Walter Wippersberg

Österreich im Frühsommer 2001, von Losenstein aus betrachtet.
(Erschienen in der Zeitschrift 99/Nummer 45/August 2001)

Den Sommer verbringe ich, der meisten Wiener Verpflichtungen für kurze Zeit entbunden, gern auf dem Lande, in Losenstein, im schönen oberösterreichischen Ennstal. Es ist wirklich schön hier. Besucher schauen manchmal aus dem Fenster und sagen »Schön habt ihr's hier«, dann schau ich auch hinaus und denk mir: Recht haben sie. Grün ist es hier im Sommer. Vor allem grün. Und ruhig. Nicht ganz so ruhig wie in meiner Wiener Wohnung, aber ich liebe es ja, wenn ich höre, daß um mich herum gearbeitet wird. Den Klang landwirtschaftlicher Maschinen habe ich zu unterscheiden gelernt, so kann ich, wenn im Garten oder zum offenen Fenster herein von hier das vertraute Tuckern eines Traktors und von dort das anheimelnde Knattern einer Mähmaschine und von sonstnochwo das fröhliche Jaulen einer Handkettensäge an mein Ohr dringen, genau mit- und nachvollziehen, was die Bauern ringsum alles anstellen müssen, um sich ihre EU-Subventionen zu verdienen.
Und mir bleibt, den Blick ins satte und üppige Grün gerichtet, die eine oder andere Mußestunde, die Lage Österreichs, seines Politik- und Geisteswesens zu bedenken.

Vermischtes 1

Gern höre oder lese ich dann von den neuesten Streichen des Herrn Sozial- und Frauen- und Sonstnochwas-Ministers Herbert Haupt, der mir zum personifizierten Sommerloch geworden ist. Er läßt, meldet er sich zu Wort, aufhorchen. Das Wort Behauptung gewinnt durch ihn eine ganz neue Bedeutung. Neulich wollte er die Krankenschein- und Rezeptgebühren abschaffen, behauptete dabei, sie brächten nix, der damit verbundene Verwaltungsaufwand fresse alles auf. Nun hat die blau-schwarze Regierung die Rezeptgebühren vor nicht allzulanger Zeit erst erhöht, aber das hat man Haupt vielleicht nicht gesagt. Er hat von »Kleingroschenselbstbehalten« geredet, aber da rechnete man ihm vor, daß die armen Sozialversicherungsanstalten ohne diese von Haupt so gering geschätzten Gebühren noch um ein paar Milliarden ärmer wären. Worauf Haupt behauptete, er habe sie ja gar nie nicht abschaffen wollen. Aber woher denn! Wenigstens nicht generell. Nur zum Teil. Für irgendwen. Äh, für wen denn schnell? Ach ja, für die Dialysepatienten und die Organtransplantierten. Genau, das habe er sagen wollen!
Dann wollte er die sogenannten Ruhensbestimmungen abschaffen. Das sei doch wahrlich ungerecht, daß die Beamten in der Pension dazu verdienen dürfen, was sie wollen, die ASVG-Pensionisten aber nicht. Da hat man ihm schon wieder was nicht gesagt: Die ASVG-Pensionisten dürfen nämlich auch.
Darauf Herr Minister Haupt: Er habe ja eigentlich die Frühpensionisten gemeint.
Darauf wer anderer: Die Ruhensbestimmungen seien eingeführt worden, damit nicht so viele Leute in Frühpension gehen, was der Staat sich nicht leisten könne. Und im übrigen gelten die Ruhensbestimmungen auch für Beamte in Frühpension.
Darauf Herr Minister Haupt: Er rede doch von den Frühpensionisten, die älter als 65 Jahre sind ...! Diese freilich, auch das hat man ihm offenbar nicht gesagt, die gibt es einfach nicht.
Da müßte Haupt sich jetzt eigentlich hinstellen und ganz laut schreien: »Warum sagt mir denn keiner was!« Aber nein, er hat ja eine Erklärung für all das: Er denke einfach schneller als alle anderen, ließ er uns neulich in einem Radiointerview wissen. So schnell denke er, daß die Journalisten einfach nicht folgen könnten. Und auch sonst niemand.
Und weil er vermutlich auch sonst sehr schnell ist, hat er zwischendurch noch Zeit »das deutsche Volksgut zu erhalten«, indem er etwa als Festredner auftritt beim ersten Geburtstag der Sudetendeutschen Damengilde »Edda«, die sich als »jüngste national-freiheitliche Frauenverbindung« versteht (so was gibt's, aber ja).

Aber wir sollten nicht lachen über ihn, auch nicht über seine Kollegin Forstinger, müssen wir doch froh sein um den Dilettantismus, mit dem Herr Haupt und die anderen blauen Regierungsburschen und -mädels zu Werke gehen. Der Umbau Österreichs zu einem deutlich autoritäreren Staat ginge sonst noch rascher voran. Nicht daß sie z.B. unbotmäßige Journalisten oder politische »Vernaderer« nicht gern einsperren würden, nicht daß sie den Zugang zu höherer Bildung nicht wieder den höheren Ständen vorbehalten möchten etc., aber sie stellen sich erfreulicherweise bei der Umsetzung dieser Ziele so patschert an wie sonst auch.
Eben jetzt gerade möchte Frau Riess-Passer und die F-Generalsekretärin ... Wie heißt die denn gleich? Sie wissen eh: die, die früher einmal beim Fernsehen war ... Ist ja egal. Die beiden Damen möchten jedenfalls hohe Gewerkschaftsfunktionäre aus dem Parlament ausschließen. Wieso nur Gewerkschaftler, wieso nicht auch Rothaarige oder Juden? frage ich mich. Aber das ist natürlich unseriös gefragt. Es gehe um Unvereinbarkeiten, sagen die Damen Riess-Passer und Dingsda, und sie fügen zwar noch hinzu, auch Wirtschaftskammerfunktionäre sollten kein Nationalratsmandat ausüben dürfen. Aber natürlich meinen sie die Gewerkschaftler, die rote Brut, die da aufmucken will gegen die blau-schwarze Regierung. So weit kommt's noch! Hinaus mit ihnen aus dem Parlament! – Daß das ohne Verfassungsänderung wohl nicht möglich wäre und eine solche ohne die Stimmen der SPÖ nicht zu erreichen ist, das hat man den beiden Damen vermutlich nicht gesagt. Denen geht's wie dem Haupt.

