Herbert J. Wimmer

1011 drehtexte

KÜHLZACKS PROTO-MEMOIREN -
SELBSTAUSLÖSER IM SPIEGELSTADION

eins
du in spucke
ausgespuckt
ichkern im kernich
duentstiegen
duentschlüpft
duentschlapft
duentborgt
sich dich / dich sich entborgt haben
in dichtsicht die sichtdichte
schichtsicht der sichtschichten
rausgeschleudert
rausgehoben
rausgehobelt
rausgehoppelt
rausgerubbelt
rau(s)geformelt
formal in form
im spucken du

zwei
das double erscheint auf dem bildschirm. kein erschrecken, es ist auszuhalten. so bin ich, wenn ich gesehen werde. das double empfindet keinen schrecken. wir lächeln einander zu. das double verschwindet, ich bleibe vor dem bildschirm. er wird dunkel. mein spiegelbild bleibt dunkel. es lächelt. ich spanne die muskeln in meinem gesicht. mein rücken fühlt sich warm an. schreckliches, das ich wie immer erwarte, tritt nicht ein. die hintergründe bleiben ruhig. mein spiegelbild schaut mir in die augen. ich schaue meinem spiegelbild in die augen. bin ich jetzt komplett? wer geht mir verloren, wenn ich mich abwende? bedenkenlos spiele ich mit mir. nichts spielt sich hinter unserem rücken ab. hinter unserem rücken? der bildschirm wird wieder hell. kein spiegelbild, kein double. zur idendifikation einladende rollenmodelle erweitern mich ablenkend.

drei
MARIA L. im bildschirm erzählt mir etwas, von dem sie glaubt, dass es mich interessiert.
da wurde bereits vor jahrzehnten, berichtete DER SPIEGEL, ein wirkstoff gegen MALARIA entwickelt, ein letztes mittel gegen resistente erreger.
nun stellt sich heraus, dass möglicherweise eine von hundert personen, die das medikament LARIAM vorsorglich schlucken, einen starken realitätsverlust erleidet. sie fällt in einen psychotischen zustand, in dem sie entweder sich selbst umbringt oder in einem amokausbruch andere menschen tötet. aufgefallen ist diese mögliche nebenwirkung vor allem bei soldaten im tropeneinsatz, weshalb die armeeführung eine untersuchung eingeleitet hat.
jetzt aber lanciert die army laufend meldungen, dass ein ursächlicher zusammenhang zwischen der malariaprophylaxe und den selbstmordschüben nicht nachweisbar sei. gleichzeitig weiss man aber, dass dieselbe army vom verkauf des medikaments profitiert, weil sie seinerzeit die entwicklung des wirkstoffs für ihre dschungelkämpfer in auftrag gegeben hatte. die ständig fliessenden einnahmen aus den lizenzgebühren sind keine quantité nègligeable.
der produzierende pharmakonzern lässt die annahme publizieren, dass die selbstmordrate nach einnahme des wirkstoffs mefloquinhydrochlorid im rahmen des statistischen grundrauschens liege.
dabei ist vor einigen jahren bereits eine unabhängige studie zu dem schluss gekommen, dass etwa jeder hundertfünzigste konsument mit schweren psychischen nebenwirkungen rechnen muss, die innerhalb von zweieinhalb wochen nach einnahme auftreten können. die gesundheitsbehörden der betroffenen staaten gehen unterschiedlich vor - berichet das nachrichtenmagazin. in einigen ist es pflicht geworden, dass die hersteller vor den gefahren warnen: bei angst, unruhe und verwirrtheit solle man LARIAM schleunigst absetzen, weil diese anzeichen als vorläufer für schwere ereignisse betrachtet werden können.  andere zulassungsstellen verzichten auf eine warnung im beipacktext.
ich suche im programmheft nach einem wiederholungstermin, nehme mir vor, die information im wiederholungsfalle 
abzuspeichern.

