Felix und die Künst zu lügen von Klaus-Pter Wolf, 2002, Ueberreuter

Klaus-Peter Wolf

Wie man Horujani-Meister wird, ohne zaubern zu können
(aus: Felix und die Kunst des Lügens, Kapitel 1-3, 2002, Ueberreuter)

In der Schule lernt man echt nur Mist. Völlig unnötiges Zeug. Was man wirklich braucht im Leben, bringt einem da keiner bei. Lügen zum Beispiel. Gut zu lügen ist unheimlich schwer. Eine richtige Kunst ist es und nichts für Blödies.
Erst mal muss man wissen, wann eine Lüge besser ist als die Wahrheit. Gestern zum Beispiel: Im Frisörgeschäft meiner Mama saß eine neue Kundin. Lange blonde Haare und gut zehn Jahre jünger als sie. Ich wollte nur schnell durch den Laden huschen. Aber Mama hielt mich fest. ?Sehen Sie, Frau Sommer, das ist mein Sohn Felix. Felix, sag der Dame Guten Tag.?
Hätte ich jetzt sagen sollen: ?Wir kennen uns, Mama. Gestern morgen habe ich Frau Sommer noch mit Papa frühstücken sehen. Sie hatte das Oberteil von seinem Schlafanzug an. Er trug die Hose. Weißt du, der Schlafanzug mit den silbernen und blauen Streifen, den du Papa zu Weihnachten geschenkt hast. Als Frau Sommer die Milch aus dem Kühlschrank geholt hat, habe ich die Tätowierung auf ihrem Po gesehen. Die ist klasse! Ein bunter Clown. Lässt du dir auch mal so etwas machen? Papa gefällt das.?
Ja, das wäre die Wahrheit gewesen. Aber ich erkannte glasklar: Jetzt ist die Lüge für alle Beteiligten besser. Also gab ich Frau Sommer brav die Hand und log: ?Nett, Sie kennen zu lernen. Ich heiße Felix. Felix Schnupfen. Schnupfen wie Husten. Nur ohne Keuchen.?
Sagte ich schon, dass meine Eltern geschieden sind? Sie können sich nicht mehr ausstehen. Wenn es mich nicht gäbe, hätten sie längst jede Verbindung zueinander abgebrochen. Aber da sie mich nun mal haben, geht das nicht. Ich bin eine Art Brücke oder Klebstoff. Mama ist immer noch eifersüchtig. Sie will es nicht sein, aber sie ist es. Mir kann sie nichts vormachen. Es tut ihr noch jedes Mal weh, wenn sie hört, dass Papa wieder eine Neue hat.
Also: Erstens muss man wissen, wann man lügen soll. Dann, was die anderen hören wollen. Eine gute Lüge ist nämlich nichts anderes als der Versuch, dem anderen das zu erzählen, was er gerne hören möchte.
Zum Beispiel: Du hast dir Fischstäbchen und Pommes zu Mittag gewünscht. Deine Mama stellt aber Reis mit gedünstetem Gemüse auf den Tisch. Das Ganze schmeckt noch beschissener als es aussieht. Jetzt kannst du ihr das natürlich sagen. Besser ist es, Magenschmerzen zu erfinden. Dann ist sie nämlich nicht beleidigt, sondern sogar um dich besorgt. Sie gibt dir keinen Stubenarrest, sondern kocht dir einen Tee. Mit ein bisschen Glück musst du nicht mal die Hausaufgaben machen, sondern sie schreibt dir eine Entschuldigung. Die Lüge ist also ein Volltreffer.
Richtig gutes Lügen macht alle Menschen ein bisschen glücklicher. Stell dir vor, du hast eine Fünf im Diktat. Es nützt gar nichts, wenn du deinen Eltern vorlügst, es sei eine Sechs. Nein. Das ist eine total blöde Lüge. Die macht keinen glücklich. Im Gegenteil. Besser ist es, eine Vier zu erfinden. Oder eine Drei. Nun klar, wenn man sowieso lügt, warum nicht gleich eine Eins? Tja, das ist eben die besondere Kunst des Lügens. Man sollte versuchen, so nah wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben.
Immer klappt das nicht. Manchmal helfen auch die besten Lügen nichts mehr. Jahrelang habe ich versucht, mit Lügen die Ehe meiner Eltern zu retten. Als Papa mal wieder auf einer Sauftour mit seiner Band, den Piraten, versackt ist, habe ich für Mama sogar Außerirdische erfunden. Ich habe ihr erzählt, die hätten Papa in ihrem Raumschiff entführt. Das hat Mama zwar nicht glücklich gemacht, aber sie war wenigstens nicht wütend auf ihn. Das änderte sich schlagartig, als er unrasiert, pleite und verkatert nach Hause kam. Er grinste Mama an und sagte: ?Schau nicht so, Schatz. Ich habe mit meinen Kumpels an einem neuen Song gearbeitet.?
Also, Lügen helfen nur, wenn man auch daran glauben kann.
Meine Eltern sind so unterschiedlich, wie Menschen nur sein können. Meine Mama trinkt zum Essen Mineralwasser mit wenig Kohlensäure. Mein Papa Bier. Meine Mama findet, Raucher sind dumme Stinker. Mein Papa dagegen hält Nichtraucher für verklemmte Gesundheitsapostel. Kein Wunder, dass sie nicht miteinander leben konnten. Nur ich soll es schaffen. Vierzehn Tage wohne ich mit Papa auf seiner ?überdachten Müllhalde?, wie Mama seine Wohnung in der Gierather Straße nennt. Die Gierather Straße verbindet Köln und Bergisch-Gladbach. Pa wohnt gerade noch so in Köln. Ein paar Häuser weiter beginnt schon Bergisch-Gladbach. Ich weiß eigentlich nie so richtig, wo ich hingehöre. Für die Kölner ist das schon Bergisch-Gladbach und die Gladbacher behaupten natürlich, es sei Köln.
Die restlichen vierzehn Tage wohne ich bei Mama, über dem Friseursalon, in ihrer ?keimfreien Puppenstube?. So nennt Papa Mamas Wohnung.
Ich erzähle bei Mama nur Gutes über Papa und bei Papa nur Gutes über Mama. Das ist dann entweder erlogen oder erfunden oder zumindest geschummelt. Ich weiß, die zwei kommen nicht mehr zusammen. Aber die Hoffnung habe ich trotzdem nicht aufgegeben. In diesem Fall belüge ich mich wohl selber. Aber wer tut das nicht?
