Karma-Attacke von Klaus-Peter Wolf, 2004, Scherz

Klaus-Peter Wolf

Karma-Attacke
(aus: Karma-Attacke, Kapitel 1-3, 2004, Scherz)

1.)
Für die meisten Menschen war Vivien einfach nur verrückt. Für Professor Peter Ullrich dagegen war sie ein Lichtwesen wie wir alle. Nur daß bei ihrer letzten Wiedergeburt auf der Erde etwas schiefgelaufen war. Ihr Gedächtnis wurde nicht vollständig gelöscht. So kam sie nicht wie andere Neugeborene aus dem Nichts, in das wir alle immer wieder kommen und gehen, sondern sie begann ihr Leben mit Erinnerungen an eine schreckliche Vergangenheit, die es eigentlich gar nicht gegeben haben dürfte. Zumindest nicht auf diesem Planeten. Professor Ullrich hatte ein besonderes Interesse an Kindern, die in einer anderen Welt zu leben schienen. Er sammelte sie, wie andere Wissenschaftler Krebsgewebe oder Schlangengifte. Er studierte sie. Und er hoffte, dabei mehr über sich selbst zu erfahren. Vivien war schon seit drei Jahren bei ihm im Landeskrankenhaus. In der geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Hier war Professor Ullrich ein Gott, und er würde Vivien nie, nie hier herauslassen. Denn ihre Erinnerungen waren klarer als bei allen anderen Patienten, die er bisher gehabt hatte. Sie war für ihn wie eine gigantische unterirdische Bibliothek, für die nur er einen Leihausweis besaß. Er zog immer wieder wahllos Bücher heraus, schmökerte darin herum und las sich bis zur Erschöpfung fest. Beim nächsten Besuch entdeckte er einen Raum mit anderen Buchregalen, wieder mit ein paar tausend Bänden. In jedem weitere, neue, aufregende Aspekte des Seins. Doch egal, wieviel Zeit er in seiner Bibliothek verbrachte, sein Leben würde nicht ausreichen, um alle Bücher zu lesen, geschweige denn zu speichern und auszuwerten. Er mußte systematisch vorgehen. Er sagte es sich jeden Tag. Aber bei jeder neuen Begegnung mit Vivien erlag er ihrer Faszination sofort. Schon ein paarmal war er kurz davor gewesen, eine Kollegin hinzuzuziehen. Er hatte die bekannte Reinkarnationstherapeutin Brigitte Zablonski sogar schon zum Gedankenaustausch ins Da Capo eingeladen. Doch im letzten Moment war er eifersüchtig vor der Vorstellung zurückgeschreckt, jemand anderen in seiner Geheimbibliothek lesen zu lassen. Vielleicht hätte sie sich für immer verschlossen, oder, das fürchtete er noch mehr, Vivien könnte plötzlich nicht mehr ihm allein gehören, sondern wissenschaftliches Allgemeingut werden. Also widerlegbar. Er stellte sich vor, wie seine Kollegen Vivien Schicht für Schicht genüßlich auseinandernahmen, um ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Er sah sie schon, wie sie alles in den Schmutz zogen, was nicht in ihr engmaschiges Weltbild paßte. Für ihn waren sie erkenntnistheoretische Dünnbrettbohrer, kaum in der Lage, ihre eigene Existenz hier und jetzt zu begreifen. Wie sollten sie akzeptieren können, daß es ein Wesen wie Vivien gab? Denn eins stand für Professor Ullrich fest: Wir sind alle Lichtwesen wie Vivien, nur, wir erinnern uns kaum an etwas, das vor unserer Geburt geschah. Und wenn doch, dann nennen wir die Erinnerungen an unser vorheriges Leben Träume oder Phantasien, und falls sie heftiger werden, Wahnvorstellungen. Es gab Tabletten dagegen und ausgefeilte Behandlungsmethoden. Statt die Chance zu ergreifen, die in den aufblitzenden Informationsstückchen unserer Vergangenheit liegen, wurden ihre Träger hospitalisiert oder man banalisierte alles. Professor Ullrich hatte Vivien schon so oft hypnotisiert, daß sie manchmal bereits in den Zustand versank, wenn sie nur seine Stimme hörte. Er konnte sehr großzügig sein. Zum fünfzehnten Geburtstag hatte er ihr eine wunderschöne chinesische Kladde geschenkt. Jetzt mußte sie nicht mehr die kleinen Schulhefte vollschmieren. Den neuen Kolbenfüller mit Goldfeder benutzte sie fast nie. Dafür schrieb sie mindestens einen Filzstift pro Woche leer. Professor Ullrich unterstützte ihren Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Er lobte ihr Talent. Er las jeden Satz, den sie schrieb. Besonders ihren Thara-Roman mochte er. Aber manchmal gruselte sich Vivien vor dem Professor. Sie hatte die Putzfrauen belauscht, als sie sich über Professor Ullrich unterhalten hatten. Die Putzfrauen durften Viviens Papierkorb nicht in den Müll ausleeren. Alles mußte dem Professor gebracht werden. Die alte, dicke Marga mit den rosigen Wangen, die von sich behauptete, hier im Landeskrankenhaus zum Inventar zu gehören, spottete lauthals über ihn. Er habe doch selbst einen