Francois
Weyergans
Drei Tage bei
meiner Mutter
(Leseprobe aus: Trois jours chez ma mère/Drei Tage bei
meiner Mutter, Roman, 2006, DuMont - Übertragung
Bernd Schwibs).
»Du machst aller Welt angst«, sagte mir Delphine
gestern abend als Schlußpunkt in einem Dialog, der giftig zu werden drohte. Zu
solchen Erklärungen, regelrechten Urteilssprüchen, treibt sie mein Verhalten
manchmal. In der Vergangenheit, noch der jüngsten, wurde mir Schlimmeres zuteil
von seiten jener, die ich »meine kleine Delphine« nenne, obwohl sie einen
Meter achtundsechzig mißt. Seit mehr als dreißig Jahren leben wir zusammen.
Delphine ist die Frau, die ich mir an meiner Seite vorstelle, über mein Bett
gebeugt, wenn ich eines Tages in einem Krankenhaus eher denn bei einem
Flugzeugunglück sterben muß – und bei einem Flugzeugunglück wäre sie
sicher auch an meiner Seite. Gestern abend war mir ein weniger hartes Urteil als
der Tod vergönnt, gewiß, ein Urteil allerdings, das alles andere als ein
Freispruch ist: Ich, François Weyergraf, der ich fünf Filme gedreht und zehn
Romane veröffentlicht habe, ich mache aller Welt angst.
Einen solchen Satz hätte ich zu der Zeit, als ich mir noch die Mühe machte,
Taschenkalender zu kaufen und sie auch zu benutzen, darin notiert, aber ich
treffe keine Verabredungen mehr und notiere nichts mehr. Warum diesen Satz
notieren? Er gehört nicht zu denjenigen, die man leicht vergißt.
Delphine hat nicht gesagt, daß ich ihr angst machte, sondern daß ich aller
Welt Angst machte. Was umfaßt dieses »alle Welt«? Waren damit unsere zwei Töchter
gemeint, zwei erwachsene Frauen, die in der Lage sind zu sehen, daß ihr Vater
in der Klemme steckt? Bestimmt. Und sicher auch meine Mutter und meine
Schwestern. Dabei sieht Delphine meine Familie gar nicht sehr häufig, ganz wie
ich, der ich mich schuldig fühle, meine Mutter nicht häufig genug zu sehen.
Fast jeden Tag sage ich mir, daß ich runterfahren und sie in jenem Haus in den
Alpes-de-Haute-Provence, wo sie alleine lebt, besuchen müßte, aber ich
entschließe mich nie dazu. Im Filmausschnitt auf dem Friedhof aus 8½, wenn der
Regisseur, den Mastroianni spielt, seinen Vater als Erscheinung sieht, stellt er
traurig fest, daß sie recht wenig miteinander gesprochen haben: »Papa, si
siamo parlati così poco!« Es könnte gut sein, daß ich meinerseits eines
Tages bedaure, mit meiner Mutter nicht etwa zu wenig gesprochen zu haben, schließlich
telefoniere ich fast jeden Abend mit ihr, wohl aber, sie zu wenig gesehen zu
haben, vor allem seit einigen Jahren. Meine liebe achtzigjährige Mutter ist da
radikaler als ich. Am Telefon hat sie die Lage zusammengefaßt: »Letztlich
werde ich dich in meinem Leben nicht sehr oft gesehen haben.«
Eine schöne Breitseite! Keine Ahnung, ob sie sich darüber im klaren war, aber
da ich schwieg, hat sie noch nachgelegt: »Das stimmt! Du bist sehr früh aus
dem Haus gegangen, du warst, was, siebzehn, achtzehn?« – »Neunzehn, Mama!«
– »Nun gut, das ist sehr früh, wenn man sieht, mit welchem Alter die
Jugendlichen heute noch bei ihren Eltern sind.« Bis Ende der neunziger Jahre
kam sie jedes Jahr mehrmals nach Paris und wohnte dann einige Tage bei mir und
einige Tage bei meiner Schwester Madeleine. Gewissermaßen sie kam, um mich zu
sehen. Heutzutage verreist sie kaum noch. Um nach Paris zu kommen, müßte sie
einen Facharzt konsultieren müssen, und davon findet sie auch in Marseille
hervorragende Vertreter. Doch sogar Marseille, keine hundert Kilometer von ihr
entfernt, erscheint ihr weit weg.
