Österreich im
Frühsommer 2001, von Losenstein aus betrachtet.
(Erschienen in der Zeitschrift 99/Nummer
45/August 2001)
Den Sommer verbringe ich, der meisten Wiener
Verpflichtungen für kurze Zeit entbunden, gern auf dem Lande, in Losenstein, im
schönen oberösterreichischen Ennstal. Es ist wirklich schön hier. Besucher
schauen manchmal aus dem Fenster und sagen »Schön habt ihr's hier«, dann
schau ich auch hinaus und denk mir: Recht haben sie. Grün ist es hier im
Sommer. Vor allem grün. Und ruhig. Nicht ganz so ruhig wie in meiner Wiener
Wohnung, aber ich liebe es ja, wenn ich höre, daß um mich herum gearbeitet
wird. Den Klang landwirtschaftlicher Maschinen habe ich zu unterscheiden
gelernt, so kann ich, wenn im Garten oder zum offenen Fenster herein von hier
das vertraute Tuckern eines Traktors und von dort das anheimelnde Knattern einer
Mähmaschine und von sonstnochwo das fröhliche Jaulen einer Handkettensäge an
mein Ohr dringen, genau mit- und nachvollziehen, was die Bauern ringsum alles
anstellen müssen, um sich ihre EU-Subventionen zu verdienen.
Und mir bleibt, den Blick ins satte und üppige Grün gerichtet, die eine oder
andere Mußestunde, die Lage Österreichs, seines Politik- und Geisteswesens zu
bedenken.
Vermischtes 1
Gern höre oder lese ich dann von den neuesten
Streichen des Herrn Sozial- und Frauen- und Sonstnochwas-Ministers Herbert
Haupt, der mir zum personifizierten Sommerloch geworden ist. Er läßt, meldet
er sich zu Wort, aufhorchen. Das Wort Behauptung gewinnt durch ihn eine ganz
neue Bedeutung. Neulich wollte er die Krankenschein- und Rezeptgebühren
abschaffen, behauptete dabei, sie brächten nix, der damit verbundene
Verwaltungsaufwand fresse alles auf. Nun hat die blau-schwarze Regierung die
Rezeptgebühren vor nicht allzulanger Zeit erst erhöht, aber das hat man Haupt
vielleicht nicht gesagt. Er hat von »Kleingroschenselbstbehalten« geredet,
aber da rechnete man ihm vor, daß die armen Sozialversicherungsanstalten ohne
diese von Haupt so gering geschätzten Gebühren noch um ein paar Milliarden ärmer
wären. Worauf Haupt behauptete, er habe sie ja gar nie nicht abschaffen wollen.
Aber woher denn! Wenigstens nicht generell. Nur zum Teil. Für irgendwen. Äh, für
wen denn schnell? Ach ja, für die Dialysepatienten und die
Organtransplantierten. Genau, das habe er sagen wollen!
Dann wollte er die sogenannten Ruhensbestimmungen abschaffen. Das sei doch
wahrlich ungerecht, daß die Beamten in der Pension dazu verdienen dürfen, was
sie wollen, die ASVG-Pensionisten aber nicht. Da hat man ihm schon wieder was
nicht gesagt: Die ASVG-Pensionisten dürfen nämlich auch.
Darauf Herr Minister Haupt: Er habe ja eigentlich die Frühpensionisten gemeint.
Darauf wer anderer: Die Ruhensbestimmungen seien eingeführt worden, damit nicht
so viele Leute in Frühpension gehen, was der Staat sich nicht leisten könne.
Und im übrigen gelten die Ruhensbestimmungen auch für Beamte in Frühpension.
Darauf Herr Minister Haupt: Er rede doch von den Frühpensionisten, die älter
als 65 Jahre sind ...! Diese freilich, auch das hat man ihm offenbar nicht
gesagt, die gibt es einfach nicht.
Da müßte Haupt sich jetzt eigentlich hinstellen und ganz laut schreien: »Warum
sagt mir denn keiner was!« Aber nein, er hat ja eine Erklärung für all das:
Er denke einfach schneller als alle anderen, ließ er uns neulich in einem
Radiointerview wissen. So schnell denke er, daß die Journalisten einfach nicht
folgen könnten. Und auch sonst niemand.
Und weil er vermutlich auch sonst sehr schnell ist, hat er zwischendurch noch
Zeit »das deutsche Volksgut zu erhalten«, indem er etwa als Festredner
auftritt beim ersten Geburtstag der Sudetendeutschen Damengilde »Edda«, die
sich als »jüngste national-freiheitliche Frauenverbindung« versteht (so was
gibt's, aber ja).
Aber wir sollten nicht lachen über ihn, auch
nicht über seine Kollegin Forstinger, müssen wir doch froh sein um den
Dilettantismus, mit dem Herr Haupt und die anderen blauen Regierungsburschen und
-mädels zu Werke gehen. Der Umbau Österreichs zu einem deutlich autoritäreren
Staat ginge sonst noch rascher voran. Nicht daß sie z.B. unbotmäßige
Journalisten oder politische »Vernaderer« nicht gern einsperren würden, nicht
daß sie den Zugang zu höherer Bildung nicht wieder den höheren Ständen
vorbehalten möchten etc., aber sie stellen sich erfreulicherweise bei der
Umsetzung dieser Ziele so patschert an wie sonst auch.
Eben jetzt gerade möchte Frau Riess-Passer und die F-Generalsekretärin ... Wie
heißt die denn gleich? Sie wissen eh: die, die früher einmal beim Fernsehen
war ... Ist ja egal. Die beiden Damen möchten jedenfalls hohe
Gewerkschaftsfunktionäre aus dem Parlament ausschließen. Wieso nur
Gewerkschaftler, wieso nicht auch Rothaarige oder Juden? frage ich mich. Aber
das ist natürlich unseriös gefragt. Es gehe um Unvereinbarkeiten, sagen die
Damen Riess-Passer und Dingsda, und sie fügen zwar noch hinzu, auch
Wirtschaftskammerfunktionäre sollten kein Nationalratsmandat ausüben dürfen.
Aber natürlich meinen sie die Gewerkschaftler, die rote Brut, die da aufmucken
will gegen die blau-schwarze Regierung. So weit kommt's noch! Hinaus mit ihnen
aus dem Parlament! – Daß das ohne Verfassungsänderung wohl nicht möglich wäre
und eine solche ohne die Stimmen der SPÖ nicht zu erreichen ist, das hat man
den beiden Damen vermutlich nicht gesagt. Denen geht's wie dem Haupt.
Apropos Haupt. Behauptungen anderer als von der
Haupt'schen Art dringen aus dem Verteidigungsministerium und dem Bundesheer zu
uns: Österreich braucht neue Abfangjäger!
Die alten Draken verrosten ja schon beim Abfangjagen, also brauchen wir neues »Fluggerät«,
sagt Herr Verteidigungsminister Scheibner. Und all die Generäle und Brigadiere
können das nur bestätigen.
Fragt einer, warum wir Abfangjäger brauchen, erhält er die Antwort, weil ein
Heer kein richtiges Heer ist ohne Anfangjäger.
Wen sollen die denn abfangen?
Na, feindliche Flugzeuge natürlich.
Und wie sollen sie die abfangen, gleich abschießen, oder was?
Wir müssen jedenfalls unseren Luftraum kontrollieren, weil sonst sind wir nämlich
kein richtiger souveräner Staat.
Kann man den Luftraum nicht auch mit Radar kontrollieren? Und woher übrigens könnten
die feindlichen Flugzeuge denn kommen, da wir doch von lauter befreundeten
Staaten umgeben sind?