vier
ich bin mein alien, kommt mir ein gedanke. der satz passt nur dann zur spiegelung meiner gestalt in der schaufensterscheibe, wenn die evidenz ihn zurückschlägt. ping pong. je näher ich mich anschaue, um so weniger fremd schaue ich zurück. erschreckend unfremd, immer tief stösst mein blick ins immer bekanntere, immer vertrautere, immer weniger leugbar heimische.
das bin ich, ein alien, mir zutiefst unentfremdet.
passanten blinzeln vorbei. es ist immer das gleiche mit mir, wiederhole ich einen satz aus der kindheit, spiegle ich mich in einen satz kindheit ein.

fünf
der spiegel als schnittstelle des feedbacks: teilen wir uns (in) einen namen oder vereinigen wir uns in einem namen, bin ich in einem namen vereinigt oder teile ich uns (oder wir einander) einen namen mit?

sechs
wir wünschen uns ein lokal, sagt in einem bildschirm gegenüber ein mann zu einem mann, wo wir in abwesenheit geborgen sind, eine leere spiegeldisco. unsere augen schweifen in den vielfältigsten spiegelungen des widerspiegelnden und wir kommen uns niemals dazwischen, kreuzen nicht unseren blick, hören uns nicht, keine schritte widerhallen, kein atemgeräusch zischt uns hinein in die szene.
und dennoch fühlen wir mit allen sinnen, jetzt erst recht, der mann gegenüber lacht leise, als was wir worin existieren, wie was in uns vorhanden ist.

sieben
auf der herrentoilette höre ich im waschraum ein selbstgespräch. beim händewaschen wünscht sich jemand laut einen schneiderspiegel, der bis zum fussboden reicht. mein spiegelbild geht nur mich etwas an, mein spiegelbild ist eine tür, die nur für mich geöffnet ist. mein leben lang wartet sie darauf, dass ich hindurchgehe. ein leben lang warte ich darauf, dass ich hindurchgehe, dass die offene tür durch mich hindurchgeht. mein spiegelbild ist tür und türhüter zugleich. ich bin der türhüter. ich bin die tür. ich sehe mich hindurchgehen. mein spiegelbild geht mich an. geht nur mich an. die tür bleibt offen und ist zugleich geschlossen. mein spiegelbild bleibt mir offen. die tür zum waschraum wird aufgestossen. das selbstgespräch ist beendet.