Haschmisch, wie alle Psychologen. Sie könne sich ein Urteil erlauben, sie habe schließlich viele kommen und gehen sehen, aber keiner sei so abgedreht gewesen wie Professor Ullrich. Trotzdem nannte sie ihn, wie die meisten hier, nur respektvoll den Chef. Einmal hatte Vivien in seinen Akten einen Zettel gefunden. Ein aus dem Schulheft herausgerissenes, zerknülltes Stückchen kleinkariertes Papier. Es war auf ein vollständiges DIN-A-4-Blatt geklebt und unter Klarsichtfolie abgeheftet worden. Die roten Kringel und Pfeile waren von ihm. In seiner verkrochenen, krakeligen Schrift hatte er ein paar Bemerkungen hinzugefügt. Er mußte diese Fetzen tatsächlich aus ihrem Papierkorb haben. Vivien hatte sich vorgestellt, wie er sie bügelte und zu entziffern versuchte. Sie verstand nicht, was sie so interessant machte. Aber manchmal genoß sie es. Sie hatte so etwas wie Macht über ihn. Je mehr sie schrieb und erzählte, um so glücklicher machte sie ihn. Wenn sie sich ins Schweigen zurückzog, konnte er seine Verzweiflung nur schwer verbergen. Natürlich hatte sie ein Einzelzimmer in Trakt B. Eine bunte Oase in diesem grauen Teil des Landeskrankenhauses. Sie besaß einen Fernseher mit Kabelanschluß und einen Videorecorder. Sie durfte gucken, was sie wollte. Allerdings gab es eine kleine, merkwürdige Besonderheit. Die Schwester hatte die Fernbedienung, und manuell konnte Vivien den Kasten nicht bedienen. Die Knöpfe waren blockiert. Sie mußte jedesmal, wenn sie in ein anderes Programm umschalten wollte, die Schwester rufen. Die Schwester mußte genau Protokoll darüber führen, welche Sendungen Vivien sich wann ansah. Niemand verstand es. Aber es war eine Anweisung vom Chef persönlich. Und der mußte sich nicht erklären. Wenn Vivien die Schwester ärgern wollte - und Schwester Inge ärgerte sie besonders gern - dann rief sie zehnmal an einem Abend. Sie ließ Schwester Inge durch die Programme switchen. Für Vivien war sie eine blöde Ziege, und Vivien genoß das Gefühl, ihr viel Arbeit zu machen. Denn auch darüber mußte Schwester Inge genau Protokoll führen. Vivien konnte ruhig eine schiefe Schnute dabei ziehen oder patzige Bemerkungen machen - Schwester Inge tat, was Vivien verlangte und schrieb es auf, denn es machte keinen Sinn, sich gegen Professor Ullrichs Anweisungen aufzulehnen. Zumindest nicht, wenn man seinen Job behalten wollte. Und Schwester Inge war als alleinerziehende Mutter auf diese Stelle angewiesen. Einmal, ein einziges Mal, hatte Schwester Inge gewagt, eine spitze Bemerkung zu machen. Sie hatte sich breitbeinig vor Professor Ullrich aufgebaut, die Hände in die Hüften gestemmt und gelästert: "Wenn Sie mich fragen, die Göre braucht keine Therapie. Was die nötig hat, sind ein paar Ohrfeigen." Professor Ullrich hatte Schwester Inge mit einem Blick angesehen, der so kalt war, daß sie ihn wie Eis auf der Haut spürte. "Sie fragt aber keiner!" hatte er zurückgezischt und dann so getan, als sei die Sache damit ein für allemal erledigt. Doch Schwester Inge wußte, er wartete nur darauf, daß sie einen Fehler machte. Sie stand jetzt auf seiner Abschußliste. Er würde gnadenlos dafür sorgen, daß sie geht, wenn sie ihm auch nur den kleinsten Anlaß dazu gäbe. Sie hoffte, sich vielleicht wieder bei ihm einschmeicheln zu können. Sie sah dafür nur einen Weg: Er führte über Vivien. Irgendwann würde sie - und sei es nur im Rahmen eines pubertären Hormonschubs - versuchen, sich der absoluten Kontrolle von Professor Ullrich zu entziehen. Auf diesen Moment wartete Schwester Inge. Sie würde Vivien bei ihm verpetzen. Damit hoffte sie, alles wieder ins Lot zu bringen. Wenn es ihr gelingen würde, ihm ein Geheimnis über Vivien zu verraten, ihm eine Information zu geben, die ihm bisher nicht zugänglich war, dann, ja dann könnte sie sogar die Stationsleitung bekommen... Alles hing also von Vivien ab. Schwester Inge haßte dieses unmögliche Kind. Sie war genauso alt wie ihre Tochter Julia. Aber Vivien beherrschte sie. Wieviele Ohrfeigen, die eigentlich Vivien gegolten hatten, mußte Julia in den letzten Jahren einstecken? Den Gedanken, sich über Professor Ullrich zu beschweren, hatte Schwester Inge längst aufgegeben. Sie hatte Frau Dr. Sabrina Schumann, die Verwaltungsdirektorin, nur einmal in seiner Gegenwart erlebt. Das reichte ihr, um zu begreifen, daß diese Frau ihm auf eine irre Art verfallen war. Für Schwester Inge stand fest, daß er die Verwaltungsdirektorin an der Leine führte. Jedenfalls konnte sie von ihr keine Hilfe gegen den allmächtigen Professor erwarten.


