|
|
Es war bereits später Nachmittag, als ich das Tzin Tzun Tzan fand – ein lieblos und karg eingerichtetes Bürorestaurant, das neben einer Fabrikhalle lag. Die Mittagspause war schon lange vorbei, und nur an einem Tisch saß noch eine Runde von mestizischen Beamten, die Domino spielten. Ein Blick auf ihre pseudoedlen, speckigen Anzüge genügte, um zu wissen, dass sie dem Unterbau der Lokalpolitik entstammten. Es waren Vampire, die davon lebten, alte Omas um Butterstullen zu erleichtern… Blutsauger, die verbriefte Bürgerrechte nur dann durchsetzten, wenn das Schmiergeld stimmte… Strauchdiebe, die dennoch ständig vom US-Imperialismus plapperten, wenn es darum ging, jemandem die Schuld an Mexikos Misere in die Schuhe zu schieben.
Um möglichst weit weg von diesen Menschen zu sitzen, wählte ich einen Tisch am anderen Ende des Raums – unter einem Fernseher, der brüllend laut Das Boot von Wolfgang Petersen ausstrahlte. Ich warf einen Blick in die Speisekarte und stellte fest, dass Gregorio sich geirrt hatte: Das Tzin Tzun Tzan war durchaus nicht spezialisiert auf irgendwelche vegetarischen Maya-Spezialitäten, sondern bot genau die gleiche Palette an Gerichten an, die man auch sonst in mexikanischen Restaurants zu essen bekam: Fleisch, Fleisch und nochmals Fleisch. So einfallslos die Speisewahl war, so gepfeffert das Preisniveau – vor allem wenn man bedachte, dass wir mitten im Slum saßen. Wie es schien, versuchte mir der Tag eine deutliche Lektion zu erteilen: Es rächte sich, vom Fischnazi abgefallen zu sein… Tage ohne den Fischnazi endeten zwangsläufig im Verderben…
Vom Tisch der Dominospieler löste sich ein Mann mit grün schillernder Weste, violetter Krawatte und einer Uhrenkette aus Katzengold. Sein protziger Gang verriet mir, dass es sich um den Geschäftsführer handelte.
»Die Küche ist bereits geschlossen«, sagte er und schnalzte sein Wischtuch heraus. »Das Einzige, was es noch zu essen gibt, sind Stierhoden.«
Stierhoden galten in Mexiko als Spezialität. Ich hatte im Nobelrestaurant Fonda de Santa Clara in der Tat einmal ganz passable Tacos mit gebackenem Stierhoden gegessen, der in etwa wie ein Wiener Schnitzel geschmeckt hatte. Im Augenblick wäre mir etwas weniger Exzentrisches zwar lieber gewesen, aber es war zu spät, um Ansprüche zu stellen.
»Wie ist der Hoden zubereitet?«, fragte ich.
»Nach Art des Hauses«, sagte der Geschäftsführer und stopfte sein Wischtuch wieder in die Hosentasche, ohne den Tisch gesäubert zu haben.
»Na gut, geben Sie mir den Hoden«, sagte ich. »Und ein Bier!«
Der Geschäftsführer ging, und ich vertiefte mich in Wolfgang Petersens Meisterwerk, in dem Prochnow gerade den Führerbefehl vorlas. Nach fünf Minuten kam der Geschäftsführer aus der Küche und servierte mir den Hoden und das Bier. Schon als ich auf den Teller blickte, sah ich, dass dieser Hoden nicht die geringste Ähnlichkeit mit der kulinarischen Raffinesse in der Fonda de Santa Clara hatte. Das was da vor mir lag, sah aus wie gekocht und glänzte vor Nässe. Es war weißlichgrau, und nur auf einer Seite dieses glitschigen Objekts, das bei Berührung mit der Gabel über den Teller flutschte, konnte ich so etwas wie eine Spur von Bratvorgängen erkennen. Ich schnitt ein Stück dieses weichen Etwas’ ab, an dem abstruse Knoten und Stränge hingen, und probierte: Schon nach dem ersten Bissen machte sich in meinem Mundraum eine mysteriöse, breiige Substanz breit, die meine Zunge mit einem totalen Taubheitsgefühl überzog und sich zu einem pelzigen, Belag verdichtete, dem weder mit Schabe- noch mit Spachtelbewegungen meiner Zähne beizukommen war.
