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Karma-Attacke
(aus: Karma-Attacke, Kapitel 1-3,
2004, Scherz)
1.)
Für die meisten Menschen war Vivien einfach nur verrückt. Für Professor Peter
Ullrich dagegen war sie ein Lichtwesen wie wir alle. Nur daß bei ihrer letzten
Wiedergeburt auf der Erde etwas schiefgelaufen war. Ihr Gedächtnis wurde nicht
vollständig gelöscht. So kam sie nicht wie andere Neugeborene aus dem Nichts,
in das wir alle immer wieder kommen und gehen, sondern sie begann ihr Leben mit
Erinnerungen an eine schreckliche Vergangenheit, die es eigentlich gar nicht
gegeben haben dürfte. Zumindest nicht auf diesem Planeten. Professor Ullrich
hatte ein besonderes Interesse an Kindern, die in einer anderen Welt zu leben
schienen. Er sammelte sie, wie andere Wissenschaftler Krebsgewebe oder
Schlangengifte. Er studierte sie. Und er hoffte, dabei mehr über sich selbst zu
erfahren. Vivien war schon seit drei Jahren bei ihm im Landeskrankenhaus. In der
geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Hier war Professor Ullrich ein Gott,
und er würde Vivien nie, nie hier herauslassen. Denn ihre Erinnerungen waren
klarer als bei allen anderen Patienten, die er bisher gehabt hatte. Sie war für
ihn wie eine gigantische unterirdische Bibliothek, für die nur er einen
Leihausweis besaß. Er zog immer wieder wahllos Bücher heraus, schmökerte
darin herum und las sich bis zur Erschöpfung fest. Beim nächsten Besuch
entdeckte er einen Raum mit anderen Buchregalen, wieder mit ein paar tausend
Bänden. In jedem weitere, neue, aufregende Aspekte des Seins. Doch egal,
wieviel Zeit er in seiner Bibliothek verbrachte, sein Leben würde nicht
ausreichen, um alle Bücher zu lesen, geschweige denn zu speichern und
auszuwerten. Er mußte systematisch vorgehen. Er sagte es sich jeden Tag. Aber
bei jeder neuen Begegnung mit Vivien erlag er ihrer Faszination sofort. Schon
ein paarmal war er kurz davor gewesen, eine Kollegin hinzuzuziehen. Er hatte die
bekannte Reinkarnationstherapeutin Brigitte Zablonski sogar schon zum
Gedankenaustausch ins Da Capo eingeladen. Doch im letzten Moment war er
eifersüchtig vor der Vorstellung zurückgeschreckt, jemand anderen in seiner
Geheimbibliothek lesen zu lassen. Vielleicht hätte sie sich für immer
verschlossen, oder, das fürchtete er noch mehr, Vivien könnte plötzlich nicht
mehr ihm allein gehören, sondern wissenschaftliches Allgemeingut werden. Also
widerlegbar. Er stellte sich vor, wie seine Kollegen Vivien Schicht für Schicht
genüßlich auseinandernahmen, um ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Er sah
sie schon, wie sie alles in den Schmutz zogen, was nicht in ihr engmaschiges
Weltbild paßte. Für ihn waren sie erkenntnistheoretische Dünnbrettbohrer,
kaum in der Lage, ihre eigene Existenz hier und jetzt zu begreifen. Wie sollten
sie akzeptieren können, daß es ein Wesen wie Vivien gab? Denn eins stand für
Professor Ullrich fest: Wir sind alle Lichtwesen wie Vivien, nur, wir erinnern
uns kaum an etwas, das vor unserer Geburt geschah. Und wenn doch, dann nennen
wir die Erinnerungen an unser vorheriges Leben Träume oder Phantasien, und
falls sie heftiger werden, Wahnvorstellungen. Es gab Tabletten dagegen und
ausgefeilte Behandlungsmethoden. Statt die Chance zu ergreifen, die in den
aufblitzenden Informationsstückchen unserer Vergangenheit liegen, wurden ihre
Träger hospitalisiert oder man banalisierte alles. Professor Ullrich hatte
Vivien schon so oft hypnotisiert, daß sie manchmal bereits in den Zustand
versank, wenn sie nur seine Stimme hörte. Er konnte sehr großzügig sein. Zum
fünfzehnten Geburtstag hatte er ihr eine wunderschöne chinesische Kladde
geschenkt. Jetzt mußte sie nicht mehr die kleinen Schulhefte vollschmieren. Den
neuen Kolbenfüller mit Goldfeder benutzte sie fast nie. Dafür schrieb sie
mindestens einen Filzstift pro Woche leer. Professor Ullrich unterstützte ihren
Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Er lobte ihr Talent. Er las jeden Satz, den
sie schrieb. Besonders ihren Thara-Roman mochte er. Aber manchmal gruselte sich
Vivien vor dem Professor. Sie hatte die Putzfrauen belauscht, als sie sich über
Professor Ullrich unterhalten hatten. Die Putzfrauen durften Viviens Papierkorb
nicht in den Müll ausleeren. Alles mußte dem Professor gebracht werden. Die
alte, dicke Marga mit den rosigen Wangen, die von sich behauptete, hier im
Landeskrankenhaus zum Inventar zu gehören, spottete lauthals über ihn. Er habe
doch selbst einen Haschmisch, wie alle Psychologen. Sie könne sich ein Urteil
erlauben, sie habe schließlich viele kommen und gehen sehen, aber keiner sei so
abgedreht gewesen wie Professor Ullrich. Trotzdem nannte sie ihn, wie die
meisten hier, nur respektvoll den Chef. Einmal hatte Vivien in seinen Akten
einen Zettel gefunden. Ein aus dem Schulheft herausgerissenes, zerknülltes
Stückchen kleinkariertes Papier. Es war auf ein vollständiges DIN-A-4-Blatt
geklebt und unter Klarsichtfolie abgeheftet worden. Die roten Kringel und Pfeile
waren von ihm. In seiner verkrochenen, krakeligen Schrift hatte er ein paar
Bemerkungen hinzugefügt. Er mußte diese Fetzen tatsächlich aus ihrem
Papierkorb haben. Vivien hatte sich vorgestellt, wie er sie bügelte und zu
entziffern versuchte. Sie verstand nicht, was sie so interessant machte. Aber
manchmal genoß sie es. Sie hatte so etwas wie Macht über ihn. Je mehr sie
schrieb und erzählte, um so glücklicher machte sie ihn. Wenn sie sich ins
Schweigen zurückzog, konnte er seine Verzweiflung nur schwer verbergen.
