Joe Speedboat. Keine Zeit für Helden von Tommy Wieringa, 2006, Hanser

Tommy Wieringa

Joe Speedboat
(Leseprobe aus: Joe Speedboat.Keine Zeit für Helden, Roman, 2006, Hanser - Übertragung Bettina Bach).

Es ist ein warmer Frühling, rühling, in der Klasse beten sie für

mich, weil ich schon über zweihundert Tage weg vom

Fenster bin. Ich hab’ am ganzen Körper wund gelegene Stellen

und einen Kondomkatheter um mein Ding. Ich befinde

mich im Wachkoma, erklärt der Arzt meinen Eltern: Ich

nehme meine Umgebung wieder in beschränktem Maße

wahr. Es ist eine gute Nachricht, sagt er, dass ich wieder auf

Schmerz- und akustische Reize reagiere. Auf Schmerz reagieren

ist eindeutig ein Zeichen von Leben.

Sie hängen ewig um mein Bett herum, Paps, Mam, Dirk

und Sam. Ich höre sie schon, wenn sie aus dem Fahrstuhl

kommen – ein Schwarm Stare, der den Himmel verdüstert.

Sie riechen nach Öl und billigem Tabak und haben es gerade

mal geschafft, ihren Overall auszuziehen. Hermans & Söhne,

Abbrucharbeiten aller Art. Die Familie Alles-Schrott.

Wir verschrotten Autowracks, Fabrikanlagen, Werkzeugmaschinen

und ab und zu eine Kneipeneinrichtung, wenn

mein Bruder Dirk mal wieder rot sieht. In Lomark lassen sie

Dirk fast nirgends mehr rein, in Westerveld schon noch. Da

hat er was mit einem Mädchen, und wenn er nach Hause

kommt, riecht er nach künstlichem Veilchenduft. Mit so ’ner

Tussi kann man doch nur Mitleid haben.

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