|
|
Kalte Lippen
(aus: Die Menschenfresserin, Roman, 2000,
Deuticke)
Du hast kalte Lippen, wird Pascha sagen, sagte die Rosa zu ihrem Yogalehrer.
Nach der Geschichte mit Karia werde ich häufig kalte Lippen haben. Kurz bevor
er nach Texas geht, wird Pascha eine Geschichte mit dem Titel Auswandern
schreiben. Ich treffe ihn bei strömendem Regen im Opernpavillon. Er bückt sich
unter den Tisch, als eine Pflegerin von der Akutstation auftaucht, die uns nicht
zusammen sehen soll. Vor ihm liegt seine erste Houstoner Geschichte, in der
schon Paschas Kollege, der Houstoner Eric vorkommt. Vor wenigen Tagen kehrten
wir von einem ersten Besuch aus Texas zurück, schon schreibt er darüber. In
seiner Houstoner Geschichte wird er seinen psychoanalytischen Kollegen Eric
wegen dessen Schweizer Abstammung Houstoner Urs nennen. Er schreibt von
Österreich als dort, wo ich herkomme, und behauptet, daß die Österreicher
argwöhnisch, neugierig, distanzlos, pietätlos und fremdenhasserisch seien.
Pascha wirkt auf mich wie einer, der lang etwas hingenommen hat und plötzlich
aufspringt und geht. Ich glaube, für ihn auch zu den abgewerteten und
verhaßten Menschen zu zählen. Es scheint ihn zu vergnügen, das Land, das ihn
noch immer beheimatet, schlechtzumachen. Seine dunklen Augen leuchten. Seine
Vorlesestimme bleibt mir erspart, auch sein prüfender Blick. Pascha beschreibt
den Houstoner Eric, wie auch ich ihn beschrieben hätte; mit einem Katzenblick
und der hochgezogenen halben Augenbraue. Auch über die Gangarten und
Arschhaltungen der Houstoner Menschen wird er schreiben. Ich werde sagen, daß
es mich verletze, sein Auswandern zu lesen. Am Nebentisch sitzen zwei Mütter
mit Kindern. Die beiden sehen zu kurz gekommen aus, ihren vierjährigen Kobolden
ausgeliefert. Mich wundert, daß jedes Kind weiß, zu welcher der beiden es
gehört und immer die richtige anspricht.
Eine halbe Stunde später, in der finsteren Praxis, wird er mich ins Nebenzimmer
schicken. Ich soll mich ausziehen, so weit es mir angemessen erscheint. Wenn ich
fertig bin, soll ich klopfen. Ich räume ein, daß ich in der bestimmten
Stellung nicht klopfen könne. Noch ehe ich rufen kann, geht die Tür auf.
Sobald er mich sieht, weicht er zurück und schließt die Tür wieder. Gleich
darauf werde ich rufen, praktisch nackt und bereit zu sein. Pascha läßt mich
noch warten.
Rezension I Buchbestellung I home IV04 LYRIKwelt © M.W.