Daniel Wisser zum Text (Daniel Wisser liest "Die Straße der Sünde")

die straße der sünde

die rote laterne flackert still
auch sonst tut sich am strich nicht viel
es kommt heut nur ein kunde
der will zu rosamunde
 
die straße der sünde ist einsam und leer
die zeit ist hart die zeit ist schwer
der stammgast kommt erst ziemlich spät
und geht hinauf zu bernadette
 
die mädchen frieren es ist kalt
der sekt wird in den flaschen alt
dann kommt nur mehr der taxifahrer
und geht wie immer zu tamara
 
was waren das für zeiten als
minister staatschefs feldmarschalls
prälaten päpste dalai lamen
aus aller herren länder kamen
 
japaner iren monegassen
franzosen zogen durch die straßen
pfund dollar yen und rubel rollten
und alle kriegten was sie wollten
 
der eine ging der andre kam
man traf sich gerne bei madame
der sekt floss die zigarre glimmte
und jeder nahm eine bestimmte
 
der schotte wollte nur charlotte
der däne ausschließlich marlene
die griechen kamen zu mariechen
und der chineser zu maresa
 
der portugiese nahm nur liese
der lette anette
der inder belinda
und der chilene immer nur irene
 
der spanier wollte tanja
der jude gertrude
der zulu lulu
und nur der schwede nahm eine jede
 
die rote laterne flackert still
auch sonst tut sich am strich nicht viel
nichts ist mehr wie es früher war
die kundschaft macht sich heute rar
 
man ist bequem verängstigt scheu
und bleibt der ehegattin treu
man geht nicht fort man bleibt zuhaus
was kommt da unterm strich heraus
 
die straße der sünde ist einsam und leer
die zeit ist hart die zeit ist schwer
der letzte kunde schleicht davon
die mädchen schlafen schon

(1996)

Rezension I Buchbestellung II12 LYRIKwelt © Daniel Wisser