acht
wieder eine spiegelung, wieder versuche ich davon zu erzählen, was mir widerfahren beim sich wiederfinden vor dem spiegel, beim sich beobachten in der widerspiegelung. etwas neues war in der schon gewohnten irritation sichtbar geworden, eine überraschende asymmetrie in der spiegelverkehrung: zeit war in das geschlossene beobachtungsverhältnis eingebrochen, hatte die blick- und widerblick-beziehung unumkehrbar aufgebrochen.
vielleicht kann ich diese spiegelgeschichte so erzählen: ich hatte mich bewegt und mein spiegelbild hatte die bewegung nicht gespiegelt beziehungsweise nicht gleich gespiegelt - wie in einem der beliebten spiegelsketches etwa der marx-brothers aus der ersten filmhälfte des zwanzigsten jahrhunderts.
die bewegung nicht gleich gespiegelt: nicht sofort, und nicht dieselbe bewegung - oder nicht dieselbe bewegung.
die geschichte sollte auch die beobachtung enthalten, dass das spiegelbild erst nach einiger zeit - einigen nano- oder millisekunden, jedenfalls spürbar in der ausdehnung - sichtbar wurde. oder das spiegelbild blieb noch einige zeitbruchteile lang unverändert sichtbar, obwohl ich meine position vor dem spiegel schon verlassen hatte.
auch könnte ich davon erzählen, dass ich in meinem spiegelbild eine zunehmende unschärfe feststellen konnte, feststellen musste, das spiegelbild war gröber als gewohnt, entfernter und näher, eine zoom-oszillation oder eine zunehmende rastervergröberung oder eine zwischen sparsamkeit und überfluss wechselnde pixelstruktur bestimmte zunehmend meinen spiegelbildcharakter.
um anschaulichkeit würgend, könnte ich davon erzählen, dass ich die unterschiedlichkeit der ereignisse vor dem spiegel und im spiegelbild als hinweis auf die unterschiedlichkeit von vergangenheit und zukunft verstehen will. allerdings weiss ich nicht, könnte ich erzählend eingestehen, ob mein bild von bild und spiegelbild tatsächlich eine zutreffende oder wenigstens brauchbare veranschaulichung von materie- und antimaterie-vorgängen auf der ebene kollidierender teilchen sein kann. selten aber doch entstünden bekanntlich bei der kollision von protonen und antiprotonen teilchen, sogenannte kaonen, die sich in ihre spiegelteilchen, die antikaonen, umwandeln. bei der umgekehrten reaktion lassen sich allerdings häufigkeitsunterschiede beobachten.
jetzt ist natürlich die frage, ob bild und spiegelbild miteinander kollidieren können wie bild- und anti-bild-teilchen, und falls ja - ob dabei wiederum in seltenen fällen sowas wie elementarpixelchen entstünden, die sich in ihre elementar-anti-pixelchen umwandeln, während ein metaspiegel (ein quantenspiegel) zeigt, dass sich die auftretenden (beziehungsweise eintretenden) elementar-anti-pixelchen mit anderer häufigkeit in elementarpixelchen verwandeln. wenn sich jedoch in einer reaktion (spiegelreaktion?) materie nicht in symmetrischer häufigkeit mit antimaterie (spiegelmaterie nicht mit widerspiegel-materie?) vertauschen lässt, dann lässt sich nach einem naturgesetz auch die zeitrichtung nicht umkehren.
habe ich davon erzählen wollen? habe ich erzählen wollen oder habe ich etwas (in mir), von dem zu sprechen zwangsläufig ein erzählen ist?
habe ich erzählen wollen, dass ich und meine umgebung (ich in meiner umgebung) vor dem spiegel bei den gewohnheitsmässigen umwandlungskollisionen meiner materie und antimaterie eine ungleiche häufigkeit  beim spiegelnden umwandeln von antimaterie in materie irgendwie gekneisst habe?
wo und wie ereignete sich vergangenheit, zukunft? 
vor dem spiegel die vergangenheit, im spiegel die zukunft?
vor dem spiegel die unterscheidbarkeit von zukunft und vergangenheit, im spiegel die ununterscheidbarkeit von zukunft und vergangenheit?
oder eher so: vor dem spiegel die unterscheidbarkeit von vergangenheit und zukunft, im spiegel eine unterschiedliche unterscheidbarkeit von zukunft und vergangenheit?
kann ich mir mit dem spiegelbild etwas erklären?
war es vielleicht so, dass die spiegelmetafern beziehungsweise der metafernspiegel (kollisionen von metafer und anti-metafer, anti-metafern-metafer) zwar anschaulich sind aber unzutreffend?
muss ich nicht auch vom gedächtnis erzählen, während ich aus dem gedächtnis erzähle?
was ich beobachtet hatte, irgendwie überrissen hatte, das hatte mir mein gedächtnis konstruiert: erst der vergleich der kollisonsversuche über mehrere jahre hinweg konnte ja in meiner erinnerung die unterschiedliche häufigkeit der umwandlungsreaktionen auswerfen.
während ich mich erinnerte, vor dem spiegel, konnte ich kein aufblitzen der erinnerung in den gespiegelten augen wahrnehmen. oder umgekehrt: 
während in den gespiegelten augen erinnerung aufblitzte, hatte ich vor dem spiegel stehend nicht den eindruck, soeben etwas erinnert zu haben. 
die unterschiedlichen häufigkeiten meiner anwesenheit vor und im spiegel, wie hatte ich sie nur in meiner erinnerung behalten können, als behalten konstruieren können?
kann es keine wiederholung sein, weil ich mich erinnere?
entsteht DIE GEGENWART aus der kollision von vergangenheit und zukunft? ist das nicht wiederum zu anschaulich? entsteht DIE GEGENWART aus der kollision von vergangenheit und anti-vergangenheit kollidierend mit  der kollision von zukunft und anti-zukunft?
ist die gegenwart der augenblick der kollision, in dem alles entsteht weil sie alles löscht, weder neu noch alt ist, während alt und neu entstehen, immer jetzt, immer ein big bang, jeden augenblick?
werde ich noch oft versuchen, von dieser spiegelgeschichte zu erzählen, anti-zu-erzählen?
wird daraus meine erzählung von den und aus den grundgesetzen der psychologischen (quanten-)physik, der physikalischen (quanten-)psychologie?
psycho-quanten? bewusstsein und anti-bewusstsein? im spiegelzustand, im unumkehrbaren umwandlungsaugenblick?
saug den blick, sagte ich zu mir, hörte ich mich sprechen. das wenigstens könnte ich erzählen.