Auch einige unserer Freunde müssen Delphine ihre Besorgnis kundgetan haben. Ich
wette, sie wurde angerufen, während ich schlief (im allgemeinen wache ich Mitte
Nachmittag auf, manchmal später): »Wie steht’s um François? Man hört
nichts mehr von ihm. Als wir ihn zum letzten Mal gesehen haben, sah er nicht so
fit aus. Wir sind besorgt.« Als sie mir mitteilte, daß ich aller Welt angst
mache, wurde Delphines Stimme so tief wie das Piano in Beethovens Sturm oder wie
das Fagott in Vivaldis La Tempesta di Mare, kurzum, in der Luft lag Gewitter,
und es war alles andere als ein Sturm im Wasserglas. Mit einem Wasserglas hat
unser Leben nichts zu tun. Manchmal fällt es unter Orkan. Entgegengesetzte
Winde erzeugen Wirbel, habe ich ihr geantwortet und hinzugesetzt, daß das Kap
der Stürme besser bekannt sei als das Kap der Guten Hoffnung und daß diese
Beziehungen zwischen Hoffnung und Sturm weniger normal seien als der ewige
Konflikt zwischen Haß und Liebe. Ich sprach von der tempestas, die im
Lateinischen zugleich schönes und schlechtes Wetter anzeigte. Ich versuchte,
mich so gut ich konnte aus der Affäre zu ziehen, aber Delphine hatte richtig
gesehen. Nicht nur aller Welt mache ich angst, ich mache mir selbst angst.
Ich hätte es zugeben sollen statt, nicht locker lassend, vom Tenor in Purcells
The tempest zu reden, der die Winde herbeiruft. Ich erinnere mich nur dunkel an
diesen Sturm, Schauspielmusik für das Stück von Shakespeare. Wenn ich es lese,
schlüpfe ich in die Figur von Prospero, den alten Zauberer, der wie ich seine
Bibliothek allem anderen vorzieht. Seit wann habe ich keine Musik von Purcell
mehr gehört? Unsere beiden Töchter sind unter anderem mit Purcell im Ohr groß
geworden, beim Frühstück, gesungen von Klaus Nomi oder Alfred Deller. Alle
Langspielplatten ihrer Jugendzeit sind noch da, aufgereiht in Regalen, und von
Zeit zu Zeit äußern sie den Wunsch, sie wieder einmal zu hören. Sie sagen zu
mir: »Du hörst weniger Musik als früher.« Ihren Mienen nach offenbar ein
schlechtes Zeichen.
Ich habe Geld zum Schreiben von Büchern bekommen, von denen ich lediglich Anfänge
verfaßt habe. Ich publiziere nicht mehr. Ich habe keine Lust mehr dazu. »Mein
Gott! Eine sonderbare Ungelegenheit, ein Buch zutage zu bringen«, schrieb Molière.
In einem Buch über Racine erfuhr ich, daß ihm vorgeworfen wurde, reichlich
Honorar für das Verfassen der Geschichte Ludwigs XIV. eingestrichen und keine
einzige Zeile geschrieben zu haben. Die Stelle habe ich angestrichen. Tatsächlich
arbeitete Racine viel. Ich auch. Warum Delphine in dieses spinnerte Leben
hineinziehen, das im Begriff ist unseres zu werden – und warum läßt sie das
mit sich geschehen. Unlängst hat sie es prägnant auf den Punkt gebracht:
– Man führt ein Leben von Verrückten oder eher noch: wir sind Verrückte,
die leben.
Und dabei ist sie noch nicht einmal über alles im Bilde. Die nur an mich
adressierte Post verstecke ich vor ihr. Seit drei Monaten wage ich nicht, die
Wohnung zu verlassen, aus Angst, daß die Gerichtsvollzieher in meiner
Abwesenheit unerwartet auftauchen und sie es ist, die ihnen die Tür öffnet.
Sie würde aus allen Wolken fallen.