Ich stellte das Essen ein, schob den Teller weg und schüttete Bier in meinen Mund – in der eitlen Hoffnung, damit diesen perversen, unbeschreiblichen Geschmack loszuwerden. Dann atmete ich tief durch, zog den Teller wieder zu mir heran und zwang mich zu äußerster Gelassenheit:
Ich versuchte, diesen Hoden zur Abwechslung g a n z n e u t r a l zu betrachten, s i n e i r a e t studio, ohne euro zentrische Geschmäcklerei, chauvinistische Kastrationsangst oder Lebensüberdruss. Das Ergebnis meiner Betrachtung war folgendes: Bei diesem Klumpen auf meinem Teller handelte es sich um den ältesten Hoden Mexikos. Es war ein Hoden, der Zeuge der Eroberung Tenochtitláns gewesen war, der die Füsilierung Kaiser Maximilians II. und den Kuchenkrieg gegen Frankreich so hautnah miterlebt hatte wie die Revolutionswirren und die Verstaatlichung der Erdölindustrie. Was da vor mir lag, war ein Zeitzeuge, dessen Berichte Bibliotheken gefüllt hätten, ein biologischer Ausnahmefall, dessen Jahresringe die gesamte mexikanische Geschichte umfassten!
Dies alles musste ich würdigend zugestehen, aber dennoch war es b e im b e s t e n W i l l e n nicht möglich, auch nur einen einzigen Bissen dieser albtraumhaften Proteinkugel hinunterzuwürgen. Ich war gewiss nicht penibel und hatte in meinem Leben schon allerhand vertilgt, was nicht lupenrein war, aber dieser Hoden schoss einfach kulinarisch den Vogel ab. Di e s e r Ho d e n war die abnormste Zumutung, seit es Nahrungsketten auf der Erde gab.
Ich steckte mir eine Zigarette an, schob den Teller wieder aus meinem Gesichtskreis und starrte hoch zum Fernseher, wo Jürgen Prochnow mit blutunterlaufenen, schicksalsgezeichneten Augen dem U-Boot beim Versinken zusah. Der Geschäftsführer mit der Katzengoldkette erhob sich von der Dominorunde, kam an meinen Tisch und begutachtete verärgert den vollen Teller.
»War irgendwas mit dem Essen nicht in Ordnung?«, fragte er.
»Jaaa«, sagte ich. »Es hat nicht geschmeckt.«
»Sooo, es hat nicht geschmeckt!«, äffte er mich nach.
»Richtig. Ihr Hoden war vollkommen ungenießbar.«
»Mein Hoden?«
»Nein, Ihren Hoden kenne ich gottseidank nicht. Ich meine den hier zur Diskussion stehenden, sich auf diesem Teller befindlichen Todeshoden.«
Der Geschäftsführer hakte seine Finger in die Westentasche und schob den Bauch vor.
»Wieso bestellen Sie als Ausländer überhaupt Hoden, wenn Sie so etwas gar nicht als Spezialität würdigen können?«, fragte er.
»Gut, ich bin im Irrtum«, seufzte ich. »Der Hoden war phantastisch! Vor allem die breiige Samenleitersubstanz, die mir immer noch als pelziger Belag auf der Zunge klebt, war sterneverdächtig. Sie sollte eigentlich das nächste Mal als Amuse gueule zwischenserviert werden.«
Der Geschäftsführer sah auf meinen Teller und schwieg.
»Sind Sie einer von diesen Leuten, denen in Mexiko nichts gut genug ist?«, fragte er leise. »Einer von denen, die glauben, man müsste vor ihren stinkenden Dollars niederknien?«
»Richtig«, sagte ich. »Ich bin einer von diesen Gringo-Imperialisten.«
Der Geschäftsführer riss meinen Teller vom Tisch, trug ihn zur Gruppe der Dominospieler und präsentierte ihn dort wie einen Beweis. Die Dominospieler hielten in ihrem Spiel inne, nickten ernst und schüttelten entrüstet die Köpfe.
»Schaut euch den da an!«, hörte ich einen sagen. »Was denkt der eigentlich, wer er ist!«
Ich
erwiderte ihre Blicke,
inhalierte Rauch und
stippte Asche auf den
Boden. Etwas in mir war
nahe daran, aufzustehen,
zu diesem Tisch zu
schlendern und Dinge zu
tun, die mich
s e h r w e i t
davontrugen von den
Gelübden des »Großen
Fahrzeugs« – Dinge, die
mit dem »Pfad der
Entsagung« nur sehr
wenig gemein hatten.
Doch stattdessen entschied ich mich für etwas anderes.