Apropos Haupt. Behauptungen anderer als von der Haupt'schen Art dringen aus dem Verteidigungsministerium und dem Bundesheer zu uns: Österreich braucht neue Abfangjäger!
Die alten Draken verrosten ja schon beim Abfangjagen, also brauchen wir neues »Fluggerät«, sagt Herr Verteidigungsminister Scheibner. Und all die Generäle und Brigadiere können das nur bestätigen.
Fragt einer, warum wir Abfangjäger brauchen, erhält er die Antwort, weil ein Heer kein richtiges Heer ist ohne Anfangjäger.
Wen sollen die denn abfangen?
Na, feindliche Flugzeuge natürlich.
Und wie sollen sie die abfangen, gleich abschießen, oder was?
Wir müssen jedenfalls unseren Luftraum kontrollieren, weil sonst sind wir nämlich kein richtiger souveräner Staat.
Kann man den Luftraum nicht auch mit Radar kontrollieren? Und woher übrigens könnten die feindlichen Flugzeuge denn kommen, da wir doch von lauter befreundeten Staaten umgeben sind?
Die politische Zukunft ist nicht vorhersehbar, man denke nur an den Krieg in Jugoslawien vor zehn Jahren, da waren die Österreicher froh, daß wir ein Bundesheer haben.
Was hat das Bundesheer, ich erinnere mich nicht mehr so genau, denn eigentlich gemacht damals?
Unsere südliche Grenze geschützt. Wir haben dafür gesorgt, daß sich die Kampfhandlungen nicht auf österreichisches Gebiet ausdehnen.
Und wenn's passiert wäre, was hatten wir dann gemacht? Und wäre damals ein jugoslawisches Flugzeug in unseren Luftraum eingedrungen, dann hätten es unsere Abfangjäger gleich abgeschossen ...?
Ein Narr kann mehr Fragen stellen, als zehn Brigadiere beantworten können. Wir brauchen Abfangjäger, basta. Weil wie stehen wir denn sonst da, da lachen uns doch alle aus – und sagen: Schau dir die Österreicher an, die armen Würsteln, nicht einmal Abfangjäger haben die!
Daß man so über sie redet, das wollen wir unseren hohen Offizieren nicht antun, also kaufen wir Abfangjäger. Zwanzig oder fünfundzwanzig Milliarden Schilling soll der Spaß kosten, aber unsere Freiheit und Unabhängigkeit und das Bedürfnis der Offiziere, mit ordentlichem Spielzeug zu spielen, muß uns das schon wert sein. Außerdem haben wir das Geld jetzt eh nicht. Das kann man später auch einmal bezahlen, wir haben ja Kredit.
Hat da nicht unlängst jemand davon gesprochen, daß das Schuldenmachen ein Ende haben muß? – Schon, schon, aber es gibt Ziele, für die es sich lohnt, auch einmal eine Ausnahme zu machen.

Der Salzburger Weihbischof Laun, wie Minister Haupt immer für überraschende Aussagen gut, belehrt uns, daß Homosexuelle eine zwanzig, dreißig Jahre kürzere Lebenserwartung als Heterosexuelle hätten. Ulrike Lunacek von den Grünen widerlegt ihn schlüssig mit einem Hinweis auf den greisen Kardinal Groer.

Apropos Bischof. Den St. Pöltner Oberhirten Kurt Krenn hab ich neulich nach langer Zeit wieder einmal in einer ZiB gesehen.
Was er gesagt hat, weiß ich nicht mehr (es wird das Übliche gewesen sein), aber sein körperlicher Zustand macht mir Sorgen.
Er scheint abgenommen zu haben, und was für merkwürdige, fast schon an Alois Mock gemahnende Kopfbewegungen er jetzt vollführt. Es wird doch nicht auch Parkinson sein! Ich schlösse ihn, betete ich, in mein Abendgebet ein, denn daß er uns noch lange erhalten bleibt, daran liegt mir viel. Wir brauchen ihn ja – als personifizierte Widerlegung des Irrglaubens, daß die katholische Kirche reformierbar sei.

Apropos Laun, apropos Salzburg. Dort haben die Festspiele begonnen. Ach ja, die hohe Kultur! Sie tröstet uns, wenn uns Politik und Rabiat-Katholiken ganz und gar verdrießen wollen.
Sonntag, 22. Juli. Das Fernsehen überträgt die Eröffnung der Salzburger Festspiele. Peter Sloterdijk hält die Festrede. Wovon genau er spricht, ist so leicht nicht auszumachen. (»Kunst wird haufenförmig, wie Wolken und Müll«, sagt er gerade, und ich denke mir: Na geh!) Aber schön flockig steht ihm der Wortschaum vorm Mund. Zu selten zeigt die Fernsehkamera das Publikum, denn gar schön anzusehen ist, wie die werten Festgästinnen und Festgäste zu verbergen suchen, daß sie sich langweilen. Alle tun sie's auf ihre je eigene Art, und niemandem gelingt es ganz.

Die Festspiele haben angefangen, draußen im Garten leuchten aus der Eberesche schon rot die Vogelbeeren, der Frühsommer ist schon wieder vorüber. Und – ich halte es mit Montaigne, der gesagt hat: »Wie mir die Einfälle kommen, so stelle ich sie in Reih und Glied« – mir fällt ein, daß in der letzten Zeit viel von der Libro-Pleite geredet wurde – aber wenig davon, was uns durch die nunmehr bewiesene Unfähigkeit des Herrn André Rettberg alles erspart geblieben ist.

Von einem, der auszog,
den Buchhandel zu ruinieren,
und dann doch nur
die eigene Firma ruiniert hat.