2.)
Auf Professor Ullrichs Schreibtisch lagen grob geknetete Figuren aus Ton. Sie sahen aus wie weggeworfene Föten. Jeder Besucher, der diesen Raum betrat, ging automatisch davon aus, es handle sich um tönerne Geschenke eines Patienten. Mißglückte Versuche einer gequälten Seele aus der Beschäftigungs- oder Spieltherapie. Professor Ullrich ließ die Menschen in dem Glauben. Aber er hatte die Figuren selbst geformt. Er erschrak jedesmal, wenn er sie ansah und fühlte sich ihnen doch vertraut. Vorsichtig berührte er eine gekrümmte, aufgeplatzte Gestalt. Sie kam ihm bestürzend lebendig vor. Wie eingefroren. Etwas Böses ging von diesen Figuren aus. Er hatte sie geschaffen, doch sie haßten ihn. Wenn sie aus ihrer Erstarrung auftauen könnten, würden sie ihn angreifen. Ullrich zog den Finger zurück, als hätte er sich an ihrer Kälte verbrannt. Er wagte es nicht oft, eine der Figuren anzufassen. Er bewahrte längst nicht alle im Büro auf. Ein paar von ihnen, die schlimmsten Fratzen, lagen zuhause in der Tiefkühltruhe neben den kopflosen Hechten und aufgeschnittenen Forellen. Er sah seinen Fingern gern beim Kneten zu. Sie waren dann wie selbständige, von ihm unabhängige kleine Wesen. Sein Kopf steuerte sie nicht. Er registrierte lediglich ihr Tun, als sei alles ein wissenschaftlicher Versuch. Eine interessante Testreihe: Was machen die Hände von Professor Ullrich, wenn er sie einfach sich selbst überläßt? Seine Fingerkuppen kamen ihm empfindlicher vor als seine Lippen. Sein Tastsinn war so ausgeprägt, als habe er ewig lange in völliger Dunkelheit und Stille verbracht. Ganz auf Berührung angewiesen, um die Welt zu erfahren. Wie andere Zigaretten oder Lutschbonbons bei sich tragen, hatte er immer Knetgummi in der rechten Westentasche. Sie war ausgebeult davon. Wenn er nichts knetete, hatte er etwas anderes zwischen den Fingern. Kronkorken. Büroklammern. Bleistifte. Papierkügelchen. Mit irgend etwas mußte er immer spielen. Es war kein nervöses Herumfingern. Mehr ein meditativer Akt. Als könnte er aus den Dingen Ruhe und Kraft saugen. Als würde er sich mehr durch seine Fingerkuppen ernähren als durch Mund und Speiseröhre. Seine Fingernägel waren stets gepflegt. Er reinigte sie mehrmals am Tag mit einer speziellen, nicht zu harten Nagelbürste unter klarem Wasser. Er feilte sie in eine ovale, fast spitz zulaufende Form. Er erschauderte bei dem Gedanken, eine Nagelschere zu verwenden. Er konnte auch anderen Menschen nicht dabei zusehen. Es war für ihn, als würden Gliedmaße abgeschnitten. Wenn die Schwestern in der Klinik verwirrten Patienten die Nägel von Händen und Füßen knipsten, verließ er den Raum, als sei er Zeuge einer Folterung geworden. Er empfand es als barbarisch. Am liebsten hätte er es verboten. Aber er wollte sich nicht lächerlich machen. Bei dem knappen Personalschlüssel war es undenkbar, den Patienten die Nägel zu feilen, statt zu schneiden. Es wurde die schnellste, sprich billigste Lösung gewählt. In seinem Arbeitszimmer hingen Vergrößerungen seiner Fingerabdrücke in schwarz, blau und rot an der Wand. Als hätte Andy Warhol keine Gesichter von Marylin, sondern Daumenabdrücke von Professor Ullrich gemalt. Sie waren fußballgroß. Es hatte etwas von Kunst an sich und etwas von Fahndungsakte. Er drehte seinen Ledersessel und betrachtete die zerklüfteten Landschaften. Wie ausgetrocknete Flußbette, verschlungen und labyrinthisch. So ähnlich stellte er sich Thara vor. Den Ort, von dem Vivien kam und über den sie mehr wußte als irgend ein anderes Lebewesen im Jetzt. Professor Ullrich schaltete mit der Fernbedienung den Monitor ein. Da sah er sie: Vivien. Sie lag nicht mehr auf dem Bett. Endlich schrieb sie wieder. Ihr Körper krümmte sich über das Papier, als müsse sie die Sätze aus sich herauspressen. Dort auf dem Bildschirm glich sie auf fatale Weise in Größe und Form den tönernen Figuren auf dem Schreibtisch des Professors. Sie sah genauso gequält aus, nur hielt ihre Haut sie noch zusammen. Das Innere platzte nicht einfach aus ihr heraus. Er drückte auf Maximale Lautstärke. Vivien atmete schwer. Wenn sie über Thara redete oder schrieb, wurde sie oft asthmatisch. Rote Äderchen durchzogen dann das Weiße in ihren Augen. Ihr Blutdruck stieg auf 180 zu 220. Der Puls raste in schwindelerregende