neun
zeit für eine pessoa-krise: das ausbleiben der beunruhigung beunruhigt mich. ich stelle mir mexer vor, wie er mich als sein heteronym anspricht, als eines seiner andersnamenwesen, und wie ich ihm lächelnd antworte: mich werden sie sicher nicht gedacht haben wollen. 
dann werde ich hartnäckig am stillstand des vormittags weiterarbeiten, bis mich mein gegenüber in plötzlicher ungeduld aus dem feld der spiegelungen hinaustreiben würde, hinausschlagen wie eine figur: ich kann sie mir nicht mehr denken, kühlzack! sie sind draussen.
zum schatten geworden - wiederverschattet - würde mich das draussen, das als schatten die vorstellung durchdringt, in die kühlzackparzellen meines bewusstseins zurücksaugen?
ich schaue mir beim schneiden der fingernägel der rechten hand zu; wie schwierig es ist, manikürlich mit links zu arbeiten.
mexer verabscheut wahrnehmungen, die ihn in meine körperpflege einbeziehen. seine sorge der selbstverstümmelung, seine sorgen als selbstverstümmelung.
mexer spiegelt weg.

zehn
aus den lautsprechern knistert ein sendeausfall. die tagesdunkle bar wirkt leer, wohlstrukturierte schatten beruhigen mein auge. kaum eine reflexion im spiegel, ein nichts an reflexion, das aber getreulich gespiegelt wird, vom unhellen ins finstere.
wirkt verlassen, kaue ich wieder. wirkt wirkend. das wirkende wirkende. wirk-ende. verlässlich verlassen wirkend, milde säuerlich. mein gehirn läuft untertourig, subassoziativ. kaum eine auswirkung ins gestalthafte. 
ein aufgegebener ort: a ban done: niemand rein, niemand raus.
einige schatten weiter verwächst  der stammgast mit der so geringfügig beschäftigten wie bemittelten thekenkraft, die mit dem besitzer des ortes verwirkt ist. das trübe licht des lokals wirkt in meine augen, wirkt sich ein, schwach genug, um keinen aufbruch auszulösen. 
im verlassenen wirkend, wiederkäue ich. verwirke ich, was ich sehe, dass nicht geschieht. im spiegel keine bewegung. 
die spiegelneuronen, frisch entdeckt wie sie sind, können jeden augenblick losfeuern. sie feuern jeden augenblick, in jedem augenblick, feuern los, feuern mich los, aus jedem augenblick.
ich baue mich ein in das, was ich sehe, baue mich auf als das, was ich sehe: die vermehrung des wiedergekäuten vermehrt das wiederzukäuende. 
warme haut rieb an meiner haut, die frau war zurück. kurze ärmel, nackte unterarme. sommer. ein newsflash, gesprochen von einer mary lamb, hatte die sendepause beendet. NEWSFLESH wäre auch nicht schlecht, assoziierte die frau. dein fleisch, dachte ich mir, hat einen namen, und was will ich mir damit sagen? ist er mir einverleibt, wird er sich mir einverleiben? bedachte ich den namen der frau. bedachte mich die frau?
die wärme der oberflächen und die sehnsuchtsdifferenz danach, das sehnsuchtsgefälle. hatte mary lamb - so gut wie wir alle - sehnsucht nach hemmungslosem sex mit einem gut gebauten fremden (well assembled) an einem einsamen strand vor bizarren felsformationen - oder so ähnlich.
mein NEWSFLESH ereignet sich: hatte L. MARIA sich namen für die dellen an ihren oberschenkeln ausgedacht? hatte sie sich nach einer entwürdigenden pediküre ins lokal gefläzt? war sie noch immer auf der suche nach einer frisur, die zu  ihr passte?
der SOFTNEWSFLASH versickert in der dunkelheit. als folge der beobachtung, dass etwas nicht weitergeht, könnte ich wiederkäuen, dass ein anfang abgebrochen wurde. kein grund zur traurigkeit, die örtliche dunkelheit des heissen tages geht ins glimmen des abends über. musikschwamm reibt über die haut, rieselakkorde der verwirkungen.

