Gespräch mit
einem afrikanischen Freund
(Ein Beitrag zum »Kulturpolitischen
Aschermittwoch« in Ried im Innkreis 2002)
Mein Freund Kayonga Kagame war neulich wieder in
Österreich.
Kennen Sie Kayonga Kagame? Das ist ein Ethnologe. Ein – ich darf sagen –
weltberühmter zentralafrikanischer Ethnologe, der gestaltet für
AllAfricanTeleVision eine Fernsehserie, die heißt »Fremde Länder – fremde
Sitten«. Mit einem Beitrag, nämlich »Das Fest des Huhnes«, in dem er sich
mit oberösterreichischen Sitten und Gebräuchen beschäftigt, ist er auch bei
uns bekannt geworden. Ich durfte an diesem Film mitarbeiten, und seither darf
ich Kayonga Kagame meinen Freund nennen.
Neulich hat er mich, wie gesagt, wieder einmal besucht.
Es zieht ihn immer wieder nach Österreich. Weil ihm die Psyche der hierzulande
Lebenden gar so fremd geblieben ist, hat er ja nach dem »Fest des Huhnes« noch
einen zweiten Film über dieses für ihn so dunkle und rätselhafte Land
gedreht.
Es werde ihm, sagt er mir jetzt, immer rätselhafter, dieses Land. Für die
politischen Zustände bei uns habe er sich bei früheren Besuchen nie wirklich
interessiert, gibt er jetzt zu. Er habe Österreich einfach für eine etwas
eigenartige, aber doch halbwegs entwickelte Demokratie westlichen Zuschnitts
gehalten. Vielleicht auch nur, räumt er jetzt ein, weil er zuvor nicht genau
genug hingeschaut habe. Jedenfalls habe er – vor zwei Jahren etwa – in der
internationalen Presse auf einmal beunruhigende Meldungen gelesen, die wolle er
nun endlich an Ort und Stelle – mit schwarzafrikanischer Akribie und
unverstelltem Blick – auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen.
So hat Kayonga Kagame also, wie es seine penible Forschernatur ist, hier
Erkundigungen eingeholt, da Gespräche geführt, dort nachgelesen, und er meint
jetzt, ich muß das hier leider so offen aussprechen, man könne Österreich
allenfalls noch vergleichen mit der Slowakei unter Meiar und mit Kroatien unter
Tudjman. Allerdings – immerhin! – lehnt er es ab, Österreich eine
Bananenrepublik zu nennen. Er verwende – gerade als ausgewiesener Kenner
Lateinamerikas – diesen Vergleich nicht, weil damit manchem Lande, in dem
Bananen und andere tropische Früchte wachsen, bitteres Unrecht getan würde.
Kayonga ist vielleicht zu einer ungünstigen Zeit gekommen. Die leidige
Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs über die zweisprachigen Ortstafeln in
Kärnten ist gerade bekannt geworden, und so muß Kayonga Kagame miterleben, wie
Jörg Haider sich zuerst einfach weigert, diese Entscheidung ernst zu nehmen,
dann anfängt den Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs anzupöbeln, seinen Rücktritt
verlangt ... all das, wir kennen es ja. Solches geschehe, gibt Kayonga zu, auch
anderswo auf der Welt, doch bräche in einem wirklich demokratischen Staat ein
Sturm der Entrüstung los, und so einer wie Haider müßte abdanken und seinen
Hut nehmen. In Österreich hingegen ... Man habe die Achseln gezuckt, und jemand
habe gemeint: »Was soll man tun? Wir kennen ihn ja eh. So ist er halt, der
Haider.«
Ganz und gar unbegreiflich sei das für ihn, meint Kayonga.
Was soll ich sagen? Wie soll man das einem logisch denkenden Afrikaner erklären?
Ich versuche es: Haider sei ja schon einmal aus seinem Amt gejagt worden, aber
er sei eben gestärkt wiedergekommen. Bei ihm sei – versuche ich zu erläutern
und weiß nicht recht, wie – alles ein wenig anders als sonst. Was anderen
schade, helfe ihm. Wer ihn angreife, mache ich nur umso stärker.
Das könne, meint Kayonga, nur mit der psychischen Struktur seiner Anhänger
zusammenhängen. Und er fängt an, sich für die FPÖ-Wähler zu interessieren.
Am liebsten hätte er sie ja – als erfahrener Ethnologe – dort studiert, wo
sie in Rudeln auftreten, etwa bei den Reden Jörg Haiders im Bierzelt und
anderswo. Kayonga überlegt sogar, das damals eben stattfindende Neujahrstreffen
der FPÖ in Linz zu besuchen, er wagt es aber dann doch nicht, da er von
Ressentiments gegen Schwarzafrikaner hört und seine schwarzafrikanische
Herkunft nicht verleugnen kann. So sieht er nur Fernsehbilder – und bekommt
Angst dabei. Diese hysterische Atmosphäre! Er hätte, meint er, wäre er
hingegangen, um sein Leben fürchten müssen.
