dies war der schönste Platz auf Erden für ihn. Hier, mit diesem Blick auf die Naturgewalt der Nordsee, verlor sogar der Rollstuhl seine Macht über ihn.

Ubbos Gedanken flogen. Er fühlte sich frei und gut. Alles war plötzlich in Ordnung. So war er eingeschlafen, während das Teelicht im Stövchen flackernd neben ihm erlosch.

Die frühe Fähre brachte mit den Touristen auch die Post vom Festland zur Insel.

Gegenüber dem Café Pudding wurde die Windstärke mit sieben bis acht gemessen, was offiziell Steife Brise hieß und von den meisten Küstenbewohnern als notwendige Erfrischung angesehen wurde.

Seine Frau Carola kam mit Seelchen vom Inselbäcker zurück, deckte den Tisch und brühte frischen Tee auf, wie Ubbo ihn gern mochte: mit Pfefferminzblättern im Schwarztee.

Er schnarchte leise. Ihr gefiel das vertraute Geräusch. Im Sitzen schnarchte er wie ein asthmatischer Seehund. Im Liegen – besonders in Rückenlage – war er laut wie eine rostige Kreissäge.

Carola Heide hatte das Ostfriesland-Magazin mitgebracht und las im Stehen am Tisch einen Bericht von Holger Bloem. Der Postbote klingelte. Ubbo schreckte hoch und tat jetzt so, als hätte er gar nicht geschlafen, sondern sei schon lange wach. Während sie die Tür aufdrückte, sagte sie: »Neuer Kripochef soll ein gewisser Martin Büscher aus Bremerhaven werden. Kennst du den?«

Ubbo Heide lächelte. »O ja, den kenne ich …«

Ubbo rollte zum Frühstückstisch und angelte sich das Ostfriesland-Magazin. Er nannte es liebevoll OMA, und jede neue Ausgabe war wichtiger für ihn als das Essen. Carola holte Aufschnitt aus dem Kühlschrank und drapierte alles liebevoll auf einem Brettchen.

Holger Bloem schrieb auch über Ubbo Heide und dessen Buch seiner ungelösten Kriminalfälle. Erstaunlicherweise war das Buch inzwischen in der 3. Auflage erschienen. Ubbo wurde zu Lesungen und Diskussionen eingeladen. Er, der ehemalige Chef der ostfriesischen Kripo, litt noch immer daran, einige Verbrechen nicht wirklich aufgeklärt zu haben. Und Mörder oder Kinderschänder gehörten nun einmal hinter Gitter. Es gefiel ihm, auf eine selbstquälerische und gleichzeitig kokettierende Art, über diese Fälle und das Unvermögen der Justiz sowie über sein eigenes Versagen zu reden.

Diese Veranstaltungen gaben ihm das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, indem er seine Erfahrungen weitergab. Er eröffnete stets mit den Worten: »Wenn es stimmt, meine Damen und Herren, dass man aus Fehlern klug wird, sitzt vor Ihnen ein weiser Mann. Wenn nicht, bin ich auch nur einer der üblichen Trottel.« Holger Bloem zitierte diesen Satz und nannte Ubbo Heide »die sympathische Vaterfigur der ostfriesischen Kriminalpolizei«.

Inzwischen war der Postbote oben angekommen. Carola öffnete ihm die Tür und nahm ein großes Paket in Empfang. Es war an Ubbo Heide adressiert.

»Von wem ist das denn?«, fragte Carola.

Der Absender war mit Füller geschrieben, die Tinte verwischt.

Sie versuchte, etwas zu entziffern.

»Kennst du einen Herrn Ruwsch? Oder Rumsch?«

Ubbo schüttelte den Kopf. »Nie gehört.«

Das Ganze sah mindestens nach einer doppelstöckigen Torte oder nach sechs Flaschen Wein aus. Carola Heide säbelte an dem Paket herum, das mit viel Klebeband umwickelt war.

»Hast du etwas bestellt?«, fragte sie.