Gott ist gerecht«, hat Andreas Khol neulich einmal (bei welcher Gelegenheit weiß ich nicht mehr) behauptet. Obwohl man ihm auch sonst nicht alles glauben muß, möchte man ihm fast rechtgeben, betrachtet man das Schicksal des André Rettberg.
Vor noch gar nicht so langer Zeit war er everyone's darling, 1999 hat ihn irgendwer zum »Manager des Jahres« gekürt, ein Jahr später zum »zweitbestangezogenen Manager des Jahres«. So wie dieser Rettberg habe man – wurde uns damit suggeriert – nicht nur angezogen zu sein, sondern auch zu wirtschaften. Aus dem Libro-Konzern, der einst ein Schreibwaren-Diskonter war, der auch ein paar leichtverdauliche Bücher und die gängigen CDs verkauft hat, sollte eine Tainment-Company werden. Außer mir scheint jeder gewußt zu haben, was das sein und werden sollte. Megastores entstanden, und – da die Zukunft doch im Internet zuhause ist, wo denn sonst! – die Internet-Firma Lion.cc wurde gegründet. (Außer mir scheint damals, noch 1999, jeder gewußt zu haben, wie im Internet das große Geld zu verdienen wäre.)
Irgendwie hat das alles doch nicht funktioniert. Libro ist pleite gegangen, daß es nur so kracht. Von 2,4 Milliarden Schilling Defizit ist die Rede, ein andermal von 4,17 Milliarden. Die Aktienkurse sind abgestürzt ins Bodenlose. Na schön. Einer, der hoch hinaus wollte, ist tief gefallen. Und ein paar, die mit ihm schnell reich werden wollten, sind jetzt ein bißchen ärmer. Was soll's?
Interessant ist, daß plötzlich die aus ihren Löchern kriechen, die eh immer schon gewußt haben, daß das nicht hat funktionieren können. Manch einer weiß jetzt (warum erst jetzt?) sogar, warum es ja gar nicht hat funktionieren können. Im »profil« lese ich nun (warum erst jetzt?), wie autoritär Herrn Rettbergs Führungsstil gewesen und wie er z.B. mit nicht völlig unkritischen Mitarbeitern umgegangen sei. »Sie haben ja keine Ahnung, wovon Sie reden«, soll er denen gesagt haben – und so gedroht: »Wenn Sie wirklich dieser Meinung sind, werden wir über Ihren Vertrag reden müssen.« Und wer seinen Höhenflügen nicht gleich habe folgen wollen, dem habe er beschieden: »Wenn Sie nichts riskieren wollen, sind Sie nicht der Richtige für diesen Job.« Oder er habe – so ein Schlimmer! – einfach gesagt: »Hiermit verbiete ich Ihnen den Mund.«
Worüber nicht geredet wird, ist dies: Jener Herr Rettberg war's, der (peinlicherweise von der Arbeiterkammer unterstützt) die Aufhebung des festen Ladenpreises im Buchhandel erreichen wollte – und fast auch durchgesetzt hätte.
Im Juni 1997 hab ich in einer »99«-Einblatt-Nummer dazu Stellung genommen, von einer drohenden McDonaldisierung des Buchhandels habe ich damals geschrieben – und ich zitiere mich (ausnahmsweise) einmal selber, da manche sich vielleicht nicht mehr genau erinnern, worum es eigentlich ging:
Der Buchhandel unterscheidet sich durch den sogenannten festen Ladenpreis von praktisch allen anderen Sparten des Handels. Ob Sie ein bestimmtes Buch in Sankt Achatz am Sessellift oder am Graben in Wien kaufen, Sie bezahlen für ein bestimmtes Buch immer den gleichen Preis.
Die Buchhändler müssen sich nämlich verpflichten, jedes Buch zu dem vom Verlag festgesetzten Preis zu verkaufen.
Klingt irgendwie wettbewerbsfeindlich, nicht wahr? Wieso sollen tüchtige Buchhändler ihre Ware nicht auch billiger anbieten dürfen? Konkurrenz belebt das Geschäft! Freie Bahn dem Tüchtigen!
Zu den Tüchtigen gehören die Manager der Libro-Kette (so war das damals, 1997, noch). Die wollen Bücher billiger verkaufen dürfen, also bemühen sie sich in Brüssel bei der EU-Wettbewerbskommission um eine Aufhebung des fixen Ladenpreises für Bücher.
Libro wird in diesem Zusammenhang oft fälschlich als Buchhandelskette bezeichnet, tatsächlich aber macht Libro das Geschäft mit Schreibwaren, Videokassetten, CDs u.ä., Bücher erreichen nicht einmal dreißig Prozent des Libro-Umsatzes. Aber es stimmt schon, man kann bei Libro auch Bücher kaufen. Manche Bücher. Nicht alle. [...]
Libro verkauft Bücher, die sich gut verkaufen, und verkauft viel von wenigen Titeln, also könnte man diese wenigen Titel auch billiger verkaufen. Mit dem Versprechen, hier die Bestseller preiswerter erstehen zu können als anderswo, könnte man die Kunden in den Laden locken, und die guten Leutchen nehmen dann wohl gleich, wenn sie schon einmal da sind, auch noch ein paar Videokassetten oder sonstwas mit.
Durchaus ehrenwerte kaufmännische Überlegungen, oder?
Und was soll dabei schon passieren? Dann kauft man bei Libro oder irgendeiner anderen Kette eben die Bestseller und beim Fach-Buchhandel die ausgefalleneren Titel.
Eben das wird nicht funktionieren.
Ein Buchhändler, der seiner Kundschaft ein wirklich breites Angebot machen will, muß all diese Bücher, die er in die Regale stellt, sofort bezahlen. Wenn ein halbes Jahr oder noch mehr Zeit vergeht, bis er sie verkauft, dann ist das kein großes Geschäft für ihn. Und wenn er für einen Kunden ein Buch bestellt, das er nicht lagernd hat, dann fressen Bestell- und Lieferkosten die (bei Büchern sehr geringe) Handelsspanne auf, und der Verkauf dieses Buches ist überhaupt kein Geschäft.
Die Buchhändler können sich – heute noch – das alles leisten, weil es erfreulicherweise Bücher gibt, die sich in großen Stückzahlen und sozusagen von selber verkaufen: Die Bestseller, die Unterhaltungsromane, die populären Sachbücher, die Koch- und Gartenbücher, der ganze esoterische Schmarrn. Diese Bücher bringen das Geld, sie finanzieren das große Lager, sie machen es möglich, daß auch spezielle Kundenwünsche erfüllt werden.
Eben diese Bücher aber – und nur sie! – verkauft auch Libro. Und ist der feste Ladenpreis erst einmal aufgehoben, wird man diese Titel nur mehr in den Kettenläden kaufen, weil sie dort eben billiger sind.
Das bedeutet den Tod des Buchhandels, wie wir ihn kennen. Besondere Kundenwünsche zu erfüllen, wird sich eine durchschnittliche Buchhandlung nicht mehr leisten können, auch gut ausgebildetes Personal wird nicht mehr zu finanzieren sein.
Wir werden die literarischen McDonald'‘Filialen haben und einige ganz wenige Spezialbuchhandlungen. Was man dort bekommt, wird freilich viel teurer sein als heute. (Aber war's nicht schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben?)
Wir werden – nun also auch hier! – Verhältnisse wie in den USA haben, wo es keinen festen Ladenpreis für Bücher gibt – und nicht wenige Städte mit mehr als hunderttausend Einwohnern, in denen man keine einzige Buchhandlung findet.
Diese Entwicklung, die uns droht, wird nicht ohne Auswirkungen auf das Büchermachen bleiben. Die kleinen Verlage, die keine libro-gerechten Titel produzieren, werden eingehen. Junge Autoren oder solche, die (aus welchen Gründen auch immer) keinen »Marktwert« haben, werden's noch schwerer haben, ihre Werke zu veröffentlichen.
Wer zwei und zwei zusammenzählen kann, weiß, daß es so kommen wird.
Es ist nicht ganz so gekommen, wie ich 1997 befürchtet habe. Etliche Buchhändler haben es zwar nicht überlebt, daß gleich daneben eine Libro-Filiale aufgemacht hat. Aber die Aufhebung des festen Ladenpreis konnte (mühsam!) abgewehrt werden.
Also: Dem ehemaligen Wunderknaben André Rettberg ist es nicht gelungen, das deutschsprachige Buchhandels- und Verlagswesen zu ruinieren. Nur den eigenen Konzern zu ruinieren, das hat er geschafft.
Gott ist gerecht! Fast möchte man Andreas Khol recht geben.
Doch (falls er überhaupt etwas zu tun hat damit) so gerecht ist Gott auch wieder nicht. Denn wenn – was doch bitte alle wollen – der Libro-Konzern gerettet werden soll, dann müssen die Banken auf ein paar Milliarden verzichten. Von wem aber haben sich die das Geld geholt, das sie da verschenken?

Vermischtes 2

Rassismus bleibt weiter auf der innenpolitischen Tagesordnung. Gegen eine drohende Überfremdung kann man nicht mehr wettern, seit man die Grenzen für Zuwanderer praktisch dicht gemacht hat. Was also tun, wenn man weiter auf der Klaviatur fremdenfeindlicher Vorurteile spielen will? Haider und die Seinen haben einen Ausweg gefunden: Sie propagieren eine Volksbefragung zur EU-Erweiterung. Damit werden sie – außer Schüssel fällt wieder einmal um – zwar nicht durchkommen, aber das macht ja nix. Dann werden eben die nächsten Nationalratswahlen zu einer Quasi-Volksbefragung darüber umfunktioniert, ob man wirklich die Polen (die doch eh nur unsere Autos stehlen wollen) in die EU und damit zu uns hereinlassen soll oder die Böhm' (die falschen Hund') oder die Ungarn (die schon hinter der Grenze lauern, um unser schönes Land endlich überschwemmen zu können). Und dann erst die ganzen Tschuschen!
Man muß das verstehen. Xenophobie ist offenbar so sehr Teil der österreichischen Folklore, daß eine rechtspopulistische Partei einfach nicht darauf verzichten kann, sie zur Stimmenmaximierung zu nützen.