Natürlich hatte sie ein Einzelzimmer in Trakt B. Eine bunte Oase in diesem
grauen Teil des Landeskrankenhauses. Sie besaß einen Fernseher mit
Kabelanschluß und einen Videorecorder. Sie durfte gucken, was sie wollte.
Allerdings gab es eine kleine, merkwürdige Besonderheit. Die Schwester hatte
die Fernbedienung, und manuell konnte Vivien den Kasten nicht bedienen. Die
Knöpfe waren blockiert. Sie mußte jedesmal, wenn sie in ein anderes Programm
umschalten wollte, die Schwester rufen. Die Schwester mußte genau Protokoll
darüber führen, welche Sendungen Vivien sich wann ansah. Niemand verstand es.
Aber es war eine Anweisung vom Chef persönlich. Und der mußte sich nicht
erklären. Wenn Vivien die Schwester ärgern wollte - und Schwester Inge
ärgerte sie besonders gern - dann rief sie zehnmal an einem Abend. Sie ließ
Schwester Inge durch die Programme switchen. Für Vivien war sie eine blöde
Ziege, und Vivien genoß das Gefühl, ihr viel Arbeit zu machen. Denn auch
darüber mußte Schwester Inge genau Protokoll führen. Vivien konnte ruhig eine
schiefe Schnute dabei ziehen oder patzige Bemerkungen machen - Schwester Inge
tat, was Vivien verlangte und schrieb es auf, denn es machte keinen Sinn, sich
gegen Professor Ullrichs Anweisungen aufzulehnen. Zumindest nicht, wenn man
seinen Job behalten wollte. Und Schwester Inge war als alleinerziehende Mutter
auf diese Stelle angewiesen. Einmal, ein einziges Mal, hatte Schwester Inge
gewagt, eine spitze Bemerkung zu machen. Sie hatte sich breitbeinig vor
Professor Ullrich aufgebaut, die Hände in die Hüften gestemmt und gelästert:
"Wenn Sie mich fragen, die Göre braucht keine Therapie. Was die nötig
hat, sind ein paar Ohrfeigen." Professor Ullrich hatte Schwester Inge mit
einem Blick angesehen, der so kalt war, daß sie ihn wie Eis auf der Haut
spürte. "Sie fragt aber keiner!" hatte er zurückgezischt und dann so
getan, als sei die Sache damit ein für allemal erledigt. Doch Schwester Inge
wußte, er wartete nur darauf, daß sie einen Fehler machte. Sie stand jetzt auf
seiner Abschußliste. Er würde gnadenlos dafür sorgen, daß sie geht, wenn sie
ihm auch nur den kleinsten Anlaß dazu gäbe. Sie hoffte, sich vielleicht wieder
bei ihm einschmeicheln zu können. Sie sah dafür nur einen Weg: Er führte
über Vivien. Irgendwann würde sie - und sei es nur im Rahmen eines pubertären
Hormonschubs - versuchen, sich der absoluten Kontrolle von Professor Ullrich zu
entziehen. Auf diesen Moment wartete Schwester Inge. Sie würde Vivien bei ihm
verpetzen. Damit hoffte sie, alles wieder ins Lot zu bringen. Wenn es ihr
gelingen würde, ihm ein Geheimnis über Vivien zu verraten, ihm eine
Information zu geben, die ihm bisher nicht zugänglich war, dann, ja dann
könnte sie sogar die Stationsleitung bekommen... Alles hing also von Vivien ab.
Schwester Inge haßte dieses unmögliche Kind. Sie war genauso alt wie ihre
Tochter Julia. Aber Vivien beherrschte sie. Wieviele Ohrfeigen, die eigentlich
Vivien gegolten hatten, mußte Julia in den letzten Jahren einstecken? Den
Gedanken, sich über Professor Ullrich zu beschweren, hatte Schwester Inge
längst aufgegeben. Sie hatte Frau Dr. Sabrina Schumann, die
Verwaltungsdirektorin, nur einmal in seiner Gegenwart erlebt. Das reichte ihr,
um zu begreifen, daß diese Frau ihm auf eine irre Art verfallen war. Für
Schwester Inge stand fest, daß er die Verwaltungsdirektorin an der Leine
führte. Jedenfalls konnte sie von ihr keine Hilfe gegen den allmächtigen
Professor erwarten.