Die politische Zukunft ist nicht vorhersehbar, man denke nur an den Krieg in
Jugoslawien vor zehn Jahren, da waren die Österreicher froh, daß wir ein
Bundesheer haben.
Was hat das Bundesheer, ich erinnere mich nicht mehr so genau, denn eigentlich
gemacht damals?
Unsere südliche Grenze geschützt. Wir haben dafür gesorgt, daß sich die
Kampfhandlungen nicht auf österreichisches Gebiet ausdehnen.
Und wenn's passiert wäre, was hatten wir dann gemacht? Und wäre damals ein
jugoslawisches Flugzeug in unseren Luftraum eingedrungen, dann hätten es unsere
Abfangjäger gleich abgeschossen ...?
Ein Narr kann mehr Fragen stellen, als zehn Brigadiere beantworten können. Wir
brauchen Abfangjäger, basta. Weil wie stehen wir denn sonst da, da lachen uns
doch alle aus – und sagen: Schau dir die Österreicher an, die armen Würsteln,
nicht einmal Abfangjäger haben die!
Daß man so über sie redet, das wollen wir unseren hohen Offizieren nicht
antun, also kaufen wir Abfangjäger. Zwanzig oder fünfundzwanzig Milliarden
Schilling soll der Spaß kosten, aber unsere Freiheit und Unabhängigkeit und
das Bedürfnis der Offiziere, mit ordentlichem Spielzeug zu spielen, muß uns
das schon wert sein. Außerdem haben wir das Geld jetzt eh nicht. Das kann man
später auch einmal bezahlen, wir haben ja Kredit.
Hat da nicht unlängst jemand davon gesprochen, daß das Schuldenmachen ein Ende
haben muß? – Schon, schon, aber es gibt Ziele, für die es sich lohnt, auch
einmal eine Ausnahme zu machen.
Der Salzburger Weihbischof Laun, wie Minister
Haupt immer für überraschende Aussagen gut, belehrt uns, daß Homosexuelle
eine zwanzig, dreißig Jahre kürzere Lebenserwartung als Heterosexuelle hätten.
Ulrike Lunacek von den Grünen widerlegt ihn schlüssig mit einem Hinweis auf
den greisen Kardinal Groer.
Apropos Bischof. Den St. Pöltner Oberhirten Kurt Krenn hab ich neulich nach
langer Zeit wieder einmal in einer ZiB gesehen.
Was er gesagt hat, weiß ich nicht mehr (es wird das Übliche gewesen sein),
aber sein körperlicher Zustand macht mir Sorgen.
Er scheint abgenommen zu haben, und was für merkwürdige, fast schon an Alois
Mock gemahnende Kopfbewegungen er jetzt vollführt. Es wird doch nicht auch
Parkinson sein! Ich schlösse ihn, betete ich, in mein Abendgebet ein, denn daß
er uns noch lange erhalten bleibt, daran liegt mir viel. Wir brauchen ihn ja –
als personifizierte Widerlegung des Irrglaubens, daß die katholische Kirche
reformierbar sei.
Apropos Laun, apropos Salzburg. Dort haben die Festspiele begonnen. Ach ja, die
hohe Kultur! Sie tröstet uns, wenn uns Politik und Rabiat-Katholiken ganz und
gar verdrießen wollen.
Sonntag, 22. Juli. Das Fernsehen überträgt die Eröffnung der Salzburger
Festspiele. Peter Sloterdijk hält die Festrede. Wovon genau er spricht, ist so
leicht nicht auszumachen. (»Kunst wird haufenförmig, wie Wolken und Müll«,
sagt er gerade, und ich denke mir: Na geh!) Aber schön flockig steht ihm der
Wortschaum vorm Mund. Zu selten zeigt die Fernsehkamera das Publikum, denn gar
schön anzusehen ist, wie die werten Festgästinnen und Festgäste zu verbergen
suchen, daß sie sich langweilen. Alle tun sie's auf ihre je eigene Art, und
niemandem gelingt es ganz.
Die Festspiele haben angefangen, draußen im Garten leuchten aus der Eberesche schon rot die Vogelbeeren, der Frühsommer ist schon wieder vorüber. Und – ich halte es mit Montaigne, der gesagt hat: »Wie mir die Einfälle kommen, so stelle ich sie in Reih und Glied« – mir fällt ein, daß in der letzten Zeit viel von der Libro-Pleite geredet wurde – aber wenig davon, was uns durch die nunmehr bewiesene Unfähigkeit des Herrn André Rettberg alles erspart geblieben ist.
Von einem, der auszog,
den Buchhandel zu ruinieren,
und dann doch nur
die eigene Firma ruiniert hat.
Gott ist gerecht«, hat Andreas Khol neulich einmal (bei welcher Gelegenheit weiß
ich nicht mehr) behauptet. Obwohl man ihm auch sonst nicht alles glauben muß, möchte
man ihm fast rechtgeben, betrachtet man das Schicksal des André Rettberg.
Vor noch gar nicht so langer Zeit war er everyone's darling, 1999 hat ihn
irgendwer zum »Manager des Jahres« gekürt, ein Jahr später zum »zweitbestangezogenen
Manager des Jahres«. So wie dieser Rettberg habe man – wurde uns damit
suggeriert – nicht nur angezogen zu sein, sondern auch zu wirtschaften. Aus
dem Libro-Konzern, der einst ein Schreibwaren-Diskonter war, der auch ein paar
leichtverdauliche Bücher und die gängigen CDs verkauft hat, sollte eine
Tainment-Company werden. Außer mir scheint jeder gewußt zu haben, was das sein
und werden sollte. Megastores entstanden, und – da die Zukunft doch im
Internet zuhause ist, wo denn sonst! – die Internet-Firma Lion.cc wurde gegründet.
(Außer mir scheint damals, noch 1999, jeder gewußt zu haben, wie im Internet
das große Geld zu verdienen wäre.)
Irgendwie hat das alles doch nicht funktioniert. Libro ist pleite gegangen, daß
es nur so kracht. Von 2,4 Milliarden Schilling Defizit ist die Rede, ein
andermal von 4,17 Milliarden. Die Aktienkurse sind abgestürzt ins Bodenlose. Na
schön. Einer, der hoch hinaus wollte, ist tief gefallen. Und ein paar, die mit
ihm schnell reich werden wollten, sind jetzt ein bißchen ärmer. Was soll's?
Interessant ist, daß plötzlich die aus ihren Löchern kriechen, die eh immer
schon gewußt haben, daß das nicht hat funktionieren können. Manch einer weiß
jetzt (warum erst jetzt?) sogar, warum es ja gar nicht hat funktionieren können.
Im »profil« lese ich nun (warum erst jetzt?), wie autoritär Herrn Rettbergs Führungsstil
gewesen und wie er z.B. mit nicht völlig unkritischen Mitarbeitern umgegangen
sei. »Sie haben ja keine Ahnung, wovon Sie reden«, soll er denen gesagt haben
– und so gedroht: »Wenn Sie wirklich dieser Meinung sind, werden wir über
Ihren Vertrag reden müssen.« Und wer seinen Höhenflügen nicht gleich habe
folgen wollen, dem habe er beschieden: »Wenn Sie nichts riskieren wollen, sind
Sie nicht der Richtige für diesen Job.« Oder er habe – so ein Schlimmer! –
einfach gesagt: »Hiermit verbiete ich Ihnen den Mund.«
Worüber nicht geredet wird, ist dies: Jener Herr Rettberg war's, der
(peinlicherweise von der Arbeiterkammer unterstützt) die Aufhebung des festen
Ladenpreises im Buchhandel erreichen wollte – und fast auch durchgesetzt hätte.
