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Der Prüfstein
(Leseprobe
aus: The Touchstone/Der
Prüfstein, Novelle, 1900/2004, Dörlemann - Übertragung
Manfred
Allié)
I
Im Namen von Professor Joslin, der, wie unsere geneigte Leserschaft wissen
wird, mit der Abfassung von Mrs. Aubyns Biographie betraut ist, bitten wir alle
Freunde der großen Schriftstellerin, die noch Informationen zu ihrem Leben vor
der Zeit in England beisteuern können, um Mithilfe. Mrs. Aubyn hatte so wenige
enge Freunde und folglich ist die Korrespondenz so schmal, daß jeder Brief von
größtem Interesse wäre. Professor Joslins Adresse lautet
Augusta Gardens 10, Kensington, und er bittet uns zu versichern, daß er alle
ihm anvertrauten Dokumente umgehend zurückerstatten wird.
Glennard ließ den Spectator sinken und blickte ins Feuer. Der Club füllte
sich allmählich, aber noch hatte er das kleine Hinterzimmer für sich, die
Aussicht auf die im Dunkel versinkende regenglänzende Fifth Avenue. All das war
öde und trübsinnig genug, aber noch wenige Augenblicke zuvor hatte er, so
absurd das war, etwas wie Empörung gespürt bei dem Gedanken, daß er selbst
das ungeliebte Privileg, sich in diesen vier Wänden zu langweilen, noch würde
aufgeben müssen. Nicht daß ihm der Club besonders am Herzen gelegen hätte,
doch nun war ihm der Gedanke, daß er darauf verzichten sollte, gerade weil er
so kleinlich, ja lächerlich war, ein Symbol seines unaufhaltsamen Niedergangs;
immer weiter schraubte er seine Ansprüche zurück, bis ihm am Ende nichts
weiter bleiben würde als die schiere Mühsal des Überlebens. Dies Gefühl der
Vergeblichkeit, die Summe all seiner Rückschläge und Entbehrungen, machte jede
stoischere Haltung unmöglich; er wußte, daß, auch wenn er sich noch so sehr mühte,
alles Überflüssige abzustreifen, das eine, wonach er strebte, auch weiterhin
unerreichbar fern am Horizont stehen würde. Es war leicht, etwas aufzugeben,
wenn man damit die Mittel zur Ehe mit der geliebten Frau gewann; aber anders war
es, wenn man diesem Ziel damit um keinen einzigen Schritt näherkam.
Durch die offene Tür sah er den jungen Hollingsworth, wie er sich, nur wenig
erquickt von einem Brandy mit Soda, gähnend erhob und seine nichtsnutzige
Gestalt ans Fenster schleppte. Glennard folgte seinen Bewegungen mit verächtlichen
Blicken. Das paßte zu Hollingsworth, daß er just in dem Moment ans Fenster
ging, in dem es zu dunkel geworden war, um etwas zu sehen! Ein Mann, der reich
genug war, alles zu tun, was ihm Freude machte – hätte er die Fähigkeit
besessen, Freude zu empfinden –, und doch von allem ausgeschlossen durch seine
eigene undurchdringliche Stumpfheit; und ein paar Schritt weiter Glennard, der
nur genug für eine anständige Jacke wollte und ein Dach über dem Kopf der
Frau, die er liebte – Glennard, der sich abgeplagt, geschuftet, der sich
selbst verleugnet hatte, nur um die eine winzige Chance zu bekommen, aus der er
in seinem Überschwang ein ganzes Königreich gemacht hätte, und der nun
zusammengesunken dasaß und grübelte, daß er, selbst wenn er seine
Mitgliedschaft im Club aufgab, wenn er auf die Zigarren und die Sonntagsausflüge
aufs Land verzichtete, so weit von dieser Chance entfernt war wie am ersten Tag.
Der Spectator war zu Boden geglitten, und als er ihn aufhob, fiel sein
Blick von neuem auf die an die Freunde von Mrs. Aubyn gerichteten Zeilen. Kaum
merklich hatte sich bei der ersten Lektüre seine Aufmerksamkeit geregt: ihr
Name war schon so lange allgegenwärtig, daß er ihn längst überlas, wie die
Menschenmenge an einem Denkmal vorüberhastet, ohne es eines Blickes zu würdigen.
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © Dörlemann