Mein Papa zum Beispiel, der spielt den Rockstar. Er kennt ganz viele echte Stars. Er duzt sie und nennt sie seine Freunde, wenn er über sie redet. Aber sie lassen ihn nicht in ihren Bands mitspielen. An seinem Geburtstag hat ihn auch noch nie einer besucht. Aber für Konzerte bekommen wir meistens Freikarten. Wir dürfen sogar hinter die Bühne. Als ich kleiner war, saß ich bei meinem Pa auf den Schultern. Von da konnte ich gut sehen. Jetzt bin ich zu schwer, stehe meistens neben ihm im Gedrängel und sehe nur Hintern, Hüften oder Bäuche. Für mein Alter bin ich nämlich nicht nur ziemlich schlau, sondern auch ziemlich klein.
Heute Abend verdient mein Papa mit seinem Saxophon ausnahmsweise mal Geld. Das ist ihm eher peinlich und keiner darf es wissen. Papa spielt nämlich nicht richtig guten Blues in einem verrauchten Club. Oh nein. Es ist eine Tanzkapelle, wo unter einem Smoking gar nichts läuft. Den hat er sich von dem Typ geliehen, für den er einspringt. Der heißt Gert und hat Grippe. Papa hofft, dass ihn keiner von seinen Freunden dort sieht, denn er macht diesen Job nur fürs Geld und hasst sich regelrecht dafür. Er fühlt sich, als würde er den Blues verraten, bloß um die Miete bezahlen zu können.
Bis zum Wochenende schlafe ich noch bei Mama. Ich spüre immer gleich, wenn etwas nicht stimmt. Jetzt zum Beispiel. Sie hat ein neues Kostüm an. Dunkelblau oder hellschwarz oder so ähnlich. Darunter eine Bluse, weiß wie frisch gefallener Schnee und am Kragen hart wie eine zugefrorene Pfütze. Schwarze Strümpfe, die seidig glänzen und hochhackige Schuhe. Wenn sie einen Abend mit mir zu Hause verbringt, sieht sie normalerweise anders aus. Und vor dem Essen hat sie mich so komisch angesehen.
Sie macht gerade eine Entwässerungsdiät. Blöderweise in der Woche, in der ich bei ihr bin. Also löffle ich genau den gleichen Milchreis wie sie ? aber mit Obst und Zimt drauf. Sie isst ihn pur. Den Löffel hält sie mit spitzen Fingern, denn der blutrote Nagellack ist noch nicht ganz trocken. Sie bewegt die Hände so, dass die Fingernägel nichts berühren. Der Lack passt farblich genau zum Lippenstift, auf dem der Milchreis Spuren hinterlässt.
Nach ein paar Löffeln stupst sie mir auf die Nase und flötet: ?Na, weißt du, wo dein Vater sich heute Abend rumtreibt??
So, wie sie das sagt, ahne ich gleich, dass dieser Frage etwas folgen wird. Sonst tut sie immer, als sei ihr völlig egal, was ?der verlotterte Kerl mit seinem Leben anfängt?.
Vielleicht, denke ich, liebt sie ihn doch noch. Wenigstens ein bisschen. Sonst würde sie doch nicht fragen.
Ich will ihn nicht verraten. Also erfinde ich eine glaubhafte Lüge.
?Och, wahrscheinlich hängt er wieder mit seinen Musikerfreunden bei uns rum. Sie trinken Bier, üben Lieder oder sehen fern.?
Sie scheint erfreut zu sein. Doch diese Lüge kehrt sich sofort gegen mich.
?Könntest du dann heute ausnahmsweise eine Nacht bei Papa schlafen, obwohl jetzt eigentlich meine Felixwoche ist??
Im Spiegel hinter meiner Mutter sehe ich mein Gesicht. Mein Mund klappt auf und geht nicht wieder zu, als hätte ich zuviel von dem Milchreis in mich hineingestopft. Noch vor kurzem flippte sie aus, wenn sich meine Übergabe auch nur um eine halbe Stunde verzögerte. Sie besteht darauf, dass die Zeiten eingehalten werden. Deswegen konnte ich auch nicht mit zum letzten Open-Air-Konzert. Da wären wir nämlich frühestens Sonntagnacht zurückgekommen. Sie hätte mich also nicht wie immer um 15.00 Uhr bekommen. Papa wollte ihr dafür sogar einen Felixtag mehr geben, aber sie blieb hart. ?Ordnung muss sein?, sagte sie. Und jetzt will sie mich freiwillig für eine Nacht, die ihr zusteht, zu ihm lassen? Da stimmt etwas nicht!
Sie streicht sich die Locken aus der Stirn. Ich kenne diese Handbewegung. Jetzt fährt sie mit den Fingern über ihre Wangen. Es sieht aus, als ob sie unsichtbare Spinnweben vor dem Gesicht zerteilen müsste. Das tut sie immer, wenn sie etwas verheimlicht. Oder wenn ihr etwas peinlich ist.
Sie wiederholt die Geste drei Mal. Das bedeutet: Sie wird mir nun eine besonders dicke Lüge auftischen. Meine Mama lügt viel wie alle Erwachsenen. Aber sie macht es nicht besonders gut. Wenn ich so einfallslos und durchsichtig belogen werde, dann fühle ich mich nicht ernst genommen. Ich werde richtig sauer, bin richtig beleidigt. Bin ich keine intelligente Lüge wert? Muss man sich mit mir keine Mühe geben?
Mein Papa kann ganz gut lügen. Aber an mich kommt keiner ran. Ich bin der Meister.
Mama holt Luft. Sie wird beim Lügen auch noch kurzatmig wie eine Anfängerin. ?Ich ? ähm ? ich möchte heute Abend gerne ausgehen. Mit einer Freundin.?
Jetzt hält sie einen Moment die Luft an und fragt sich, ob ich die Lüge geschluckt habe. Ich bin doch nicht blöd. Ihr Ausatmen ist ein einziges Stöhnen. Sie sieht es mir an: Ich glaube ihr kein Wort.
?Aber sonst bist du doch immer sauer auf Papa, wenn der mich mal alleine lässt.?
?Ich gehe ja auch nicht jeden Abend in die Kneipe.?
?Papa auch nicht. ? Kenne ich deine Freundin??
Wieder fingert sie an ihren Haaren herum. ?Ich glaube nicht.?
?Du kannst ruhig mit ihr ausgehen, Mama. Mir macht das nichts. Ich bin doch kein Baby mehr. Ich fürchte mich nicht. Ich kann ja so lange fernsehen.?
?Aber ich will nicht, dass du viereckige Augen bekommst. Es ist besser, du gehst zu deinem Vater.?