elf
dir werd ich mich geben, du strukturbanause, beschimpfte ich mich eines tages als kühlzack aus dem spiegel heraus. wie konnte es weitergehen? ich musste wohl vor dem spiegel stehen, schon wieder zurückgefunden haben ins gewohnte erscheinungsbild, nach den auflösungsträumen der nacht, den traumauflösungen. zurück zum unentschieden zwischen kühlzack und kühlzack, ein festgesaugtes erwachen in der gewohnten palindromstruktur.
bleib mir am leibe, hoffe ich auf eine gewisse unablöslichkeit meines erscheinungsbildes. wenn die natur sich schon mal entschieden hat, will ich nicht der permanenten versuchung nachgeben und ins offensichtlich unentscheidbare zurückfallen. 
vorausschauen? ins wahrnehmungslose? was für ein gedanke, lobte ich mich damals ins ausdruckslose gesicht.
bald werde ich mich aus dem palindrom des gespiegelten badezimmers wegstrukturieren müssen. wenn das nur gutgeht.

zwölf
das puzzle der empirie, empirisches puzzlen.
ich bin gar nicht unglücklich, hatte ich doch wieder jemand gesehen, der partiell so grosse ähnlichkeiten mit mir aufwies, dass ich an eine gelungene abspaltung von mir, an eine erfreuliche erweiterung meiner existenzblase denken konnte. eine art zu gehen, den rechten fuss zu setzen, der braune schuh, das aus dem grün ins bräunliche changierende hosenbein aus cordsamt, ein dunkelrot gerauteter sockenblick der blicksocke - der offensichtliche tourist war mir aus dem blick gegangen: ein freikopiertes puzzlestück aus dem kühlzack-reservoir, als das ich mich verstehe.
immer wenn ich jemand sehe, wie ich mich sehe, wie ich mich in den spiegelungen der tage und nächte gesehen habe, empfinde ich erleichterung, sofort. der direkte blick ins statistische lässt die druckempfindung der einkörperperson schwinden.
stets mustere ich die ähnlichen, die mir entgegenkommen, entgegensehen aus allen medien, mit erleichterung sehe ich sie leben leben, die nicht mehr mit mir zu tun haben als meine guten wünsche mitzunehmen in ihre leben, die absichtslos auch zu leben in den konjunktiv-phasen des puzzles mir die beschwingte ahnung verantwortungsfreier allumfassender kühlzack-reichweite gibt.
das eigene sample, das anfangs so gestalt-fest gebildet schien und das ich erst im laufe der jahre in seinen veränderlichkeiten, seinen zu- und abnahmen als selbst beobachten gelernt hatte, dieses eigene sample in die welt hineinzusamplen, es vergnügt mich heute wie es mich gestern noch erschreckt hatte.
unverwandt, das bleibt wichtig, aber ein kühlzack-schnitt, eine kühlzack-schicht in den den datensätzen forschender empirie, zufallsgeartet in meiner / ihrer wahrnehmung, wahrnehmungsgetaktet in seiner / ihrer zufälligkeit.
so zufällig bin ich gar nicht fröhlich im vorgang meiner selbstrandomisierung am selbstrand in meinem rand-dom, am leben gehalten im trandom von der auswertung aller meiner werte, nur ein bisschen korrelationsverspannt …