Im Juni 1997 hab ich in einer »99«-Einblatt-Nummer dazu Stellung genommen, von
einer drohenden McDonaldisierung des Buchhandels habe ich damals geschrieben –
und ich zitiere mich (ausnahmsweise) einmal selber, da manche sich vielleicht
nicht mehr genau erinnern, worum es eigentlich ging:
Der Buchhandel unterscheidet sich durch den sogenannten festen Ladenpreis von
praktisch allen anderen Sparten des Handels. Ob Sie ein bestimmtes Buch in Sankt
Achatz am Sessellift oder am Graben in Wien kaufen, Sie bezahlen für ein
bestimmtes Buch immer den gleichen Preis.
Die Buchhändler müssen sich nämlich verpflichten, jedes Buch zu dem vom
Verlag festgesetzten Preis zu verkaufen.
Klingt irgendwie wettbewerbsfeindlich, nicht wahr? Wieso sollen tüchtige Buchhändler
ihre Ware nicht auch billiger anbieten dürfen? Konkurrenz belebt das Geschäft!
Freie Bahn dem Tüchtigen!
Zu den Tüchtigen gehören die Manager der Libro-Kette (so war das damals, 1997,
noch). Die wollen Bücher billiger verkaufen dürfen, also bemühen sie sich in
Brüssel bei der EU-Wettbewerbskommission um eine Aufhebung des fixen
Ladenpreises für Bücher.
Libro wird in diesem Zusammenhang oft fälschlich als Buchhandelskette
bezeichnet, tatsächlich aber macht Libro das Geschäft mit Schreibwaren,
Videokassetten, CDs u.ä., Bücher erreichen nicht einmal dreißig Prozent des
Libro-Umsatzes. Aber es stimmt schon, man kann bei Libro auch Bücher kaufen.
Manche Bücher. Nicht alle. [...]
Libro verkauft Bücher, die sich gut verkaufen, und verkauft viel von wenigen
Titeln, also könnte man diese wenigen Titel auch billiger verkaufen. Mit dem
Versprechen, hier die Bestseller preiswerter erstehen zu können als anderswo, könnte
man die Kunden in den Laden locken, und die guten Leutchen nehmen dann wohl
gleich, wenn sie schon einmal da sind, auch noch ein paar Videokassetten oder
sonstwas mit.
Durchaus ehrenwerte kaufmännische Überlegungen, oder?
Und was soll dabei schon passieren? Dann kauft man bei Libro oder irgendeiner
anderen Kette eben die Bestseller und beim Fach-Buchhandel die ausgefalleneren
Titel.
Eben das wird nicht funktionieren.
Ein Buchhändler, der seiner Kundschaft ein wirklich breites Angebot machen
will, muß all diese Bücher, die er in die Regale stellt, sofort bezahlen. Wenn
ein halbes Jahr oder noch mehr Zeit vergeht, bis er sie verkauft, dann ist das
kein großes Geschäft für ihn. Und wenn er für einen Kunden ein Buch
bestellt, das er nicht lagernd hat, dann fressen Bestell- und Lieferkosten die
(bei Büchern sehr geringe) Handelsspanne auf, und der Verkauf dieses Buches ist
überhaupt kein Geschäft.
Die Buchhändler können sich – heute noch – das alles leisten, weil es
erfreulicherweise Bücher gibt, die sich in großen Stückzahlen und sozusagen
von selber verkaufen: Die Bestseller, die Unterhaltungsromane, die populären
Sachbücher, die Koch- und Gartenbücher, der ganze esoterische Schmarrn. Diese
Bücher bringen das Geld, sie finanzieren das große Lager, sie machen es möglich,
daß auch spezielle Kundenwünsche erfüllt werden.
Eben diese Bücher aber – und nur sie! – verkauft auch Libro. Und ist der
feste Ladenpreis erst einmal aufgehoben, wird man diese Titel nur mehr in den
Kettenläden kaufen, weil sie dort eben billiger sind.
Das bedeutet den Tod des Buchhandels, wie wir ihn kennen. Besondere Kundenwünsche
zu erfüllen, wird sich eine durchschnittliche Buchhandlung nicht mehr leisten können,
auch gut ausgebildetes Personal wird nicht mehr zu finanzieren sein.
Wir werden die literarischen McDonald'‘Filialen haben und einige ganz wenige
Spezialbuchhandlungen. Was man dort bekommt, wird freilich viel teurer sein als
heute. (Aber war's nicht schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu
haben?)
Wir werden – nun also auch hier! – Verhältnisse wie in den USA haben, wo es
keinen festen Ladenpreis für Bücher gibt – und nicht wenige Städte mit mehr
als hunderttausend Einwohnern, in denen man keine einzige Buchhandlung findet.
Diese Entwicklung, die uns droht, wird nicht ohne Auswirkungen auf das Büchermachen
bleiben. Die kleinen Verlage, die keine libro-gerechten Titel produzieren,
werden eingehen. Junge Autoren oder solche, die (aus welchen Gründen auch
immer) keinen »Marktwert« haben, werden's noch schwerer haben, ihre Werke zu
veröffentlichen.
Wer zwei und zwei zusammenzählen kann, weiß, daß es so kommen wird.
Es ist nicht ganz so gekommen, wie ich 1997 befürchtet habe. Etliche Buchhändler
haben es zwar nicht überlebt, daß gleich daneben eine Libro-Filiale aufgemacht
hat. Aber die Aufhebung des festen Ladenpreis konnte (mühsam!) abgewehrt
werden.
Also: Dem ehemaligen Wunderknaben André Rettberg ist es nicht gelungen, das
deutschsprachige Buchhandels- und Verlagswesen zu ruinieren. Nur den eigenen
Konzern zu ruinieren, das hat er geschafft.
Gott ist gerecht! Fast möchte man Andreas Khol recht geben.
Doch (falls er überhaupt etwas zu tun hat damit) so gerecht ist Gott auch
wieder nicht. Denn wenn – was doch bitte alle wollen – der Libro-Konzern
gerettet werden soll, dann müssen die Banken auf ein paar Milliarden
verzichten. Von wem aber haben sich die das Geld geholt, das sie da verschenken?
Vermischtes 2
Rassismus bleibt weiter auf der innenpolitischen
Tagesordnung. Gegen eine drohende Überfremdung kann man nicht mehr wettern,
seit man die Grenzen für Zuwanderer praktisch dicht gemacht hat. Was also tun,
wenn man weiter auf der Klaviatur fremdenfeindlicher Vorurteile spielen will?
Haider und die Seinen haben einen Ausweg gefunden: Sie propagieren eine
Volksbefragung zur EU-Erweiterung. Damit werden sie – außer Schüssel fällt
wieder einmal um – zwar nicht durchkommen, aber das macht ja nix. Dann werden
eben die nächsten Nationalratswahlen zu einer Quasi-Volksbefragung darüber
umfunktioniert, ob man wirklich die Polen (die doch eh nur unsere Autos stehlen
wollen) in die EU und damit zu uns hereinlassen soll oder die Böhm' (die
falschen Hund') oder die Ungarn (die schon hinter der Grenze lauern, um unser
schönes Land endlich überschwemmen zu können). Und dann erst die ganzen
Tschuschen!
Man muß das verstehen. Xenophobie ist offenbar so sehr Teil der österreichischen
Folklore, daß eine rechtspopulistische Partei einfach nicht darauf verzichten
kann, sie zur Stimmenmaximierung zu nützen.
Inzwischen läuft die blau-schwarze Säuberungswelle
weiter. »Österreich wird umgedreht«, hat Hans Rauscher neulich sehr richtig
geschrieben.