2.)
Auf Professor Ullrichs Schreibtisch lagen grob geknetete Figuren aus Ton. Sie
sahen aus wie weggeworfene Föten. Jeder Besucher, der diesen Raum betrat, ging
automatisch davon aus, es handle sich um tönerne Geschenke eines Patienten.
Mißglückte Versuche einer gequälten Seele aus der Beschäftigungs- oder
Spieltherapie. Professor Ullrich ließ die Menschen in dem Glauben. Aber er
hatte die Figuren selbst geformt. Er erschrak jedesmal, wenn er sie ansah und
fühlte sich ihnen doch vertraut. Vorsichtig berührte er eine gekrümmte,
aufgeplatzte Gestalt. Sie kam ihm bestürzend lebendig vor. Wie eingefroren.
Etwas Böses ging von diesen Figuren aus. Er hatte sie geschaffen, doch sie
haßten ihn. Wenn sie aus ihrer Erstarrung auftauen könnten, würden sie ihn
angreifen. Ullrich zog den Finger zurück, als hätte er sich an ihrer Kälte
verbrannt. Er wagte es nicht oft, eine der Figuren anzufassen. Er bewahrte
längst nicht alle im Büro auf. Ein paar von ihnen, die schlimmsten Fratzen,
lagen zuhause in der Tiefkühltruhe neben den kopflosen Hechten und
aufgeschnittenen Forellen. Er sah seinen Fingern gern beim Kneten zu. Sie waren
dann wie selbständige, von ihm unabhängige kleine Wesen. Sein Kopf steuerte
sie nicht. Er registrierte lediglich ihr Tun, als sei alles ein
wissenschaftlicher Versuch. Eine interessante Testreihe: Was machen die Hände
von Professor Ullrich, wenn er sie einfach sich selbst überläßt? Seine
Fingerkuppen kamen ihm empfindlicher vor als seine Lippen. Sein Tastsinn war so
ausgeprägt, als habe er ewig lange in völliger Dunkelheit und Stille
verbracht. Ganz auf Berührung angewiesen, um die Welt zu erfahren. Wie andere
Zigaretten oder Lutschbonbons bei sich tragen, hatte er immer Knetgummi in der
rechten Westentasche. Sie war ausgebeult davon. Wenn er nichts knetete, hatte er
etwas anderes zwischen den Fingern. Kronkorken. Büroklammern. Bleistifte.
Papierkügelchen. Mit irgend etwas mußte er immer spielen. Es war kein
nervöses Herumfingern. Mehr ein meditativer Akt. Als könnte er aus den Dingen
Ruhe und Kraft saugen. Als würde er sich mehr durch seine Fingerkuppen
ernähren als durch Mund und Speiseröhre. Seine Fingernägel waren stets
gepflegt. Er reinigte sie mehrmals am Tag mit einer speziellen, nicht zu harten
Nagelbürste unter klarem Wasser. Er feilte sie in eine ovale, fast spitz
zulaufende Form. Er erschauderte bei dem Gedanken, eine Nagelschere zu
verwenden. Er konnte auch anderen Menschen nicht dabei zusehen. Es war für ihn,
als würden Gliedmaße abgeschnitten. Wenn die Schwestern in der Klinik
verwirrten Patienten die Nägel von Händen und Füßen knipsten, verließ er
den Raum, als sei er Zeuge einer Folterung geworden. Er empfand es als
barbarisch. Am liebsten hätte er es verboten. Aber er wollte sich nicht
lächerlich machen. Bei dem knappen Personalschlüssel war es undenkbar, den
Patienten die Nägel zu feilen, statt zu schneiden. Es wurde die schnellste,
sprich billigste Lösung gewählt. In seinem Arbeitszimmer hingen
Vergrößerungen seiner Fingerabdrücke in schwarz, blau und rot an der Wand.
Als hätte Andy Warhol keine Gesichter von Marylin, sondern Daumenabdrücke von
Professor Ullrich gemalt. Sie waren fußballgroß. Es hatte etwas von Kunst an
sich und etwas von Fahndungsakte. Er drehte seinen Ledersessel und betrachtete
die zerklüfteten Landschaften. Wie ausgetrocknete Flußbette, verschlungen und
labyrinthisch. So ähnlich stellte er sich Thara vor. Den Ort, von dem Vivien
kam und über den sie mehr wußte als irgend ein anderes Lebewesen im Jetzt.
Professor Ullrich schaltete mit der Fernbedienung den Monitor ein. Da sah er
sie: Vivien. Sie lag nicht mehr auf dem Bett. Endlich schrieb sie wieder. Ihr
Körper krümmte sich über das Papier, als müsse sie die Sätze aus sich
herauspressen. Dort auf dem Bildschirm glich sie auf fatale Weise in Größe und
Form den tönernen Figuren auf dem Schreibtisch des Professors. Sie sah genauso
gequält aus, nur hielt ihre Haut sie noch zusammen. Das Innere platzte nicht
einfach aus ihr heraus. Er drückte auf Maximale Lautstärke. Vivien atmete
schwer. Wenn sie über Thara redete oder schrieb, wurde sie oft asthmatisch.
