Catwalk von Dirk Wittenborn, 2004, DuMont

Dirk Wittenborn

Catwalk
(Leseprobe aus:
Zoe/Catwalk, Roman, 1983/2004, DuMont - Übertragung Volker Oldenburg)

Zoë. Sie kennen sie, vielleicht nicht ihren Namen, aber Sie kennen das Gesicht. Sie haben Sie schon auf Zeitschriften und in der Fernsehwerbung gesehen,
auf riesigen Reklametafeln, die einen halben Straßenblock einnehmen, und in allen großen Versandkatalogen. Ihr Bild ziert die Etiketten von Flaschen, Schachteln und Dosen. Schaufensterpuppen auf der ganzen Welt ähneln ihrer Gestalt, es gibt sogar eine Barbie mit ihrem Namen und ihrem Gesicht. Sie hat Sie überzeugt, Dinge zu kaufen, die Sie weder brauchen noch haben wollen; selbst die größten Skeptiker brachte sie dazu, mit den überspanntesten und kränksten Fantasien der Werbeindustrie zu liebäugeln.

Jetzt, da Zoë fort ist, tue ich mein Bestes, mir die Geheimnisse der Frauen, die ich fotografiere, nicht länger anzuhören. Wenn ich spüre, dass sie gleich loslegen, bitte ich sie, einen Schritt zurückzutreten und die Pose zu wechseln. Ich sage ihnen, wie schön sie sind, auch wenn es nicht wahr ist. Ich biete ihnen einen Joint oder eine Nase Koks an oder empfehle ihnen eine Akupunkturbehandlung. Wenn sie nicht lockerlassen, klage ich über Migräne und flüchte mich ins Badezimmer, bis der Visagist ihre Tränen überschminkt hat.

Ich habe die Fotografien von Zoë, die ich vergrößert, gerahmt und in meinem Studio aufgehängt hatte, abgenommen und durch andere Gesichter ersetzt. Tagsüber hilft das, aber spät nachts, wenn ich mich zu Hause fühle wie in einem Hotel und der einsame, herumirrende Tourist in mir in Panik gerät, er könnte das letzte Flugzeug verpasst haben, sehe ich im Dunkeln immer noch ihr Gesicht.

Es heißt, ich hätte Zoë entdeckt. Für lange Zeit glaubte ich, das sei die Wahrheit. Ich war stolz darauf. Ich fiel über jeden her, der es bestritt. Die Vorstellung, der erste gewesen zu sein, der sie gehabt hatte, mit der Kamera gefickt hatte, war tröstlich. Ich weiß, was Sie jetzt denken, jeder Mensch muss sich selbst finden.

Nein ... Zoë wurde auf ebenso abenteuerliche Weise entdeckt wie eine unbekannte Insel, ein verborgenes Tal oder ein verschwunden geglaubter Fluss. Aber nicht von mir. Es geschah durch Zufall, bevor sie nach New York kam oder mich kennen lernte oder Zoë wurde. Ihre Fantasie trug von Anfang an seine Handschrift.

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