Hans Sallmutter in die Wüste zu schicken, das hat ein halbes Jahr lang gedauert
(schließlich war federführend der Generaldilettant Herbert Haupt am Werk),
aber gelungen ist es schließlich doch. Das Polit-Mobbing hat über Monate
hinweg nichts gebracht, also hat man extra ein Gesetz beschlossen, das den
Hauptverband der Sozialversicherungsträger so »reformiert«, daß Sallmutter
nicht mehr Präsident sein kann. Das sieht nicht schön aus, und in
demokratischen Staaten ist es eigentlich auch nicht üblich, daß man Gesetze
beschließt, nur um bestimmte Personen aus bestimmten Funktionen zu entfernen.
Aber mein Gott! Was soll man denn machen, wenn das rote Gesindel freiwillig
nicht geht und sich auch nicht einschüchtern läßt.
Da tut Finanzminister Grasser sich schon leichter, wenn er die verstaatlichte
oder staatsnahe Industrie von Spitzenmanagern säubern will, die man als
Sozialdemokraten kennt. Viel hat er schon geschafft, und mit den letzten roten
Resten wird er auch noch fertigwerden. Bald wird es, wohin immer der lange Arm
des Staates reicht, keinen Roten mehr in irgendeiner verantwortungsvollen
Position geben. »Die Presse« hat unlängst vermeldet, Grasser habe nun den
Rudolf Scholten von der Kontrollbank im Visier. Schafft er es, auch ihn
abzuschießen, wird Jörg Haider ihm wohl seinen ganz besonderen Dank
aussprechen, war Scholten doch, als er noch Kunstminister war, ein ganz
besonders rotes Tuch für den Jörgl.
Apropos »Die Presse«. Am 21. Juli 2001 schreibt sie in schöner Unverblümtheit:
»Die Organisationsreform der Bundespolizei Wien bringt einen Nebeneffekt: Es müssen
fast alle Bezirks-Polizeichefs neu besetzt werden. Die große Chance für den
Innenminister, in der roten Riege aufzuräumen.«
Und die ORF-»Reform« ist ja auch endlich gelungen. Der ORF wird »entpolitisiert«: Im Stiftungsrat, der das bisherige Kuratorium ablösen wird, dürfen keine Politiker oder sonst Funktionäre einer politischen Partei mehr sitzen. Gut, nicht? – Ganz so gut auch wieder nicht, denn sie werden – dafür sorgt ein klug ausgedachtes Vorschlags- und Bestellungsrecht – vor allem durch die Freunde Prinzhorns, Haiders und Schüssels und Khols abgelöst werden, die man freilich als solche nicht gleich erkennen wird. Ein bißchen ehrlicher war das alte System, aber nun wird Westenthaler, der geborene Hojac, vielleicht imstande sein, die roten Widerstandsnester, die er bisher durch seine Telefonanrufe nicht hat einschüchtern können, endlich auszuräumen.
Rettet Haider
den österreichischen Film?
Am 17. Juni 2001 fand eine im Fernsehen übertragene
Diskussion über die Zukunft des ORF statt. Haider und Westenthaler, der
geborene Hojac, nahmen u.a. daran teil, auch Harald Krassnitzer, der als
Vertreter irgendeines Verbandes für den österreichischen Film sprach.
Nach dieser Sendung kam es, wie ich höre, zu einem Gespräch »off records«.
Haider und Westenthaler (d.g.H) machten sich erbötig, sich für den österreichischen
Film einzusetzen. Schon in der Diskussion selbst hatten sie so etwas erwähnt,
danach aber machten sie, höre ich, konkrete Angebote. Ein Treffen wurde
vereinbart. Der ORF solle, so das Ziel, verpflichtet werden, jährlich eine
Milliarde Schilling (später sogar eineinhalb Milliarden) für »fiktionales
Filmschaffen« auszugeben. Wenn das kein Angebot war!
Die blau-schwarze Regierung hat die staatliche Filmförderung drastisch
reduziert. Sie hat auch dem ORF viel Geld entzogen, indem sie ihm plötzlich
nicht mehr ersetzt, was ihm durch die Befreiung bestimmter Bevölkerungsgruppen
von der ORF-Gebühr verloren geht. Auch dieses Geld fehlt vor allem dem österreichischen
Film. Seine finanzielle Lage ist demnach trist – und von der blau-schwarzen
Regierung zu verantworten.
Und nun naht Rettung in Gestalt des Haider und des geborenen Hojac? – Aber
geh!
Keine andere Berufsgruppe hat sich, glaube ich, so vehement und so geschlossen
gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ ausgesprochen wie die österreichischen
Filmschaffenden, im Inland (auf der letztjährigen Diagonale etwa) wie auch im
Ausland (z.B. auf der Berlinale). Nicht wenige haben in der Kürzung der Förderungsmittel
eine Bestrafungsaktion für diese Unbotmäßigkeit gesehen. Und jetzt auf einmal
ist alles ganz anders?
Plausibler scheint mir dieses Erklärungsmodell: Die österreichischen
Filmschaffenden sollen, nachdem man ihnen die Existenzgrundlage schon weitgehend
entzogen hat, nun auch noch gedemütigt werden.
Wollen sie sich nicht dem Verdacht aussetzen, an einer Verbesserung ihrer
Situation ja gar nicht interessiert zu sein, dann werden sie sich mit dem
geborenen Hojac an einen Tisch setzen, ihm vorher höflich das Handerl geben müssen.
Sie, die so heftig gegen die FPÖ gewettert haben, werden auf einmal recht artig
sein und Bittschön machen müssen – und vielleicht sogar ein bisserl zu
Kreuze kriechen.
Die FPÖ hat dabei nichts zu verlieren, sie verspricht den armen Teppen vom Film
ja nicht eigenes Geld, sondern das des ORF.
Die F kann dabei nur gewinnen: Scheitern die Gespräche, so wird der
ideologischen Verblendung der Filmschaffenden die Schuld zugeschoben werden. Führen
sie aber zum angestrebten Erfolg, dann wird damit signalisiert, daß, wer Hilfe
braucht, sich nur vertrauensvoll und vorurteilsfrei in die Arme der F zu werfen
hat. Und nebenher hätte man auch dem Noch-ORF-Generalintendanten Weis eins
ausgewischt.
Eine taktische Meisterleistung, das muß der Neid dem Haider und dem
Westenthaler (d.g.H.) lassen.
Compassionate conservatism
(Dieser Text ist früher schon in der Juni-Nummer des Posthof-Magazins erschienen)
Ein neues Schlagwort kommt auf uns zu. Schon
taucht es in deutschen und schweizerischen Leitartikeln auf, bald wird es auch
bei uns im Munde manchen Politikers sein. Spätestens wenn der FPÖ-think tank
beweisen muß, daß er schon zu denken angefangen hat. Oder wenn es Andreas Khol
wieder einmal zur Abfassung eines Buches drängt.
Erfunden hat das Wort vom compassionate conservatism, dem »mitfühlenden
Konservatismus« der texanische Journalistik-Professor Marvin Olasky, ein
rechskonservativer Protestant, der früher einmal orthodox-jüdisch und
Kommunist gewesen ist.
So recht mochte seine Thesen zunächst niemand aufgreifen, bis dann George W.
Bush amerikanischer Präsident werden wollte – und die Welt mit der Behauptung
überraschte, er sei ein mitfühlender Konservativer.
Eine erstaunliche Behauptung aus dem Munde eines Mannes, der – rekordverdächtig
– als texanischer Gouverneur 130 Todesurteile bestätigt hat. Aber so persönlich
war das »mitfühlend« ja gar nicht gemeint.
