Als hätten wir alle Zeit der Welt von, 2008, Krüger Lucie Whitehouse

Lucie Whitehouse

Als hätten wir alle Zeit der Welt
(Leseprobe aus: Als hätten wir alle Zeit der Welt, Roman, Kapitel 1, 2008, Krüger - Übertragung Maria Andreas).

Noch heute erinnere ich mich so genau an den ersten Anblick
des Hauses, als liefe in mir ein Video ab.
Danny, Martha und ich fuhren zusammen aus London aufs
Land hinaus; unser kollektiver Wille hielt meine altersschwache
Ente davon ab, liegen zu bleiben, wie sie es in letzter Zeit immer
öfter tat. Die kalte Nachtluft zog durch die undichten Fenster
herein, als ich die Karre zu einem Tempo antrieb, das sie mir spürbar
übel nahm. Während wir an jenem Abend die Stadt verließen,
wälzte sich dichter Verkehr stadteinwärts und wir fühlten uns ein
bisschen wie Abenteurer – wir schwammen gegen den Strom.
Lucas’ Wegbeschreibung war leicht zu folgen, bis wir von der
Autobahn abfuhren. Dann verirrten wir uns bald im Labyrinth
der schmalen Landsträßchen, die das südliche Oxfordshire
durchziehen. Eigentlich war ich ganz froh darüber; ich wollte innerlich
bereit sein, Lucas zu sehen, und die Meilen waren mir zu
schnell vorbeigeflogen. In der halben Stunde, in der wir immer
dieselben dunklen Straßen abfuhren, hatte ich Zeit zum Nachdenken.
Schließlich blieb ich im Dorf, das wir eine ganze Weile
umkreist hatten, am Straßenrand stehen.
Danny beugte sich zwischen den Sitzen nach vorn. »Das Kaff
hier ist wie das Ende der Welt.«
Er hatte recht. Sogar für ein Dorf machte Stoneborough nichts
her. Die fünf, sechs Cottages, die sich aneinanderdrängten, wirkten
wie unbewohnt; nur aus einem kam etwas Licht: Hinter einer
Tüllgardine im Obergeschoss flimmerte bläulich ein Fernseher.
Im Dorf gab es einen Teich, dessen Ufer von gefrorenem Schilf8
rohr starrten, und eine Wiese, kaum mehr als ein Fleck steifes,
weißes Gras. Niemand war darübergelaufen, seit der Raureif
gefallen war.
»Wir können nicht nochmal im Kreis fahren«, sagte ich. »Wir
müssen fragen.«
»Können wir Lucas nicht einfach anrufen?«, fragte Martha.
»Ich hab keinen Empfang.«
Auf der anderen Straßenseite stand ein Pub, der White Swan,
ein gedrungener Steinbau mit einem Dach wie ein zu großer
Hut. Die oberen Fenster schielten verschlagen unter der Dachtraufe
hervor.
»Vielleicht will das Haus nicht gefunden werden«, sagte Martha.
Sie öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Ihr über den Knien
eng anliegendes Cocktailkleid hinderte sie daran, wie sonst große
Schritte zu machen; sie stöckelte durchs Scheinwerferlicht und
trat ins Pub.
Nachdem ich den Motor abgestellt hatte, beugte sich Danny
wieder zu mir nach vorn. »Ich hoffe stark, es ist nicht mehr
weit. Es ist schon neun vorbei und ich brauch unbedingt einen
Drink.« Er hatte ganz eindeutig eine Whiskyfahne.
»Du hast die ganze Fahrt immer wieder aus dem Flachmann
getrunken. Ich hab dich im Rückspiegel beobachtet.« Ich drehte
mich um und sah ihn an. Die Kutscherlampe des Pubs warf
scharfe Schatten auf sein Gesicht. Er sah aus wie ein Kobold.