Lebte ich allein, dürfte ich ein unverbesserlicher Leichtfuß sein, der ich
meinem Eindruck nach gar nicht bin. Was für eine Art Vater bin ich wohl für Zoé
und Woglinde? Wenn ich beim Lesen die fürchterlichen Sachen unterstreiche, die
Psychoanalytiker über die Rolle des Vaters behaupten, dann bin ich mit ihnen
einverstanden, wenn ich an meinen eigenen denke, selbst wenn sie so weit gehen
und einem einreden wollen, der einzige etwas reale Vater sei das Spermatozoon,
aber ich sage mir: »Hoffentlich stoßen meine Töchter niemals drauf« und
verstecke diese Bücher. Liebe Zoé, ein Vorname, der im Griechischen schöpferisches
Leben, Zoépoietiki, heißt! Und du, Woglinde, die den Namen einer Rheintochter
trägt, Wächterin des Goldes ... Als ihr klein wart, habt ihr mich häufig
gebeten, euch zu erzählen, woher eure Vornamen stammen.
Ich würde meine Mutter öfter sehen, wenn es mir gelänge zu veröffentlichen.
Gewissensbisse, das ist nichts für mich. Ich kenne Reue, was nichts damit zu
tun hat. In jedem Gewissensbiß steckt so etwas wie »quälender Schmerz«, was
ich nicht empfinde. Reue ist weniger boshaft. Man widerruft seine Vergangenheit,
ohne sie zu bewerten. Gewissensbisse hindern einen, vorwärts zu gehen, und
mehrfach am Tag sage ich mir, die Hand zur Faust geballt wie ein Tennisspieler:
»Auf François! Geh nach vorne, wenn du da rauskommen willst!«
Eine ganze Literatur auf Hindi, Pali und Sanskrit hat nicht auf mich gewartet,
um seit Jahrhunderten zu versichern: das Gesetz des Lebens ist, nach vorne zu
gehen. Das Rad dreht sich. Wer vermag es anzuhalten? Delphine war nicht auf die
Hilfe eines Brahmanen angewiesen, um mit einem angedeuteten Lächeln in einem
Augenblick scheinbaren Ernstes festzustellen: »Unser Leben ist, unter welchem
Blickwinkel auch immer betrachtet, ganz schön ausgeflippt.«
Bald bin ich sechzig. Delphine auch. Hätten wir eines Abends in Wien bei Freud
gespeist, was hätte er wohl nach unserem Weggehen gesagt? »Beide haben starke
sadistische Neigungen«? Hätte er präzisiert: »Der Mann ist nicht ohne
eindeutige masochistische Wunschregungen«? Im Jahrhundert Ludwigs XIV., was wäre
da von uns gedacht worden? Höflinge hätten uns in den Gärten von Versailles
vorbeigehen sehen: »Schauen Sie sich diese in die Jahre gekommene Fürstin und
ihren überalterten Gatten an.« Als ich diesen Satz zum ersten Mal las, ging
ich in die Mittelstufe und wandte ihn auf meine Eltern an. Keine Ahnung mehr,
von wem er stammt.
Als mein Vater starb, war meine Mutter etwa so alt wie ich heute. Ihre
zahlreichen katholischen Freundinnen, devot wie bigott, waren genauso wie meine
Schwestern und ich davon überzeugt, daß sie allen mit dem Heiligenschein einer
Witwe nach dem Bilde Paulus’ vor Augen treten würde. Für meine Enkel wird
Paulus, Saint Paul, nur mehr der Name einer Pariser Metro-Station und der
Hauptstadt von Minnesota sein, wo sie hoffentlich nie hinkommen müssen und wo
Francis Scott Fitzgerald geboren wurde. Der Staat Minnesota ist weniger reizvoll
als die Côte d’Azur, Fitzgerald hätte mir da sicher nicht widersprochen,
auch wenn die Côte d’Azur seit langem schon nicht mehr das ist, was sie für
ihn war, ein Paradies nämlich, auch wenn ich noch immer finde, daß die Côte
d’Azur eine Art Paradies ist, wenn ich von der Terrasse des Hotels Les Roches
Blanches in Cassis aus das Cap Canaille betrachte oder wenn ich auf der
Stadtmauer von Antibes spazierengehe. An dem Tag, da meine Enkel die Bücher
Fitzgeralds in meiner Bibliothek entdecken, nach meinem Tod, werden sie sich
fragen, wie ich mich nur für diese allzu sentimentalen Geschichten
interessieren konnte, aber kommen wir auf Paulus zurück, eines der wenigen
menschlichen Wesen, dem höchstpersönlich zu erscheinen Christus sich die Mühe
gab, auch wenn er ihn für drei Tage blind werden ließ. Über das Heiraten und
das weitere Drumherum hat Paulus die deprimierendsten Ratschläge von sich
gegeben. Die Witwe ist frei, zu heiraten, wen sie will, vorausgesetzt, es
geschehe »in dem Herrn«, wobei er sich auch beeilt hinzuzusetzen, daß eine
Witwe seliger sei, wenn sie ledig bleibe. Paulus war einer dieser Sorte Mensch,
der sich über alles und jedes seine Gedanken machte, die Länge der Haare oder
wie man Fleisch essen soll. Zu den Sklaven sagte er: »Ihr Knechte, seid
gehorsam euren leiblichen Herren«, und wenn es nach ihm ging, sollten Frauen in
den öffentlichen Versammlungen schweigen.