Professor Olasky erklärt, das Gebot der
christlichen Nächstenliebe gebiete, daß sich die Gesellschaft um die Armen und
Schwachen zu kümmern habe. Dem Wohlfahrtsstaat traut er die Erfüllung dieser
Aufgabe aber nicht zu. Folglich sollten sich lieber die Kirchen,
Nachbarschaftsgruppen und Bürgerinitiativen um die bisher staatlichen Aufgaben
kümmern. Dafür sollen sie Spenden sammeln, und ein bißchen was wird auch der
Staat dazu zahlen müssen. Aber nicht zu viel, ja!–
Natürlich haben auch viele Amerikaner bemerkt, daß das Gerede vom
compassionate conservatism nichts ist als ein Vorwand zur Streichung öffentlicher
Gelder. Aber Bush hat mit dem C.C.-Slogan seinen Wahlkampf geführt, und er hat
die Wahl zwar nicht gewonnen, ist aber Präsident geworden, immerhin.
Warum also sollten die, die Österreich neu regieren wollen, das Schlagwort
nicht übernehmen? Ist es nicht eh das, was Jörg Haider meint, wenn er eine »Politik
mit Herz« einfordert, oder was Andreas Khol unter der »Bürgergesellschaft«
versteht? Aber ja! Die Ideologie kennen wir längst, nur das verkaufsfördernde
Etikett fehlt noch. Voilà: »Mitfühlender Konservatismus« oder »Konservatismus
der Mitmenschlichkeit«.
In der The-winner-takes-all-Gesellschaft kümmert
sich also der Staat darum, daß die Reichen noch reicher werden können, und
die, auf deren Kosten das geschieht, werden privater Mildtätigkeit anempfohlen.
Der Verein der Freunde Prinzhorns, der gerade das wirtschaftspolitische Kommando
in Österreich übernimmt, hätte sich das nicht klüger ausdenken können.
So leicht und irgendwie einleuchtend Thomas Prinzhorn & Friends behaupten können,
der Staat sei der denkbar schlechteste Unternehmer, so leicht und irgendwie
einleuchtend läßt sich behaupten, der Staat erfülle seine Fürsorgepflicht
denkbar schlecht. Begründung gefällig? Professor Olasky hat eine: Weil das
Mitgefühl für den Befürsorgten fehle, der doch persönliche Zuwendung ebenso
brauche wie Geld. Logisch, oder? Also auch im sozialen Bereich: »Mehr privat,
weniger Staat!«
Freilich: Wer im Sozialstaat (den wir uns – seien wir doch ehrlich! – eh
nicht mehr leisten können und wollen) Anspruch auf Sozialleistungen hat, der
ist im C.C.-Staat angewiesen auf Gnade, die man ihm erweisen kann oder auch
nicht. Wenn nicht, dann hat er halt Pech gehabt, der arme Hund, unser
(wenigstens theoretisches) Mitgefühl begleitet ihn. Allerdings sind ja –
seien wir doch ehrlich! – die meisten eh selber schuld, wenn es ihnen nicht
gut geht. Die Anständigen, Ehrlichen und Fleißigen, die schaffen es schon!
Der Neo-Protestant Marvin Olasky stützt sich – übereifrig wie viele Konvertiten – nicht zuletzt auf calvinistisch-puritanische Denkmodelle, wie Max Weber sie schon in »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« beschrieben hat: Den fürs ewige Heil Auserwählten zeige Gott der Herr ihren Status als Auserwählte schon hierzuerden, indem er ihnen wirtschaftlichen Erfolg beschere. Bei uns spricht man nicht gern von »Auserwählten«, lieber – na eben! – von den Anständigen, Fleißigen, Ehrlichen, Tüchtigen.
Von der Tendenz her kennen wir compassionate
conservatism ja schon aus Zeiten, da wir noch nicht blau-schwarz regiert wurden.
Und am folgenden Beispiel zeigt sich auch, wie privates soziales Engagement vom
Staat mißbraucht werden kann: Man schafft unmenschliche Gesetze gegen Asylanten
und überantwortet ihre Opfer der Caritas oder etwa einem (mäßig
subventionierten) Verein wie »SOS Menschenrechte«. Weil diese Organisationen
oft sehr gut arbeiten, kann der Staat die Gesetze, deren Folgen sie lindern,
immer noch ein Stückchen unmenschlicher machen. Und er tut es auch.
Griffige Schlagworte können Wunder wirken in Argumentationsnotständen
mannigfacher Art. Die FPÖ könnte mit dem C.C.-Slogan wenigstens den Versuch
starten, das Unvereinbare immerhin durch ein Schwindel-Etikett zu vereinen: Die
Interessen von Prinzhorn & Friends zu bedienen und dennoch als »Partei des
kleinen Mannes« Wählerstimmen zu lukrieren.
Und die Grundidee ist ausbaufähig.
Justizminister Böhmdorfer könnte vielleicht das Schlagwort von der »mitfühlenden
Gesinnungsjustiz« prägen und dafür plädieren, daß Journalisten oder
Politiker, die fürs Beharren auf der Pressefreiheit oder fürs »Vernadern« Österreichs
verurteilt werden müssen, nach Verbüßung ihrer Haftstrafen von privaten oder
kirchlichen Organisationen bei ihrer Eingliederung in die C.C.-Gesellschaft
betreut werden sollten.
»Mitfühlender Demokratie-Rückbau« wäre – siehe Dritte Republik! – auch
ein brauchbares Schlagwort. Die Bevölkerung schätze und wolle ja, wie
Westenthaler, der geborene Hojac, neuerdings nicht müde wird zu betonen, dieses
»Parteien-Hickhack« gar nicht.
Wir dürfen uns auf allerhand gefaßt machen.
Wer hier die Denunzianten sind.
Einiges über
Burger, Lendvai, Liessmann.
Bereits 1996 hat Konrad Paul Liessmann, damals noch nicht im späteren Ausmaß
der Philosoph für alle Gelegenheiten und Medien, in einem »Standard«-Artikel
nicht mehr und nicht weniger verlangt als dies: »Geben Sie Gedankenfreiheit,
Sire!« Was ihn zu dieser Marquis-Posa-Pose veranlaßt hat, das war die von ihm
behauptete Tatsache, daß in unseren öffentlichen Diskussionen ein »Definitionsmonopol«
ausgeübt werde.
Schuld daran war für Liessmann damals – wer denn sonst? – die Linke, die,
so erklärte er, »ihre Identitätskrise« überwinden wollte, »indem sie sich
darauf beschränkte festzulegen, wer eine Rechter ist«. Und dieser Linken ließ
er dann gleich diesen Bescheid zukommen: »Das wird auf die Dauer zu wenig sein.«
Und er stellte fest: »Mit dem Argument, daß [...] unsere Demokratie wehrhaft
sein müsse, wird man nicht ewig hantieren können.«
Er hat recht behalten. Damit nämlich, daß das (für mich nach wie vor
richtige) Argument, unsere Demokratie müsse wehrhaft sein, manches nicht hat
verhindern können. Alles und jedes müsse, verlangte Liessmann damals, öffentlich
diskutiert werden dürfen. Nun ist es so weit. Vieles, was damals noch
allenfalls in der publizistischen Schmuddelecke der Rechtsextremen erörtert
wurde, wird nun in angesehenen Blättern zur Diskussion gestellt, und die es
tun, die Liessmanns und Burgers, werden vom Bundeskanzler zu »philosophischen
Mittagessen« eingeladen.
Liessmann und Burger waren übrigens für lange Zeit zwei Paar Schuhe für mich.