»Wir haben Silvester, Joanna.«
»Zünd mir doch eine Zigarette an, ja?«, bat ich ihn. »Meine
sind im Kofferraum.« Er wühlte zwischen den Zeitungen auf
dem Rücksitz herum und fand seine Schachtel. Das Streichholz
flammte auf und erlosch. »Danke.«
»Deine Hände zittern.«
»Echt?« Ich streckte eine Hand aus und musterte meine Finger
im Licht des Armaturenbretts. »Vielleicht ist es die Vorstellung
von diesem großartigen Herrenhaus. Solche Kästen schüchtern
eine englische Lehrerstochter ganz schön ein, weißt du.« Ich
zuckte mit den Achseln und kurbelte das Fenster herunter, um
den Rauch hinauszublasen. Bei Danny hatte ich die Taktik entwickelt,
meine Schwächen lieber gleich zuzugeben, als ihm das
Vergnügen zu verschaffen, sie selbst bloßzulegen.
»Das gefällt mir an dir: Du bist immer so ehrlich, was deine
bescheidene Herkunft angeht.« Er lehnte sich zurück und fi ng
an, auf seinem Handy alte SMS durchzuklicken.
»Ganz schön aufregend für mich, endlich mal Zutritt zu den
oberen Herrschaftsetagen zu bekommen!«
Martha kam aus dem Pub, die schwere Holztür fi el laut hinter
ihr zu. »Da lang, etwa noch eine Meile. Ich glaube, wir sind
mindestens dreimal daran vorbeigefahren. Es gibt anscheinend
kein Hinweisschild, nur einen Weg, der nach links in den Wald
abgeht.« Sie zog sich ihre rote Kunstpelzjacke enger um die
Schultern. »Brr, ist das kalt da draußen.«
»Ich dachte, ihr New Yorker wärt an harte Winter gewöhnt«,
sagte Danny.
Wir ließen das Dorf hinter uns. Ich lebte nun schon so lange
in London, dass ich vergessen hatte, wie dunkel es auf dem Land
wird. Hecken fl itzten vorbei, nur von unseren Scheinwerfern beleuchtet,
und fi elen hinter uns wieder ins Dunkel zurück. Im Unterholz
sahen wir mehrere kleine Augenpaare. Nach etwa einer
Meile bremste ich ab und suchte genauer nach der Abzweigung.
Wir kamen in einen Wald. Riesige Bäume wölbten sich über der
Straße zu Tunnelskeletten, die kahlen, ineinander verflochtenen
Äste wankten unheimlich hin und her. Ein paar Minuten fuhr
ich langsam auf dem Randstreifen entlang.
»Da«, sagte Martha. »Das muss es sein.« Ich bog auf einen
unbefestigten Weg ab. Ich hatte erwartet, das Haus schon vom
Ende der Zufahrt aus zu sehen, und hielt nach Lichtern Ausschau,
doch da war nichts als das dichte Gewirr nackter Zweige,
die sich vor uns öffneten und hinter uns schlossen wie ein engmaschiges
Netz. Mir fi elen jene Märchenwälder ein, wo die Bäume
rasend schnell zu wuchern beginnen und alle erwürgen, die
so dumm sind, sich dort hineinzuwagen. Doch hier gab es keine
Anzeichen frischer Triebe. Alles um uns war abgestorben oder
im Tiefschlaf, im winterlichen Trauergewand. Wir verstummten
wie unter dem Bann der Äste, die sich drohend vor uns erhoben
und dann wieder zur Seite wichen. Meine Ente musste sich auf
dem Weg schwer abmühen, fast eine weitere Meile lang rumpelten
und holperten wir über Schlaglöcher, bis sich nach einer
Linksbiegung plötzlich eine kreisförmige Kiesauffahrt auftat.
Ich schaltete den Motor aus. Da, vor uns, lag das Haus. Stoneborough
Manor in den Cotswolds, dieser Steinklotz – anders
konnte man das Ding nicht nennen –, den Lucas, mein bester
Freund, vor kurzem geerbt hatte.
Dreigeschossig ragte er in die Nacht, als wollte er ihr die
Stirn bieten. Die sieben Fenster im ersten und im zweiten Stock
warfen auf ihren schwarzen Flächen die schmale Mondsichel zurück,
doch aus sämtlichen Fenstern des Erdgeschosses fi el Licht
auf die beiden kleinen Rasenvierecke vor der Fassade. Eiben
säumten den langen Weg zum Eingangsportal, das auf zwei glatten,
runden Säulen ruhte. Mir wurde beklommen zumute. Lucas
hatte mir das Haus ziemlich genau beschrieben, trotzdem versetzte
mir die Wirklichkeit einen Schock. Das konnte doch nicht
ohne Einfluss auf unser Verhältnis bleiben, oder?