dreizehn
ins offene reflektieren, wie sich mir der nachtrest wegzuträumen beginnt:
nicht den shanghai-split singen, nicht im spiegelkabinett enden, in der gefangenschaft der unaufhörlichen zersplitterung des unaufhörlich widerspiegelnden, sondern sich ins offene spiegeln, querspiegeln, hinausprallen, und das bild mitnehmen, unauslöschlich eingespiegelt ins erinnerte bewusstsein, ins erinnerte spiegeldickicht, querflektieren, transflektieren, was das bildzeugs hält.
immer wieder versuchen sich ins offene zu verspiegeln …
haben gespiegelt? kommuniziert sich LADY MARY L. spiegelunlustig mit ihrer LARIAM-packung in den abflauenden frühstückstraum.
entspiegelt könnte sich eine komm-union ergeben.

vierzehn
kühlzack in grantiger verharrung.
ich zerfalle mir nicht unter den augen. mein versprochen unrettbares ich geht mir noch immer nicht verloren. bleibe ich ebenso dauerhaft wie unrettbar, ebenso unrettbar wie dauerhaft? die spiegelung bleibt undurchsichtig.

fünfzehn
ein lauf im spiegel-stadion.

sechzehn
ich stehe im festen rahmen meiner widerspiegelung, nichts drückt mich, nichts reibt an mir, wenn ich ruhig stehen bleibe. noch vervielfältigen mich in meinen wahrnehmungs-achsen keine unschärfen, keine fokusprobleme geben mich als lineamente wieder.
der vorsatz des augenblicks: mich besser synchronisieren in die flows of change.
ich schiebe mich zuürck in den fucking passantenstrom, setze die informelle nonshopping-tour fort. ich will auf dem laufenden sein, was ich alles nicht kaufen will.
kaufe ich mir ab, wie ich mich sehe? wer kauft wem ab, was wer wie gesehen hat?

siebzehn
der schauende wird zur funktion seine spiegelbildes.
noch eine spiegelgeschichte? 
bildet die wirklichkeit mich ab? bin ich die mimesis meiner widerspiegelung? bin ich in der enge der mimesis gefangen?
der schauende wird zur funktion seines schauens: er verteilt sich über den ganzen schauraum, die schau klebt am schauen wie die beiden seiten einer transparenz. der schauende bildet schauen und schauraum nach, wird schauend als schauraum nachgebildet.
dan grahams zweiweg-spiegelräume. im öffentlichen spiegelt sich das private, im privaten spiegelt sich das öffentliche, im herausspiegeln spiegelt sich das hineingespiegelte, im hineinspiegeln spiegelt sich das herausgespiegelte.
im nachbild der spiegelung, in den nachbildern.
nachspiegelungen, spiegelnachbilder, nachbildnacht.
der schauende wird zur funktion (schau).
ich schaue auf mich.