Liessmann habe ich eher für einen gehalten, der, indem er sich zum Ketzer
stilisiert, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und damit vielleicht ein
Ordinariat ergattern wollte. (Eine nicht unkluge Strategie: Klappt's, dann ist
es gut. Klappt's nicht, dann ist die Ausrede gleich inkludiert: In diesem Lande
könne eben nur jemand, der am linken Mainstream entlang denke, etwas werden.)
Liessmann hat zwei gar nicht schlechte Büchlein herausgegeben, darin er seine
philosophischen Einführungsvorlesungen fürs erste und zweite Semester
abdruckt. Aber: Die Philosophiegeschichte halbwegs ordentlich zu referieren, das
ist etwas anderes als selber zu denken.
Rudolf Burger (der übrigens schon lange ein Ordinariat hat und gar Rektor war)
hat mich immer ein bißchen mehr interessiert. Was er etwa vor ein paar Jahren
zur Situation der Gegenwartskunst zu sagen wußte, war nicht so neu, wie er
behauptete, aber nicht ganz unoriginell. Ein, zwei Formulierungen von ihm hab
ich einmal auch in einem Essay zititert. »Burgers Thesen sind diskutabel –
und angreifbar in vielen Punkten«, hab ich damals geschrieben. – Das hat sich
(für mich) gründlich geändert. Nichts von dem, was Burger jetzt absondert,
ist diskutabel für mich – aber es wird heftiger diskutiert denn je.
Peter Huemer hat neulich geschrieben: »In Fragen unseres Umgangs mit der
nationalsozialistischen Vergangenheit ist es Rudolf Burger allmählich gelungen,
eine Art Themenführerschaft an sich zu reißen. Wir alle reagieren jeweils auf
ihn. Und das wird so bleiben, solange er noch ernst genommen wird.« (Es ist ein
Dilemma wie mit Jörg Haider: Unwidersprochen kann man oft nicht stehenlassen,
was er von gibt, widerspricht man ihm aber öffentlich, verschafft man ihm jene
Publizität, die er nicht verdient.)
Der aktuelle Anlaß: Am 20. Juni 2001 erschien im
»Standard« ein von Rudolf Burger verfaßtes »Plädoyer für das Vergessen«
mit dem Titel »Die Irrtümer der Gedenkpolitik«.
Burger schlägt uns vor, nicht länger von den Verbrechen der Nazizeit zu reden,
sie einfach zu vergessen, und er versucht, das so zu argumentieren: »Dass die
Erinnerung an das Böse vor dessen Wiederholung schützt, ist [...] eine höchst
fragwürdige These, auf historische Erfahrung stützen kann sie sich nicht. Und
doch ist die Formel in verschiedenen Fassungen gebetsmühlenartig wiederholt,
und ihre Kritik kommt einem moralischen Tabubruch gleich. ›Wer die Geschichte
vergisst, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen‹ – dieser Satz hat fast
schon die Würde eines Axioms, und er nimmt die Gestalt eines kategorischen
Imperativs zum erinnernden Gedenken an, wenn es um die monströsen Untaten des
Nationalsozialismus geht. Jeder, der ihn bestreitet oder auch nur in Zweifel
zieht, setzt sich dem Verdacht aus, die Verbrechen zu verniedlichen und ihrer
Wiederholung Vorschub zu leisten.« Und Burger behauptet weiter:
»Gleichwohl kann die These sich weder auf apriorische Evidenz noch auf eine
theoretische Begründung oder historische Erfahrung berufen, nicht einmal auf
Plausibilität: Zu allen Zeiten erschien den Menschen das Gegenteil richtig, und
das Vergessenkönnen als moralische Leistung, welche die Kette des Unheils
durchbrach. Das Gebot ist daher selbst ein historisches Novum, zumindest seit
dem Ausgang der Menschheit aus mythischer Vorzeit: Jeder Mythos ist ein
genealogischer Schuld/Opfer-Zusammenhang, dessen narrative Weitergabe im
Bewusstsein der Generationen ein ›kollektives Gedächtnis‹ schafft, das das
Unheil fortwälzt. Es war eine zivilisatorische Leistung ersten Ranges, als es
der griechischen Philosophie gelang, das mythische Erinnerungsgebot zu
durchbrechen und an seine Stelle dessen Negation zu setzen: das Gebot, nicht zu
erinnern. Aus dem Griechischen stammt auch jenes Wort, das ursprünglich einfach
›Nichterinnern‹ heißt: Amnestie. [...]« Burger beruft sich auf den
Althistoriker Christian Meier. Wie der gezeigt habe, »ist in der Geschichte
nach Kriegen und Bürgerkriegen immer wieder beschlossen worden, der vielerlei
Untaten, der Verbrechen, Morde, Massaker und Vertreibungen, die in ihnen verübt
wurden, nicht mehr zu erinnern, und zwar unabhängig vom Ausmaß und der Qualität
dessen, was jeweils angerichtet worden war. Natürlich kann Vergessen nicht auf
Beschluss erfolgen, Nichterinnern aber kann man sehr wohl um des Friedens willen
beschließen, und man kann sich um das Vergessen bemühen. Genau das ist in unzähligen
Fällen geschehen.«
Umgekehrt habe, schreibt Burger, in der gesamten europäischen
Zivilisationsgeschichte die Maxime »Niemals vergessen!« nicht als Mahnung
gegolten, sondern als militante Kollektivverpflichtung, unter günstigeren
Bedingungen wieder zu mobilisieren, »nicht als Friedensformel, sondern als
Kampfparole: Was wäre den Völkern am Balkan nicht alles erspart geblieben, hätten
die Serben die Schlacht am Amselfeld irgendwann einmal vergessen . . .
Erst das mythogene zwanzigste Jahrhundert [...] hat auch mit der zivilisierenden
Tradition des Nichterinnerns gebrochen und das archaische ›Niemals
vergessen!‹ als moralische Verpflichtung wieder in Geltung gesetzt. Das
beginnt schon mit den Friedensverträgen von 1919, in denen von den Siegermächten
eine Entschuldigung für die Ereignisse von 1914-1918 ausdrücklich zurückgewiesen
wurde, und steigert sich nach 1945 zum Pathos eines elften Gebotes: Du sollst
niemals vergessen! Damit aber bleiben die Geister lebendig.«
Heißt das nicht auch, daß da irgendwer daran interessiert sein muß, daß
diese Geister lebendig bleiben? Burger deutet etwas in dieser Richtung an: »Real
ist die Nazizeit so versunken wie Karthago, das mumifizierende Gedenken
verzaubert sie zum Mythos. So erbt sich das Unheil fort, als Kleingeld der
Politik und als schamloses Geschäft.« Und noch einmal spielt Burger auf die
an, die seiner Meinung nach aus dem Holocaust Geld machen wollen: »Wie die
Dinge liegen, wäre Vergessen nicht nur ein Gebot der Klugheit, sondern auch ein
Akt der Redlichkeit; und es wäre eine Geste der Pietät. Schlimme Folgen hätte
es keine, nur vielleicht für das Geschäft.«
Burger hat viel Widerspruch geerntet. Von so vielen Leuten ist so vieles zu seinen Thesen gesagt worden, daß ich mich auf drei Punkte beschränken will, die meines Wissens noch nicht oder kaum angesprochen wurden und die alle zeigen, daß aus falschen Prämissen nur falsche Schlüsse entstehen, daß Herr Burger also schlampig denkt – oder daß er uns gar mit falschen Parallelen etwas einreden möchte:
1.