Rote Äderchen durchzogen dann das Weiße in ihren Augen. Ihr Blutdruck stieg
auf 180 zu 220. Der Puls raste in schwindelerregende Höhen. Professor Ullrich
hatte es oft gemessen. Besonders nachts. So konnte er sie wecken, wenn sie
wieder in Thara war. Doch ihre Berichte waren dann zu verworren, die Angst zu
groß. Inzwischen verzichtete er ganz auf solche Messungen. Was sagten sie schon
aus? Körperreaktionen, mehr nicht. Er switchte auf Bildausschnitt. Am liebsten
würde er direkt mitlesen, was sie da schrieb, aber ihre vorgebeugte Schulter
verbarg den Text. Ihre Haare glänzten kupferfarben. Sie reflektierten das zu
helle Neonlicht. Vivien veränderte ihre Haarfarbe alle paar Tage. Mit Tönungen
oder Henna konnte er ihr jedesmal eine Riesenfreude machen. Er hatte sie schon
mit grünen, blauen und blonden Haaren gesehen, aber Rot war ihre absolute
Lieblingsfarbe. Sie probierte eine Schattierung nach der anderen aus. Es war
nicht einfach Eitelkeit. Nein, er spürte es deutlich, es war eine Art
Identitätssuche, so, als würde sie ihre richtige Haarfarbe noch gar nicht
kennen und mit jedem neuen Versuch nach ihr forschen. Die Sprechanlage auf
Professor Ullrichs Schreibtisch knisterte und piepste. Frau Dr. Sabrina Schumann
wollte ihn sprechen. Es sei dringend. Professor Ullrich grollte. Alles war immer
dringend. Wahrscheinlich wollte nur irgendein Krankenhausfuzzy die Belegdaten
diskutieren. Wie sehr er diese Typen mit ihrem Halbwissen und ihrer Macht haßte!
Statt sich seinen Patienten zu widmen, mußte er mit diesen Trotteln Smalltalk
halten, damit die Mittel nicht gekürzt wurden. Wie viele Stunden seines Lebens
hatte er damit verbracht? Wenn einer von denen auch nur erahnen könnte, welch
bedeutende Forschungen mit ihrem Geschwätz unterbrochen wurden! Sie würden
sich vor Angst und Scham die Pulsadern öffnen. Das alles sagte er natürlich
nicht. Er hatte sich im Griff. Er war freundlich wie immer. Doch Frau Dr.
Sabrina Schumann erkannte trotz allem den unlustigen Tonfall seiner Stimme. Sie
hatte gelernt, bei ihm auf die sanften Zwischentöne zu lauschen.
"Bitte", sagte sie, "hier ist Vivien Schneiders Vater. Er will
sie..." Professor Ullrich reagierte, als habe die Sintflut in seinem Büro
die Wände eingedrückt. Er sprang zum Fenster und riß es auf. Er wählte den
kürzesten Weg zum Verwaltungsgebäude. Quer durch den Garten. Schwester Inge
sah ihn, wie er aus dem Fenster in das Blumenbeet stieg und losrannte. Sie
stieß Marga Vollmers, die dicke Putzfrau an. Sie nickten sich zu. Der hatte sie
nicht alle. Das war für sie sonnenklar. Inge regte sich noch auf über ihn.
Für Marga stand längst fest, daß er bald sein Büro gegen ein Zimmer in der
Geschlossenen eintauschen würde, wenn er so weitermachte. Ullrich war ein
kleiner, drahtiger Mann. Hinter seinem Schreibtisch wirkte er feingliedrig und
vergeistigt. Gar nicht wie Mitte 50. Eher wie jemand, der ohne ersichtlichen
Grund aufgehört hat zu altern. Er konnte zwischen 35 und 60 sein. Wie er jetzt
mit vorgerecktem Kopf über die Wiese jagte, hatte er nichts Akademisches mehr
an sich. Der Professor trug das Hemd offen über der Hose. Nur die letzten der
Knöpfe waren geschlossen. So lief er im Sommer wie im Winter herum. Er trug
Hemden wie andere Menschen Kittel. Wenn die Temperaturen fielen und die Leute
nur in dicken Wollpullovern aus dem Haus gingen, war das für ihn noch lange
kein Grund, die Hemden zuzuknöpfen. Ganz so, als produziere sein Körper zuviel
Hitze. Er fror nie. Krawatten waren ihm ein Greuel. Er fühlte sich schon, als
sollte er erdrosselt werden, wenn er auf Wunsch der Klinikleitung bei einer
Fachkonferenz den obersten Knopf am Hemd schließen mußte. Vor der Tür zum
Verwaltungsgebäude stoppte er abrupt und walkte sich das Gesicht durch. Die
Bartstoppeln erinnerten ihn daran, daß er letzte Nacht nicht zuhause verbracht
hatte, sondern über Viviens Aufzeichnungen. Ein Ruck ging durch seinen Körper.
