Schneider - von null auf 30 von Torsten Wohlleben, 2006, 2a-Verlag

Torsten Wohlleben

Schneider - von null auf 30
(Leseprobe aus: Schneider - von null auf 30, Roman, 2006, 2a-Verlag).

Nicole kam um fünf Uhr nachmittags. Meine Mutter hatte sich

auf meinen Wunsch in die Küche zurückgezogen: So konnte ich

Nicole ungestört durchs Haus führen, ihr den Balkon zeigen und sie

schließlich in mein Zimmer manövrieren.

Sie setzte sich auf mein Bett, direkt unter die Frankie-Fahne, und

ich war heilfroh, dass ich Sam Fox rausgeschmissen hatte. Weniger

glücklich war ich über die Monchichi-Tapete, die noch immer an der

Wand klebte. »Im Moment komme ich da einfach nicht zu«, hatte

mein Vater gesagt. »Aber im Winter reißen wir das alles runter!«

Nicole sah sich in meinem Zimmer um und tat so, als wären

Monchichi-Tapeten das Zeitloseste, was es überhaupt gäbe. Zum

Glück hatte ich vor ihrer Ankunft zumindest die Lucky-Luke-Hefte

und die herausgerissenen Unterwäsche-Seiten aus dem Quelle-Katalog

versteckt.

Nicole war fünfzehn, von Beruf Klassenkameradin und sowas von

hübsch, dass ich große Probleme mit so ziemlich allem hatte, nachdem

sie in meinem Zimmer war: Ich konnte nicht richtig sprechen, wusste

nicht, wo ich sitzen sollte und ob ich überhaupt sitzen sollte. Und ich

wusste erst recht nicht, ob mein Gesichtsausdruck immer noch cool

war, oder ob ich bereits jenen Gesichtsausdruck angenommen hatte,

den unsere Katze Merle trug, wenn sie von einem Kater geschwängert

wurde. Ich wusste gar nichts mehr!

Nicole merkte das und versuchte halbherzig, die peinliche Stille

davonzufloskeln. »Wer ist das denn?«, fragte sie, zog die Augenbrauen

hoch und visierte mit ihren darunter liegenden großen Augen das

Curiosity-Killed-The-Cat-Bandposter an.

»Curiosity Killed The Cat!«, antwortete ich schließlich und dachte

dabei an meinen Vater, der auch immer »Wer ist das denn?« gefragt

hatte, wenn er meine Poster betrachtet hatte.

»Und die findest du gut?«

»Jou! Die finde ich gut!«, antwortete ich. »Schon mal gehört?«

»Nee.«

»Hm. Vielleicht kennst Du das Lied Name and Number.«

»Nie gehört«, erklärte Nicole und guckte mich an, als wollte sie

sagen: Ich habe den Anfang gemacht. Jetzt bist du dran, Schneider!

Entertainment please!

»Hey, how you doin‘, sorry you can‘t get through, won‘t you leave

your name and your number, and I‘ll get back to you...«, sang ich. Es

war so ein unbeholfener Flüstergesang, den man sich besser sparen

sollte, da die Zuhörer ohnehin nicht erkennen, welchen Song man

meint. Dazu tanzte ich plötzlich, ohne es gleich zu merken, den

Frankietanz, und zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch.

»Was machst du denn da mit deinen Beinen?«, fragte Nicole.

»Tanzen!«, antwortete ich.

Sie quietschte vor Lachen. Ich beschloss, lieber nicht weiter zu tanzen.

»Kennst du das denn nun?«

»Nee, nie gehört!«, kicherte sie.

»Da daaa, dat dat, Da daaa, dat dat, oho yeah, ye ye ye yeah!«, bot ich

an, doch sie schüttelte bloß noch den Kopf.

»Kennst du Bros?« fragte sie.

Ich nickte. »Klar.«

»Und?«

»Na ja...«, begann ich, ohne zu ahnen, dass die Beendigung meines

Satzes schwerwiegende Konsequenzen für mein gesamtes Leben

haben konnte. »Ich finde sie ganz okay.« Gespannt sah ich sie an.

Dann sagte sie: »Ich find’ die Scheiße!«

Verdammt, ich fand Bros sowas von Scheiße! Wer auf solide Skandal-

Liverpooler steht, muss die erste Retorten-Boyband aller Zeiten doch

einfach Scheiße finden. Warum, fragte ich mich, habe ich Nicole nicht

die Wahrheit gesagt? Warum habe ich nicht gesagt, was ich wirklich

dachte?

Ich versuchte, meine Aussage zu relativieren. »Na ja, die sind ja auch

Scheiße, aber ich meine, für eine Frau sind die vielleicht ganz nett zu

hören. Also jetzt nicht du, aber so für die meisten Frauen.«

Sie schwieg. Sie war fünfzehn und schien bereits alles über Typen wie

mich zu wissen. Ihr Gesicht nahm wieder belustigte Züge an, während

ich mich um Kopf und Kragen redete.

»...also, was heißt die meisten Frauen? Ich meine eigentlich bloß,

das Bros doch so ‘ne Kapelle ist, die überhaupt nur für Frauen da ist.

Und daher ist es ja nicht schlimm, wenn ‘ne Frau die gut findet. Ich

persönlich höre das nicht. Ich höre ganz andere Musik. Die Bros-

Mucke bringt mich eigentlich zum Kotzen. Ich habe dann wohl deine

Frage falsch verstanden.«

Nicole lehnte sich zurück und stützte sich mit den Händen auf meine

Bettdecke. »When Will I Be Famous ist aber ganz okay.«

»Ja gut, das stimmt wohl.«

Ja gut, das stimmt wohl??? Ich überlegte, ob ich das wirklich gesagt

hatte und erkannte schnell: Ich hatte!

Nicole verließ unser Haus erst nach zwei Gläsern Orangensaft und

einer kompletten Mixkassette meiner Schwester, doch ich war fest

davon überzeugt, dass »Ja gut, das stimmt wohl!« in ihr den Wunsch

ausgelöst haben musste, sofort zu verschwinden. Ich schwor bei den

Monchichis auf meiner Tapete, dass ich beim nächsten Date alles

anders machen würde.

(...)

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