Burger schreibt: »In der Regel war also alles, was in Kriegen, Bürgerkriegen
und Revolutionen an Gewalttätigkeiten und Gräueln geschah, mit dem
Friedensschluss abgetan und erledigt. Dass mit dem Friedensschluss auch die
Amnestie verbunden sei, liegt schon im Begriff desselben, heißt es bei Kant.«
Weiß Burger nicht, daß es nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Friedensschluß
gegeben hat?
2.
Burger schreibt, Amnestie »taucht als normativer Begriff in der hellenistischen
Kultur des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts auf und meinte nicht einen
individuellen Straferlass, sondern eine kollektive Verpflichtung, an zugefügtes
Leid nicht mehr zu erinnern. So sollte der Hass besänftigt und der Frieden
gesichert werden.«
An zugefügtes Leid nicht mehr zu erinnern, dazu konnte – logisch! – nur der
jeweilige Gegner im Krieg verpflichtet werden.
Wie ist das aber mit den Deutschen und Österreichern, die nicht wollen, daß,
was von ihren Vätern und Großvätern in der Nazizeit getan wurde, einfach »abgetan
und erledigt« ist? Kann man auch verpflichtet werden, das Leid, das die eigenen
Vorfahren anderen angetan haben, einfach nicht mehr zu erwähnen? Falsche Prämissen
führen zu falschen Schlüssen.
Oder kann Herr Burger sehr wohl logisch denken und meint nur etwas ganz anderes?
Wer aber sollte dann verpflichtet werden, »an zugefügtes Leid nicht mehr zu
erinnern«? Die Opfer des Holocaust, von denen viele (wie auch viele Täter)
heute noch leben?
3.
Burger vermischt – weil er's nicht besser weiß oder mit Absicht? – zwei
historische Tatbestände, die an ganz unterschiedlichen Maßstäben gemessen
werden müssen, den Holocaust nämlich und den »ganz normalen« Zweiten
Weltkrieg. Letzterer hätte – was, noch einmal gesagt, nicht geschehen ist –
vielleicht durch einen »normalen« Friedensschluß beendet werden können. Aber
der Holocaust? Wer hätte da mit wem noch Frieden schließen können? Wer hätte
da verpflichtet werden können, »an zugefügtes Leid nicht mehr zu erinnern«?
Daß der Holocaust (auch die Verfolgung und industrielle Ausrottung von Roma,
Behinderten, Homosexuellen etc.etc.) in der bekannten Weise nur unter
Kriegsbedingungen hat funktionieren können, ist allein deswegen klar, weil die
Mörder sonst z.B. der Juden aus Polen, Rußland, Frankreich, Ungarn, Italien,
Griechenland etc.etc. nicht habhaft geworden wären.
Dennoch: Krieg zu führen gegen bewaffnete Truppen und auch gegen die Zivilbevölkerung,
das ist eine Sache. Was aber in den Vernichtungslagern der Nazis geschehen ist,
das ist eine andere.
Für Burger aber ist das, so scheint es oder so will er suggerieren, alles eins.
Uns das weismachen zu wollen, daß der Holocaust zu den bedauerlichen »Greueln«
gehört, wie sie in Kriegen eben vorkommen, das heißt: Die Mölzers rechts überholen
zu wollen.
Der »Philosoph« Burger hat Physik studiert, nicht Philosophie. Er hätte bei
der Physik bleiben sollen.
Einschub: Mir fällt einer ein, der den
fundamentalen Unterschied zwischen »normalem« Krieg und dem Holocaust nicht
hat begreifen können oder wollen, der hieß Ernst Kaltenbrunner und war zuletzt
SS-Obergruppenführer, nach Heydrichs Tod die Nummer 2 in der SS hinter der
Nummer 1 Himmler. Das Ende des Zweiten Weltkriegs hat er im Ausseer Land
verbracht. Da lange schon klar war, daß das mit dem Großdeutschen Reich doch
nicht so ausgehen würde wie erhofft, hat Kaltenbrunner sich darauf besonnen, daß
er eigentlich ja Österreicher war. Und er hat einen seiner Mitarbeiter, den unlängst
erst verstorbenen Dr. Wilhelm Höttl, damals SS-Obersturmbannführer, in die
Schweiz geschickt, um mit Amerikanern Kontakt aufzunehmen. Kaltenbrunner schlug
einen Sonderfrieden vor, und er selbst wollte Bundeskanzler des
wiedererstehenden Österreichs werden. Er war damals auch für die
Konzentrationslager zuständig und ahnte wohl, daß das auf die heranrückenden
Alliierten keinen guten Eindruck machen würde, bekämen sie zu sehen, was dort
geschehen war. Deshalb gab er Anweisungen und Befehle, die Lager müßten vor
dem Eintreffen der Russen oder Amerikaner »geräumt« werden: Wer bisher überlebt
hatte, sollte im letzten Augenblick noch umgebracht werden. Danach sollten, so
gut es noch ginge, alle Spuren beseitigt werden.
Daß er der erste Bundeskanzler des neuen Österreichs werden könnte, daran hat
er bis zuletzt nicht gezweifelt. Er hat sich zwar beim Herannahen der Amerikaner
auf einer Alm versteckt, aber als dann irgendwann einmal Soldaten kamen, um ihn
abzuholen, dachte er, sie täten es, um ihn nun endlich zum österreichischen
Regierungschef zu machen. »Jetzt kommts ihr erst?« soll er verwundert und ein
wenig unwillig gefragt haben. Daß man ihn später in Nürnberg zum Tod durch
den Strang verurteilt hat, das hat er angeblich auch nie wirklich verstanden.
Aussagen auf dem Niveau, das Rudolf Burger nun
erreicht hat, waren bisher dem rechtsextremen Sudel-Schrifttum vorbehalten.
Seinen neuen Text aber hat er für die »Europäische Rundschau« geschrieben,
der größeren Verbreitung wegen freilich in den wichtigen Teilen auch im »Standard«
publiziert.
Vier, fünf Wochen später meldet sich nun Paul Lendvai, der Herausgeber der »Europäischen
Rundschau« zu Wort. Und er beklagt sich über die Reaktionen auf Burgers Text:
»Im Fall Burger geht die Flut der Angriffe weit über den Rahmen einer
zivilisierten Diskussion hinaus. Es werden offensichtlich auch alte Rechnungen
beglichen.« Er verweist darauf, daß Burger »kürzlich mit dem österreichischen
Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet« worden sei (sagt aber nicht
dazu, daß Liessmann Jurymitglied war, was nicht uninteressant ist), und dieser
Ausgezeichnete werde nun »hier und dort als eitler Ignorant und
unqualifizierter Wirrkopf, als Dilettant und sogar als verkappter Antisemit
dargestellt. Die Angriffe gehen ins Persönliche und verleihen einer scheinbar
philosophischen – politischen – ideologischen Diskussion immer mehr den
Anschein einer Hexenjagd, ja eines Vernichtungsfeldzugs. Es gab«, schreibt
Lendvai weiter, »nur wenige ruhige Stimmen, wie die von« – wen wundert's!
– »Konrad Paul Liessmann, der versuchte, die Motive hinter dem Angriff
Burgers auf die Instrumentalisierung und den Missbrauch der Erinnerungskultur
und Gedenkpolitik aufzuhellen.«
Und Lendvai fürchtet: »Nicht nur ›Applaus von der falschen Seite‹, auch
die von tiefen persönlichen Ressentiments gegen den Autor geblendeten Anzeiger
und Jäger der ›politischen Korrektheit‹ könnten aber den notwendigen
gemeinsamen Kampf gegen das Böse in der Vergangenheit und in der Gegenwart
negativ beeinträchtigen.«
Paul Lendvai klagt die, die Burger kritisieren, als Denunzianten an. Ein starkes
Stück. Denn: Lendvai berichtet uns auch, Burger selbst habe in ihrem ersten
Telefongespräch seinen Text eine »Bombe« genannt, und Lendvai schreibt
ferner, Burger selbst habe (ohne Lendvais Wissen) etwa durch die auszugsweise
Veröffentlichung auch im »Standard« dafür gesorgt, daß es auch ordentlich
kracht, wenn die Bombe hochgeht.
