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aus: Das Erbe des Puppenspielers
...Da standen wir nun, mein Bruder
Ansgar und ich, unmündige Burschen, die ihre Bündel an die Brust pressten und
sich vor der neuen Heimat fürchteten. Weit waren wir gefahren, immer gen Norden
bis an den Rand des christlichen Reiches.
Gegen den weißen Himmel erhob sich die civitas, der Fronhof von Rinhausen, ein
mächtiger Bau aus Stein, umgeben von unzähligen Ställen und Scheunen, Back-
und Brauhäusern. Weit breitete sich das Salland aus, dessen Erträge allein dem
Fronherrn zugute kamen. Im Osten drängten sich kleine Felder mit schiefen
Hütten, die ein paar Kolonenbauern ermöglichten, ihr eigenes Brot zu essen.
Von der Insel im Rhein klang die Klosterglocke herüber, und wir erahnten den
Gesang der Mönche, die Tag und Nacht für unser Heil beteten. Dahinter aber
drohte endlos der Wald. Dort hielten sich die Sachsen verborgen.
Der Hausmeier stieß uns durch das Tor. "Wir sind zu Hause", sagte er.
Das waren die ersten Worte, die er direkt an uns richtete, nachdem er uns in
seine Obhut genommen hatte.
Eine Welle lärmender Geschäftigkeit rollte über uns hinweg. Wagen polterten,
Kinder liefen schreiend umher, Pferdehufe klapperten, und dazwischen stoben die
Hühner auseinander. Irgendwo wurden scharfe Befehle gerufen, und in einem
offenen Verschlag hämmerte der Schmied ohrenbetäubend auf das Eisen. Die Luft
war kalt, voll von Staub und fremden Gerüchen.
Ansgar streckte sich, und das Muster aus Lehm und Schmutz auf seinem Hals zog
sich auseinander. Seine Tunika war mürbe und die Säume aufgerissen, der Stoff
bedeckte nicht einmal seine Knie. Er besaß nichts anderes, sonst hätte er mir
das kratzige Ding schon längst vererbt.
Ich fror. Bestimmt sah ich genauso schäbig aus.
"Du bist kräftig", sagte der Hausmeier zu meinem Bruder, "ich
denke, dass du zupacken kannst. Fürchtest du dich vor Pferden?"
"Vor Pferden? Bestimmt nicht, Meier."
"Gut, dann melde dich beim Stallmeister."
Ansgar stieg das Blut in die Wangen. "Wirklich? Im Pferdestall?"
"Dort hinten das helle Gebäude, worauf wartest du?"
"Danke, Meier", sagte mein großer Bruder und rannte los.
Der hagere Mann sah ihm nach, er lächelte sogar ein wenig. Diese Regung
erstarb, sobald er sich an mich erinnerte. Sein Umhang schlotterte ihm um die
Glieder, und das graue Haar sah aus, wie bei einem Vogel, der sein Gefieder
sträubte. "Du kannst dir denken, dass weder der Fro noch die Frouwe einen
schwächlichen Bastard durchfüttern wollen, der nicht einmal zur familia
gehört."
Beflissen schüttelte ich den Kopf.
Er starrte auf mich herab und sagte nichts.
"Ich bin nicht so schwach, wie ich aussehe, Meier, ich kann Wasser holen
und Grütze kochen, ich habe auch schon Garben gebunden ..."
Keine Antwort.
"Bitte, Ihr dürft mich nicht fortschicken."
"Vorerst dienst du in der Küche. Aber kein Wort über deine Herkunft, zu
niemandem, sonst fliegst du von diesem Hof, noch ehe du blinzeln kannst."
Was hätte ich von meiner Herkunft verraten können? Ich kannte weder den Namen
meines Vaters noch den der civitas, in deren Schatten ich geboren worden war.
Erleichtert verbeugte ich mich vor ihm und verharrte in dieser Haltung, bis er
im Haupthaus verschwunden war.
Ratlos stand ich zwischen all den
Fremden und wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Zweimal versuchte ich,
nach der Küche zu fragen, aber die Menschen eilten an mir vorüber, als hätten
sie mich nicht gesehen.