Höhen. Professor Ullrich hatte es oft gemessen. Besonders nachts. So konnte er sie wecken, wenn sie wieder in Thara war. Doch ihre Berichte waren dann zu verworren, die Angst zu groß. Inzwischen verzichtete er ganz auf solche Messungen. Was sagten sie schon aus? Körperreaktionen, mehr nicht. Er switchte auf Bildausschnitt. Am liebsten würde er direkt mitlesen, was sie da schrieb, aber ihre vorgebeugte Schulter verbarg den Text. Ihre Haare glänzten kupferfarben. Sie reflektierten das zu helle Neonlicht. Vivien veränderte ihre Haarfarbe alle paar Tage. Mit Tönungen oder Henna konnte er ihr jedesmal eine Riesenfreude machen. Er hatte sie schon mit grünen, blauen und blonden Haaren gesehen, aber Rot war ihre absolute Lieblingsfarbe. Sie probierte eine Schattierung nach der anderen aus. Es war nicht einfach Eitelkeit. Nein, er spürte es deutlich, es war eine Art Identitätssuche, so, als würde sie ihre richtige Haarfarbe noch gar nicht kennen und mit jedem neuen Versuch nach ihr forschen. Die Sprechanlage auf Professor Ullrichs Schreibtisch knisterte und piepste. Frau Dr. Sabrina Schumann wollte ihn sprechen. Es sei dringend. Professor Ullrich grollte. Alles war immer dringend. Wahrscheinlich wollte nur irgendein Krankenhausfuzzy die Belegdaten diskutieren. Wie sehr er diese Typen mit ihrem Halbwissen und ihrer Macht haßte! Statt sich seinen Patienten zu widmen, mußte er mit diesen Trotteln Smalltalk halten, damit die Mittel nicht gekürzt wurden. Wie viele Stunden seines Lebens hatte er damit verbracht? Wenn einer von denen auch nur erahnen könnte, welch bedeutende Forschungen mit ihrem Geschwätz unterbrochen wurden! Sie würden sich vor Angst und Scham die Pulsadern öffnen. Das alles sagte er natürlich nicht. Er hatte sich im Griff. Er war freundlich wie immer. Doch Frau Dr. Sabrina Schumann erkannte trotz allem den unlustigen Tonfall seiner Stimme. Sie hatte gelernt, bei ihm auf die sanften Zwischentöne zu lauschen. "Bitte", sagte sie, "hier ist Vivien Schneiders Vater. Er will sie..." Professor Ullrich reagierte, als habe die Sintflut in seinem Büro die Wände eingedrückt. Er sprang zum Fenster und riß es auf. Er wählte den kürzesten Weg zum Verwaltungsgebäude. Quer durch den Garten. Schwester Inge sah ihn, wie er aus dem Fenster in das Blumenbeet stieg und losrannte. Sie stieß Marga Vollmers, die dicke Putzfrau an. Sie nickten sich zu. Der hatte sie nicht alle. Das war für sie sonnenklar. Inge regte sich noch auf über ihn. Für Marga stand längst fest, daß er bald sein Büro gegen ein Zimmer in der Geschlossenen eintauschen würde, wenn er so weitermachte. Ullrich war ein kleiner, drahtiger Mann. Hinter seinem Schreibtisch wirkte er feingliedrig und vergeistigt. Gar nicht wie Mitte 50. Eher wie jemand, der ohne ersichtlichen Grund aufgehört hat zu altern. Er konnte zwischen 35 und 60 sein. Wie er jetzt mit vorgerecktem Kopf über die Wiese jagte, hatte er nichts Akademisches mehr an sich. Der Professor trug das Hemd offen über der Hose. Nur die letzten der Knöpfe waren geschlossen. So lief er im Sommer wie im Winter herum. Er trug Hemden wie andere Menschen Kittel. Wenn die Temperaturen fielen und die Leute nur in dicken Wollpullovern aus dem Haus gingen, war das für ihn noch lange kein Grund, die Hemden zuzuknöpfen. Ganz so, als produziere sein Körper zuviel Hitze. Er fror nie. Krawatten waren ihm ein Greuel. Er fühlte sich schon, als sollte er erdrosselt werden, wenn er auf Wunsch der Klinikleitung bei einer Fachkonferenz den obersten Knopf am Hemd schließen mußte. Vor der Tür zum Verwaltungsgebäude stoppte er abrupt und walkte sich das Gesicht durch. Die Bartstoppeln erinnerten ihn daran, daß er letzte Nacht nicht zuhause verbracht hatte, sondern über Viviens Aufzeichnungen. Ein Ruck ging durch seinen Körper. Er machte sich gerade und versuchte zu lächeln. Dann erst trat er ein. Er begrüßte die Verwaltungsdirektorin, Frau Dr. Sabrina Schumann, mit einem kurzen Kopfnicken. Sie federte sofort von ihrem Stuhl hoch, überprüfte mit einem raschen Blick in den Spiegel den Sitz ihrer neuen Frisur und strich den Rock ihres hellgrauen Kostüms glatt. Eigentlich hatte sie Größe 42. Doch sie versuchte, sich in 38 hineinzuhungern. Der Rock hatte 40 und saß spack. Seit Professor Ullrich ihr einmal ein