achtzehn
interaktive spiegelung, kühlzacks patent.
wenn sie nach dem aufstehen an den spiegel des badezimmers treten und die augen öffnen, sehen sie ihr programmiertes spiegelbild. koordiniert mit den bewegungen ihres körpers, sie aufnehmend und umrechnend, zeigt ihnen der interaktive spiegel beispielsweise das gesicht und den körper eines cary grant oder sonst einer eingespeicherten figur. ein en passant aufgenommener passant etwa, von dessen bewegungen oder mienenspiel ein gewisser identitäts-appeal ausgeht, oder eine person, deren erscheinungsbild in einem printmedium den wunsch nach einscannen und patent-spiegeln auslöst.
die möglichkeiten sind grenzenlos, wie kühlzack, der vertreter von MIRAGE MIRRORS nicht müde wird zu wiederholen, sie können sich als jeder und jede spiegeln, heute sind sie madonna, morgen björk oder johnny depp, mary lamb und übermorgen ihr nachbar. unser produkt ist sehr familienfreundlich, das eingebaute wahrnehmungsmodul erkennt zur zeit bis zu elf verschiedene nutzer und kann auf deren wünsche reagieren. sie steuern das mirror-programm einfach von ihrem pc oder laptop aus, und - sie können so viele spiegel in ihrer wohnung anbringen, wie sie wollen.
es ist auch möglich, dass sie über internet die spiegel in ihren arbeitsräumen ins programm einbeziehen. was zur zeit noch nicht geht - aber wir arbeiten daran - ist die ausstattung von hotels und öffentlichen räumen mit unseren MIRAGE MIRRORS voranzutreiben. ausserdem hoffen wir, dass wir schon in einigen quartalen ihnen sender anbieten können, die ihren persönlichen code permanent abstrahlen und so auf jedem öffentlichen spiegelbildschirm ihr aktuelles erscheinungsbild abrufen können.
das wird ihren bewegungsspielraum, ihre bewegungspiegelräume, lachte kühlzack, wieder mal sehr erweitern. sie müssen sich nur von allen nichtaktiven spiegelnden flächen über die wir - noch - keine kontrolle haben, warhnehmungsmässig fern halten. sie wissen schon: schaufenster, sonnenbrillen, wasserflächen, etc.
ich habe bereits kein gefühl mehr für meinen unverarbeiteten, unverrechneten anblick, ein fremder huscht im augenblick des wegschauens in den abblick hinein, und mit ihm verbinde ich ein merkwürdiges verlustgefühl, das langsamer verschwindet als die reflektierte gestalt.
auf jeden fall sollten sie aber eine datei mit bildern von sich anlegen, die sie immer wieder auf den neuesten stand bringen, für den fall von identitätskrisen, unsere spiegel können auch als album funktionieren, die ihnen jedes beliebige lebensalter zeigen, sie in jedem gewünschten alter sich zum anblick bringen können. 
wenn ihr ausgangsbild interaktiv ist, erscheint in der rechten oberen ecke der widerspiegelung das identitäts-symbol, ein icon in form einer stilisierten narzisse, das sie natürlich löschen können, falls es sie irritiert. beachten sie bitte die ironie-freudigkeit unserer softwerkler, sie wird von der überwältigenden mehrheit unserer kunden sehr sehr gelobt. nachhaltige ironie gehört zu den vielen diensten, die unsere firma mit grossem engagement leistet.
für alle fälle haben wir unsere MIRAGE MIRRORS mit einem just-now-button ausgestattet, der in echtzeit wiedergibt, was die aufnahmechips wahrnehmen, wenn sie in ihre reichweite geraten. 
obwohl ich persönlich ihnen davon abraten würde, kühlzack lächelt, die reine spiegelungsfunktion mit ihrem matten realismus wird sie nicht mehr befriedigen. 
und noch etwas - davor muss ich sie aus juristischen gründen warnen: als seltene nebenwirkung des exzessiven gebrauchs der interaktiven spiegel kann eine unstillbare sehnsucht nach unverrechneter wirklichkeit auftreten. das ist aber bisher nur ganz selten vorgekommen, praktisch nur einer oder eine von zig-millionen nutzerinnen und nutzern entwickelt so ein suchtverhalten. 
ich wäre dann gewissermassen realitätsvernarrt? frage ich. ja, besser gesagt reality-addicted, wie es die experten in der literatur zum sogenannten untherapierbarkeits-syndrom beschreiben, antwortet kühlzack. 
wie gesagt, das ist bislang erst ein- oder zweimal aufgetreten, es gibt keinen grund zur sorge, die verwendung unseres MIRAGE-MIRROR-systems ist praktisch unbedenklich.
russell crowe, ich klicke den namen aus dem spiegel und streiche mir übers unrasierte kinn. spielerisch klicke ich im geschlechts-fenster auf weiblich, und schon ist mein schwanz verschwunden, ein dicht behaartes delta verbirgt noch, was ich gleich sehen werde. das spiel mit der feineinstellung der geschlechtsmerkmale fasziniert mich jedes mal aufs neue. russella crowe, wie sie leibt und lebt, die brüste wachsen und schrumpfen, das becken verbreitert sich und wird wieder schmäler, die beine werden länger, werden kürzer, schamlippen blühen auf und verschwinden, die grossen pratzen werden zu zartgliedrigen händen und wieder zu knochigen  roten fremdwerkzeugen, die über die heller und dunkler werdende haut streichen. die leuchtenden augen wechseln ihre farben, ihren ausdruck. liebe, verachtung, klugheit, stupidität, langeweile und höchstes interesse, ich blicke mich an, durch mich hindurch und wieder zurück, sachlich, neutral, mit einem leichten hauch hündischer zustimmung.
keine lust verspüre ich heute auf den gebrauch des arcimboldo-updates, die zusammensetzung meiner spiegelung aus allen möglichen anblicken des alltags, pflanzen, tieren, technischen geräten, bildern und sonstigen charakteristischen zeichenansammlungen. auch die mythologielastigen ovid-discs werde ich nicht so bald wieder einsetzen, mit denen ich in gestalt einzelner tiere und pflanzen das spiegelnde verwandlungsspiel treiben kann. der anblick als katze dora in der gestalt meines körpers hatte mich so gefangen genommen, dass mich nur die automatische wochenabschaltung aus der anwendung befreien konnte.
mit einem druck auf das entspiegelungssymbol lasse ich kühlzack in meiner matter werdenden oberfläche verschwinden.