Ich drückte die Zigarette aus, nahm mein Handy und wählte Michelles Nummer:
»Ja?«, sagte Michelle. »Wer ist dran?«
»Gottseidank!«, atmete ich auf. »Bist du zuhause? Pass auf, ich schnapp’ mir ein Taxi und bin in fünf Minuten bei dir…! Nein, warte, das mit dem Taxi ist heut’ keine gute Idee! Ich nehm den Bus. Bleib zuhause, ich bin gleich da!«
Stämmig und selbstbewusst wie ein kleines Stierchen stand Michelle an der Tür – mit ihrer schwarzgerahmten Cinecittá-Brille, ihren ruhigen, braunen Augen und den dunklen Korkenzieherlocken, die in allen Richtungen von ihrem Kopf abstanden. Sie trug einen grünen Seidenrock und ein silbernes Spaghetti-Top, ihre Hausschuhe, ihr Schlafzimmerblick und das Leselicht im Hintergrund ließen vermuten, dass ich sie gerade vom Sofa hochgescheucht hatte.
»Mein Schatz, ich brauch’ dringend was zu trinken!«, ächzte ich, küsste sie auf ihre rotbraune Wange und schlängelte mich am Türstock vorbei.
»War der Tag s o schlimm?«, fragte sie und lächelte spöttisch.
»Er war grauenhaft!«, sagte ich und ließ mich auf ihr Sofa fallen, neben dem eine Leselampe brannte. »Wenn ich noch so einen Tag erlebe, häng’ ich mich am Fahnenmast vorm Präsidentenpalast auf!«
Michelle ging in die Küche, raffte ihren Rock und kniete sich zum Kühlschrank hinab, sodass ihr fester Po wie der Bürzel eines Entleins hervorstand.
»Ich kann dir nur Mezcal anbieten«, sagte Michelle.
»Es sei denn, du möchtest lieber Sekt aus Russland. Da steht noch einer hier im Kühlschrank rum.«
»Sekt aus Russland?«, fragte ich. Den »Deiffels=Trunk« Mezcal musste ich meiden – das war klar.
»Ja«, sagte Michelle. »Den hat mir ein Bekannter mitgebracht.
Unten an der Ecke gibt’s seit neuestem ’nen russischen Lebensmittelladen.«
»So so. Geschenke von fremden Männern… Zeig mir doch mal die Flasche!«
Michelle lachte und reichte mir den Sekt.
»Krimsekt Krimskoye…«, las ich auf dem purpurnen Etikett.
»›Inbegriff der Exklusivität… einzigartiges Cuvée… Ein Sekt, der in den großen Werken der Weltliteratur immer wieder genüsslich erwähnt wird…‹ Wahrscheinlich in Landserromanen, die der Fischnazi liest! Dann doch lieber ’nen Mezcal…«
Michelle seufzte, verstaute die Sektflasche wieder im Kühlschrank und schenkte sich eine Limo und mir einen Mezcal ein. Dann stellte sie die Gläser auf einem Korktablett auf den Lesetisch, setzte sich neben mich und zog ihre braunen Beine hoch aufs Sofa. Ich nahm einen Schluck vom Mezcal und betrachtete Michelle – ihre wunderschönen gekringelten Naturlocken, ihre kurzen, etwas abgekauten Fingernägel mit dem hellroten Nagellack und ihre Brustwarzen, die wie Babypimmel durch das silberne Satintop stachen. Langsam fühlte ich mich besser.
»Na, klingt das Fieber ab?«, fragte Michelle und stieß mit mir an. »Was ist denn nun passiert, dass du so am Ende bist?«
Ich nahm noch einen Schluck vom Mezcal.
»Sie haben mir den schlimmsten Fraß meines Lebens vorgesetzt. Dieser Hoden im Tzin Tzun Tzan war so grauenhaft, dass er mich bis ans Ende meiner Tage verfolgen wird.«
»Iiiih!«, lachte Michelle. »Hoden essen doch nur Leute, die unbedingt für Spanier gehalten werden wollen, die bei Stierkämpfen immer ›olé‹ rufen und die sonntags ins Casino Español gehen!«
»…Nur die Grießnockerl meiner Großmutter waren schlimmer als dieser Hoden – ich schwöre es…«
»Was bitte sind Grießnockerl?«
»Ein Art Klöße aus Grieß… Die schmecken an sich schon ziemlich eigenwillig, aber meine Großmutter war überdies sehr alt und hat da Sachen zusammengeköchelt, die keiner Kontrolle mehr unterlagen. Ich weiß nicht, wie das Rezept aussah, aber diese Grießnockerl waren der Hammer…«
Fröstelnd nahm ich noch einen Schluck. Michelle streckte ihre Hand aus, kraulte meinen Nacken und sah mich an. Ihre Augen waren ruhig und schläfrig wie ein Teich, mit einem ganz leichten Silberblick, der sie immer ein bisschen weggetreten erscheinen ließ.