Er machte sich gerade und versuchte zu lächeln. Dann erst trat er ein. Er
begrüßte die Verwaltungsdirektorin, Frau Dr. Sabrina Schumann, mit einem
kurzen Kopfnicken. Sie federte sofort von ihrem Stuhl hoch, überprüfte mit
einem raschen Blick in den Spiegel den Sitz ihrer neuen Frisur und strich den
Rock ihres hellgrauen Kostüms glatt. Eigentlich hatte sie Größe 42. Doch sie
versuchte, sich in 38 hineinzuhungern. Der Rock hatte 40 und saß spack. Seit
Professor Ullrich ihr einmal ein Kompliment über ihre Beine gemacht hatte, war
sie nie wieder im Hosenanzug in die Klinik gegangen. Sie hatte praktisch ihre
gesamte Garderobe ausgewechselt. Sie trug nur noch Röcke oder Kleider und
trainierte ihre Beine auf dem Fahrrad. Sie wollte attraktiv für ihn sein. Der
Professor bemerkte nicht einmal, daß die grauen Strähnchen frisch getönt
waren. Er taxierte Viviens Vater. Richard Schneider hatte einen laschen
Händedruck. Kraftlos hielt er die Hand hin wie ein totes, feuchtes Stück
Fleisch. Professor Ullrich packte extra energisch zu. Schneider sollte gleich
merken, mit wem er es zu tun hatte. Der Mann war emotional aufgewühlt und
unsicher. Eine explosive Mischung aus Tatendrang und schlechtem Gewissen. Als
Professor Ullrich seine Hand zurückzog, glaubte er das Nikotin zu spüren, das
zwischen Schneiders Zeige- und Mittelfinger die Haut gelb gefärbt hat. Ullrich
holte sein Stofftaschentuch aus der Hosentasche und wischte sich damit die
Finger ab. Frau Dr. Sabrina Schumann bog die Schultern nach hinten, reckte die
Brust raus, zog den Bauch ein , warf die Haare nach hinten und versuchte zu
vermitteln, bevor der Streit begann. "Herr Schneider möchte seine Tochter
gerne sehen und, wenn es geht, übers Wochenende mit nach Hause nehmen."
Sie wollte verbindlich lächeln. Keiner der Männer reagierte darauf, so
künstlich wirkte es. Sie fuhr ohne Luft zu holen fort, als könne sie mit ihrem
Redefluß die drohende Katastrophe aufhalten: "Herr Schneider wohnt jetzt
nicht mehr so weit weg wie früher. Er ist in unsere Nähe gezogen, damit er den
Kontakt mit Vivien in Zukunft besser halten kann. Wie wir alle wissen, war Herr
Schneider in der letzten Zeit beruflich und familiär in einer angespannten Lage
und konnte sich leider nicht so intensiv um seine Tochter kümmern, wie
vielleicht aus therapeutischer Sicht nötig gewesen wäre." Richard
Schneider kaute schuldbewußt auf seiner Unterlippe herum und schaute auf seine
Schuhspitzen. Das Leder war brüchig, ausgetrocknet und hatte ein paar feine
Risse, die ihm jetzt erst auffielen. Die Schuhe waren nicht schmutzig. Aber sie
sahen alt aus. Billig. Abgetragen. Die von Professor Ullrich waren weich,
bequem. Edel. Professor Ullrich drehte das Taschentuch zu einem Strick zusammen.
Die Schlinge zog sich um seinen Daumen fest. Frau Dr. Sabrina Schumann konnte
den Blick nicht von dem geknebelten Daumen nehmen. Am liebsten hätte sie
Aufhören! geschrien. Sie hatte Angst, Ullrichs Finger könnte gleich brechen.
Sie konnte das Knirschen schon hören. Sie versuchte, das Geräusch mit ihrer
Stimme zu übertönen. Sie wollte nicht hören, wenn es kam, und es mußte
kommen. Ihr hysterisch heiserer Redefluß wurde durch Professor Ullrichs
schneidende Stimme unterbrochen: "Nein, das kommt überhaupt nicht in
Frage!" Frau Dr. Sabrina Schumann stöhnte und sah den Professor flehend
an. Richard Schneider schaute auf, tat, als hätte er nicht verstanden.
"Wie?" Professor Ullrich ließ das Taschentuch los. Es kräuselte sich
gegen die Drehung wie eine Schlange, die sich in dem Daumen festgebissen hat.
Bevor es auf den Boden fiel, knüllte er es zusammen und steckte es ein. Er
hielt dabei Blickkontakt mit Viviens Vater. Sie sahen sich direkt in die Augen.
Es war wie ein Duell. Wer zuerst wegguckte, hatte verloren. "Wie lange
haben Sie sich nicht um Vivien gekümmert? Ein Jahr? Zwei Jahre? Drei?"
Professor Ullrich wußte es genau. Er hatte jeden Tag gezählt, und es waren
bisher 992 seit dem letzten Kontakt. Schneider ahnte, daß der Professor es
wußte und der Professor wußte, daß Schneider ahnte, daß er es wußte.
Trotzdem antwortete Schneider: "Ja. Ja, Sie haben recht. Es waren fast drei
Jahre. Aber es hat sich viel geändert. Ich habe mich gefangen. Ich..."
"Herr Schneider hat eine Therapie gemacht...", warf Frau Dr. Sabrina
Schumann ein. Unter ihrem Mieder begann die Haut zu jucken. Sie hätte sich
jetzt gerne gekratzt oder, besser noch, heiß geduscht. Professor Ullrich nickte
Schneider zynisch zu. "Wie schön für Sie. Herzlichen Glückwunsch."