Nach einigen Jahren der Witwenschaft im Geiste Paulus’ verliebte sich meine
Mutter in einen etwas jüngeren Mann als sie.
Sie verkündete es zunächst einer jeden ihrer fünf Töchter und dann mir,
ihrem einzigen Sohn, der es bereits von seinen Schwestern wußte. Schon immer
hatte Claire, meine älteste Schwester, gesagt: »Mama müßte wieder heiraten.«
Sah sie sie schon als Wiederverheiratete vor sich? Mir sind Eheschließungen ein
Greuel. Dieser Mann war, glücklicherweise für mich, verheiratet, eine
Situation, die für Paulus Anlaß gewesen wäre, loszuwettern. Er hatte vier
erwachsene Kinder, alle unter der Haube, und lebte mit seiner Frau zusammen,
einer sehr kranken Person, die einzuweihen nicht in Frage kam. Abends mußte er
irgendeinem Vorwand finden, um sich in einer Telefonzelle einzuschließen und
insgeheim meine Mutter anzurufen. Eines Tages, als sie vergeblich auf einen
Anruf von ihm wartete, gestand sie mir: »Verstehst du, ich wünsche seiner Frau
nichts Böses, sie leidet schon genug so, ich wünsche ihr nicht, daß sie
stirbt, aber dennoch, das würde ihre Leiden verkürzen.«
Er hieß Frédéric Trubert. Er war Besitzer einer von ihm geleiteten
Kartonfabrik. Er erfand Aquisitionsreisen, mal nach Südkorea, mal nach
Finnland, um meine Mutter in reizvolle Hotels am See von Annecy oder in die
Umgebung von Paris zu entführen. Wie machte er nur seiner Frau glauben, daß er
in Helsinki war, während er aus Saint-Germain-en-Laye telefonierte? Wie kam er
mit den Telefonnummern der Hotels klar? Handys gab es zu der Zeit noch nicht.
Ich hatte ein Foto von ihm gesehen, bevor ich wußte, welche Rolle er im Leben
meiner Mutter spielte: Er posierte am Rand eines Swimmingpools in einem Grand
Hotel, neben sich ein sehr schönes junges Mädchen von etwa fünfundzwanzig
Jahren. Ich hatte Augen nur für dieses Mädchen im Badeanzug auf dem Farbfoto.
Wer war sie? Meine Mutter nuschelte etwas von der besten Freundin einer meiner
Nichten. Nur zu gern hätte ich dieser Wassernixe den Hof gemacht, die noch
nicht ahnte, daß ihr Vater der Geliebte meiner Mutter werden würde. Mit der
Tochter des Geliebten seiner Mutter schlafen: das liegt auf welcher Stufe der
Richterskala des Inzests?
Frédéric war nicht nur einige Jahre jünger als meine Mutter, er glaubte auch
noch, sie sei jünger als er. Das amüsierte meine Mutter: »Ich belüge ihn
nicht. Er hat nie meinen Personalausweis gesehen. Glücklicherweise wird er in
den Hotels nie verlangt! Ich bin keine Lügnerin, es ist nicht meine Schuld,
wenn er glaubt, ich sei fünf Jahre jünger als er.« Alle waren sich darin
einig. Meiner Mutter merkte man ihr Alter nicht an.