Dem widerspreche ich natürlich. Es sei zwar schon vorgekommen, daß ein
Schwarzafrikaner erstickt sei, weil man ihm Mund und Nase zugeklebt habe, aber
das sei vermutlich ein krimineller Schwarzafrikaner gewesen, der abgeschoben hat
werden müssen. Rechtschaffenen Schwarzafrikanern passiere nichts hierzulande
– es sei denn man halte sie für Drogendealer oder sie gerieten an eine an
sich gesellschaftlich bedeutungslose Randgruppe wie die Neonazis, da könne es
schon vorkommen, daß sie tätlich angegriffen und auch schwer verletzt würden.
Totgeschlagen aber habe man bislang noch keinen. Er wolle, gibt Kayonga darauf
zur Antwort, gewiß nicht der erste sein.
Die soziologische Struktur der Haider-Anhänger läßt ihn aber nicht los. Er
findet rasch heraus, daß die Haider-Gefolgschaft unter den ganz und gar
ungebildeten Schichten dieses Landes signifikant groß sei. Er will mir die Schlüsse,
die er daraus zieht, im Detail erklären, aber hier unterbreche ich ihn. Man
darf die Ungebildeten nicht diskriminieren!
Kayonga freilich meint, er habe bisher die Intelligenz der Österreicher
insgesamt vermutlich überschätzt. Wie anders sei es sonst zu erklären, daß
sie sich durch die bloße und leicht durchschaubare Behauptung, die sogenannten
Sanktionen hätten sich nicht bloß gegen diese demokratisch fragwürdige
Regierung gerichtet, sondern gegen das österreichische Volk, zu einem
Schulterschluß mit dieser Regierung hätten zwingen lassen.
Ein bißchen, ich gestehe es, geht mir Kayonga Kagame diesmal auf die Nerven.
Einmal denke ich unwillkürlich sogar: Wie kommt denn so ein dahergelaufener
Schwarzafrikaner dazu ...! Ich denke den Gedanken natürlich nicht zu Ende, aber
die Bemerkung, daß gerade Schwarzafrikaner nicht wirklich prädestiniert seien,
uns Nachhilfeunterricht in Demokratie zu erteilen, kann ich mir dann doch nicht
verkneifen.
Kayonga nimmt es gelassen. Selbstverständlich komme es auch in Afrika immer
wieder vor, daß Politiker zwar durch demokratische Wahlen an die Macht kommen,
dann aber sofort versuchen, die Demokratie auszuhöhlen und den Staat unter ihre
Kontrolle zu bringen. Daß man – wie jetzt in Österreich – die Macht im
staatlichen Rundfunk und Fernsehen an sich reißen will oder in der ÖIAG und im
Hauptverband der Sozialversicherungsträger – und dort Säuberungen durchführe;
daß man versuche, Einfluß auf die Gerichte zu gewinnen, daß man Journalisten
und Oppositionspolitiker einzuschüchtern und nach Möglichkeit einzusperren
trachte, das sei leider auch in Afrika und manch anderer Weltgegend gängige
Praxis, aber nirgends sonst, behauptet Kayonga, könne man so etwas den Leuten
als »Entpolitisierung« oder gar als Demokratisierung verkaufen. Und schon will
er wieder auf Intelligenzdefizite zu sprechen kommen ...
Weil er mich nicht kränken will, fragt er dann aber lieber, ob die Österreicher
denn wirklich genau wüßten, was Demokratie ist.
Er selbst hat ja, ich muß das hier sagen, manchen Vorbehalt gegen unsere abendländische
Form der Demokratie. Lange erzählt er mir vom afrikanischen Palaver, bei dem so
lange geredet wird, bis ein Konsens gefunden ist, dem alle zustimmen können,
ohne das Gesicht zu verlieren. Bei uns hingegen werde ein wenig diskutiert und
dann – zack! – abgestimmt. Kayonga hält das Palaver für das weitaus überlegene
Modell der demokratischen Entscheidungsfindung. Was soll ich dazu sagen? Ich bin
kein zentralafrikanischer Ethnologe, mir steht der klare, unbefangene Blick von
außen nicht zu Gebot, ich bin ein irgendwie involvierter Mitteleuropäer, Oberösterreicher.
