Die Menschenfresserin von Monika Wogrolly, 2000, Deuticke

Monika Wogrolly

Kalte Lippen
(aus: Die Menschenfresserin, Roman, 2000, Deuticke)

Du hast kalte Lippen, wird Pascha sagen, sagte die Rosa zu ihrem Yogalehrer.
Nach der Geschichte mit Karia werde ich häufig kalte Lippen haben. Kurz bevor er nach Texas geht, wird Pascha eine Geschichte mit dem Titel Auswandern schreiben. Ich treffe ihn bei strömendem Regen im Opernpavillon. Er bückt sich unter den Tisch, als eine Pflegerin von der Akutstation auftaucht, die uns nicht zusammen sehen soll. Vor ihm liegt seine erste Houstoner Geschichte, in der schon Paschas Kollege, der Houstoner Eric vorkommt. Vor wenigen Tagen kehrten wir von einem ersten Besuch aus Texas zurück, schon schreibt er darüber. In seiner Houstoner Geschichte wird er seinen psychoanalytischen Kollegen Eric wegen dessen Schweizer Abstammung Houstoner Urs nennen. Er schreibt von Österreich als dort, wo ich herkomme, und behauptet, daß die Österreicher argwöhnisch, neugierig, distanzlos, pietätlos und fremdenhasserisch seien. Pascha wirkt auf mich wie einer, der lang etwas hingenommen hat und plötzlich aufspringt und geht. Ich glaube, für ihn auch zu den abgewerteten und verhaßten Menschen zu zählen. Es scheint ihn zu vergnügen, das Land, das ihn noch immer beheimatet, schlechtzumachen. Seine dunklen Augen leuchten. Seine Vorlesestimme bleibt mir erspart, auch sein prüfender Blick. Pascha beschreibt den Houstoner Eric, wie auch ich ihn beschrieben hätte; mit einem Katzenblick und der hochgezogenen halben Augenbraue. Auch über die Gangarten und Arschhaltungen der Houstoner Menschen wird er schreiben. Ich werde sagen, daß es mich verletze, sein Auswandern zu lesen. Am Nebentisch sitzen zwei Mütter mit Kindern. Die beiden sehen zu kurz gekommen aus, ihren vierjährigen Kobolden ausgeliefert. Mich wundert, daß jedes Kind weiß, zu welcher der beiden es gehört und immer die richtige anspricht.
Eine halbe Stunde später, in der finsteren Praxis, wird er mich ins Nebenzimmer schicken. Ich soll mich ausziehen, so weit es mir angemessen erscheint. Wenn ich fertig bin, soll ich klopfen. Ich räume ein, daß ich in der bestimmten Stellung nicht klopfen könne. Noch ehe ich rufen kann, geht die Tür auf. Sobald er mich sieht, weicht er zurück und schließt die Tür wieder. Gleich darauf werde ich rufen, praktisch nackt und bereit zu sein. Pascha läßt mich noch warten.

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