?Aber bei dem sehe ich doch auch nur fern.?
Sie holt tief Luft und ihr Blick weicht meinem aus. Warum fällt es den Leuten nur so schwer, einem in die Augen zu schauen, wenn sie lügen? Die ganz miesen Lügner glotzen auf ihre Fußspitzen, wenn sie ihre fadenscheinigen Erfindungen herunterstammeln. Wer beim Lügen nach unten schaut, weiß, dass ihm keiner glaubt. Er wäre vermutlich selbst nicht blöd genug den Quatsch zu glauben, den er erzählt.
Ich ahne hinter Mamas stümperhaften Versuchen längst die Wahrheit: Sie hat einen Freund. Zum ersten Mal, seit sie von Papa getrennt ist, hat sie sich neu verliebt. Und ich wette, sie will ihren Verehrer heute Abend mit nach Hause bringen. Vielleicht lädt sie ihn zu einer Tasse Kaffee ein. Sie will nicht, dass ich dabei bin und dann schlecht von ihr denke. Zum Beispiel, dass sie einen genauso lockeren Lebenswandel führt wie mein Papa.
Der verliebt sich dauernd neu, bringt jede mit nach Hause und geniert sich überhaupt nicht dafür. Sie schlafen auch fast immer bei uns. Das heißt, bei ihm. Meistens kriegt er sie sogar dazu, morgens Brötchen zu holen und das Frühstück zu machen. Einige sagen auch nur, dass sie Brötchen holen und kommen dann nicht wieder. Ich erkenne das schon an dem Ton, in dem sie es sagen und an der Art, wie sie die Tür hinter sich schließen.
Soll ich Mama jetzt sagen, dass ich sie durchschaut habe? Ich könnte ihr vorschlagen, ihren Liebhaber ruhig mitzubringen. Aber ich ahne schon, dass sie sich dann in Grund und Boden schämt. Ich erspare ihr das mit einer kleinen Schummelei.
?Falls deine Freundin hier schlafen will, Mama, dann habe ich nichts dagegen. Ich penn morgens lang. Bestimmt ist sie schon weg, wenn ich wach werde. Oder sie holt uns Brötchen und ??
Mama gibt auf. Wenn Erwachsene mit Lügen nicht weiterkommen, versuchen sie, einfach zu bestimmen. Manche bestimmen immer, weil sie zum Lügen viel zu blöd sind. Zum Beispiel unser Sportlehrer. Aber das ist eine andere Geschichte.
Mama haut mit der flachen Hand auf den Tisch, es scheppert. Dabei streift sie den Löffel und Milchreis landet auf ihrer Bluse.
?Du schläfst heute Nacht bei deinem Vater. Schluss. Aus. Ende der Debatte.?
?Aber ich ??
Mama schüttelt den Kopf und betrachtet den Milchreisfleck.
?Auf dem Weg zum Tanzpalast kommen wir direkt an der ,überdachten Müllhalde? vorbei.? Sie fügt ihrem Satz noch den Wunsch hinzu: ?Hoffentlich wirst du nie so wie er.?

Mir fährt das Wort ?Tanzpalast? wie ein Fausthieb in den Magen. Der Milchreis kommt mir wieder hoch, mitsamt dem Obst und dem Zimt. Im Tanzpalast spielt mein Papa heute Nacht Saxophon. Mama mag seine Musik nicht, aber auf genau so einen seichten, langweiligen Bigband-Sound, wie sie ihn im Tanzpalast immer spielen, steht sie.
Mama kann auch Papas alte Lederjacke nicht leiden. Sie hat sogar einmal versucht, sie wegzuwerfen. Papa holte sie wieder aus dem Mülleimer heraus. Damals sagte er: ?Das war es, Ute! Ich betrachte die Geschichte zwischen uns als beendet!?
?Geschichte!?? schrie Mama zurück. ?Was für eine Geschichte? Du meinst das Trauerspiel?!?
Es war aber nicht beendet. Es ging noch fast ein halbes Jahr weiter. Es passierte noch einiges. Papa schlief mit einer brennenden Zigarette im Bett ein und setzte unsere Wohnung in Brand. Endgültig an die Luft gesetzt hat Mama ihn aber erst, als sie auf diese Rothaarige bei uns im Badezimmer traf. Papa hatte die ganze Band nach einem Auftritt zum Duschen mitgebracht.
Das alles huschte durch meinen Kopf und ich kam zu der Überzeugung, dass Papa meiner Mama auf der Bühne im Tanzpalast gut gefallen müsste. Vielleicht würde sie sich neu in ihn verlieben. So im Smoking. Frisch gewaschen und rasiert. Ohne Lederjacke. Mit ihrer Lieblingsmusik. Aber Papa würde sich schämen, weil er endlich so geworden war, wie sie ihn immer haben wollte. Er würde sogar glauben, dass ich Mama dort hingelotst habe. Na klar, am Ende wäre ich der Blöde. Ich sehe ihn schon vor mir, mit Rändern unter den Augen und völlig fertig.
Wie konntest du mir das nur antun, Felix? Wie konntest du mich so sehr demütigen? Warum bringst du sie ausgerechnet hierher?

Ich höre mich sagen: ?Der Tanzpalast hat heute zu.?
?Bitte? Woher willst du das wissen??
?Ja, Mama, glaub mir. Wegen Umbau geschlossen. Steht groß dran. Hab ich heute Morgen noch gelesen.?
Mama stöhnt. Ihre Laune geht dem Tiefpunkt entgegen. Sie beginnt sich umzuziehen. Vielleicht wegen dem Milchreisfleck. Vielleicht aber auch, weil sie jetzt nicht mehr passend angezogen ist.
Ich frage mich, wie ich es je schaffen soll, die beiden wieder zusammen.zubringen. Es gibt nichts, was sie aneinander gut finden. ?Unsere Ehe war eine Lüge!?, hat Papa beim Auszug geschrieen. Mama brüllte zurück: ?Dein ganzes Leben ist eine einzige Lüge, du Versager!?
Mama kaut auf der Unterlippe herum. Dabei färbt der Lippenstift ihre weißen Zähne rot. Sie sieht verzweifelt aus. Ich bekomme gleich ein schlechtes Gewissen. Es ist wie verhext: Nur weil ich meinem Pa aus der Klemme helfen wollte, habe ich meine Mama traurig gemacht. Das wollte ich nicht.