Kompliment über ihre Beine gemacht hatte, war sie nie wieder im Hosenanzug in die Klinik gegangen. Sie hatte praktisch ihre gesamte Garderobe ausgewechselt. Sie trug nur noch Röcke oder Kleider und trainierte ihre Beine auf dem Fahrrad. Sie wollte attraktiv für ihn sein. Der Professor bemerkte nicht einmal, daß die grauen Strähnchen frisch getönt waren. Er taxierte Viviens Vater. Richard Schneider hatte einen laschen Händedruck. Kraftlos hielt er die Hand hin wie ein totes, feuchtes Stück Fleisch. Professor Ullrich packte extra energisch zu. Schneider sollte gleich merken, mit wem er es zu tun hatte. Der Mann war emotional aufgewühlt und unsicher. Eine explosive Mischung aus Tatendrang und schlechtem Gewissen. Als Professor Ullrich seine Hand zurückzog, glaubte er das Nikotin zu spüren, das zwischen Schneiders Zeige- und Mittelfinger die Haut gelb gefärbt hat. Ullrich holte sein Stofftaschentuch aus der Hosentasche und wischte sich damit die Finger ab. Frau Dr. Sabrina Schumann bog die Schultern nach hinten, reckte die Brust raus, zog den Bauch ein , warf die Haare nach hinten und versuchte zu vermitteln, bevor der Streit begann. "Herr Schneider möchte seine Tochter gerne sehen und, wenn es geht, übers Wochenende mit nach Hause nehmen." Sie wollte verbindlich lächeln. Keiner der Männer reagierte darauf, so künstlich wirkte es. Sie fuhr ohne Luft zu holen fort, als könne sie mit ihrem Redefluß die drohende Katastrophe aufhalten: "Herr Schneider wohnt jetzt nicht mehr so weit weg wie früher. Er ist in unsere Nähe gezogen, damit er den Kontakt mit Vivien in Zukunft besser halten kann. Wie wir alle wissen, war Herr Schneider in der letzten Zeit beruflich und familiär in einer angespannten Lage und konnte sich leider nicht so intensiv um seine Tochter kümmern, wie vielleicht aus therapeutischer Sicht nötig gewesen wäre." Richard Schneider kaute schuldbewußt auf seiner Unterlippe herum und schaute auf seine Schuhspitzen. Das Leder war brüchig, ausgetrocknet und hatte ein paar feine Risse, die ihm jetzt erst auffielen. Die Schuhe waren nicht schmutzig. Aber sie sahen alt aus. Billig. Abgetragen. Die von Professor Ullrich waren weich, bequem. Edel. Professor Ullrich drehte das Taschentuch zu einem Strick zusammen. Die Schlinge zog sich um seinen Daumen fest. Frau Dr. Sabrina Schumann konnte den Blick nicht von dem geknebelten Daumen nehmen. Am liebsten hätte sie Aufhören! geschrien. Sie hatte Angst, Ullrichs Finger könnte gleich brechen. Sie konnte das Knirschen schon hören. Sie versuchte, das Geräusch mit ihrer Stimme zu übertönen. Sie wollte nicht hören, wenn es kam, und es mußte kommen. Ihr hysterisch heiserer Redefluß wurde durch Professor Ullrichs schneidende Stimme unterbrochen: "Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage!" Frau Dr. Sabrina Schumann stöhnte und sah den Professor flehend an. Richard Schneider schaute auf, tat, als hätte er nicht verstanden. "Wie?" Professor Ullrich ließ das Taschentuch los. Es kräuselte sich gegen die Drehung wie eine Schlange, die sich in dem Daumen festgebissen hat. Bevor es auf den Boden fiel, knüllte er es zusammen und steckte es ein. Er hielt dabei Blickkontakt mit Viviens Vater. Sie sahen sich direkt in die Augen. Es war wie ein Duell. Wer zuerst wegguckte, hatte verloren. "Wie lange haben Sie sich nicht um Vivien gekümmert? Ein Jahr? Zwei Jahre? Drei?" Professor Ullrich wußte es genau. Er hatte jeden Tag gezählt, und es waren bisher 992 seit dem letzten Kontakt. Schneider ahnte, daß der Professor es wußte und der Professor wußte, daß Schneider ahnte, daß er es wußte. Trotzdem antwortete Schneider: "Ja. Ja, Sie haben recht. Es waren fast drei Jahre. Aber es hat sich viel geändert. Ich habe mich gefangen. Ich..." "Herr Schneider hat eine Therapie gemacht...", warf Frau Dr. Sabrina Schumann ein. Unter ihrem Mieder begann die Haut zu jucken. Sie hätte sich jetzt gerne gekratzt oder, besser noch, heiß geduscht. Professor Ullrich nickte Schneider zynisch zu. "Wie schön für Sie. Herzlichen Glückwunsch." "...hat wieder geheiratet und..." "Und jetzt fehlt ihm zum Familienglück nur noch ein Kind, was?" "Ich bin ihr Vater", stellte Herr Schneider fest, als hätte das irgend jemand bezweifelt. Er hielt dem Blick nicht länger stand. Mit einer so