Inzwischen läuft die blau-schwarze Säuberungswelle weiter. »Österreich wird umgedreht«, hat Hans Rauscher neulich sehr richtig geschrieben.
Hans Sallmutter in die Wüste zu schicken, das hat ein halbes Jahr lang gedauert (schließlich war federführend der Generaldilettant Herbert Haupt am Werk), aber gelungen ist es schließlich doch. Das Polit-Mobbing hat über Monate hinweg nichts gebracht, also hat man extra ein Gesetz beschlossen, das den Hauptverband der Sozialversicherungsträger so »reformiert«, daß Sallmutter nicht mehr Präsident sein kann. Das sieht nicht schön aus, und in demokratischen Staaten ist es eigentlich auch nicht üblich, daß man Gesetze beschließt, nur um bestimmte Personen aus bestimmten Funktionen zu entfernen. Aber mein Gott! Was soll man denn machen, wenn das rote Gesindel freiwillig nicht geht und sich auch nicht einschüchtern läßt.
Da tut Finanzminister Grasser sich schon leichter, wenn er die verstaatlichte oder staatsnahe Industrie von Spitzenmanagern säubern will, die man als Sozialdemokraten kennt. Viel hat er schon geschafft, und mit den letzten roten Resten wird er auch noch fertigwerden. Bald wird es, wohin immer der lange Arm des Staates reicht, keinen Roten mehr in irgendeiner verantwortungsvollen Position geben. »Die Presse« hat unlängst vermeldet, Grasser habe nun den Rudolf Scholten von der Kontrollbank im Visier. Schafft er es, auch ihn abzuschießen, wird Jörg Haider ihm wohl seinen ganz besonderen Dank aussprechen, war Scholten doch, als er noch Kunstminister war, ein ganz besonders rotes Tuch für den Jörgl.
Apropos »Die Presse«. Am 21. Juli 2001 schreibt sie in schöner Unverblümtheit: »Die Organisationsreform der Bundespolizei Wien bringt einen Nebeneffekt: Es müssen fast alle Bezirks-Polizeichefs neu besetzt werden. Die große Chance für den Innenminister, in der roten Riege aufzuräumen.«

Und die ORF-»Reform« ist ja auch endlich gelungen. Der ORF wird »entpolitisiert«: Im Stiftungsrat, der das bisherige Kuratorium ablösen wird, dürfen keine Politiker oder sonst Funktionäre einer politischen Partei mehr sitzen. Gut, nicht? – Ganz so gut auch wieder nicht, denn sie werden – dafür sorgt ein klug ausgedachtes Vorschlags- und Bestellungsrecht – vor allem durch die Freunde Prinzhorns, Haiders und Schüssels und Khols abgelöst werden, die man freilich als solche nicht gleich erkennen wird. Ein bißchen ehrlicher war das alte System, aber nun wird Westenthaler, der geborene Hojac, vielleicht imstande sein, die roten Widerstandsnester, die er bisher durch seine Telefonanrufe nicht hat einschüchtern können, endlich auszuräumen.

Rettet Haider
den österreichischen Film?

Am 17. Juni 2001 fand eine im Fernsehen übertragene Diskussion über die Zukunft des ORF statt. Haider und Westenthaler, der geborene Hojac, nahmen u.a. daran teil, auch Harald Krassnitzer, der als Vertreter irgendeines Verbandes für den österreichischen Film sprach.
Nach dieser Sendung kam es, wie ich höre, zu einem Gespräch »off records«. Haider und Westenthaler (d.g.H) machten sich erbötig, sich für den österreichischen Film einzusetzen. Schon in der Diskussion selbst hatten sie so etwas erwähnt, danach aber machten sie, höre ich, konkrete Angebote. Ein Treffen wurde vereinbart. Der ORF solle, so das Ziel, verpflichtet werden, jährlich eine Milliarde Schilling (später sogar eineinhalb Milliarden) für »fiktionales Filmschaffen« auszugeben. Wenn das kein Angebot war!
Die blau-schwarze Regierung hat die staatliche Filmförderung drastisch reduziert. Sie hat auch dem ORF viel Geld entzogen, indem sie ihm plötzlich nicht mehr ersetzt, was ihm durch die Befreiung bestimmter Bevölkerungsgruppen von der ORF-Gebühr verloren geht. Auch dieses Geld fehlt vor allem dem österreichischen Film. Seine finanzielle Lage ist demnach trist – und von der blau-schwarzen Regierung zu verantworten.
Und nun naht Rettung in Gestalt des Haider und des geborenen Hojac? – Aber geh!
Keine andere Berufsgruppe hat sich, glaube ich, so vehement und so geschlossen gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ ausgesprochen wie die österreichischen Filmschaffenden, im Inland (auf der letztjährigen Diagonale etwa) wie auch im Ausland (z.B. auf der Berlinale). Nicht wenige haben in der Kürzung der Förderungsmittel eine Bestrafungsaktion für diese Unbotmäßigkeit gesehen. Und jetzt auf einmal ist alles ganz anders?
Plausibler scheint mir dieses Erklärungsmodell: Die österreichischen Filmschaffenden sollen, nachdem man ihnen die Existenzgrundlage schon weitgehend entzogen hat, nun auch noch gedemütigt werden.
Wollen sie sich nicht dem Verdacht aussetzen, an einer Verbesserung ihrer Situation ja gar nicht interessiert zu sein, dann werden sie sich mit dem geborenen Hojac an einen Tisch setzen, ihm vorher höflich das Handerl geben müssen. Sie, die so heftig gegen die FPÖ gewettert haben, werden auf einmal recht artig sein und Bittschön machen müssen – und vielleicht sogar ein bisserl zu Kreuze kriechen.
Die FPÖ hat dabei nichts zu verlieren, sie verspricht den armen Teppen vom Film ja nicht eigenes Geld, sondern das des ORF.
Die F kann dabei nur gewinnen: Scheitern die Gespräche, so wird der ideologischen Verblendung der Filmschaffenden die Schuld zugeschoben werden. Führen sie aber zum angestrebten Erfolg, dann wird damit signalisiert, daß, wer Hilfe braucht, sich nur vertrauensvoll und vorurteilsfrei in die Arme der F zu werfen hat. Und nebenher hätte man auch dem Noch-ORF-Generalintendanten Weis eins ausgewischt.
Eine taktische Meisterleistung, das muß der Neid dem Haider und dem Westenthaler (d.g.H.) lassen.

Compassionate conservatism

(Dieser Text ist früher schon in der Juni-Nummer des Posthof-Magazins erschienen)

Ein neues Schlagwort kommt auf uns zu. Schon taucht es in deutschen und schweizerischen Leitartikeln auf, bald wird es auch bei uns im Munde manchen Politikers sein. Spätestens wenn der FPÖ-think tank beweisen muß, daß er schon zu denken angefangen hat. Oder wenn es Andreas Khol wieder einmal zur Abfassung eines Buches drängt.
Erfunden hat das Wort vom compassionate conservatism, dem »mitfühlenden Konservatismus« der texanische Journalistik-Professor Marvin Olasky, ein rechskonservativer Protestant, der früher einmal orthodox-jüdisch und Kommunist gewesen ist.
So recht mochte seine Thesen zunächst niemand aufgreifen, bis dann George W. Bush amerikanischer Präsident werden wollte – und die Welt mit der Behauptung überraschte, er sei ein mitfühlender Konservativer.
Eine erstaunliche Behauptung aus dem Munde eines Mannes, der – rekordverdächtig – als texanischer Gouverneur 130 Todesurteile bestätigt hat. Aber so persönlich war das »mitfühlend« ja gar nicht gemeint.