Aber so war es immer. Es hat mich fast zerrissen. Man kann es nicht beiden recht machen. Was Mama freut, ärgert Papa und umgekehrt. Wenn ich in Mathe eine Eins schreibe, mache ich Mama glücklich. Sie glaubt nämlich, dass ich die Begabung von ihr habe. Für Papa dagegen ist eine Eins in Mathe wie eine Beleidigung. Er befürchtet dann, aus mir könne ?so ein Streber werden, der den Lehrern für ein paar gute Noten in den Hintern kriecht?. Er selbst ist wegen Mathe zweimal sitzen geblieben.
Aber wehe, ich kriege eine schlechte Note. Das ist dann für Mama der Beweis, wie sehr ich nach Papa komme. Und von dem hat sie sich immerhin scheiden lassen, dem ?größten, egoistischsten Volltrottel, der auf der Erde herumläuft?.
Wenn andere Jungen in meinem Alter ihr Zimmer nicht aufgeräumt haben, sind sie einfach faul oder schlampig. Ich bin immer gleich wie mein Vater. Aber wehe, ich sorge bei ihm zu Hause mal für ein bisschen Ordnung ? aus dreckigen Gläsern trinke ich nämlich auch nicht gerne ? heißt es sofort: ?Oje, der Junge hat einen Putzfimmel wie seine Mutter!?
Dabei putzt Mama gar nicht so viel. Aber bei ihr ist trotzdem immer alles sauber, denn sie räumt immer alles gleich wieder auf. Papa hingegen sagt meistens: ?Lass es liegen. Das hat Zeit bis morgen.?
Ich bin also entweder wie sie oder wie er. Das passt mir nicht. Ich will nämlich lieber sein wie ich: wie Felix.
Damit Menschen ungestört sie selber sein können, hat irgendein kluger Kopf einst die Lüge erfunden. Es ist eine der meist benutzten Erfindungen nach dem Bett, der Zahnbürste und der Unterhose. Ich bin mir nicht mal sicher, ob auf der Welt öfter die Toilettenspülung benutzt oder öfter gelogen wird. In einigen Ländern soll es gar keine Toilettenspülung geben. Aber gelogen wird auch dort. Wetten?
Ich sitze eine Weile so und denke darüber nach. Mama hat inzwischen das Kostüm in den Kleiderschrank gehängt und die Bluse in die Waschmaschine gestopft. Ich staune. Sie trägt nicht ihre weiße, Baumwollunterwäsche wie sonst. Jetzt ist alles Dunkelblau mit Spitze, schillernd wie der Nachthimmel. Da würde Papa aber Augen machen.
Vielleicht schaffe ich es doch noch, dass sie sich wieder verlieben. Ich meine, eigentlich sind die beiden gar nicht so schlecht. Es gibt bestimmt schlimmere Eltern. Sie haben mich nie geschlagen. Eigentlich meckern sie auch nicht an mir herum. Selbst, wenn sie schimpfen, kommt es mir immer so vor, als wäre nicht ich gemeint. Es geht eigentlich nie wirklich um mich, sondern immer mehr darum, wer von den beiden Recht hat. Sie zerren an mir herum. Egal, was ich mache: es ist immer ein Sieg für den einen und eine Niederlage für den anderen.


2.)

Mama hält sich das schwarze Kleid an den Körper, das sie bei meiner Kommunion getragen hat. Damals waren sie und mein Pa noch zusammen und Mama um einiges schlanker. Ich ahne, was jetzt kommt.
?Meinst du das passt mir noch, Felix??
Na bitte. Ich wusste es. Soll ich jetzt sagen: Nein, Mama, bestimmt nicht. Du hast ganz schön zugenommen in den letzten Jahren?
Ich greife zur einfachsten Art der Lüge: dem Kompliment.
?Das Kleid steht dir wirklich gut. Du sahst toll darin aus ? damals.?
Sie lächelt erfreut und hält es noch einmal prüfend vor sich.
?Meinst du wirklich? Habe ich nicht ein bisschen zugenommen??
?Nein, Mama, bestimmt nicht.?
?Doch, Felix.?
?Nein.?
?Doch. Hier an den Hüften.?
?Nie im Leben, Mama.?
Warum probiert sie es nicht einfach an, denke ich. Na klar, sie will die Wahrheit gar nicht auf so gnadenlose Weise erfahren. Sie möchte, dass ich sage: Der weite Sommerrock mit dem kleinen Sonnenmuster steht dir viel besser. Dann kann sie das Kleid mit dem Gefühl, es passe ihr noch, stehe ihr aber nicht so gut, wieder in den Schrank hängen.
Also falsch gelogen. Man sollte solchen Feinheiten viel Aufmerksamkeit schenken. Sie können einem den ganzen Tag verderben.
Jetzt zwängt sie sich rein.
Natürlich kriegt sie den Reißverschluss am Rücken nicht zu. Mein Einsatz.
Ich sehe auf den ersten Blick, daraus wird nie etwas. Aber ich halte den Mund und gehe tapfer an die Arbeit. Ich fürchte, wenn ich noch fester ziehe, reißt der Stoff.
Sie atmet aus. So gewinnen wir ein paar Zentimeter.
Da klingelt es.
Mama läuft halb angezogen ins Bad und bittet mich zu öffnen. Dabei sieht sie auf die Uhr. Oje, schon so spät, sagt ihr Blick.
Ich gehe zur Tür. Da steht sie, die Freundin, mit der sie heute Abend ausgehen will: Blumenstrauß in der Hand, mit irgendwelchem Glitzerspray verkitschte rote, weiße und blaue Rosen.
Die Freundin trägt einen dunkelblauen Anzug. Zweireiher. Ein hellblaues Oberhemd und eine Krawatte, die gut zum Blumenstrauß passt. Die Armbanduhr ist eigentlich für Tiefseetaucher. Ich finde sie ein bisschen protzig.
Die Freundin will aber wohl nicht zum Tauchkurs, denn sie hat keine Schwimmflossen an, sondern frisch geputzte Lederschuhe. Sie lächelt wie ein Vertreter für Versicherungen und kratzt sich ein bisschen verlegen den Bart. Man könnte sie beinahe für einen Mann halten.
?Ja ? ähm ? Ich bin Robert. Robert Sattler. Du bist wohl der kleine Felix??
Soll ich jetzt sagen: ? Genau, und Sie sind Mamas Freundin ? ?
Mach ich nicht. Ich bitte ihn einfach rein. Er riecht nach diesem Rasierwasser, das angeblich Frauen ganz verrückt machen soll. Ich muss davon immer nur niesen.
Jetzt ist die richtige Lüge nicht leicht. Zum Beispiel: Mama! Deine Freundin ist da! Könnte sie als Spott empfinden. Die Lüge ist zu dick.
