Wie Pappeln im Wind von Rudy Wiebe, 2004, Eichborn

Rudy Wiebe

Eins
(aus: Wie Pappeln im Wind, Roman, 2004, Eichborn)

Mein Leben so wie es war (1)

Ich habe lange gelebt. So lange, daß ich Tage brauche, mich an Teile zu erinnern und andere mir überhaupt nicht mehr einfallen, ohne daß ich Wochen lang immer ein bißchen darüber nachdenke und der kleine Johann oder die Friedl mich fragen, "Urgroßmuttche, was ist das in Kanada so kalt, daß der Boden hart wird?" Dann muß ich aufpassen, daß ich nichts erfinde, weil sie mir so gerne zuhören. Was ich berichte, weiß ich allein durch Gottes Gnade. Ich habe kein Tagebuch von meinem Eeben und hatte nur die Schule, die in den Dörfern der Mennoniten üblich war, vier oder fünf Jahre lang, zwischen Herbst und Frühling, wenn die Feldarbeit wieder begann. Und die Schule war sehr gut damals in Manitoba, aber im Vergleich zu heute war das nichts. Auch nicht zu hier. Der Herr aber ging mit mir viele tiefe Wege und hat mich ein wenig von der Welt sehen lassen, im Norden und im Süden. Wer mit offenen Augen durchs Leben geht und wen Er bei klarem Denken erhält, der sieht manchmal so viel mehr, als er von dieser Welt und ihren Wegen erfahren möchte. Und wenn nicht, dann darf er Ihm auch dafür danken.

In dem Winter, als ich geboren wurde, kam der Wind im späten Oktober und hörte nicht mehr auf zu blasen bis zum 23. April. Ich kam am 22. April 1883 zur Welt. Mein Vater, Isaak J. Friesen, aus der Linie des Jakob Friesen aus Gnadenfeld bei Karatow in Südrußland, 1879 allein nach Manitoba gekommen, hat immer gesagt, daß der Wind bei meinem ersten Schrei wußte, daß es jetzt Zeit war, sdrluss zu machen. Unser Haus aus Soden war halb unter dem Boden und zugeweht, sagte er, wie eine Baschkirenbude in der Steppe und rings herum die Prärie kahl bis auf die Knochen der Buffalos. Neuboden, das Dorf, wo ich geboren bin, war erst in diesem Sommer vermessen und in Parzellen aufgeteilt worden, aber noch niemand hatte etwas gepflügt, außer für die Soden. Die elf Sodenhäuser waren alles, was den Schnee in Kanada festhielt. Ohne sie hätte es ihn einfach irgendwohin in die Staaten geweht. Wenigstens unsere Dächer waren im Frühling schon naß und kotig, sagte er, wenn auch nicht unsere Felder.

Als ich sechs Jahre alt war, zur Erntezeit, stellte meine Mutter Garben auf. Um die Mittagszeit kam ein Arbeiter vorbei, den mein Vater mietete. Kurz vor dem Abend, als ich meiner Mutter Wasser zu trinken brachte mit dem Eimer, zog über dem Ende des Feldes, wo sie beide arbeiteten, eine Gewitterwolke auf und ein Blitzschlag traf den Arbeiter, und er war auch gleich tot. Mein Vater spannte die Pferde vom Binder vor den Wagen und sie legten den Mann darauf und fuhren ihn zu seiner Familie. Er war nur noch eben von Deutschland gekommen. Er hieß Schwenkel und hatte drei kleine Kinder, kleiner als ich. Ich erinnere mich noch, er hatte ein breites Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, der zu beiden Seiten wegstand.

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