"...hat wieder geheiratet und..." "Und jetzt fehlt ihm zum
Familienglück nur noch ein Kind, was?" "Ich bin ihr Vater",
stellte Herr Schneider fest, als hätte das irgend jemand bezweifelt. Er hielt
dem Blick nicht länger stand. Mit einer so schnellen Kapitulation hatte
Professor Ullrich gar nicht gerechnet. Er setzte sofort nach: "Guter Mann,
ich muß Ihnen zugute halten, daß Sie keine Ahnung haben. Vivien ist in einer
psychisch äußerst labilen Situation. Das schöne Familienwochenende könnte
anders verlaufen, als Sie es planen. Vielleicht ißt sie mit Ihnen zu Abend.
Scherzt, lacht - und dann verändert sich plötzlich ihr Blick." Professor
Ullrich machte es vor, während er redete. Unwillkürlich wich Schneider
zurück. "Sie denken, daß ihr etwas angst macht oder etwas sie geärgert
hat. Aber das stimmt nicht. Sie hält Sie für einen Hillruc. Sie schreit Sie
an, Sie sollen sie nicht anfassen. Dann nimmt sie das Brotmesser vom Tisch und
sticht auf Sie ein, bis Sie sich nicht mehr bewegen." Die Stille im Raum
war jetzt beängstigend. In der geschlossenen Abteilung brüllte ein
Verzweifelter. Der weit entfernte Schrei von außen drang durch die Scheiben in
den Verwaltungstrakt. Es klang unwirklich. Mit belegter Stimme fragte Richard
Schneider: "Was ist ein Hillruc?" Professor Ullrich wendete sich ab
und machte eine wegwerfende Geste. Sein Gesicht deutete an Das kapieren Sie
sowieso nicht, doch er sagte: "Eine Art Teufel." Schneider fingerte
die letzte Zigarette aus seiner Packung und faltete die leere Schachtel zusammen
wie ein gebügeltes Hemd. In diesem Raum war es nicht gestattet zu rauchen. Zwei
Schilder wiesen darauf hin. Aber Frau Dr. Sabrina Schumann sah jetzt darüber
hinweg. "Was Vivien braucht", erklärte Professor Ullrich mit einem
Tonfall, der keinen Widerspruch duldete, "ist die Stabilität einer
kontinuierlichen Beziehung. Das ist für sie so etwas wie eine Rettungsboje auf
hoher See. Wenn sie aus dem Dunkel auftaucht, muß jemand da sein. Immer. Diese
Sicherheit haben wir ihr in den letzen Jahren gegeben. Heute Hüh, morgen Hott
und übermorgen Mal-gucken-wie-ich-so-drauf-bin, das ist schon für normale
Kinder schlecht. Für Vivien ist es unerträglich! Sie hat Sie vergessen.
Zumindestens versucht sie es. Ihr plötzliches Auftauchen könnte sie in eine
Krise stürzen. Das können Sie doch auch nicht wollen." Viviens Vater
hielt die Zigarette wippend zwischen den Lippen. Mit beiden Händen tastete er
seine Taschen nach Feuer ab, fand aber nichts. Er gab auf, nahm die Zigarette
aus dem Mund und zeigte mit dem Filter auf Professor Ullrich. "Ich will
meine Tochter. Sie können mir das nicht verbieten." Professor Ullrich warf
Frau Dr. Sabrina Schumann einen Blick zu. Sie nickte resigniert und ließ die
Schultern sinken. Damit wich die Spannung aus ihrem Körper. Trotzdem wurde sie
das Gefühl nicht los, an einem Abgrund zu stehen und das Gleichgewicht zu
verlieren.
3.)
Vivien schraubte den Füller zusammen und las die Sätze noch einmal. Gegen
Abend ging die dritte Sonne im Sprühwald unter. Feuchte Kälte kroch in die
Schlucht. Mit ihr kamen die Congas. Vivien saß zusammengekauert auf dem Stuhl.
Die Beine ganz am Körper. Sie fror. Sie rieb sich die Oberarme und starrte aufs
Papier. Die Sätze rochen nach den dicken Schlangen. Aus den Mäulern der Congas
stieg ein fauliger, modriger Gestank hoch. Vivien riß die Seite aus dem Buch
und zerknüllte sie. Die Riesenschlangen kamen immer nur nachts. Sie fürchteten
das Feuer und das Licht. Die kleine Schreibtischlampe würde sie nicht
schrecken. Vivien stieg auf den Stuhl und sprang von dort aufs Bett. Sie
versuchte, den Lichtschalter zu erreichen, ohne auf den Boden zu treten. Die
Congas waren Meister der Tarnung. Sie versteckten sich im Teppichboden so gut
wie im Schilf. Das Wasser fiel im Sprühwald aus den Spitzen der Bäume. Mit
einem schlürfenden Geräusch saugten die Wurzeln der hölzernen Riesen die
Feuchtigkeit aus dem Boden und preßten sie durch ihre Adern hoch in die
fleischigen Blätter. Dort wurden sie in dicken Tropfen ausgeschwitzt. Vivien
versuchte, ihnen auszuweichen. Manche Tropfen brachten das Fieber. Wo sie auf
die Haut trafen, wurde alles wund. Vivien lauschte. Die Congas mußten hier
sein. So sehr sie den Arm auch reckte, sie kam vom Bett aus nicht bis an den
Lichtschalter. Sie mußte es wagen, einmal den Boden mit den Füßen zu
berühren. Ein einziges Mal müßte reichen. Die Neonröhren an der Decke waren
die Rettung. Die Congas hatten Angst davor. Da glitschte etwas an der Wand
herunter. Vivien kreischte. Die Congas waren mit dem Nebel aufgestiegen. Sie
hatten den Boden verlassen und zogen jetzt ihre schleimigen Spuren in den
Baumkronen. Wenn die Congas in den Wipfeln raubten und die Vogeleier stahlen,
dauerte die Dunkelheit ewig. Die drei Sonnen mußten gestorben sein. Nur ihre
Wiedergeburt konnte die Congas vertreiben. Die Monde am Himmel strahlten nicht
hell genug. Vivien hechtete vom Bett. Sie schlug mit der Faust gegen den
Lichtschalter und rettete sich von dort mit einem einzigen Sprung unter das
Bett. Die sichere, enge Höhle. Hinter sich den Berg. Vor sich den hellen
Eingang. Hier hatte Vivien Schokolade gebunkert, um einen langen Winter zu
überstehen. Hoffnungsvoll starrte sie mit weit aufgerissenen Augen in das
Licht. Die Sonnen würden die Congas austrocknen. Sie mußten zurück in die
Sümpfe. Männer traten vor Viviens Höhle. Sie schauten zu ihr herein. "Congas!"