»Das ist erst der zweite Mann in ihrem Leben, den sie kennenlernt«, sagten
meine Schwestern, die in ihrem Leben einige mehr gekannt hatten. Mir kommt eine
meiner Nichten in den Sinn, die mich einmal anrief und bat, ihr bei einem
Schulaufsatz zu helfen. Sie hatte abrupt unsere Unterhaltung beendet, indem sie
mich mit gleichgültiger Stimme, so als ob sie den Kauf eines Mikrowellenherds
ankündigte, aufklärte: »Gerade kommt Mama mit ihrem neuen Liebhaber, ich laß
sie allein, ich muß aufhängen.« Ich hatte nicht einmal Zeit zu fragen, wo
denn ihr Vater sei.
Meine Schwestern kommentierten das Liebesleben ihrer Mutter mit der liebevollen
Fürsorge von Startänzerinnen, die einer kleinen Ballettratte Ratschläge
erteilen. An dem Tag, an dem Mama uns Frédéric Trubert vorstellte, ging es für
ihn weder darum, Papiermasse in Skandinavien auszuhandeln, noch seinem
Verwaltungsrat die Stirn zu bieten, vielmehr hatte er sich dem Urteil des
gestrengen Areopagen auszusetzen, der aus uns, meinen Schwestern und mir,
bestand. Tage vorher hatten wir miteinander telefoniert: »Wir müssen diesen
Kerl sympathisch finden. Es gibt keine andere Möglichkeit.« Wie alle Familien
sind auch wir eine Risikofamilie. Von wo die nächste Entgleisung kommt, steht
nie fest. Wären wir nicht zusammen aufgewachsen, bestünde zwischen uns sicher
keine Familieninnigkeit. Wir wären uns schlicht nicht begegnet. Aber es gibt
nun einmal diese gemeinsame Kindheit, die uns an der Haut klebt, diese gelebte
Erfahrung, die, eher unauslöschbar als unsagbar, uns stets noch, je nach
Augenblick, zum Guten oder Bösen gereicht. Ich frage mich immer noch, ob meine
erste Liebe nicht meine älteste Schwester Claire war. Sie wäre nicht wenig überrascht
zu erfahren, daß ich manchmal ihren Vornamen stammelte statt den der Frau, mit
der ich gerade den Höhepunkt hatte. Sie muß nur Delphine fragen. Jedenfalls
bin ich im Umgang mit Vornamen wunderlich. Es kommt vor, daß mir, wenn ich den
Vornamen der Frau, die ich gerade streichle, murmeln will, die Vornamen anderer
Frauen, mit denen ich geschlafen habe, durch den Kopf gehen und ich mich
ernsthaft bemühen muß, nicht einen oder sogar mehrere dieser Vornamen zu flüstern
statt den, der sich gebieterisch anbietet. In solchen Augenblicken beruhige ich
mich, indem ich mir einrede, daß die an mich Gedrückte alle anderen ersetzt,
zusammenfaßt oder aufhebt – ein eher beklemmender denn tröstender Gedanke.
Zwei wahrgenommene Objekte haben stets etwas gemeinsam. So lautet das Gesetz der
Ähnlichkeit. Eine Silbe, manchmal ein einziger Vokal, genügt, damit ein
Vorname auftaucht, der denselben Vokal oder dieselbe Silbe enthält. Im Fall von
Claire und Delphine brauchte es seine Zeit, bis mir einfiel, daß ich Claire mit
dem Beinamen »Délice«, »Wonne«, belegt hatte, als ich klein war. Häufig
werden wir von Gesetzen beherrscht, um die wir nicht wissen, Gesetze, so
unerbittlich wie in der Grammatik, wo ein Wort von den anderen im Satz abhängt.
Wenn die subordinierenden Konjunktionen Konjunktionalsätze bestimmen, steht es
einem nicht frei, den Indikativ zu setzen. Auch mir steht es nicht frei, einen
Vornamen von den anderen zu trennen.
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