»Nein, und Geburtstag habe ich auch nicht.«

Da waren eine Menge Styroporkügelchen, und zwischen ein paar Kühlelementen klemmte ein blauer Müllsack fest. Er war mit Kabelbinder zugeschnürt. Carola hob ihn aus der Kiste und legte ihn auf den Frühstückstisch. Ein paar Styroporkugeln rollten auf die Käsescheiben. Eine fiel in Ubbos Teetasse. Mit dem Brotmesser stach Carola Heide vorsichtig in den Müllbeutel. Luft entwich zischend. Noch konnte sie nicht sehen, was da drin war.

Ubbo schnitt ein Seelchen auf. Er hatte diese besondere Brötchenart auf Wangerooge lieben gelernt und aß sie am liebsten mit Honig oder Bierwurst. Dann sah er aus seinem Blickwinkel zunächst die Haare und die Nase. Instinktiv griff er hin, um Carola das Messer abzunehmen, aber da schrie seine Frau auch schon auf. Mitten auf ihrem Frühstückstisch ragte ein abgetrennter Kopf aus einem Müllbeutel mit fettig verwuschelten und blutverklebten Haaren.

Carola fasste hinter sich ins Leere. Das Messer polterte zu Boden.

Nein, sie wurde nicht ohnmächtig, aber sie brauchte so viel Abstand vom Tisch wie möglich und streckte die Hände weit von sich.

»Ist das da echt?«, fragte sie atemlos.

»Ich fürchte, ja«, sagte Ubbo. Er konnte es nicht nur sehen, sondern auch riechen.

Nein, die Sache ließ sich nicht schönreden. Für Büscher war es eine Strafversetzung von Bremerhaven nach Ostfriesland, höhere Gehaltsklasse hin oder her. Er sollte dieses Himmelfahrtskommando übernehmen und Chef der legendären Ann Kathrin Klaasen werden.

Der eine Typ trug eine rote Krawatte, der andere eine blaue.

Doch beide Herren waren sich einig. Der eine wollte Büscher nur zu gern loswerden, der andere wollte ihn haben. Sie waren sich handelseinig, und Büscher kam sich vor wie ein Esel auf dem Jahrmarkt, der an den Meistbietenden versteigert wurde.

»Es gibt«, so hatte der mit der blauen Krawatte gesagt, »eine Autorität, die der Dienstrang verleiht. Die haben Sie ab jetzt, Herr Büscher. Aber es gibt immer auch noch eine andere Form von Autorität, die aus der Person selbst kommt. Die basiert auf der Anerkennung für ihre Taten. Die müssen Sie sich natürlich erst erwerben. Im Moment hat die Ann Kathrin Klaasen. Diese ganze Dienststelle in Ostfriesland wurde uns als eine verschworene Gemeinschaft geschildert. Die wirken von außen vielleicht, als ob sie sich spinnefeind seien, aber in Wirklichkeit halten die zusammen wie Hopfen und Malz … wollte sagen, Pech und Schwefel. Ihre glücklose Vorgängerin, Frau Diekmann, ist genau daran gescheitert.«

Er blätterte in seinen Papieren und schluckte. Er sah für Büscher aus wie einer, der dringend ein Bier brauchte. Mit trockenem Mund fuhr er fort:

»Seit der Pensionierung von Ubbo Heide führt im Grunde Ann Kathrin Klaasen diese Dienststelle – wenn auch ohne jeden offiziellen Auftrag. Aber sie genießt die Anerkennung der Kollegen.

Das darf man nicht unterschätzen!«

Er lockerte seine blaue Krawatte.

»Sie hat vier Serienkiller gefasst, und dieser Journalist Bloem hat eine Legende aus ihr gemacht. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass wir im Hause durchaus darüber nachgedacht haben, Frau Klaasen zur Leiterin der Polizeiinspektion Aurich-Wittmund zu machen. Es gab tatsächlich auch Stimmen dafür. Aber es geht letztendlich nicht. Sie ist eine zu schwierige Persönlichkeit. Nicht ernsthaft teamfähig. Ständig im Clinch mit Autoritäten, in höchstem Maße eigenbrötlerisch.«

Er wurde heiser und hüstelte.

(...)

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