Ertrinken
Als die Flut sich zurückzog,
vor unserer Haustür kehrtmachte,
machte sie den Gedanken Platz.
Was hätte ich mitgenommen
aus meinem Leben,
hätte ich es verlassen müssen?
..... Fotografien...
mit nacktem Popo auf dem Eisbärfell,
Chanel-gekleidet vor dem Standesamt,
strohbehütet und überbelichtet am
Canal Grande?
Die goldgerahmten Urgroßeltern,
streng gesichtig und voll Contenance,
oder die Ahnfrau in üppiger
Crinoline....
meine Großmutter wusste,
was das Leben ihr wert war.
Bei nächtlichen Gewittern zog sie sich an,
Kleid, Schuhe, Hut und Mantel,
holte den Koffer unter dem Bett hervor
und wartete auf das Ende.
Sie war ein praktischer Mensch,
Papiere, Wertpapiere, Schmuck,
Banknoten und ein Stück Kernseife.
Es war ihr Überlebenskoffer,
kriegserprobt
in so mancher Bombennacht.....
.... ein Jugendstilglas meiner Großeltern,
einen Silberlöffel meiner Mutter
und den Ring meines Vaters,
oder das kleine filigrane Ahornblatt,
das mein Mann mir aus Canada
mitbrachte,
als wir noch miteinander
"gingen"....
er nahm sein Lieblingsspielzeug mit,
damals, als er, fünf Jahre alt,
an der Hand seiner Mutter sich
der unendlichen Flut
der Flüchtenden anschloss:
ein Schuko-Auto, heißgeliebt,
das er im Kornfeld verlor,
als er um sein Leben lief,
das Gewehrfeuer der Russen im Rücken....
.... mein Lieblingsgedicht von den "Stufen",
den sich immer wandelnden Lebensräumen
und -träumen?
mein Lieblingsbild, den
Jahreszeitenbaum,
vom ständigen Wachsen und Vergehen?
mein Lieblingsbuch "Jauche und
Levkojen"
von Verwurzelung, Hoffnung und
Flucht?
mein Lieblingslied von "so
kleinen Füßen",
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