»Dann hat dir also das Essen im Tzin Tzun Tzan den Tag verdorben?«
»Nein, auch die ganzen Wahnsinnigen. Diese Stadt wimmelt von Tollhäuslern. Man geht mit den besten Vorsätzen aus dem Haus, und eine Stunde später wird man fast von irgendeinem Typen mit dem Auto zerquetscht. «
»Tja«, sagte Michelle. »Rein rechnerisch ist das natürlich klar: Die Hälfte aller Mexikaner lebt in Mexico City, also gibt’s hier natürlich auch die meisten Wahnsinnigen. Kennst du das Sprichwort? Nach einem Atomkrieg überleben nur Wanzen, Kakerlaken und die Einwohner von Mexico City.«
»Schrecklich… Und wie kommt’s, dass d u immer so ’nen ausgeglichenen Eindruck machst?«
Michelle streckte den Rücken durch und gähnte.
»Gewusst wie!«, sagte sie. »Ich hab’ da gewisse Strategien – Übungen, um genau zu sein.«
»So, so«, sagte ich und besah mir das Buch, das auf ihrem Lesetisch lag und so ähnlich hieß wie: Die tausend Ehemänner der Doña Irgendwas. »Interessant… Werden diese Übungen denn auch mit Männern praktiziert, die russische Alkoholika ins Haus tragen?«
Michelle sah mich an und prustete los: »Ich hab’ wohl Wasser im Ohr!«, sagte sie. »Monsieur müssen größenwahnsinnig geworden sein! Erst hört man zwei Monate lang nichts von ihm, und kaum lässt man ihn zur Tür herein, meldet er schon Besitzansprüche an!«
»Ich hatte ’ne Freundin«, seufzte ich. »Deswegen konnte ich mich nicht melden…«
»Jetzt schlägt’s aber dreizehn! Du meinst dieselbe Freundin, die du hattest, als du mir nach der Party dein Ding reingesteckt hast? Ich wusste gar nicht, dass du dich inzwischen zum Heiligen entwickelt hast!«, sagte Michelle, nahm die Fernbedienung und schaltete wütend den Fernseher an: Auf Televisa kam ein Nachrichtenmagazin, in dem ein Reporter an einem blutbespritzten Bushäuschen stand und wie ein Moritatensänger deklamierte: »Nieeeeedergestreckt mit drei Schüüüüssen wuuurde er, weil er immer wieeeeeder nach den Buszeiten fraaaaagte…. Vieeeele von Ihnen werden das versteeeehen!«
»Sei nicht sauer«, sagte ich. »Ich weiß, ich hätte mich melden sollen…«
Michelle zog einen Flunsch und schaltete weiter auf TV Azteca, wo ein dickleibiger Polizist – laut Bildleiste »Der Wachtmeister der Woche« – einem Journalisten berichtete: »Der Kerl schlug wie wild auf dieses Großmütterchen ein! Ich hab’ gesehen, dass er unbewaffnet war – wissen Sie, ich hab’ für so was nämlich ’nen Blick! –, also bin ich von hinten an ihn ran und hab’ ihn einfach festgenommen! – »Und wie haben Sie sich dabei gefühlt?«, fragte der Interviewer. »Ich hab’ mich r i ch t i g gut gefühlt!«, sagte der Wachtmeister.
»Meine Süße!«, sagte ich, robbte an Michelle heran und streichelte ihre Ohrmuschel. »Mach bitte-bitte den Fernseher aus und küss mich!«
Michelle schaltete aus und sah mich mit schmalen, prüfenden Augen an. Für einen Moment war es still, und man hörte lediglich das Zirpen der Grillen und das Rascheln der frischen Wäsche im Hof, an der sich bereits die ersten Schmutzpartikel absetzten. Michelle beugte sich vor, nahm mein Kinn und züngelte blitzschnell über meinen Mund.
»Machst du’s mir heute besonders zärtlich?«, fragte ich.
»Meine leichteste Übung…«, flüsterte Michelle, schlüpfte mit der Hand in meine Hose und streichelte meine Eier.
»U u u a a a r r r r g g g g h h h !«, schrie ich auf.
»Was ist denn los, mein Schatz?«, rief Michelle und zog panisch ihre Hand zurück.
»Nichts«, sagte ich, »alles OK… Ich musste nur nochmals an diesen Hoden denken.«
Rezension I Buchbestellung I home IV08 LYRIKwelt © Eichborn Verlag