Aber die, die Burger nun (ohnehin nur freundlich indirekt) einen Bombenleger
nennen, die nennt Lendvai Denunzianten. Diese Logik ist, höflich formuliert,
nicht leicht nachzuvollziehen.
Was der, den Lendvai zu den »wenigen ruhigen
Stimmen« zählt, Konrad Paul Liessmann nämlich, sich hat einfallen lassen,
seinem Gesinnungsfreund Burger beizustehen, war ein paar Tage vor dem
Lendvai-Text im »Standard« zu lesen. Burger sei, meint Liessmann, mißverstanden
worden, habe aber wohl, gibt er zu, »zugespitzt und an manchen Stellen wohl mißverständlich
formuliert«.
Und wie so oft, wenn einer im Argumentationsnotstand ist, zitiert Liessmann, was
das Zeug hält. Vermutlich weiß auch er, daß sich alles und jedes mit Zitaten
bedeutender Denker untermauern läßt, auch der allergrößte Schwachsinn, weil
erstens auch bedeutende Denker zuweilen Seltsames von sich gegeben haben und
zweitens Zitate, reißt man sie nur geschickt aus dem Zusammenhang, nicht selten
auch ins Gegenteil ihres eigentlichen Sinns gewendet werden können. Aber
irgendwie eindrucksvoll wirkt es ja doch, einen Text mit großen Namen zu
verzieren, und irgendwie vermittelt es ja doch den Eindruck, als stünde, was
man sagen will, in einer langen, erlauchten Tradition. So zitiert Liessmann
Adorno als Beleglieferanten herbei. Und Bertolt Brecht. Und Günther Anders, Sören
Kierkegaard, Baltasar Gracián etc.
Und was sagt Liessmann zwischen den Zitaten selbst, was will er mit all den großen
Namen belegen?
An Burgers Behauptung anknüpfend, die Nazizeit sei so vergangen wie die
Punischen Kriege, schreibt er: »Wie versunken ist Karthago? Wie versunken ist
die Nazizeit? Fast mit denselben Phrasen feierte die Filmkritik die Kriegsszenen
in Steven Spielbergs Saving Private Ryan und in Ridley Scotts Gladiator. Die
Landung der Alliierten in Nordfrankreich im Jahre 1944 und der Angriff der Römer
auf die Markomannen im Jahre 180 ist uns, durch die Brille Hollywoods
betrachtet, tatsächlich gleich nah und gleich fern.«
Was will der Philosoph uns damit sagen? Niemand hat, wenn ich's recht sehe,
behauptet, daß die Nazizeit nicht vergangen wäre, aber sie wirkt – einmal
sei's noch erklärt! – auf andere Art in unsere Gegenwart herein als etwa die
Punischen Kriege. That's all!
Und – da Liessmann hier nicht vom Massenmord, sondern »nur« vom Krieg
schreibt – diesen Unterschied gibt's schon: Die Veteranen des römischen
Kriegs gegen die Markomannen sind tot, von den Veteranen des Hitler-Kriegs aber
leben noch etliche. Und diese braven Deutschen und Österreicher, die in Rußland
und Frankreich, in Norwegen und Nordafrika so tapfer ihre Heimat verteidigt
haben, dürfen ungeniert von ihrer Pflichterfüllung und anderen Heldentaten
schwärmen, sich am Ulrichsberg und an anderen Orten versammeln, und sie werden
nicht nur von Herrn Haider gegen Angriffe aller Art in Schutz genommen.
Liessmann schreibt ferner: »Es gibt offensichtlich eine unmittelbare
Faszination des Schrecklichsten, die nicht zuletzt zum Erfolg des
›Holocaust‹ in der Kulturindustrie beigetragen hat. Spielberg ist dabei mit
Schindlers Liste das selten bemerkte Kunststück gelungen, das größte
Verbrechen der Geschichte mit der Hollywood-Maxime des Happyends zu versöhnen.«
Weiß Liessmann wovon er redet? Merkt der Philosoph nicht, daß das »Kunststück«
(das er – wer denn sonst! – im Gegensatz zu den vielen anderen bemerkt haben
will) insofern keines ist, als Schindler, von dem der Film handelt, viele Juden
vor dem sicheren Tod gerettet hat, was halt für eben diese tatsächlich ein glückliches
Ende war? Und, nebenher gefragt, warum setzt Liessmann das Wort Holocaust
eigentlich in Anführungszeichen?
Übrigens scheint mir Billy Wilders Meinung über Spielbergs Film kompetenter
als die der Philosophen Liessmann und Burger. Wilder habe, hat er einmal gesagt,
»Schindlers Liste« viermal gesehen und jedesmal gehofft, unter den (im Film)
massenhaft abtransportierten Juden seine Mutter zu entdecken.
Burger und Liessmann aber reden im Zusammenhang von Holocaust-Filmen von »Sekundärausbeutung
der Opfer« – und das ist das infamste Vokabel, das mir in der letzten Zeit
untergekommen ist.
Liessmann schreibt zum Beispiel auch dies: »Das erlebnispädagogische Projekt,
das bei jungen Menschen die Erinnerung wach halten will und als Höhepunkt eine
Klassenfahrt zu einer Stätte des Grauens bereithält, ist nur einen Schritt von
jenem Zynismus entfernt, der die mit virtueller Gewalt verwöhnten Kids endlich
einmal mit einer Ahnung davon versorgen will, was die wirkliche Wirklichkeit so
zu bieten hatte. Der Affekt, mit dem sich Rudolf Burger gegen die
kulturindustrielle Sekundärausbeutung der Opfer wehrt, erinnert so weniger an
den Stammtisch, der einen Schlussstrich ziehen möchte, als an den Text
Reklamefahrten zur Hölle von Karl Kraus aus dem Jahre 1921. Kraus hatte damit
in der Fackel mit unnachahmlicher Schärfe die von einer Zeitung angepriesenen
Erinnerungsfahrten zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gegeißelt, bei
denen die Verbindung von kulinarischen Genüssen mit dem Anblick des Grauens
versprochen worden war. Nach Mauthausen werden schon lange Gedenkausflüge mit
Wirtshausbesuch und gemütlicher Rundwanderung angeboten.« Hier wird die
Denunziation (die Lendvai anderen unterstellt) zum Prinzip.
Warum aber verstoßen zwei Professoren (der eine
unterrichtet an der Wiener Universität, den andere an einer Kunstuniversität)
gegen simpelste Regeln der Logik, gegen einfachste Gebote der intellektuellen
Redlichkeit? Diese Frage verbindet sich für mich mit einer anderen, tiefer
greifenden: Glauben die Burgers und Liessmanns wirklich, was sie schreiben? –
Ich fürchte: ja. Und vielleicht haben sie immer schon so gedacht, wagen sich
aber jetzt erst – nach der Wende, nach der Aufhebung des von Liessmann früh
schon beklagten »Definitionsmonopols« – aus ihrer intellektuellen Deckung.
In Zeiten wie diesen schwemmt es eben offenbar Leute wie diese an die Oberfläche.
Die von Liessmann verhöhnte Forderung, unsere Demokratie müsse wehrhaft sein,
ist somit so aktuell wie eh und je.
Rezension I Buchbestellung I home IV03 © LYRIKwelt