Professor Olasky erklärt, das Gebot der christlichen Nächstenliebe gebiete, daß sich die Gesellschaft um die Armen und Schwachen zu kümmern habe. Dem Wohlfahrtsstaat traut er die Erfüllung dieser Aufgabe aber nicht zu. Folglich sollten sich lieber die Kirchen, Nachbarschaftsgruppen und Bürgerinitiativen um die bisher staatlichen Aufgaben kümmern. Dafür sollen sie Spenden sammeln, und ein bißchen was wird auch der Staat dazu zahlen müssen. Aber nicht zu viel, ja!–
Natürlich haben auch viele Amerikaner bemerkt, daß das Gerede vom compassionate conservatism nichts ist als ein Vorwand zur Streichung öffentlicher Gelder. Aber Bush hat mit dem C.C.-Slogan seinen Wahlkampf geführt, und er hat die Wahl zwar nicht gewonnen, ist aber Präsident geworden, immerhin.
Warum also sollten die, die Österreich neu regieren wollen, das Schlagwort nicht übernehmen? Ist es nicht eh das, was Jörg Haider meint, wenn er eine »Politik mit Herz« einfordert, oder was Andreas Khol unter der »Bürgergesellschaft« versteht? Aber ja! Die Ideologie kennen wir längst, nur das verkaufsfördernde Etikett fehlt noch. Voilà: »Mitfühlender Konservatismus« oder »Konservatismus der Mitmenschlichkeit«.

In der The-winner-takes-all-Gesellschaft kümmert sich also der Staat darum, daß die Reichen noch reicher werden können, und die, auf deren Kosten das geschieht, werden privater Mildtätigkeit anempfohlen. Der Verein der Freunde Prinzhorns, der gerade das wirtschaftspolitische Kommando in Österreich übernimmt, hätte sich das nicht klüger ausdenken können.
So leicht und irgendwie einleuchtend Thomas Prinzhorn & Friends behaupten können, der Staat sei der denkbar schlechteste Unternehmer, so leicht und irgendwie einleuchtend läßt sich behaupten, der Staat erfülle seine Fürsorgepflicht denkbar schlecht. Begründung gefällig? Professor Olasky hat eine: Weil das Mitgefühl für den Befürsorgten fehle, der doch persönliche Zuwendung ebenso brauche wie Geld. Logisch, oder? Also auch im sozialen Bereich: »Mehr privat, weniger Staat!«
Freilich: Wer im Sozialstaat (den wir uns – seien wir doch ehrlich! – eh nicht mehr leisten können und wollen) Anspruch auf Sozialleistungen hat, der ist im C.C.-Staat angewiesen auf Gnade, die man ihm erweisen kann oder auch nicht. Wenn nicht, dann hat er halt Pech gehabt, der arme Hund, unser (wenigstens theoretisches) Mitgefühl begleitet ihn. Allerdings sind ja – seien wir doch ehrlich! – die meisten eh selber schuld, wenn es ihnen nicht gut geht. Die Anständigen, Ehrlichen und Fleißigen, die schaffen es schon!

Der Neo-Protestant Marvin Olasky stützt sich – übereifrig wie viele Konvertiten – nicht zuletzt auf calvinistisch-puritanische Denkmodelle, wie Max Weber sie schon in »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« beschrieben hat: Den fürs ewige Heil Auserwählten zeige Gott der Herr ihren Status als Auserwählte schon hierzuerden, indem er ihnen wirtschaftlichen Erfolg beschere. Bei uns spricht man nicht gern von »Auserwählten«, lieber – na eben! – von den Anständigen, Fleißigen, Ehrlichen, Tüchtigen.

Von der Tendenz her kennen wir compassionate conservatism ja schon aus Zeiten, da wir noch nicht blau-schwarz regiert wurden. Und am folgenden Beispiel zeigt sich auch, wie privates soziales Engagement vom Staat mißbraucht werden kann: Man schafft unmenschliche Gesetze gegen Asylanten und überantwortet ihre Opfer der Caritas oder etwa einem (mäßig subventionierten) Verein wie »SOS Menschenrechte«. Weil diese Organisationen oft sehr gut arbeiten, kann der Staat die Gesetze, deren Folgen sie lindern, immer noch ein Stückchen unmenschlicher machen. Und er tut es auch.
Griffige Schlagworte können Wunder wirken in Argumentationsnotständen mannigfacher Art. Die FPÖ könnte mit dem C.C.-Slogan wenigstens den Versuch starten, das Unvereinbare immerhin durch ein Schwindel-Etikett zu vereinen: Die Interessen von Prinzhorn & Friends zu bedienen und dennoch als »Partei des kleinen Mannes« Wählerstimmen zu lukrieren.

Und die Grundidee ist ausbaufähig. Justizminister Böhmdorfer könnte vielleicht das Schlagwort von der »mitfühlenden Gesinnungsjustiz« prägen und dafür plädieren, daß Journalisten oder Politiker, die fürs Beharren auf der Pressefreiheit oder fürs »Vernadern« Österreichs verurteilt werden müssen, nach Verbüßung ihrer Haftstrafen von privaten oder kirchlichen Organisationen bei ihrer Eingliederung in die C.C.-Gesellschaft betreut werden sollten.
»Mitfühlender Demokratie-Rückbau« wäre – siehe Dritte Republik! – auch ein brauchbares Schlagwort. Die Bevölkerung schätze und wolle ja, wie Westenthaler, der geborene Hojac, neuerdings nicht müde wird zu betonen, dieses »Parteien-Hickhack« gar nicht.
Wir dürfen uns auf allerhand gefaßt machen.

Wer hier die Denunzianten sind.
Einiges über
Burger, Lendvai, Liessmann.