So lange, fährt Kayonga fort, die sogenannten Abendländer noch nicht reif sind
für avancierte demokratische Umgangsformen wie etwa eben das Palaver, so lange
sollten sie doch wenigstens jene demokratischen Standards, die sie sich schon
erarbeitet haben, mit allen Mitteln verteidigen.
Was immer ich darauf antworten könnte, es würde – ich weiß es – seinen
Argumenten nicht standhalten.
Ihm bleibt nicht viel verborgen. So weiß er auch, daß die ÖVP vor den letzten
Wahlen den Österreichern versprochen und zugesagt hat, in die Opposition zu
gehen, wenn sie drittstärkste Kraft in Österreich würde. Eben das sei sie
geworden, und nun stelle sie den Bundeskanzler. Wie das gekommen und überhaupt
möglich sei? – Was soll ich sagen? Die können schon Fragen stellen, die
schwarzen Ethnologen!
Um ihn ein wenig aufzuheitern, erzähle ich Kayonga, wie diese Regierung sich zu
ihrer Angelobung durch unterirdische Gänge hat schleichen müssen. Aber auch
davon hat er schon gehört und von manch anderem Protest. Von all dem, sagt er,
höre er nun freilich kaum noch etwas.
Ob die Österreicher sich mit der Aushöhlung ihrer Demokratie denn wirklich
schon abgefunden hätten, will er wissen.
Da wende ich ein: Es sei ja gar nicht so schlimm gekommen, wie manche von uns
vor zwei Jahren befürchtet hätten.
Das sei, jetzt wird Kayonga auf einmal laut, ausschließlich darauf zurückzuführen,
daß andere europäische Staaten diese österreichische Regierung für eine
Weile unter Aufsicht und Kuratel gestellt hätten. Er wage gar nicht, daran zu
denken, was geschehen wäre, hätten die heute Regierenden – ohne sich
peinlichst beobachtet fühlen zu müssen – nach ihrem Gutdünken schalten und
walten dürfen!
Das könne doch, fährt Kayonga fort, kein Österreicher als normal empfinden,
daß ein einziger Mann – er nennt ihn den Gouverneur einer kleinen südlichen
Provinz – fast unumschränkt das Sagen und jede Narrenfreiheit habe! Dieser
Mann – er spricht den Namen Jörg Haider nicht gern aus – könne doch ganz
offensichtlich allein auch darüber bestimmen, ob die gegenwärtige österreichische
Regierung, der er selber nicht einmal angehört, weiterbestehen kann oder nicht.
Ausgerechnet er! fügt Kayonga noch hinzu.
Seine an den merkwürdigen Sitten und Gebräuchen vieler Völkerschaften
geschulte Erfahrung lege ihm nur eine Erklärung nahe: Daß nämlich den Österreichern
die Demokratie gar nicht wirklich am Herzen liege, daß sie ihrem Wesen
vielleicht sogar ganz fremd sei.
Ich mag diese Meinung nicht teilen, wenn ich ihr auch eine gewisse Logik nicht
absprechen kann.
Kayonga – der ja wie kaum einer sonst gewöhnt ist, hinter die Fassaden
fremder Kulturen zu blicken – spricht dann von der Gegenreformation mit ihrer
Intellektuellenfeindlichkeit, von der Zwischenkriegszeit mit ihrem ureigenen österreichischen
Faschismus; beides sei, vermutet er, in der ÖVP noch irgendwie lebendig,
weshalb diese vielleicht gar nicht versuche, ihren Regierungspartner im
demokratischen Zaum zu halten.
Ich schweige und denke mir still: Was doch selbst so anerkannte Gelehrte sich
manchmal einfach zusammeninterpretieren.
Vergangene Woche habe ich Kayonga zum Flugplatz gebracht, und schon halb beim
Einchecken hat er mir noch dies gesagt: Am rätselhaftesten bleibe ihm Wolfgang
Schüssel. Daß ein Mann – und sei es auch durch Wortbruch – Regierungschef
werden und bleiben wolle, das verstehe er, aber doch nicht unter solch demütigenden
Bedingungen! Von solchen Leuten wie einem Jörg Haider ganz und gar abhängig,
somit immer zu erniedrigender Selbstverleugnung und gegebenenfalls zum Schweigen
wider besseres Wissen verurteilt. In Afrika und anderen Weltgegenden, wo die
Ehre und die Würde eines Mannes noch einen Wert haben, würde einem Mann wie
Wolfgang Schüssel nur tiefste Verachtung entgegengebracht werden.
Verstehen Sie, daß ich froh war, als mein Freund Kayonga Kagame endlich im
Flugzeug saß. Manches kann man halt so einem Afrikaner, wie gebildet er auch
sein mag, einfach nicht erklären.
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