Moment mal, 121 Versuche, den Augenblick zu retten (2007, Hoffmann&Campe, hrsg. von Rolf Michaelis).

Ben Witter

St. Pauli ohne Heuer und Hafen
(Leseprobe aus: Moment mal, 121 Versuche, den Augenblick zu retten, 2007, Hoffmann&Campe, hrsg. von Rolf Michaelis).

Ohne den Hamburger Hafen gäbe es kein St. Pauli. Die Menschen,

die mit den Schiffen kamen und gingen, mußten sich an

Land mit Proviant versorgen, sie brauchten Verpflegung, Nahrung

für den Geist und was sonst noch nötig ist, um den Menschen

gesund und bei guter Laune zu erhalten. In alten Zeiten

schon baute man die Proviantämter am Hafen auf, aus denen St.

Pauli entstand. Seitdem gibt es kaum einen Schiffer auf großer

oder kleiner Fahrt, gleichgültig unter welcher Flagge er segelt,

der noch nie seine Heuer auf St. Pauli gelassen hätte.

Der Binnenländer schuf sich eine eigene St.-Pauli-Romantik.

Er stellte sich einen großen Rummelplatz vor: an jeder Straßenecke

eine Kaschemme, in dunklen Hausfluren Männer mit

Schirmmützen, in der hohlen Hand Brillanten und in der Tasche

Kokain in Pfundstüten zur gefälligen Bedienung. Er

glaubte, so müßten ihm auf Schritt und Tritt torkelnde Matrosen

begegnen, die dem Fremdling ihren Priem vor die Füße

spucken und abwechselnd »Ahoi« und »Hummel Hummel«

rufen. Er gedachte in Kellerkneipen weißbärtige Kapitäne anzutreffen,

die jedem, der es wünscht, von ihren gefährlichen Reisen

um Kap Hoorn und ihren Erlebnissen mit dem Klabautermann

erzählen.

(...)

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