Bereits 1996 hat Konrad Paul Liessmann, damals noch nicht im späteren Ausmaß der Philosoph für alle Gelegenheiten und Medien, in einem »Standard«-Artikel nicht mehr und nicht weniger verlangt als dies: »Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!« Was ihn zu dieser Marquis-Posa-Pose veranlaßt hat, das war die von ihm behauptete Tatsache, daß in unseren öffentlichen Diskussionen ein »Definitionsmonopol« ausgeübt werde.
Schuld daran war für Liessmann damals – wer denn sonst? – die Linke, die, so erklärte er, »ihre Identitätskrise« überwinden wollte, »indem sie sich darauf beschränkte festzulegen, wer eine Rechter ist«. Und dieser Linken ließ er dann gleich diesen Bescheid zukommen: »Das wird auf die Dauer zu wenig sein.« Und er stellte fest: »Mit dem Argument, daß [...] unsere Demokratie wehrhaft sein müsse, wird man nicht ewig hantieren können.«
Er hat recht behalten. Damit nämlich, daß das (für mich nach wie vor richtige) Argument, unsere Demokratie müsse wehrhaft sein, manches nicht hat verhindern können. Alles und jedes müsse, verlangte Liessmann damals, öffentlich diskutiert werden dürfen. Nun ist es so weit. Vieles, was damals noch allenfalls in der publizistischen Schmuddelecke der Rechtsextremen erörtert wurde, wird nun in angesehenen Blättern zur Diskussion gestellt, und die es tun, die Liessmanns und Burgers, werden vom Bundeskanzler zu »philosophischen Mittagessen« eingeladen.
Liessmann und Burger waren übrigens für lange Zeit zwei Paar Schuhe für mich.
Liessmann habe ich eher für einen gehalten, der, indem er sich zum Ketzer stilisiert, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und damit vielleicht ein Ordinariat ergattern wollte. (Eine nicht unkluge Strategie: Klappt's, dann ist es gut. Klappt's nicht, dann ist die Ausrede gleich inkludiert: In diesem Lande könne eben nur jemand, der am linken Mainstream entlang denke, etwas werden.) Liessmann hat zwei gar nicht schlechte Büchlein herausgegeben, darin er seine philosophischen Einführungsvorlesungen fürs erste und zweite Semester abdruckt. Aber: Die Philosophiegeschichte halbwegs ordentlich zu referieren, das ist etwas anderes als selber zu denken.
Rudolf Burger (der übrigens schon lange ein Ordinariat hat und gar Rektor war) hat mich immer ein bißchen mehr interessiert. Was er etwa vor ein paar Jahren zur Situation der Gegenwartskunst zu sagen wußte, war nicht so neu, wie er behauptete, aber nicht ganz unoriginell. Ein, zwei Formulierungen von ihm hab ich einmal auch in einem Essay zititert. »Burgers Thesen sind diskutabel – und angreifbar in vielen Punkten«, hab ich damals geschrieben. – Das hat sich (für mich) gründlich geändert. Nichts von dem, was Burger jetzt absondert, ist diskutabel für mich – aber es wird heftiger diskutiert denn je.
Peter Huemer hat neulich geschrieben: »In Fragen unseres Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ist es Rudolf Burger allmählich gelungen, eine Art Themenführerschaft an sich zu reißen. Wir alle reagieren jeweils auf ihn. Und das wird so bleiben, solange er noch ernst genommen wird.« (Es ist ein Dilemma wie mit Jörg Haider: Unwidersprochen kann man oft nicht stehenlassen, was er von gibt, widerspricht man ihm aber öffentlich, verschafft man ihm jene Publizität, die er nicht verdient.)

Der aktuelle Anlaß: Am 20. Juni 2001 erschien im »Standard« ein von Rudolf Burger verfaßtes »Plädoyer für das Vergessen« mit dem Titel »Die Irrtümer der Gedenkpolitik«.
Burger schlägt uns vor, nicht länger von den Verbrechen der Nazizeit zu reden, sie einfach zu vergessen, und er versucht, das so zu argumentieren: »Dass die Erinnerung an das Böse vor dessen Wiederholung schützt, ist [...] eine höchst fragwürdige These, auf historische Erfahrung stützen kann sie sich nicht. Und doch ist die Formel in verschiedenen Fassungen gebetsmühlenartig wiederholt, und ihre Kritik kommt einem moralischen Tabubruch gleich. ›Wer die Geschichte vergisst, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen‹ – dieser Satz hat fast schon die Würde eines Axioms, und er nimmt die Gestalt eines kategorischen Imperativs zum erinnernden Gedenken an, wenn es um die monströsen Untaten des Nationalsozialismus geht. Jeder, der ihn bestreitet oder auch nur in Zweifel zieht, setzt sich dem Verdacht aus, die Verbrechen zu verniedlichen und ihrer Wiederholung Vorschub zu leisten.« Und Burger behauptet weiter:
»Gleichwohl kann die These sich weder auf apriorische Evidenz noch auf eine theoretische Begründung oder historische Erfahrung berufen, nicht einmal auf Plausibilität: Zu allen Zeiten erschien den Menschen das Gegenteil richtig, und das Vergessenkönnen als moralische Leistung, welche die Kette des Unheils durchbrach. Das Gebot ist daher selbst ein historisches Novum, zumindest seit dem Ausgang der Menschheit aus mythischer Vorzeit: Jeder Mythos ist ein genealogischer Schuld/Opfer-Zusammenhang, dessen narrative Weitergabe im Bewusstsein der Generationen ein ›kollektives Gedächtnis‹ schafft, das das Unheil fortwälzt. Es war eine zivilisatorische Leistung ersten Ranges, als es der griechischen Philosophie gelang, das mythische Erinnerungsgebot zu durchbrechen und an seine Stelle dessen Negation zu setzen: das Gebot, nicht zu erinnern. Aus dem Griechischen stammt auch jenes Wort, das ursprünglich einfach ›Nichterinnern‹ heißt: Amnestie. [...]« Burger beruft sich auf den Althistoriker Christian Meier. Wie der gezeigt habe, »ist in der Geschichte nach Kriegen und Bürgerkriegen immer wieder beschlossen worden, der vielerlei Untaten, der Verbrechen, Morde, Massaker und Vertreibungen, die in ihnen verübt wurden, nicht mehr zu erinnern, und zwar unabhängig vom Ausmaß und der Qualität dessen, was jeweils angerichtet worden war. Natürlich kann Vergessen nicht auf Beschluss erfolgen, Nichterinnern aber kann man sehr wohl um des Friedens willen beschließen, und man kann sich um das Vergessen bemühen. Genau das ist in unzähligen Fällen geschehen.«
Umgekehrt habe, schreibt Burger, in der gesamten europäischen Zivilisationsgeschichte die Maxime »Niemals vergessen!« nicht als Mahnung gegolten, sondern als militante Kollektivverpflichtung, unter günstigeren Bedingungen wieder zu mobilisieren, »nicht als Friedensformel, sondern als Kampfparole: Was wäre den Völkern am Balkan nicht alles erspart geblieben, hätten die Serben die Schlacht am Amselfeld irgendwann einmal vergessen . . .
Erst das mythogene zwanzigste Jahrhundert [...] hat auch mit der zivilisierenden Tradition des Nichterinnerns gebrochen und das archaische ›Niemals vergessen!‹ als moralische Verpflichtung wieder in Geltung gesetzt. Das beginnt schon mit den Friedensverträgen von 1919, in denen von den Siegermächten eine Entschuldigung für die Ereignisse von 1914-1918 ausdrücklich zurückgewiesen wurde, und steigert sich nach 1945 zum Pathos eines elften Gebotes: Du sollst niemals vergessen! Damit aber bleiben die Geister lebendig.«
Heißt das nicht auch, daß da irgendwer daran interessiert sein muß, daß diese Geister lebendig bleiben? Burger deutet etwas in dieser Richtung an: »Real ist die Nazizeit so versunken wie Karthago, das mumifizierende Gedenken verzaubert sie zum Mythos. So erbt sich das Unheil fort, als Kleingeld der Politik und als schamloses Geschäft.« Und noch einmal spielt Burger auf die an, die seiner Meinung nach aus dem Holocaust Geld machen wollen: »Wie die Dinge liegen, wäre Vergessen nicht nur ein Gebot der Klugheit, sondern auch ein Akt der Redlichkeit; und es wäre eine Geste der Pietät. Schlimme Folgen hätte es keine, nur vielleicht für das Geschäft.«

Burger hat viel Widerspruch geerntet. Von so vielen Leuten ist so vieles zu seinen Thesen gesagt worden, daß ich mich auf drei Punkte beschränken will, die meines Wissens noch nicht oder kaum angesprochen wurden und die alle zeigen, daß aus falschen Prämissen nur falsche Schlüsse entstehen, daß Herr Burger also schlampig denkt – oder daß er uns gar mit falschen Parallelen etwas einreden möchte:

1.
Burger schreibt: »In der Regel war also alles, was in Kriegen, Bürgerkriegen und Revolutionen an Gewalttätigkeiten und Gräueln geschah, mit dem Friedensschluss abgetan und erledigt. Dass mit dem Friedensschluss auch die Amnestie verbunden sei, liegt schon im Begriff desselben, heißt es bei Kant.«
Weiß Burger nicht, daß es nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Friedensschluß gegeben hat?