kreischte Vivien. "Congas!" Sie erkannte Professor Ullrich. Sie sah,
daß sein Mund sich bewegte. Aber da waren noch ein Mann und eine Frau. Sie
standen mitten zwischen der Schlangenbrut. "Congas!" schrie Vivien
wieder. "Congas! Ganz viele! Paßt auf!" Richard Schneider griff nach
seiner Tochter. Er wollte sie unterm Bett hervorziehen, ihr zeigen, daß dort
nichts war. Vivien schnappte nach seiner Hand wie eine in die Enge getriebene
Ratte. Sie erwischte seine Hemdsärmel mit den Zähnen und warf den Kopf nach
links und rechts wie das Raubtiere tun, um einem Beutetier das Genick zu
brechen. Professor Ullrich riß Schneider zurück und fuhr ihn an: "Sind
Sie wahnsinnig? Was machen Sie da? Sie dürfen sie nicht aus ihrem Schutzraum
ziehen!? "Schutzraum? Sie hat vor irgendwas Angst. Zeigen Sie ihr doch,
daß nichts da ist!" Professor Ullrich konnte seine kalte Wut nur schwer
unter Kontrolle halten. Er hätte sich jetzt lieber mit Vivien beschäftigt als
mit diesem Kretin. Er schleifte ihn fast aus dem Zimmer in den Flur. Schneider
wehrte sich nicht. Er ging aber auch keinen Schritt freiwillig. Frau Dr. Sabrina
Schumann blieb bei Vivien. Sie hoffte, daß Peter Ullrich sie nicht lange hier
allein lassen würde. Sie wagte kaum, sich zu bewegen. Sie hatte Angst, etwas
falsch zu machen. Sie wollte seinen Zorn nicht auf sich ziehen. Im Flur hörte
sie den Professor zischen. "Hören Sie zu: Für Sie ist da drin in dem
Zimmer nichts. Für Vivien lauert dort eine tödliche Gefahr! Wenn Sie sie unter
ihrem Bett hervorziehen, liefern Sie sie den Congas aus." "Was soll
das sein: Congas?" Wenn Professor Ullrich ehrlich mit sich war, wußte er
das selbst nicht. Aber er würde es herausfinden. Schon bald. "Und? Wollen
Sie meine Tochter jetzt da unter ihrem Bett in ihrer Panik liegenlassen, oder
was?" "Ich respektiere zunächst Viviens Sinneseindrücke. Genauso wie
die aller anderen Menschen. Vielleicht wird sie später herausfinden, daß diese
Congas nur ihrer Phantasie entsprungen sind. Aber das nutzt uns jetzt nichts.
Jetzt sind sie da. Wenn wir das leugnen, helfen wir ihr nicht." Viviens
langer, verzweifelter Schrei ließ Richard Schneider verstummen, bevor er eine
Antwort herausbekam. "Bitte, Herr Schneider, lassen Sie mich jetzt mit
Vivien allein", verlangte Ullrich. "Oder wollen Sie sie immer noch
mitnehmen?? Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ Professor Ullrich Richard
Schneider im Flur stehen und ging zu Vivien. Sie lag strampelnd unter ihrem
Bett. "Nein! Nein! Nein!" Frau Dr. Sabrina Schumann war froh, erlöst
zu werden. Sie setzte sich jetzt gerne mit Schneider auseinander. Hauptsache,
sie konnte diesen Raum endlich verlassen. Richard Schneider atmete nicht. Er
stand an die Wand gelehnt wie eine Schaufensterpuppe, die jemand dort abgestellt
hatte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den Rauchmelder an, ohne ihn
wirklich zu sehen. Seine Finger betasteten den zerfetzten Hemdsärmel, als
würde ihm dieses Stück Stoff beweisen, daß er das gerade wirklich erlebt
hatte. Sabrina Schumann berührte ihn vorsichtig. "Herr Schneider? Wir
sollten jetzt gehen. Kommen Sie mit mir.? Er nickte kaum merklich. Er brauchte
noch ein paar Augenblicke. Er mußte es erst schaffen, einmal tief durchzuatmen.