Wir luden unser Gepäck aus dem Kofferraum, und ich schloss
den Wagen ab, auch wenn kaum anzunehmen war, dass ihn jemand
so weit abseits aller Zivilisation aufbrechen würde. Auf
dem Weg zum Haus hielt ich mich an Dannys Arm fest; die
großen Steinplatten waren durch den Frost rutschig geworden,
und meine High Heels, in die ich gerade geschlüpft war, hatten
nicht besonders griffi ge Sohlen. Martha drückte auf die Klingel,
ihr Echo setzte sich ins Haus hinein fort wie ein Flüstern. Etwa
eine Minute lang blieb alles still, dann erschien hinter den Buntglasscheiben
in der Tür eine Gestalt. Und plötzlich war er da,
von hinten beleuchtet, mit einem Grinsen im Gesicht. Ich sah
sofort, dass er abgenommen hatte.
»Lucas, das Haus ist unglaublich«, sagte ich und machte einen
Schritt auf ihn zu. Er legte die Arme um mich und drückte mich
fest an sich. Der raue Kragen seines Smokings rieb an meiner
Wange.
»Hallo«, sagte er dicht an meinem Ohr.
Er ließ mich los, umarmte Martha und schlug dann Danny
auf den Arm. »Na, Kumpel. Kommt rein. Habt ihr gut hergefunden?«
»Nach ein paar Anstrengungen«, sagte Danny. »Wahnsinn,
das Haus ist ja phantastisch. Und du hast so ein Geheimnis draus
gemacht. Warum bin ich nicht schon früher hier gewesen?«
»Nun ja, schließlich hat es Patrick gehört. Leute hat er nur in
London eingeladen. Hier lebte er ganz zurückgezogen, nur die
Familie kam hierher.«
Wir stellten unser Gepäck bei der Tür ab und standen in der
Eingangshalle, dem Herzstück des Gebäudes. Sie wurde nur von
zwei großen Tischlampen auf einer Holztruhe erhellt, die ihre
Lichtkreise auf die schwarz-weißen Bodenfliesen warfen. Ringsum
am Rand standen etliche Säulen mit Marmorbüsten, eine davon
hatte unsere Collegekrawatte um den Hals geknotet. Über
uns wand sich das Treppenhaus in einer Spirale nach oben wie
das Innere eines Schneckenhauses, von Windung zu Windung
dunkler. Die Wände warfen unsere Stimmen als kühles Echo
zurück, das sich nach oben fortpflanzte, bis es vom Baukörper
verschluckt wurde. Es roch kräftig nach altmodischer Möbelpolitur.
»Jetzt, wo alle da sind, gibt’s den Champagner.« Lucas öffnete
eine Tür, die in einen riesigen Salon führte. Hier war es spürbar
wärmer. Ein weißer Marmorkamin beherrschte den Raum,
der Stein war mit einem Muster aus Eichenblättern und Eicheln
verziert, auf dem Rost brannte mit lodernden Flammen ein
Feuer. Vor den drei Fenstern hingen Brokatvorhänge, die von
der Decke bis zum Boden reichten; ihr verblichenes Rubinrot
und Grün harmonierten mit der Efeubordüre des Teppichs, der
abgetreten war, aber darum umso edler wirkte. Auch in diesem
Raum kam das Licht nur von einzelnen, auf niedrigen Tischen
im Raum verteilten Lampen, dazu von zwei dicken Kirchenkerzen
auf dem Kaminsims. Vor dem Kamin standen zwei tief burgunderrote
Ledersofas, die den Eindruck erweckten, als stünden
sie hier, seit das Haus erbaut worden war. Sie gehörten so sehr
zu diesem Salon, dass ich mir vorstellte, sie wären aus Samen
im Teppich hervorgewachsen. Auf einem der Sofas saßen Rachel
und ein Mann, den ich nicht kannte. Sie standen auf und Danny
tänzelte hinüber, nahm Rachel in die Arme und wirbelte sie wild
im Kreis herum.