Mama! Deine Freundin hat einen Bart. Lässt du dir auch bald einen wachsen? Klingt glaubwürdiger, ist aber auch nicht empfehlenswert. Besser ist es so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Es ist eine der geschicktesten Lügen ? man tut, als hätte man nichts gemerkt.
Ich klopfe also an die Badezimmertür und sage: ?Mama, dein Besuch ist da.?
Für diesen geschickten Schachzug müsste ich eigentlich eine Taschengelderhöhung bekommen. Aber Mama hat andere Sorgen. Sie flüstert kaum hörbar: ?Komm rein.?
?Bitte??
?Komm rein, Felix, du musst mir helfen.?
Gesagt, getan. Ich lächle den Rosentypen nur noch kurz an. Er setzt sich, schaut auf seine Taucheruhr und schlägt die Beine übereinander. Dann eile ich meiner Ma zu Hilfe.
Sie hat einen roten Kopf und Hektikflecken im Gesicht, wie samstags kurz vor Feierabend.
?Schatzilein?, sagt sie zu mir, ?ich komm nicht in das Kleid.?
?Es muss wohl eingelaufen sein?, werfe ich ein.
Dafür ernte ich ein dankbares Lächeln. ?Ich kann jetzt so nicht rausgehen.?
Das sehe ich ein.
?Hol mir das rote Kleid.?
?Das mit dem tiefen Ausschnitt??
Sie nickt und schickt mich los, doch dann hält sie mich wieder fest. ?Nein, warte. Was hat Robert an??
Ich überlege.
?Nun sag schon. Anzug??
?Hm.?
?Krawatte??
?Hm.?
?Gut. Dann vergiss das rote Kleid. Hol mir das graue Kostüm.?
Das, von dem Papa immer gesagt hat, du siehst darin aus wie eine Sekretärin, die ihren Chef verführen will? sage ich nicht. Ich nicke nur und pirsche los.
Mamas Neuer weiß nicht wohin mit dem Blumenstrauß. Sein Problem. Außerdem bröselt das Glitzerspray von den Knospen. Es rieselt auf den Teppich. Bei meinem Pa würde das nicht auffallen. Hier schon.
Ich bringe Mama das graue Kostüm. Sie bittet mich, ihn ein bisschen zu unterhalten. Sie braucht noch Zeit.
Okay. Ich setze mich zu ihm.
Ich brauche gar nichts zu tun. Er beginnt das Gespräch, zeigt auf seine Uhr und fragt: ?Gefällt sie dir? Wasserdicht bis 100 Meter Tiefe.?
Ich spiele den Beeindruckten. ?Toll. Ist bestimmt sehr nützlich.?
?Ja?, sagt er, aber das klingt nicht überzeugend.
?Also, wenn man mal so tief ist und wissen will, wie spät es ist ??
Er sieht auf seine Schuhspitzen. Bevor er mir erzählen kann, wie klasse seine Schuhe sind, baue ich ihn wieder auf.
?Nein, ehrlich. Ich finde solche Uhren toll. Hatte selber mal eine.?
?Oh ja??
?Ja, aber die hielt nicht so lange. War aus ?nem Kaugummiautomaten.?
So. Jetzt ist er sauer. Wenn ich das später Papa erzähle, gibt er eine doppelte Portion Pommes aus. Wetten?
?Wo bleibt denn deine Mama??, fragt er ungeduldig und sieht schon wieder auf seine Angeberuhr.
?Die ist noch auf der Toilette. Sie hat Durchfall.?
Da schaut er aber.
?So eine Magendarm-Grippe. Ist aber nicht ansteckend.?
Er lächelt, glaubt mich durchschaut zu haben. Ich kenne das. Wenn Erwachsene glauben, einen bei einer Notlüge erwischt zu haben, bekommen sie immer so einen überlegenen Blick. ?Du magst mich wohl nicht sehr, wie??, fragt er.
?Doch, ich finde Sie klasse. Ich bin total froh, dass so ein toller Hecht wie Sie meine Ma ausführt, obwohl sie in das scharfe schwarze Kleid nicht mehr reinpasst.?
Ich habe das blöde Gefühl alles falsch zu machen. Ich kriege feuchte Hände und mir wird ganz heiß.
Er lehnt sich vor: ?Du bist ganz schön schlagfertig!?
Aus seinem Mund klingt das wie ein Lob.
Er setzt gleich noch einen drauf: ?Ich kann verstehen, dass du eifersüchtig bist. Aber ich nehme dir deine Mama nicht weg. Ich gehe nur mit ihr tanzen.?
Ich bedanke mich artig für sein Verständnis. Er schluckt den Köder und schon habe ich ihn an der Angel.
?Ich habe nichts gegen Sie?, lüge ich. ?Ich gebe Ihnen sogar einen guten Rat. Meine Mama hasst es tanzen zu gehen. Besonders diese langweilige Blasmusik im Tanzpalast mag sie nicht.?
Er erschrickt und zappelt wie ein Fisch, der den Haken spürt.
?Aber ich dachte ??
?Das hat sie nur Ihnen zuliebe gesagt.?
Er wird nachdenklich. Das steht ihm gar nicht.
?Was ? was mag deine Mama denn lieber??
Ich ziere mich. Die schönste Lüge ist die, die man erst nach langem Zögern preisgibt.
?Ich glaube, das sag ich besser nicht. Sie schämt sich dann bestimmt.?
Er flüstert. Das ist ein gutes Zeichen. Der Fisch ist schon so gut wie an Land.
?Mir kannst du vertrauen. Ich will doch nur, dass sie sich heute gut amüsiert.?
?Ja, aber ? ich weiß nicht. Es ist ein bisschen peinlich.?
Er macht es auf die ganz blöde Tour. Er greift nach hinten, zaubert zwei Euro aus der Tasche und hält sie mir hin.
?Kannst du doch bestimmt gut gebrauchen ??
Immer noch besser als Papas Tussis, denke ich. Die wollen mir immer bei den Schularbeiten helfen oder was spielen.
Ich stecke das Geld ein.
?Also gut?, sage ich. ?Aber Sie dürfen Ma auf keinen Fall sagen, von wem Sie das wissen.?
Er hebt zwei Finger zum Schwur. ?Großes Indianerehrenwort.?
Das sagen Erwachsene immer, wenn sie Kinder hereinlegen wollen. Es ist nämlich kein richtiger Schwur.
Ich bringe meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Dann flüstere ich so leise, dass er es kaum versteht: ?Meine Mama steht auf Horrorfilme.?