Ihm war schon schwindlig. Der Gedanke an eine Zigarette löste den Krampf in der
Brust. Er hatte das Gefühl, jetzt rauchen zu müssen, um Luft zu bekommen. Der
Wunsch nach einer Zigarette wurde übermächtig. Er folgte Dr. Schumann durch
den Flur nach draußen. Dabei kam er an der immer noch sperrweit offenen Tür
von Viviens Zimmer vorbei. Was er sah, konnte er kaum glauben: Professor Dr.
Ullrich kroch zu Vivien unter das Bett. Sie rollte sich zusammen und suchte
zitternd Schutz bei ihm. Er schlang seine Arme um sie. Die zwei lagen jetzt dort
wie ein Liebespaar. Wie zwei Personen, die zu einer verschmelzen, dachte
Schneider. Er spürte den Stich Eifersucht. Einerseits wäre er gerne an
Ullrichs Stelle gewesen. Andererseits wußte er genau, daß er das nicht gekonnt
hätte. Nicht so. Wahrscheinlich, dachte er, war sie bei Ullrich in guten
Händen. Vermutlich war sie hier in der Klinik wirklich besser aufgehoben als
bei ihm daheim. Gleichzeitig sträubte sich alles in ihm gegen die Vorstellung,
Vivien hier bei diesem Mann zu lassen. Er wollte sie endlich mitnehmen, zu sich
in das neue Zuhause. Schneider blieb vor der Tür stehen. Er konnte den Blick
nicht von Ullrichs Rücken und seinen Schuhsohlen wenden. Viel mehr war von ihm
nicht mehr zu sehen. Vivien war ganz in ihm verschwunden. Ihre Stimme war jetzt
nicht mehr so panisch. Sie stammelte immer noch etwas von Congas. Ihr Vater
verstand die Satzzusammenhänge nicht. Aber er hörte Ullrichs ruhige Worte:
?Hier sind wir ganz sicher. Hier trauen sie sich nicht hin.? "Wirklich
nicht?" "Ganz bestimmt nicht." "Das ist gut. Sie fürchten
das Licht." "Hast du die Congas schon oft gesehen?" "Ja.
Ganz oft." "Willst du mir davon erzählen?" "Ja."
"Gut, Uta. Ich höre dir zu. Ich will alles erfahren, was du über die
Congas weißt." Frau Dr. Sabrina Schumann kam vom Ende des Flurs zurück.
Sie zupfte Schneider am Ärmel und raunte ungeduldig: "Nun kommen Sie
schon! Alleine können Sie hier nicht raus. Dies ist die geschlossene
Abteilung." Sie zeigte ihm den Schlüssel. Er ging mit. Richard Schneider
wirkte immer noch völlig verstört. "Er... er hat meine Tochter Uta
genannt." Frau Dr. Sabrina Schumann nickte. "Ja. Wenn sie so ist, wie
gerade, dann ist sie Uta. Eine Tschika aus einem kleinen Dorf auf Thara."
Sie schloß die schwere Flurtür auf. Richard Schneider wirkte wie ein
Ertrinkender auf sie. Sie stützte ihn wie einen gebrechlichen alten Mann, als
sie gemeinsam die Geschlossene verließen. Während seine Linke nervös und
erfolglos nach Zigaretten fingerte, hielt er sich mit rechts an Frau Dr.
Schumann fest. "Der glaubt, daß das alles wirklich passiert ist, stimmt´s?"
Die Verwaltungsdirektorin holte tief Luft. Sie wollte aus diesem zu engen Mieder
raus, aus dem Rock und aus der ganzen heiklen Situation. Wieder jagte eine
dieser Hitzewellen durch ihren Körper wie ein Sandsturm. Die Wechseljahre
schüttelten ihren Körper trotz aller Hormone. Jetzt wurde aus dem alten
gebrechlichen Mann ein Draufgänger. Er schüttelte seine Begleiterin. "Der
denkt, meine Tochter sei ein Alien!" Dr. Sabrina Schumann versuchte
Schneider zu beruhigen. Sie bot ihm die ihrer Meinung nach bessere Alternative
an. "Er denkt es nicht. Vivien denkt es von sich. Professor Ullrich ist
eine Kapazität. Sie können froh sein, daß ein so gefragter Mann Ihre Tochter
behandelt." Richard Schneider schluckte trocken. Er wollte es sachlich
sagen, doch es kam mit unverhohlenem Spott. "Ich habe Erkundigungen über
Ihre Kapazität eingezogen. Der spinnt doch. Der glaubt an Reinkarnation!"
Schneider schlug sich gegen die Stirn. "Seelen-wanderung! Das ist doch
Hokuspokus!" Dr. Sabrina Schumann schaute sich um, ob ihnen auch niemand
zuhörte. Dann räusperte sie sich. Der Sandsturm ließ nach. Trotzdem hätte
sie am liebsten in Eiswürfeln gebadet. "Mein lieber Herr Schneider,
niemand wird hier wegen seines Glaubens oder wegen seiner Hautfarbe
benachteiligt. Zwei Drittel aller Weltreligionen beinhalten den Glauben an
Reinkarnation. Der Buddhismus, der Hinduismus, der..." Da er genau spürte,
wie wichtig es ihr war, daß sie niemand hörte, brüllte er um so lauter:
"Ach, hören Sie doch auf!" "Bitte beruhigen Sie sich. Sie machen
unseren Patienten Angst." Er ließ sie stehen. Er ging aufrecht. Sabrina
Schumann ahnte, daß die Schwierigkeiten mit diesem Mann soeben erst begonnen
hatten.
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