schnellen Kapitulation hatte Professor Ullrich gar nicht gerechnet. Er setzte sofort nach: "Guter Mann, ich muß Ihnen zugute halten, daß Sie keine Ahnung haben. Vivien ist in einer psychisch äußerst labilen Situation. Das schöne Familienwochenende könnte anders verlaufen, als Sie es planen. Vielleicht ißt sie mit Ihnen zu Abend. Scherzt, lacht - und dann verändert sich plötzlich ihr Blick." Professor Ullrich machte es vor, während er redete. Unwillkürlich wich Schneider zurück. "Sie denken, daß ihr etwas angst macht oder etwas sie geärgert hat. Aber das stimmt nicht. Sie hält Sie für einen Hillruc. Sie schreit Sie an, Sie sollen sie nicht anfassen. Dann nimmt sie das Brotmesser vom Tisch und sticht auf Sie ein, bis Sie sich nicht mehr bewegen." Die Stille im Raum war jetzt beängstigend. In der geschlossenen Abteilung brüllte ein Verzweifelter. Der weit entfernte Schrei von außen drang durch die Scheiben in den Verwaltungstrakt. Es klang unwirklich. Mit belegter Stimme fragte Richard Schneider: "Was ist ein Hillruc?" Professor Ullrich wendete sich ab und machte eine wegwerfende Geste. Sein Gesicht deutete an Das kapieren Sie sowieso nicht, doch er sagte: "Eine Art Teufel." Schneider fingerte die letzte Zigarette aus seiner Packung und faltete die leere Schachtel zusammen wie ein gebügeltes Hemd. In diesem Raum war es nicht gestattet zu rauchen. Zwei Schilder wiesen darauf hin. Aber Frau Dr. Sabrina Schumann sah jetzt darüber hinweg. "Was Vivien braucht", erklärte Professor Ullrich mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete, "ist die Stabilität einer kontinuierlichen Beziehung. Das ist für sie so etwas wie eine Rettungsboje auf hoher See. Wenn sie aus dem Dunkel auftaucht, muß jemand da sein. Immer. Diese Sicherheit haben wir ihr in den letzen Jahren gegeben. Heute Hüh, morgen Hott und übermorgen Mal-gucken-wie-ich-so-drauf-bin, das ist schon für normale Kinder schlecht. Für Vivien ist es unerträglich! Sie hat Sie vergessen. Zumindestens versucht sie es. Ihr plötzliches Auftauchen könnte sie in eine Krise stürzen. Das können Sie doch auch nicht wollen." Viviens Vater hielt die Zigarette wippend zwischen den Lippen. Mit beiden Händen tastete er seine Taschen nach Feuer ab, fand aber nichts. Er gab auf, nahm die Zigarette aus dem Mund und zeigte mit dem Filter auf Professor Ullrich. "Ich will meine Tochter. Sie können mir das nicht verbieten." Professor Ullrich warf Frau Dr. Sabrina Schumann einen Blick zu. Sie nickte resigniert und ließ die Schultern sinken. Damit wich die Spannung aus ihrem Körper. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, an einem Abgrund zu stehen und das Gleichgewicht zu verlieren.


3.)
Vivien schraubte den Füller zusammen und las die Sätze noch einmal. Gegen Abend ging die dritte Sonne im Sprühwald unter. Feuchte Kälte kroch in die Schlucht. Mit ihr kamen die Congas. Vivien saß zusammengekauert auf dem Stuhl. Die Beine ganz am Körper. Sie fror. Sie rieb sich die Oberarme und starrte aufs Papier. Die Sätze rochen nach den dicken Schlangen. Aus den Mäulern der Congas stieg ein fauliger, modriger Gestank hoch. Vivien riß die Seite aus dem Buch und zerknüllte sie. Die Riesenschlangen kamen immer nur nachts. Sie fürchteten das Feuer und das Licht. Die kleine Schreibtischlampe würde sie nicht schrecken. Vivien stieg auf den Stuhl und sprang von dort aufs Bett. Sie versuchte, den Lichtschalter zu erreichen, ohne auf den Boden zu treten. Die Congas waren Meister der Tarnung. Sie versteckten sich im Teppichboden so gut wie im Schilf. Das Wasser fiel im Sprühwald aus den Spitzen der Bäume. Mit einem schlürfenden Geräusch saugten die Wurzeln der hölzernen Riesen die Feuchtigkeit aus dem Boden und preßten sie durch ihre Adern hoch in die fleischigen Blätter. Dort wurden sie in dicken Tropfen ausgeschwitzt. Vivien versuchte, ihnen auszuweichen. Manche Tropfen brachten das Fieber. Wo sie auf die Haut trafen, wurde alles wund. Vivien lauschte. Die Congas mußten hier sein. So sehr sie den Arm auch reckte, sie kam vom Bett aus nicht bis an den Lichtschalter. Sie mußte es wagen, einmal den Boden mit den Füßen zu berühren. Ein einziges Mal müßte reichen. Die Neonröhren an der Decke waren die Rettung. Die Congas hatten Angst davor. Da glitschte etwas an der