Das ist natürlich gelogen. Meine Ma mag viel lieber diese romantischen Liebesfilme mit Julia Roberts und Brad Pitt und so, bei denen sie mindestens eine Packung Papiertaschentücher vollheult. Mein Pa dagegen kann sich mit wachsender Begeisterung ein Horrorvideo nach dem anderen reinziehen. Die beiden haben sich früher oft darüber gestritten. Mama fand, das sei ?Dreck, der nicht mal in die allerunterste Schublade passt?.
Wenn ich den Typen jetzt dazu bringe, mit Mama in einen Horrorfilm zu gehen, wird sie denken, dass nicht nur Papa so schlimm ist, sondern dass die Männer im allgemeinen auf so was stehen und dieser Robert auch nicht viel besser ist. Mit ein bisschen Glück stürzt der Held vom Sockel, bevor er richtig oben ist.
Er schaut mich zweifelnd an. ?Was? Das ist nicht dein Ernst.?
?Doch. Je blutiger, je besser. Aber sie schämt sich deswegen und würde es nie zugeben.?
?Super?, sagt er dankbar. ?Danke für den Tipp. Ich schulde dir was. Du kannst ab jetzt auf mich zählen.?
Ich bin doch nicht blöd, denke ich.
Und dann steht Ma vor uns. In dem grauen Kostüm, mit rotem Wangen und sichtlich aufgeregt.
So habe ich meinem Papa die Peinlichkeit erspart. Sie wird ihn also nicht im geliehenen Smoking Tanzmusik spielen hören. Stattdessen sieht sie einen Horrorfilm ? das ist ziemlich sicher. Ich fürchte, für den armen Robert ist der Abend gelaufen...


3.) 
Mein Papa kann so lachen, dass man Angst kriegt. Echt. Der flippt manchmal richtig aus. Er lacht, bis sein Kopf knallrot wird und die Augen vorquellen. Dann hustet er wie Willi, das kranke Walross bei uns im Zoo, kurz bevor es starb. Er haut mit der rechten Hand dabei immerzu auf den Tisch. Zu allem Überfluss keucht er: ?Ich kann nicht mehr! Ich werd nicht mehr!?
Als ich klein war, hatte ich oft Schiss, er könnte ersticken. Er überlebt es aber immer, mit rasselndem Atem. Und danach dreht er sich eine Zigarette.
Diesmal ist es noch schlimmer. Er krümmt sich beim Husten und weint vor Lachen. Ich sehe seine Adern am Hals blau pochen. Schließlich springt er auf und hüpft wie wahnsinnig durch die ganze Wohnung, auf und ab und auf und ab.
Doch schließlich lässt er sich erschöpft in einen Sessel fallen, atmet wieder einigermaßen normal. Er hat sich beruhigt. Nur seine Stimme klingt noch ein bisschen heiser.
Er grinst mich an. ?Das hast du super gemacht, mein Großer. Super. Wie bist du auf die Idee mit dem Horrorfilm gekommen??
?Na ja, ich dachte, es wäre dir peinlich, wenn sie dich im Tanzpalast ??
Er hebt die Arme wie ein Gangster, der sich ergibt. Das heißt, ich soll nicht weitersprechen. Von der Wahrheit haben Erwachsene schnell die Nase voll. Von Lügen dagegen können sie meistens gar nicht genug kriegen.
?Wie sah er aus??, fragt Papa.
Das freut mich. Wenn sie ihm wirklich so gleichgültig wäre, wie er immer tut, was würde es ihn dann interessieren, wie sein Nachfolger aussieht? Es ist nicht ganz aussichtslos. Eines Tages bringe ich die zwei wieder zusammen. Wer, wenn nicht ich? Der größte Lügner aller Zeiten.
?Er trug einen Anzug, Krawatte und ??
Pa verzieht sein Gesicht. ?Dachte ich mir, dass sie an so einen vertrockneten Sesselpupser gerät. Geschieht ihr recht.?
?Wie ein Sesselpupser sah der aber gar nicht aus, Papa. Eher wie ein ??
Ich suche noch nach dem richtigen Wort. Pa zündet seine Selbstgedrehte an.
?Eher wie ein Marathonläufer.?
Mein Vater hustet den Rauch aus. Ich muss mir etwas einfallen lassen, damit er aufhört. Er ruiniert sich sonst.
?Ein Marathonläufer? Du meinst, er ist so ein schmales Handtuch??
Ich schüttele den Kopf. ?Nein. Eher muskulös. Sportlich. Ein Taucher, glaube ich.?
Das freut meinen Pa gar nicht.
?Ein Boxer vielleicht.?
?Hat er so ein zerhauenes Gesicht??
?Nein. Solche Oberarme.?
Jetzt reicht es dem besten Saxophonspieler der Südstadt. Er zwängt sich in den geliehenen Smoking.
Ich schaue, ob für mich noch etwas im Kühlschrank ist. Drei Flaschen Bier. Ein Stück vertrockneter Käse. Eine schimmelige Tomate. Ein offener Joghurt über dem Verfallsdatum. Erdbeere. Zwei Tüten H-Milch. Ein Päckchen Margarine ohne Deckel. Ein Handy. Keine Ahnung, wie das da reingekommen ist. Und drei Eier.
?Du solltest mal wieder einkaufen?, schlage ich vor.
Er antwortet leicht gereizt: ?Was glaubst du, warum ich das hier mache, Kleiner?? Dabei versucht er, den obersten Knopf des weißen Hemds zu schließen. Das klappt aber nicht, denn der fehlt seit ewigen Zeiten. Solche Kleinigkeiten überspielt mein Pa lässig. Den fehlenden Knopf bemerkt kein Mensch. Schließlich trägt er zum Smoking eine Fliege.

Ich wollte unserer Lehrerin eigentlich eine Freude machen. Ich finde sie nämlich toll. Sie ist neu und heißt Flamme. Bärbel Flamme. Ihre Haare leuchten wie Feuer. Ihre Stimme ist ganz weich und sanft. Nicht so wie die von Herrn Stobbe. Sie trägt selbstgestrickte Pullover und verwaschene Jeans und duftet nach Vanille.
Die Flamme ist nicht einfach so eine Lehrerin, die einem Mathe beibringt oder den Magen der Kuh. Nein. Die Flamme ist Drogenberaterin an unserer Schule. Sie hat uns gefragt, was wir denn so für Drogen kennen. Wir sollten alle aufschreiben. Auch alle verschiedenen Namen, die wir dafür kennen. Also Bier, Alk und so. Ich habe mal in Biologie, als wir bei Bäumen und Blättern waren, die verschiedenen Blätter aufgesammelt und aufgeklebt. Darunter schrieb ich die Namen der Bäume, von denen sie stammten. Dafür bekam ich eine Eins.