2.
Burger schreibt, Amnestie »taucht als normativer Begriff in der hellenistischen Kultur des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts auf und meinte nicht einen individuellen Straferlass, sondern eine kollektive Verpflichtung, an zugefügtes Leid nicht mehr zu erinnern. So sollte der Hass besänftigt und der Frieden gesichert werden.«
An zugefügtes Leid nicht mehr zu erinnern, dazu konnte – logisch! – nur der jeweilige Gegner im Krieg verpflichtet werden.
Wie ist das aber mit den Deutschen und Österreichern, die nicht wollen, daß, was von ihren Vätern und Großvätern in der Nazizeit getan wurde, einfach »abgetan und erledigt« ist? Kann man auch verpflichtet werden, das Leid, das die eigenen Vorfahren anderen angetan haben, einfach nicht mehr zu erwähnen? Falsche Prämissen führen zu falschen Schlüssen.
Oder kann Herr Burger sehr wohl logisch denken und meint nur etwas ganz anderes? Wer aber sollte dann verpflichtet werden, »an zugefügtes Leid nicht mehr zu erinnern«? Die Opfer des Holocaust, von denen viele (wie auch viele Täter) heute noch leben?

3.
Burger vermischt – weil er's nicht besser weiß oder mit Absicht? – zwei historische Tatbestände, die an ganz unterschiedlichen Maßstäben gemessen werden müssen, den Holocaust nämlich und den »ganz normalen« Zweiten Weltkrieg. Letzterer hätte – was, noch einmal gesagt, nicht geschehen ist – vielleicht durch einen »normalen« Friedensschluß beendet werden können. Aber der Holocaust? Wer hätte da mit wem noch Frieden schließen können? Wer hätte da verpflichtet werden können, »an zugefügtes Leid nicht mehr zu erinnern«?
Daß der Holocaust (auch die Verfolgung und industrielle Ausrottung von Roma, Behinderten, Homosexuellen etc.etc.) in der bekannten Weise nur unter Kriegsbedingungen hat funktionieren können, ist allein deswegen klar, weil die Mörder sonst z.B. der Juden aus Polen, Rußland, Frankreich, Ungarn, Italien, Griechenland etc.etc. nicht habhaft geworden wären.
Dennoch: Krieg zu führen gegen bewaffnete Truppen und auch gegen die Zivilbevölkerung, das ist eine Sache. Was aber in den Vernichtungslagern der Nazis geschehen ist, das ist eine andere.
Für Burger aber ist das, so scheint es oder so will er suggerieren, alles eins. Uns das weismachen zu wollen, daß der Holocaust zu den bedauerlichen »Greueln« gehört, wie sie in Kriegen eben vorkommen, das heißt: Die Mölzers rechts überholen zu wollen.
Der »Philosoph« Burger hat Physik studiert, nicht Philosophie. Er hätte bei der Physik bleiben sollen.

Einschub: Mir fällt einer ein, der den fundamentalen Unterschied zwischen »normalem« Krieg und dem Holocaust nicht hat begreifen können oder wollen, der hieß Ernst Kaltenbrunner und war zuletzt SS-Obergruppenführer, nach Heydrichs Tod die Nummer 2 in der SS hinter der Nummer 1 Himmler. Das Ende des Zweiten Weltkriegs hat er im Ausseer Land verbracht. Da lange schon klar war, daß das mit dem Großdeutschen Reich doch nicht so ausgehen würde wie erhofft, hat Kaltenbrunner sich darauf besonnen, daß er eigentlich ja Österreicher war. Und er hat einen seiner Mitarbeiter, den unlängst erst verstorbenen Dr. Wilhelm Höttl, damals SS-Obersturmbannführer, in die Schweiz geschickt, um mit Amerikanern Kontakt aufzunehmen. Kaltenbrunner schlug einen Sonderfrieden vor, und er selbst wollte Bundeskanzler des wiedererstehenden Österreichs werden. Er war damals auch für die Konzentrationslager zuständig und ahnte wohl, daß das auf die heranrückenden Alliierten keinen guten Eindruck machen würde, bekämen sie zu sehen, was dort geschehen war. Deshalb gab er Anweisungen und Befehle, die Lager müßten vor dem Eintreffen der Russen oder Amerikaner »geräumt« werden: Wer bisher überlebt hatte, sollte im letzten Augenblick noch umgebracht werden. Danach sollten, so gut es noch ginge, alle Spuren beseitigt werden.
Daß er der erste Bundeskanzler des neuen Österreichs werden könnte, daran hat er bis zuletzt nicht gezweifelt. Er hat sich zwar beim Herannahen der Amerikaner auf einer Alm versteckt, aber als dann irgendwann einmal Soldaten kamen, um ihn abzuholen, dachte er, sie täten es, um ihn nun endlich zum österreichischen Regierungschef zu machen. »Jetzt kommts ihr erst?« soll er verwundert und ein wenig unwillig gefragt haben. Daß man ihn später in Nürnberg zum Tod durch den Strang verurteilt hat, das hat er angeblich auch nie wirklich verstanden.

Aussagen auf dem Niveau, das Rudolf Burger nun erreicht hat, waren bisher dem rechtsextremen Sudel-Schrifttum vorbehalten. Seinen neuen Text aber hat er für die »Europäische Rundschau« geschrieben, der größeren Verbreitung wegen freilich in den wichtigen Teilen auch im »Standard« publiziert.
Vier, fünf Wochen später meldet sich nun Paul Lendvai, der Herausgeber der »Europäischen Rundschau« zu Wort. Und er beklagt sich über die Reaktionen auf Burgers Text: »Im Fall Burger geht die Flut der Angriffe weit über den Rahmen einer zivilisierten Diskussion hinaus. Es werden offensichtlich auch alte Rechnungen beglichen.« Er verweist darauf, daß Burger »kürzlich mit dem österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet« worden sei (sagt aber nicht dazu, daß Liessmann Jurymitglied war, was nicht uninteressant ist), und dieser Ausgezeichnete werde nun »hier und dort als eitler Ignorant und unqualifizierter Wirrkopf, als Dilettant und sogar als verkappter Antisemit dargestellt. Die Angriffe gehen ins Persönliche und verleihen einer scheinbar philosophischen – politischen – ideologischen Diskussion immer mehr den Anschein einer Hexenjagd, ja eines Vernichtungsfeldzugs. Es gab«, schreibt Lendvai weiter, »nur wenige ruhige Stimmen, wie die von« – wen wundert's! – »Konrad Paul Liessmann, der versuchte, die Motive hinter dem Angriff Burgers auf die Instrumentalisierung und den Missbrauch der Erinnerungskultur und Gedenkpolitik aufzuhellen.«
Und Lendvai fürchtet: »Nicht nur ›Applaus von der falschen Seite‹, auch die von tiefen persönlichen Ressentiments gegen den Autor geblendeten Anzeiger und Jäger der ›politischen Korrektheit‹ könnten aber den notwendigen gemeinsamen Kampf gegen das Böse in der Vergangenheit und in der Gegenwart negativ beeinträchtigen.«
Paul Lendvai klagt die, die Burger kritisieren, als Denunzianten an. Ein starkes Stück. Denn: Lendvai berichtet uns auch, Burger selbst habe in ihrem ersten Telefongespräch seinen Text eine »Bombe« genannt, und Lendvai schreibt ferner, Burger selbst habe (ohne Lendvais Wissen) etwa durch die auszugsweise Veröffentlichung auch im »Standard« dafür gesorgt, daß es auch ordentlich kracht, wenn die Bombe hochgeht.
Aber die, die Burger nun (ohnehin nur freundlich indirekt) einen Bombenleger nennen, die nennt Lendvai Denunzianten. Diese Logik ist, höflich formuliert, nicht leicht nachzuvollziehen.