Wand herunter. Vivien kreischte. Die Congas waren mit dem Nebel aufgestiegen. Sie hatten den Boden verlassen und zogen jetzt ihre schleimigen Spuren in den Baumkronen. Wenn die Congas in den Wipfeln raubten und die Vogeleier stahlen, dauerte die Dunkelheit ewig. Die drei Sonnen mußten gestorben sein. Nur ihre Wiedergeburt konnte die Congas vertreiben. Die Monde am Himmel strahlten nicht hell genug. Vivien hechtete vom Bett. Sie schlug mit der Faust gegen den Lichtschalter und rettete sich von dort mit einem einzigen Sprung unter das Bett. Die sichere, enge Höhle. Hinter sich den Berg. Vor sich den hellen Eingang. Hier hatte Vivien Schokolade gebunkert, um einen langen Winter zu überstehen. Hoffnungsvoll starrte sie mit weit aufgerissenen Augen in das Licht. Die Sonnen würden die Congas austrocknen. Sie mußten zurück in die Sümpfe. Männer traten vor Viviens Höhle. Sie schauten zu ihr herein. "Congas!" kreischte Vivien. "Congas!" Sie erkannte Professor Ullrich. Sie sah, daß sein Mund sich bewegte. Aber da waren noch ein Mann und eine Frau. Sie standen mitten zwischen der Schlangenbrut. "Congas!" schrie Vivien wieder. "Congas! Ganz viele! Paßt auf!" Richard Schneider griff nach seiner Tochter. Er wollte sie unterm Bett hervorziehen, ihr zeigen, daß dort nichts war. Vivien schnappte nach seiner Hand wie eine in die Enge getriebene Ratte. Sie erwischte seine Hemdsärmel mit den Zähnen und warf den Kopf nach links und rechts wie das Raubtiere tun, um einem Beutetier das Genick zu brechen. Professor Ullrich riß Schneider zurück und fuhr ihn an: "Sind Sie wahnsinnig? Was machen Sie da? Sie dürfen sie nicht aus ihrem Schutzraum ziehen!? "Schutzraum? Sie hat vor irgendwas Angst. Zeigen Sie ihr doch, daß nichts da ist!" Professor Ullrich konnte seine kalte Wut nur schwer unter Kontrolle halten. Er hätte sich jetzt lieber mit Vivien beschäftigt als mit diesem Kretin. Er schleifte ihn fast aus dem Zimmer in den Flur. Schneider wehrte sich nicht. Er ging aber auch keinen Schritt freiwillig. Frau Dr. Sabrina Schumann blieb bei Vivien. Sie hoffte, daß Peter Ullrich sie nicht lange hier allein lassen würde. Sie wagte kaum, sich zu bewegen. Sie hatte Angst, etwas falsch zu machen. Sie wollte seinen Zorn nicht auf sich ziehen. Im Flur hörte sie den Professor zischen. "Hören Sie zu: Für Sie ist da drin in dem Zimmer nichts. Für Vivien lauert dort eine tödliche Gefahr! Wenn Sie sie unter ihrem Bett hervorziehen, liefern Sie sie den Congas aus." "Was soll das sein: Congas?" Wenn Professor Ullrich ehrlich mit sich war, wußte er das selbst nicht. Aber er würde es herausfinden. Schon bald. "Und? Wollen Sie meine Tochter jetzt da unter ihrem Bett in ihrer Panik liegenlassen, oder was?" "Ich respektiere zunächst Viviens Sinneseindrücke. Genauso wie die aller anderen Menschen. Vielleicht wird sie später herausfinden, daß diese Congas nur ihrer Phantasie entsprungen sind. Aber das nutzt uns jetzt nichts. Jetzt sind sie da. Wenn wir das leugnen, helfen wir ihr nicht." Viviens langer, verzweifelter Schrei ließ Richard Schneider verstummen, bevor er eine Antwort herausbekam. "Bitte, Herr Schneider, lassen Sie mich jetzt mit Vivien allein", verlangte Ullrich. "Oder wollen Sie sie immer noch mitnehmen?? Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ Professor Ullrich Richard Schneider im Flur stehen und ging zu Vivien. Sie lag strampelnd unter ihrem Bett. "Nein! Nein! Nein!" Frau Dr. Sabrina Schumann war froh, erlöst zu werden. Sie setzte sich jetzt gerne mit Schneider auseinander. Hauptsache, sie konnte diesen Raum endlich verlassen. Richard Schneider atmete nicht. Er stand an die Wand gelehnt wie eine Schaufensterpuppe, die jemand dort abgestellt hatte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den Rauchmelder an, ohne ihn wirklich zu sehen. Seine Finger betasteten den zerfetzten Hemdsärmel, als würde ihm dieses Stück Stoff beweisen, daß er das gerade wirklich erlebt hatte. Sabrina Schumann berührte ihn vorsichtig. "Herr Schneider? Wir sollten jetzt gehen. Kommen Sie mit mir.? Er nickte kaum merklich. Er brauchte noch ein paar Augenblicke. Er mußte es erst schaffen, einmal tief durchzuatmen. Ihm war schon schwindlig. Der Gedanke an eine Zigarette löste den Krampf in der Brust. Er hatte das Gefühl, jetzt