neunzehn
das double des doubles ist auch nur ein double. alle möglichen doubles bilden die einheit doubles/doublierte(r).
den werde ich aus seiner andacht saugen, verspürt mexer (wie ihn kühlzack sich vorstellt) (wie mexer sich vorstellt, dass kühlzack ihn sich vorstellt) (wie ich mir vorstelle, dass die mexer-vorstellungen und die kühlzackvorstellungen ineinander laufen, ineinander sulzen) den impuls sich zwischen einem katatonischen passanten (tonus, lass los! fixiert in einer tonus-fiktion) beziehungsweise eben-nicht-passanten und die auslagenscheibe zu schieben. 
kegel scheiben, den kegel umscheiben, schiebt ihm das gedächtnis nach. die schiebescheibe. die scheibe schieben. die schiebe scheiben. die scheibtruhe kollidiert mit dem schubkarren: einen schub karren. in der schiebelehre ist eine schublehre enthalten. entgegen aller scheiblehre lässt sich der kegel nicht umscheiben, er steht wie festgefroren. 
der passant klebt an seinem anblick, in seinem anblick. mexer macht einen schritt, macht einen schnitt. der passant verfällt in bewegung.
ich sollte nicht so in meiner sprache kleben, schiebt sich mexer kurz in einen selbstkritischen selbstgesprächszustand.
ich bin, was ich bin, weil ich auch anders hätte sein können, alles was ich bin, kann ich auch anders sein, ich kann mich verändern und gestalten, nichts bodenloses umgibt mich, nichts bodenloses ist in mir, ich bewege mich, ich schöpfe, was ich bin, selektiv von identität zu identität, von festigkeit zu festigkeit.
entgegenmurmelnden freisprechenden mobilkommunizierern fällt der mit sich sprechende kühlzacksche mexer nicht auf. wenigstens einmal muss ich den begriff mantra-fahrer bewusst anwenden, verspreche ich mir, ehe ich durch das konstrukt mantra-fahrer (einen mantra-fahrer machen, autopoetisch) aus dem selbstgespräch switche/geswitcht werde.

zwanzig
exit du-loses duell-duett
mein alter spiegelkamerad, wir werden es wohl nie zum du bringen, nicht einmal der anschein eines durchscheinens wird uns enteinen. allmählich bitte ich ums aufhören.
im gelingenden akt der abwendung vom spiegelkameraden öffnet sich uns die intersubjektive welt, werden wir aufgeschlossen. wir treten aus dem ausschnitt des spiegelnden.
das du erfahren und die erfahrung machen, zum du geworden zu sein. zum du werden. es gut aushalten.
nexit.

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