Deshalb schnitt ich von Papis Lieblingspflanze einen Stängel mit einem fünffingrigen Blatt ab. Das ist die einzige Blume in Papis Haushalt, die noch nie vertrocknet ist. Sogar Kakteen sind dem schon eingegangen. Aber die nicht. Sie steht an einem sonnigen Plätzchen auf dem Balkon. Sie ist größer als ich. Man kann ihre Blätter rauchen. Manche Leute nennen das Haschisch. Mein Pa nennt es ?Shit? oder einfach ?astreinen Stoff?.
Ich hatte keine Ahnung, dass das Zeug verboten ist. Echt. Ehrlich. Ich bin mit so etwas groß geworden. Genauso gut hätte mir jemand erzählen können, Zahnpasta sei verboten oder holländischer Käse.
Schade, dass ich kein Foto von Frau Flamme gemacht habe. Sie ruderte mit den Armen wie jemand, der Angst hat unterzugehen, obwohl sie gar nicht im Wasser war. Danach wollte sie mit mir über meine Probleme sprechen. Ich sagte: ?Ich habe keine.? Aber das gefiel ihr nicht. Wenn man vor ihren Augen bestehen will, muss man Probleme haben. Ich wollte gerade welche erfinden, da entschied sie sich dafür, lieber mit meinem Vater zu reden.
Seitdem gehen sie oft zusammen aus. Sie schläft aber nur bei ihm, wenn ich nicht da bin. Niemand in der Schule soll davon erfahren, denn es wäre ihr peinlich. Keine Ahnung, wieso. Aber ich merke es natürlich sofort, wenn sie da war. Erstens riecht die Wohnung nach Vanille. Zweitens steht in Papas Zahnputzbecher eine Zahnbürste mit ihrem Namen drauf. Und drittens sieht sie mich in der Klasse immer so an, als ob sie in mich mindestens genauso verliebt wäre wie in ihn.
Sie tut mir ein bisschen Leid. Ich weiß nämlich, dass er sie traurig machen wird. Er macht alle Frauen traurig, die sich in ihn verknallen, denn er hat nie nur eine Freundin. Einige macht das echt wütend, wenn sie es herauskriegen. Meine Mama zum Beispiel, die ist ja jetzt noch richtig sauer.
Mein Papa ist wie ein Schmetterling. Er fliegt von Blume zu Blume. So hat er mir das mal erklärt. Er will sogar einen Song daraus machen, ist aber bisher noch nicht dazu gekommen.
Als ich mir gerade drei Spiegeleier brate, klingelt ein Telefon. Doch wo ist das blöde Ding? Ich laufe hin. Es ist das Handy im Kühlschrank.
Ich melde mich mit: ?Ja??
Das Gerät ist ziemlich kalt.
Natürlich erkenne ich die Stimme von Frau Flamme sofort. Obwohl sie gar nicht weich und sanft ist, sondern mehr kratzig und mit beleidigtem Unterton.
?André? Dachte ich mir doch, dass ich mein Handy bei dir liegen gelassen hab!?, brüllt sie. ?Wehe, du telefonierst auf meine Kosten, du Bastard! Ich will dich nie wieder sehen! Du ? Du ? Du ?!
Was jetzt, denke ich krampfhaft. Was jetzt?
Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Soll ich sagen, dass ich ich bin und nicht er? Das ist bestimmt peinlich für alle Beteiligten. Wie soll ich da nur rauskommen? Wie?
Wenn ich eine gute Idee brauche ? und wer gut lügen will, braucht dauernd gute Ideen ? dann zappe ich durch meine Gehirnzellen wie mit der Fernbedienung durchs Fernsehprogramm. Irgendwo ist immer ein rettender Gedanke. Man muss ihn nur finden und dann zulassen. Es muss etwas geben, das die Situation verändert, und zwar zu unser beider Vorteil. Ich meine, ich habe hier gerade meine Lehrerin am Handy, die stinksauer auf meinen Vater ist. Sie nennt ihn Bastard ?
Da ist schon die rettende Lüge. Noch kann ich sie nicht loswerden, denn Frau Flamme kriegt sich gar nicht mehr ein.
?Ich hetz dir das Jugendamt auf den Hals, du verantwortungslose Kreatur, du! Das hätte ich gleich tun sollen. Warum fall ich nur immer auf so miese Typen wie dich rein??
Keine Frage, sie spricht von meinem Vater. Jetzt schnappt sie nach Luft.
?Hallo?!?, rufe ich, so laut ich kann. ?Hallo?! Ich kann Sie nicht verstehen! Wer spricht da? Ich habe das Handy im Kühlschrank gefunden. Ich glaube, der Ton funktioniert nicht.?
?Ach du je, Felix, bist du das??
?Hallo? Wer ist da? Ich versteh nichts. Ich leg jetzt auf.?
Nicht schlecht, was? Mit einer guten Lüge kann man die Dinge nicht umdrehen. Es gelingt nur selten, aus Hell Dunkel zu machen oder umgekehrt. Aber man kann Zeit gewinnen, und das ist ja auch schon was.
Die Spiegeleier sind nur noch Ruß und Qualm. Ich werfe die Pfanne zum restlichen Abwasch in die Spüle. In dem braunen Wasser schwimmen Fettaugen, Nudeln und zwei Zigarettenkippen. Die klebrigen Teller mit Essensresten ragen malerisch aus dem Spülwasser wie Eisberge aus dem Nordmeer. Die Pfanne versinkt nur halb im Wasser. Der Griff ragt nach oben wie eine Fahnenstange.
Eigentlich wollte ich mich um den Abwasch kümmern, aber ich habe jetzt Wichtigeres zu tun.
Frau Flammes Worte klingen noch in meinem Ohr: ?Ich hetz dir das Jugendamt auf den Hals.?
Das bedeutet, wir müssen uns auf Ärger gefasst machen. Viel Ärger. Mama ist sowieso der Meinung, ich sollte besser bei ihr aufwachsen. Damit aus mir ein anständiger Mensch wird. Aber das gemeinsame Sorgerecht schreibt vor, dass beide Elternteile gemeinsam erziehungsberechtigt sind. Zumindest, bis ich achtzehn bin und jetzt bin ich gerade mal zwölf.