rauchen zu müssen, um Luft zu bekommen. Der Wunsch nach einer Zigarette wurde übermächtig. Er folgte Dr. Schumann durch den Flur nach draußen. Dabei kam er an der immer noch sperrweit offenen Tür von Viviens Zimmer vorbei. Was er sah, konnte er kaum glauben: Professor Dr. Ullrich kroch zu Vivien unter das Bett. Sie rollte sich zusammen und suchte zitternd Schutz bei ihm. Er schlang seine Arme um sie. Die zwei lagen jetzt dort wie ein Liebespaar. Wie zwei Personen, die zu einer verschmelzen, dachte Schneider. Er spürte den Stich Eifersucht. Einerseits wäre er gerne an Ullrichs Stelle gewesen. Andererseits wußte er genau, daß er das nicht gekonnt hätte. Nicht so. Wahrscheinlich, dachte er, war sie bei Ullrich in guten Händen. Vermutlich war sie hier in der Klinik wirklich besser aufgehoben als bei ihm daheim. Gleichzeitig sträubte sich alles in ihm gegen die Vorstellung, Vivien hier bei diesem Mann zu lassen. Er wollte sie endlich mitnehmen, zu sich in das neue Zuhause. Schneider blieb vor der Tür stehen. Er konnte den Blick nicht von Ullrichs Rücken und seinen Schuhsohlen wenden. Viel mehr war von ihm nicht mehr zu sehen. Vivien war ganz in ihm verschwunden. Ihre Stimme war jetzt nicht mehr so panisch. Sie stammelte immer noch etwas von Congas. Ihr Vater verstand die Satzzusammenhänge nicht. Aber er hörte Ullrichs ruhige Worte: ?Hier sind wir ganz sicher. Hier trauen sie sich nicht hin.? "Wirklich nicht?" "Ganz bestimmt nicht." "Das ist gut. Sie fürchten das Licht." "Hast du die Congas schon oft gesehen?" "Ja. Ganz oft." "Willst du mir davon erzählen?" "Ja." "Gut, Uta. Ich höre dir zu. Ich will alles erfahren, was du über die Congas weißt." Frau Dr. Sabrina Schumann kam vom Ende des Flurs zurück. Sie zupfte Schneider am Ärmel und raunte ungeduldig: "Nun kommen Sie schon! Alleine können Sie hier nicht raus. Dies ist die geschlossene Abteilung." Sie zeigte ihm den Schlüssel. Er ging mit. Richard Schneider wirkte immer noch völlig verstört. "Er... er hat meine Tochter Uta genannt." Frau Dr. Sabrina Schumann nickte. "Ja. Wenn sie so ist, wie gerade, dann ist sie Uta. Eine Tschika aus einem kleinen Dorf auf Thara." Sie schloß die schwere Flurtür auf. Richard Schneider wirkte wie ein Ertrinkender auf sie. Sie stützte ihn wie einen gebrechlichen alten Mann, als sie gemeinsam die Geschlossene verließen. Während seine Linke nervös und erfolglos nach Zigaretten fingerte, hielt er sich mit rechts an Frau Dr. Schumann fest. "Der glaubt, daß das alles wirklich passiert ist, stimmt´s?" Die Verwaltungsdirektorin holte tief Luft. Sie wollte aus diesem zu engen Mieder raus, aus dem Rock und aus der ganzen heiklen Situation. Wieder jagte eine dieser Hitzewellen durch ihren Körper wie ein Sandsturm. Die Wechseljahre schüttelten ihren Körper trotz aller Hormone. Jetzt wurde aus dem alten gebrechlichen Mann ein Draufgänger. Er schüttelte seine Begleiterin. "Der denkt, meine Tochter sei ein Alien!" Dr. Sabrina Schumann versuchte Schneider zu beruhigen. Sie bot ihm die ihrer Meinung nach bessere Alternative an. "Er denkt es nicht. Vivien denkt es von sich. Professor Ullrich ist eine Kapazität. Sie können froh sein, daß ein so gefragter Mann Ihre Tochter behandelt." Richard Schneider schluckte trocken. Er wollte es sachlich sagen, doch es kam mit unverhohlenem Spott. "Ich habe Erkundigungen über Ihre Kapazität eingezogen. Der spinnt doch. Der glaubt an Reinkarnation!" Schneider schlug sich gegen die Stirn. "Seelen-wanderung! Das ist doch Hokuspokus!" Dr. Sabrina Schumann schaute sich um, ob ihnen auch niemand zuhörte. Dann räusperte sie sich. Der Sandsturm ließ nach. Trotzdem hätte sie am liebsten in Eiswürfeln gebadet. "Mein lieber Herr Schneider, niemand wird hier wegen seines Glaubens oder wegen seiner Hautfarbe benachteiligt. Zwei Drittel aller Weltreligionen beinhalten den Glauben an Reinkarnation. Der Buddhismus, der Hinduismus, der..." Da er genau spürte, wie wichtig es ihr war, daß sie niemand hörte, brüllte er um so lauter: "Ach, hören Sie doch auf!" "Bitte beruhigen Sie sich. Sie machen unseren Patienten Angst." Er ließ sie stehen. Er ging aufrecht. Sabrina Schumann ahnte, daß die Schwierigkeiten mit diesem Mann soeben erst begonnen hatten.

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