Jens Peter und der Unsichtbare von Klaus-Peter Wolf, 1997

Klaus-Peter Wolf

Der Unsichtbare meldet sich zum ersten Mal
(aus: Jens Peter und der Unsichtbare, 1997, Gerstenberg)

In einer halben Stunde wird das Mittagessen auf dem Tisch
stehen. Die ganze Wohnung duftet schon nach Sonntagsbraten.
Zwiebeln schmoren in der Pfanne.
Der Blumenkohl dünstet vor sich hin.
Heute kocht Papa. Er macht das gerne. Sonntags. Hinterher
ist er dann mächtig stolz auf sich und fragt alle paar Minuten:
"Na, ist das ein Braten? Schmeckt euch die Soße?"
Mama und Jens-Peter essen erst einmal den Teller leer, weil
sie Hunger haben und dann noch einmal, weil sie Papa einen
Gefallen tun wollen. Je mehr sie essen, umso fröhlicher wird er.
Der Duft macht Jens-Peter hungrig.
"Wie lange dauert es noch?", fragt er.
"Du kannst es wohl schon gar nicht mehr abwarten, was?",
lacht Papa, denn darüber freut er sich.
Großzügig schneidet er ein knuspriges Stückchen vom Braten ab und lässt Jens-Peter probieren.
Es schmeckt wirklich gut.
"Hm! Lecker! Wir können essen, Papa. Der Braten ist gut."
Aber Papa schüttelt den Kopf.
"Nein. Noch nicht. Er braucht noch gut eine Viertelstunde. Ich rufe dich, wenn es so weit ist."
Papa gießt Malzbier über den Braten. Es ist ein Geheimrezept.
Papa denkt, dass niemand es kennt. Dabei hat jeder in
der Nachbarschaft es schon ausprobiert, aber niemand
kriegt den Braten damit so saftig und knusprig wie Papa.
Jens-Peter geht in sein Zimmer. Er will in der Küche jetzt
nicht im Weg stehen. Gegen Ende wird Papa nämlich immer
etwas hektisch. Dann braucht er Mama. Sie muss nichts tun.
Sie steht nur an den Kühlschrank gelehnt und beantwortet Papis Fragen. Sie fangen alle an mit: "Wo ist denn..."
und enden mit einem Fragezeichen. In seinem Zimmer blättert Jens-Peter in seinem Lieblingsbuch. Sein Magen knurrt. Aber er wird doch jetzt nichts essen. So kurz, bevor es etwas richtiges gibt. Außerdem - er hat keine Bonbons in seinem Zimmer. Da hört er eine Stimme. Sie ist leise, wie ein Goldhamster, wenn er Luft holt.

"Du hast doch noch den Schokoladenosterhasen."

Jens-Peter dreht sich um. Da ist niemand.
Aber da hat doch gerade jemand gesprochen.
Jens-Peter guckt genau nach. Es ist niemand unterm Bett.
Niemand im Schrank und niemand hinter der Schatzkiste.

"Wahrscheinlich schmeckt die Schokolade sowieso nicht mehr."

"He wer spricht da?

"Ich."

"Wer ist ich?"

"Na, ich bin ich. Du bist doch auch du."

"Wo bist du? Warum kann ich dich nicht sehen?"

"Bist du immer so neugierig?"

"Ja."

"Ich bin unsichtbar."

"Unsichtbar? Aber das gibt es doch gar nicht."

"Ach nein? Kannst du mich denn sehen?"

"Nein, aber..."
Jetzt ist Jens-Peter sich sicher. Sein Freund Olaf spielt ihm nur einen Streich.
Er verstellt seine Stimme und hat sich hinter der Ritterburg verkrochen.

Ragt da nicht sogar Olafs Schuh heraus?
Jens-Peter springt hin. Er hebt die Ritterburg hoch und
schreit: "Buuuh! Ich bin ein Gespenst!"
Aber der Schuh fürchtet sich nicht. Olaf ist nicht da.
"Was ist denn jetzt mit dem Schokoladenosterhasen? Hast
du ihn verloren? Ist er davongehoppelt?"
, lästert die Stimme
des Unsichtbaren.
"Quatsch. Er steht da auf dem Regal."

"Wo da?"

"Na, da!"

"Ich seh nur Stanniolpapier. Ist da überhaupt Schokolade drin?"

Jens-Peter steigt auf den Stuhl und holt den bunten Osterhasen
aus dem Regal. Er knibbelt das Papier am Ohr ab, bis
die Schokolade durchguckt.
"Da, siehst du. Es ist Schokolade drin."

"Ja. Aber die schmeckt bestimmt nicht."

"Doch."

"Woher willst du das wissen?"

"Nun, weil... ich habe schon mal einen Osterhasen gehabt.
Einen ähnlichen."

"Ach, ich verstehe schon. Du traust dich nicht zu probieren,
weil du Angst hast, dass deine Eltern sauer sind, wenn du vor
dem Mittagessen Süßigkeiten isst. Aber ein kleines Stückchen,
das verdirbt doch nicht den Appetit!"

"Doch."

"Aber Jens-Peter. Einmal ist keinmal. Los. Hilf dem Hasen aus dem Mantel."

Na gut, denkt Jens-Peter, wenn der Unsichtbare dann Ruhe gibt.
Jens-Peter pellt den Osterhasen aus der Verpackung. Dann beißt er ihm die Ohren ab.
Hm. Gar nicht so schlecht. Wenn ich mir jetzt schnell die
Zähne putze, wird keiner etwas merken, denkt er.

"Na, schmeckt der alte Hase?"

"Ja. Willst du mal probieren?"

"Nein. Unsichtbare können nichts essen und nichts trinken, Denk bloß nicht, es hatte nur Vorteile unsichtbar zu sein. Ich sehe all die schönen Sachen, aber ich weiß nicht, wie sie schmecken. Beiß du für mich rein.

Jens-Peter schluckt. "Nein. Jetzt reicht es. Ich habe einmal reingebissen. Nun ist es genug."

"Ach, Jens-Peter Auf einem Bein kann man nicht stehen."

Das klingt irgendwie vernünftig, findet Jens-Peter, bricht sich ein dickes Stück vom Bauch ab und isst es auf."
"So. Das wars."
"Aber Jens-Peter! Aller guten Dinge sind drei."
Komisch. Woher kennt der Unsichtbare all die Sätze, die Jens-Peter sonst nur von Mama und Papa hört?
Jens-Peter gibt nach. Er bricht noch den Rucksack ab, in dem der Hase drei Eier trägt. Der Rucksack schmeckt nicht anders als Bauch und Ohren.
Jens-Peter schaut sich den Hasen an. Ohne Ohren, ohne Rücken und ohne Bauch sieht er ziemlich elend aus.

"Komm, los", fordert die Stimme Jens-Peter auf, "wer A sagt, muss auch B sagen."

"Meinst du wirklich, ich soll..."

"Aber klar. Was man anfängt, muss man auch zu Ende bringen. Keine halben Sachen."

"Na gut, wenn du meinst."
Jetzt verputzt Jens-Peter auch den Rest vom Osterhasen. Als selbst die großen Füße in seinem Mund verschwunden sind, hört er von unten eine Stimme. Es ist Papa.

"Jens-Peter! Das Mittagessen steht auf dem Tisch! Komm essen!"
Jens-Peter wird schlecht bei dem Gedanken, wie viel er noch
essen muss, wenn seine Eltern nichts merken sollen.

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