Was der, den Lendvai zu den »wenigen ruhigen Stimmen« zählt, Konrad Paul Liessmann nämlich, sich hat einfallen lassen, seinem Gesinnungsfreund Burger beizustehen, war ein paar Tage vor dem Lendvai-Text im »Standard« zu lesen. Burger sei, meint Liessmann, mißverstanden worden, habe aber wohl, gibt er zu, »zugespitzt und an manchen Stellen wohl mißverständlich formuliert«.
Und wie so oft, wenn einer im Argumentationsnotstand ist, zitiert Liessmann, was das Zeug hält. Vermutlich weiß auch er, daß sich alles und jedes mit Zitaten bedeutender Denker untermauern läßt, auch der allergrößte Schwachsinn, weil erstens auch bedeutende Denker zuweilen Seltsames von sich gegeben haben und zweitens Zitate, reißt man sie nur geschickt aus dem Zusammenhang, nicht selten auch ins Gegenteil ihres eigentlichen Sinns gewendet werden können. Aber irgendwie eindrucksvoll wirkt es ja doch, einen Text mit großen Namen zu verzieren, und irgendwie vermittelt es ja doch den Eindruck, als stünde, was man sagen will, in einer langen, erlauchten Tradition. So zitiert Liessmann Adorno als Beleglieferanten herbei. Und Bertolt Brecht. Und Günther Anders, Sören Kierkegaard, Baltasar Gracián etc.
Und was sagt Liessmann zwischen den Zitaten selbst, was will er mit all den großen Namen belegen?
An Burgers Behauptung anknüpfend, die Nazizeit sei so vergangen wie die Punischen Kriege, schreibt er: »Wie versunken ist Karthago? Wie versunken ist die Nazizeit? Fast mit denselben Phrasen feierte die Filmkritik die Kriegsszenen in Steven Spielbergs Saving Private Ryan und in Ridley Scotts Gladiator. Die Landung der Alliierten in Nordfrankreich im Jahre 1944 und der Angriff der Römer auf die Markomannen im Jahre 180 ist uns, durch die Brille Hollywoods betrachtet, tatsächlich gleich nah und gleich fern.«
Was will der Philosoph uns damit sagen? Niemand hat, wenn ich's recht sehe, behauptet, daß die Nazizeit nicht vergangen wäre, aber sie wirkt – einmal sei's noch erklärt! – auf andere Art in unsere Gegenwart herein als etwa die Punischen Kriege. That's all!
Und – da Liessmann hier nicht vom Massenmord, sondern »nur« vom Krieg schreibt – diesen Unterschied gibt's schon: Die Veteranen des römischen Kriegs gegen die Markomannen sind tot, von den Veteranen des Hitler-Kriegs aber leben noch etliche. Und diese braven Deutschen und Österreicher, die in Rußland und Frankreich, in Norwegen und Nordafrika so tapfer ihre Heimat verteidigt haben, dürfen ungeniert von ihrer Pflichterfüllung und anderen Heldentaten schwärmen, sich am Ulrichsberg und an anderen Orten versammeln, und sie werden nicht nur von Herrn Haider gegen Angriffe aller Art in Schutz genommen.
Liessmann schreibt ferner: »Es gibt offensichtlich eine unmittelbare Faszination des Schrecklichsten, die nicht zuletzt zum Erfolg des ›Holocaust‹ in der Kulturindustrie beigetragen hat. Spielberg ist dabei mit Schindlers Liste das selten bemerkte Kunststück gelungen, das größte Verbrechen der Geschichte mit der Hollywood-Maxime des Happyends zu versöhnen.« Weiß Liessmann wovon er redet? Merkt der Philosoph nicht, daß das »Kunststück« (das er – wer denn sonst! – im Gegensatz zu den vielen anderen bemerkt haben will) insofern keines ist, als Schindler, von dem der Film handelt, viele Juden vor dem sicheren Tod gerettet hat, was halt für eben diese tatsächlich ein glückliches Ende war? Und, nebenher gefragt, warum setzt Liessmann das Wort Holocaust eigentlich in Anführungszeichen?
Übrigens scheint mir Billy Wilders Meinung über Spielbergs Film kompetenter als die der Philosophen Liessmann und Burger. Wilder habe, hat er einmal gesagt, »Schindlers Liste« viermal gesehen und jedesmal gehofft, unter den (im Film) massenhaft abtransportierten Juden seine Mutter zu entdecken.
Burger und Liessmann aber reden im Zusammenhang von Holocaust-Filmen von »Sekundärausbeutung der Opfer« – und das ist das infamste Vokabel, das mir in der letzten Zeit untergekommen ist.
Liessmann schreibt zum Beispiel auch dies: »Das erlebnispädagogische Projekt, das bei jungen Menschen die Erinnerung wach halten will und als Höhepunkt eine Klassenfahrt zu einer Stätte des Grauens bereithält, ist nur einen Schritt von jenem Zynismus entfernt, der die mit virtueller Gewalt verwöhnten Kids endlich einmal mit einer Ahnung davon versorgen will, was die wirkliche Wirklichkeit so zu bieten hatte. Der Affekt, mit dem sich Rudolf Burger gegen die kulturindustrielle Sekundärausbeutung der Opfer wehrt, erinnert so weniger an den Stammtisch, der einen Schlussstrich ziehen möchte, als an den Text Reklamefahrten zur Hölle von Karl Kraus aus dem Jahre 1921. Kraus hatte damit in der Fackel mit unnachahmlicher Schärfe die von einer Zeitung angepriesenen Erinnerungsfahrten zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gegeißelt, bei denen die Verbindung von kulinarischen Genüssen mit dem Anblick des Grauens versprochen worden war. Nach Mauthausen werden schon lange Gedenkausflüge mit Wirtshausbesuch und gemütlicher Rundwanderung angeboten.« Hier wird die Denunziation (die Lendvai anderen unterstellt) zum Prinzip.

Warum aber verstoßen zwei Professoren (der eine unterrichtet an der Wiener Universität, den andere an einer Kunstuniversität) gegen simpelste Regeln der Logik, gegen einfachste Gebote der intellektuellen Redlichkeit? Diese Frage verbindet sich für mich mit einer anderen, tiefer greifenden: Glauben die Burgers und Liessmanns wirklich, was sie schreiben? – Ich fürchte: ja. Und vielleicht haben sie immer schon so gedacht, wagen sich aber jetzt erst – nach der Wende, nach der Aufhebung des von Liessmann früh schon beklagten »Definitionsmonopols« – aus ihrer intellektuellen Deckung.
In Zeiten wie diesen schwemmt es eben offenbar Leute wie diese an die Oberfläche.
Die von Liessmann verhöhnte Forderung, unsere Demokratie müsse wehrhaft sein, ist somit so aktuell wie eh und je.

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