Es passiert öfter, dass Papas Freundinnen, wenn sie nicht mehr seine Freundinnen sind, das Jugendamt einschalten wollen. Plötzlich entdecken sie dann immer, dass er ein ganz schlimmer Mensch ist. Dass man mich unmöglich bei ihm lassen kann. Einige wollten sich sogar um mich kümmern. Doch keine hat das wirklich getan. Sie vergessen sogar alle meinen Geburtstag. Wahrscheinlich haben Uschi, Jutta, Anne und Kati und wie sie alle heißen, auch vergessen ans Jugendamt zu schreiben. Oder sie wurden dort nicht ernst genommen. Aber dies hier ist immerhin meine Lehrerin und Drogenberaterin der Schule dazu. Sie weiß von Papas verbotener Pflanze. Vermutlich hat sie sogar davon geraucht. Das tun nämlich die meisten irgendwann, wenigstens einmal zum Probieren.

Ich renne die Gierather Straße runter zum Tanzpalast. Ich muss ihn vorwarnen. Manchmal fallen ihm ganz gute Sachen ein, um aufgebrachte Menschen zu beruhigen.
Schon von weitem sehe ich, dass es an der Kasse nicht einfach wird.
Der Typ will mich einfach nicht reinlassen. Ich sei noch zu klein.
Ich könnte jetzt sagen, dass ich auf mehr Rockkonzerten war, als er CDs zu Hause hat oder Gruppen aufzählen kann. Dass mir der Sänger von Echt eine Cola spendiert hat. Oder dass ich neben Joe Cocker ins Becken gepinkelt habe. Oder einmal beinahe bei Michael Jackson auf dem Schoß gesessen hätte. Oder ? ach ? Was nutzt die Wahrheit?
Ich sage also: ?Da drin ist meine Mama. Ich hab mich aus Versehen zu Hause ausgesperrt. Ich wollte mir eigentlich das Badewasser einlassen. Also, es läuft ??
Er schaut nicht nur blöd, sondern auch erschrocken. Selbst er kapiert endlich: Hier muss gehandelt werden. Also nickt er mir zu und lässt mich rein. Und das, obwohl für Männer hier Krawattenzwang herrscht. Das sehe ich sofort.
Mein Pa steht auf der Bühne. Sie ist nicht hoch. Nur drei Stufen. Neben ihm ein Trompeter und zwei Posaunisten. Hinter ihnen ein Schlagzeuger und ein Pianospieler. Vorn ein Sänger.
Es hört sich gar nicht so scheußlich an, wie ich dachte. Der Sänger hat kaum Stimme. Er ist wohl traurig, singt von einer Frau, die einen anderen liebt.
Kein Wunder, so wie der aussieht.
Die Konzerte, auf denen mein Pa sonst spielt, sind anders. Nicht nur, dass die Leute anders aussehen, nein, zum Beispiel nimmt das Schlagzeug meist die halbe Bühne ein. Der Typ mit dem Bierbauch da trommelt auf zwei Tellern herum. Ach, trommelt? Er streichelt sie mit einem Schneebesen.
Sonst spürt man die Musik von meinem Pa im Magen. Die Bässe vibrieren dann so richtig und das Herz nimmt einen neuen Rhythmus an. Diese Musik hier hört man nur in den Ohren.
Aber eins ist wie immer: Ganz vorn stehen ein paar Frauen, die meinen Pa anhimmeln. Das heißt, die hier sind wohl eher Damen. Aber ich kenne diese Blicke.
Ich glaube, der Tanz heißt Walzer. Papa nennt das ?Ringelpietz mit Anfassen?.
Papa sieht mich. Er kann sich natürlich sofort denken, dass etwas nicht stimmt. Denn er ist zwar, wie meine Mutter sagt, arbeitsscheu, verantwortungslos und haltlos, aber blöd ist er nicht.
Er deutet mit den Augen an, dass ich in der Pause zur Toilette kommen soll. Bei seinen Auftritten ist das sozusagen Backstage.
Die Pause kommt schneller als erwartet. Unter Musikern gibt es so ein geheimes Verständigungszeichen, wenn einer mal eine Unterbrechung braucht. Mein Papa brüllt einfach ?Zigarettenpause!? und geht von der Bühne.
Ich glaube kaum, dass er hier noch oft spielen wird. Aber im Augenblick haben wir sowieso andere Sorgen. Ich überlege kurz, wie ich es ihm sagen soll, denn die Zeit ist knapp. Ich entscheide mich für den direkten Weg: die Wahrheit. Ohne jede Beschönigung. Nicht den Hauch einer Lüge. Die schlichte, nackte Wahrheit.
Vor der Toilettentür flüstere ich sie in sein Ohr, schließlich sollen es nicht alle mitkriegen, denn wie immer tauchen jede Menge weiblicher Fans im Flur auf. Aber Flüstern nützt nichts bei meinem Pa. Er glaubt wie alle Musiker, ein ganz feines Gehör zu haben. Hört angeblich Töne und Schwingungen, die kriegt kein Normalsterblicher mit. Doch in Wirklichkeit ist er fast taub. Darum spielt er auch immer so laut.
Also schreie ich: ?Frau Flamme will uns das Jugendamt auf den Hals hetzen!?
Mein Pa wird sofort blass. Die Zigarette, noch gar nicht angezündet, fällt fast aus seinem Mund. Sie klebt nur noch an der Unterlippe fest.
?Ja, aber ? warum??
?Keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil du wieder Mist gebaut hast! Sie nannte dich eine verantwortungslose Kreatur! Das hat Mama auch immer gemacht.?
Papa schüttelt heftig den Kopf. Jetzt fliegt die Zigarette von der Unterlippe.
?Nein, das hat sie nicht. Sie hat immer verblödeter Versager zu mir gesagt.?
Seine Fans hören aufgeregt zu. Die Frauen planen garantiert schon, meinen Pa zu retten. Ich kenn das. Jede zweite will ihm helfen, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen.
?Du weißt wirklich nicht, worum es geht??
?Nein, nur dass sie immer auf so miese Typen wie dich reinfällt.?
Er nickt. ?Gut. Hör zu. Geh sofort hin. Finde raus, worum es geht. Wir müssen sie besänftigen. Die Chefin vom Jugendamt, diese Müller-Suppenhuhn ??
?Supente.?
?Ja, genau, Müller-Supente, ist ihre beste Freundin. Die können uns echt Ärger machen.?
Die Band beginnt bereits ohne Pa wieder zu spielen. Das hört sich noch grässlicher an.
?Ich muss ??
?Nee, Pa. So nicht. Sag mir was!?
?Was??
?Na, was du wieder angestellt hast!?
Er läuft zur Bühne.
?Ich habe keine Ahnung, Großer. Echt nicht! Find es raus.?

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