Schließlich griff ich ein Mädchen am Ärmel. Es drehte sich um und blickte
mich neugierig an. Noch nie war ich einem Mädchen begegnet, das so verdreckt
herumlief. Ihre Glieder waren von oben bis unten mit angetrocknetem Lehm
bekleckst, man konnte die ursprüngliche Farbe ihrer Kleider nicht mehr
erkennen, und aus der verfilzten Zottelmähne bröselte Staub. Das Gesicht war
streifig verschmiert, aber ihre Augen glänzten wie polierte Kastanien. Ich
stammelte etwas von "Küchenjunge", und sie brach in Gelächter aus.
"Du Mickerling willst Küchenjunge sein?", gluckste sie. "Ich
heiße Gisela, und ich zeige dir lieber den Weg, sonst kommst du noch vor dem
Essen unter die Hufe."
Schon rannte sie los, und ich hastete hinter ihr her zu einem steinernen
Nebengebäude. "Warte nur, in ein paar Wochen bist du fett wie
Bertha." Sie öffnete die Tür und schubste mich hinein.
Es duftete warm nach Suppe. Ein langer Tisch bestimmte das riesige Gewölbe.
Hier wurden Fische geschuppt und Berge von Gemüse geschnitten.
An der Stirnseite stand der Koch, brummte Anweisungen und walkte kräftig den
Teig. Seine Oberarme waberten dabei wie kalte Grütze. Ich überlegte, ob ich
wohl zu ihm gehen und mich vorstellen musste. Doch da rollte aus dem
dunstgeschwängerten Teil des Raumes eine Magd heran, ein mächtiges Weib, in
dessen Busen man gewiss ersticken konnte. Das musste Bertha sein. Sie entdeckte
mich und schob sich um den Tisch. "Wer ist das?"
"Mein Name ist Meginhard, der Meier hat gesagt, ich soll ... "
"He, Eigil!", rief sie gellend. "Du bekommst Unterstützung. Der
Bastard hier will dir das Wasser tragen."
Sie klapste mir auf den Hintern, und ich flitzte um den Tisch herum, wo Eigil
mich erwartete. Bis jetzt war er der einzige Küchenjunge gewesen, und er freute
sich sichtlich, dass er einen Gehilfen bekam.
"Wer ist dein Vater?", fragte er. Ich zuckte mit den Achseln, und
Eigil grinste. "Das hab ich mir gedacht! Du trägst die Krüge,
Bastard."
Mein Name war für alle Zeit vergessen. Sie riefen "Bastard", und ich
hatte zu springen. Jeder schien das Recht zu haben, mich hin und her zu
scheuchen, wie es ihm beliebte. Vor allem Bertha machte eifrig Gebrauch davon.
"So ist das nun mal", sagte Eigil, "ein Bastard ist gerade gut
genug für alles, was den anderen einfällt, er hat ja keinen Vater, der für
ihn einstehen könnte. Du wirst schon sehen, wenn etwas daneben geht, hast du es
getan. Selbst wenn du gar nicht in der Nähe warst, die Schuld bekommst du doch.
Glaub mir, ich kenne das, und ich bin ehrlich froh, dass du jetzt hier bist,
Bastard."
Gehorsam stolperte ich durch meine Pflichten, so gut ich es irgend vermochte.
Trotzdem konnte ich nicht die geringste Wertschätzung für meine Mühen
erlangen. Ungeschickt, faul und dumm, nichts weiter als Dreck war ich. Nein,
weniger als Dreck, denn dem wurde große Beachtung geschenkt. Immerhin schmeckte
die Abendgrütze nach Milch und fetten Knochen, viel besser als ich es kannte.
Später richteten die Knechte ihr Nachtlager auf den Bänken ein, und den
Mägden war der Platz am Kamin vorbehalten. Eigil und ich legten uns in eine
freie Ecke. Stroh gab es nicht für uns, also streckte ich mich auf dem nackten
Boden aus, schob mir mein Bündel unter den Kopf und begnügte mich mit einem
Zipfel von Eigils Decke. Der Lärm an diesem Hofe ebbte niemals ab. Schnarchen
erfüllte den Raum, einzelne Paare stöhnten unter ihren wollenen Tüchern, und
draußen lärmten die Hunde, wenn sie die Tiere des Waldes witterten.
Die Kreuzfibel meiner Mutter baumelte noch immer an meinem Hals. Wie lange war
es her, dass sie mir ihren Schatz gegeben hatte? Ich presste das kalte Metall an
die Brust, bis es schmerzte, denn der Gedanke, dass es einen Abdruck auf meiner
Haut hinterlassen würde, tröstete mich.
Rezension I Buchbestellung I home III03 LYRIKwelt © Maren Winter/Heyne