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Herr Adamson
(Leseprobe aus:
Herr Adamson, Roman, 2009,
Diogenes).
Gestern bin ich vierundneunzig Jahre alt geworden.
Wir feierten, wie wir das immer an Geburtstagen
tun. Susanne hatte einen Schokoladenkuchen
gebacken, eine bäuerische Variante der Sachertorte,
deren Rezept meine Mutter von ihrer Großmutter
geerbt und das zwei Kriege und die Weltwirtschaftskrise
überstanden hat. Noëmi, unsere Tochter,
die alle Geburtstage liebt, nur ihren eigenen
nicht, versuchte wie jedes Jahr, möglichst viele Kerzen
in den Kuchen zu stecken. Diesmal hatte sie
es geschah, etwa fünfzig (sie kaufte das winzig -
kleinste Kaliber) auf den rund hundert Quadratzentimetern
des Kuchens zu verteilen. Die Schokolade war kaum mehr
zu sehen und wohl tatsächlich von den Kerzen verdrängt worden.
Die übrigen vierundvierzig standen in konzentrischen Kreisen
um den Kuchen herum. Noëmi sah zufrieden auf
ihr Werk und sagte: »Hundert darfst du aber nicht
werden, Papa. Mehr Kerzen schaff ich nicht.«
– Es war gar nicht so einfach, sie anzuzünden. Da
brannte eine nahe dem Zentrum nicht, als längst
alle Kerzen der Peripherie loderten, und dort,
während Noëmi mit den letzten bescha∫igt war,
gingen die ersten schon wieder aus. Noëmi verbrannte
sich jedenfalls ein paar Mal die Finger.
Aber dann leuchteten endlich alle gemeinsam. Es
sah wie ein nordisches Sonnenwendfeiersymbol
aus, oder wie ein magisches Kultobjekt der Maya.
Wir riefen Ah! und Oh!, und dann bliesen wir die
Kerzen aus. Ich so ungefähr keine, Susanne zwei
oder drei, Noëmi rund zwanzig, und Anni, meine
auch längst erwach sene Enkelin, den Rest. Das
heißt, ihre zwei Buben halfen ihr dabei, bliesen
tüchtig mit auf geblasenen Backen über das Feuer
hinweg. Der Rauch, als der Brand gelöscht war,
füllte das ganze Zimmer. Ich hustete, Susanne rieb
sich die tränenden Augen, Noëmi riss alle Fens ter
auf, Anni lachte, und die beiden Buben kreischten.
Wir strahlten uns alle glücklich an. Jeder kriegte ein
Stück Kuchen mit einem Dutzend Kerzen darauf,
deren Stearin in die Schokolade gelaufen war. Wir
kauten. Ich packte die Geschenke aus: ein miniaturkleines
Boot, einen Nachen, in dessen Heck ein
schwarzer Fährmann mit einem Ruder in den Händen
stand (von Susanne). Ein Lebkuchenherz, auf
dem »Gute Reise« stand (Noëmi). Ein Brot, das
wunderbar duftete, und eine Flasche Wein (Anni).
Die beiden Buben –sie sind Zwillinge und haben
irgendwelche Namen der modernen Art, aber wir
sagen alle Bembo und Bimbo zu ihnen –hatten mir
eine Zeichnung gemacht, auf der ein Mann (er trug
meine Attribute, einen Schnauz nämlich und wirre
Haare um einen Glatzkopf herum) dem Horizont
entgegenging, über dem eine rote Sonne leuchtete.
Ich umarmte die drei Frauen, dem Alter nach, und
die beiden Buben. Diese riefen, sich aus meiner
Umarmung befreiend, wie bei jedem Besuch: »Ur-
Opa, kommst du spielen?« Und ich ging, wie jedes
Mal, mit ihnen spielen. Fast immer spielen wir
Räuber und Gendarm – das taten wir auch diesmal
–, weil Bembo und Bimbo begnadete Gendarmen
mit Donnerstimmen sind, und ich bin ein
guter Dieb, denn ich laufe heute noch, wie Carl
Lewis damals, die hundert Meter in zehn Komma
null. Minuten halt, nicht Sekunden.
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