»Hör auf«, lachte sie. »Lass mich runter, Danny. Du ruinierst
mir das Kleid.«
Er setzte sie auf den Teppich ab und trat zurück, um sie zu begutachten.
Sie trug ein silbernes, schlicht geschnittenes Kleid aus
einem Stoff, der aussah wie Knitterfolie und an der Schulter und
am Saum absichtlich eingerissen war. Als hätte sie sich gerade
mit einer anderen wilden Schönen auf dem Laufsteg gebalgt.
»Hübsch.« Danny nickte zustimmend und schob die Unterlippe
vor.
Sie drehte sich zu dem Mann um und lächelte ihn an. »Greg,
das sind Danny, der Unvergleichliche, Joanna und Martha.«
»Ah, der neue Freund«, sagte Danny.
»Gott, bist du ein Rüpel.« Sie gab ihm mit dem Handrücken
einen Klaps. »Und so neu ist er auch nicht mehr. Wir sind jetzt
schon drei Monate zusammen.«
»Schön, euch kennenzulernen.« Greg streckte eine große
Hand aus, und ich schüttelte sie. Sein Händedruck war kräftig
und trocken. Ich war als Teenager quälend schüchtern gewesen
und hatte mich inzwischen von diesem Manko weitgehend befreien
können, doch immer noch traf ich ab und zu auf einen
Menschen, bei dem die alte Schüchternheit wieder aufflammte.
Dieser Mann gehörte dazu, das war mir gleich klar. Rachels
Freunde sahen immer gut aus, Greg hatte kurze braune Haare
und warme braune Augen mit langen Wimpern. Er gehörte auch
zu den Männern, die sich öfter als einmal am Tag rasieren müssen,
wenn sie gepflegt aussehen wollen; der Schatten auf seiner
Kinnpartie und seine Bräune gaben ihm etwas leicht Ausschweifendes.
Aber das war nicht der Grund. Er schien zwar nur drei,
vier Jahre älter zu sein als wir, doch er hatte etwas undefinierbar
Erwachsenes an sich. Als ich ihn anlächelte, spürte ich seinen
Blick auf mir, als wollte er mich durchleuchten. Rasch sah ich zu
Boden, um nicht unbewusst etwas von mir preiszugeben.
»Wo ist Michael?«, fragte Martha. »Wollte er nicht auch kommen?«
Lucas stand vor dem hochglanzpolierten Tisch, wo er die
Champagnergläser aufbaute; er drehte sich zu ihr um. »Er hat
sich eine Weile oben hingelegt. Ich glaube, er hat die Nacht
durchgearbeitet.«
»Lieber Himmel, wie kann man sich so was antun?« Martha
ging zum Kaminsims hinüber, um sich die gerahmten Fotos dort
anzusehen. Sie nahm eines in die Hand und betrachtete es eingehend.
»Was kann zwischen Weihnachten und Neujahr schon so
dringend sein, dass er abends nicht nach Hause gehen kann?«
»Da geht’s um eine große Sache. Feindliche Übernahme, was
ich so rausgehört habe. Er sah fi x und fertig aus.«
Auf mich wirkte Lucas selber fi x und fertig. Er hatte nicht nur
abgenommen, sondern war auch sehr blass. Seine Haare waren
noch so schwarz und lockig wie früher, hatten aber ihren blauen
Schimmer verloren und mussten dringend geschnitten werden.
Die Champagnerflasche gab ein dumpfes, tieftrauriges Plopp
von sich, als er den Korken herauszog. Er reichte die Gläser
herum und ließ sich dann neben mir auf dem Ledersofa nieder.
Dann zündete er sich eine Zigarette an, wobei er den Kopf auf
die für ihn typische, in sich gekehrte Art zur Seite neigte. Ich
fand die Geste merkwürdig beruhigend, etwas Vertrautes in
einer fremden Umgebung. »Und wie geht’s dir so?«, fragte er.
»Tut gut, dich zu sehen.«

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