André Wiesler

Freundschaft

Er konnte später nicht mehr sagen, wann genau es passiert war. Es mochte geschehen sein, als er sich das Bein gebrochen hatte und Ablahim es schiente, oder als sich der Schnee sacht auf die Spitzen der flachen Hügel legte und der Winter Einzug hielt. Er war so kalt, daß sie sich aneinanderschmiegen mußten, um nicht zu erfrieren. Wann es passiert war, wußte er nicht mehr, aber irgendwann in diesen vergangenen Monaten waren sie Freunde geworden.
Natürlich waren sie nicht so befreundet, wie es andere Leute waren. Immer noch hatte Ablahim seine Pistole stets griffbereit und immer noch fesselte er ihn jeden Abend. Doch irgendwann hatte er die Seile weniger stramm gezogen und den Knebel weggelassen.
Spätestens da hatten sie begonnen, miteinander zu reden. Natürlich sprach keiner die Sprache des anderen, aber beide verstanden etwas Englisch, und so ging es.
Zuerst sprachen sie über Alltäglichkeiten, über das Essen, die Kälte. Dann gerieten sie über die Politik in Streit, und Ablahim benutzte den Knebel wieder. Doch nach einiger Zeit wurden ihre Gespräche immer persönlicher. Erst schilderten sie sich ihre Heimat, seine eigenen, kühlen Flächen des Nordens und die heißen Ebenen des Südens, in denen Ablahim aufgewachsen war. Dann sprachen sie über ihre Familien, über ihre Mütter, ihre Frauen, ihre Kinder. Und zuletzt, da sprachen sie wieder über Politik. Es war Ablahim, der damit begann. Er berichtete vom Tod seines Vaters, erschlagen von den Soldaten der Besatzer wegen einer Parole an der Wand. Er sprach von den Schüssen auf friedliche Demonstranten und der Gefangennahme harmloser Arbeiter. Doch er schwieg sich aus über das Schicksal seiner kleinen Schwester, und das sagte mehr als tausend Worte.
Auf diese Weise entschuldigte sich der dunkelhäutige Mann bei ihm dafür, daß er ihn seit über einem Jahr in dieser kleinen, schäbigen Holzhütte gefangen hielt. Und er verzieh ihm.
Es war ihm klar, daß Ablahims Weg nicht der Richtige sein konnte. Es konnte nicht richtig sein, ein Flugzeug zu kapern. Es konnte nicht richtig sein, Menschenleben zu opfern, um Gefangene freizupressen. Es konnte nicht richtig sein, unschuldige Menschen für Terroristen einzutauschen. Das war nicht der richtige Weg. Aber war es nicht der einzige?

Sie spielten häufig Schach. Da sie kein Brett hatten, kratzten sie Linien in den lehmigen Boden. Die Figuren hatte Ablahim aus weißem und dunklem Holz geschnitzt, so krude, daß man kaum erkennen konnte, welches Stück Holz welche Figur sein sollte. Mittlerweile jedoch, nach Monaten des Spiels, kannten beide Männer sie so gut, daß es ihnen schien, als könnten sie die Gesichter der Bauern sich im Schmerz verziehen sehen, wann immer sie geschlagen wurden.
Manchmal, wenn der Wind im Inneren der Männer kälter war, als der, der durch die Ritzen der Hütte zog, lastete das Gefühl schwer auf ihnen, daß sie stellvertretend für ihre Länder stritten. Hatten sie am Anfang noch mit stiller Inbrunst Zug um Zug gemacht, so verharrten sie nun, wann immer das unheimliche Gefühl sie packte - und räumten hastig die Figuren weg. "Wir müssen schlafen!" sagte dann Ablahim, oder er selber verlangte laut nach Essen.
Eines Tages hörte er wieder das Funkgerät knacken. Ablahim eilte zu dem kleinen, grauen Blechkasten und raunzte in das Mikrofon. Die Antwort konnte er nicht verstehen, aber Ablahims Züge verhärteten sich. Als er das Funkgerät ausschaltete, schien er den Tränen nahe.
"Die Regierung hat unsere Forderungen abgelehnt!"
Er nickte traurig.
"Das heißt, ich muß dich töten!"
"Ich weiß", antwortete er ruhig.
"Wenn ich es nicht tue, erschießen sie mich!"
Und wieder: "Ich weiß."
"Ich will dich nicht töten!"
"Und ich nicht sterben - aber es ist ein Ende, daß wir beide kannten."
Ablahim nickte. Dann trat er durch den schiefen Türrahmen hindurch und die klapperige Tür schlug hinter ihm auf das Holz. Am Boden stand noch immer das begonnene Spiel, Ablahim hatte Schach geboten.
Der Wind fegte winzige Flocken durch die Räume zwischen den Holzbrettern und legte sie sanft auf dem rotbraunen Boden ab. Sie schmolzen sofort. Ihr zweiter Winter - er würde ihn nicht erleben. Er machte sich daran, die Figuren eine nach der anderen in das grobe Tuch einzuschlagen, in dem sie immer ruhten. Mit den Weißen war er bald fertig, blieben die Schwarzen.
Da hörte er den Schuß. Erschrocken ruckte sein Kopf hoch, er begriff zuerst nicht, was er da gehört hatte. Dann sprang er auf, stürmte zur Tür. Seine Füße fegten die Figuren zur Seite. Er sprang förmlich nach draußen, die Tür schlug hart gegen die Hauswand. Eine der Angeln brach kreischend, dann war Stille.
Da lag Ablahim, ein Loch in seinem Kopf, Blut floß heraus. Er war tot. In der einen, kraftlosen Hand hielt er seine Pistole. In der anderen sein Kreuz.

Auf dem lehmigen Schachbrett taumelte der Bauer, stehend als letzte der Figuren.
Dann fiel auch er.

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