Lange Tage von Maike Wetzel, 2003, S. Fischer

Maike Wetzel

Zeugen
(Leseprobe aus: Lange Tage, Erzählungen, 2003, S. Fischer)

Zuletzt passierte etwas Komisches. Der Sommer fiel aus, der Herbst auch. Es wurde sofort Winter. Die Bäume, die gerade noch geblüht hatten, warfen ihre Blätter ab, und in den Geschäften gab es nur Treibhausgemüse. Die Leute behaupteten zwar, sie hätten ihren Sommer gehabt, aber ich hatte nichts davon bemerkt. Es war wohl eine Art Massenhypnose. Ich allein war verschont geblieben. Doch ich fühlte keine Erleichterung. Ich ging umher, ruderte mit den Armen, wies auf die kahlen Äste. Niemand nahm Notiz davon. Die Leute glitten Meter vor mir zur Seite wie die Türen eines Supermarktes. Ich unternahm keinen Versuch mit jemandem zu sprechen. Ich dachte ständig an die Leiche.

In der Dunkelheit im Wald stolperte ich fast über den im Laub liegenden Körper, meine Schuhsohle trat auf etwas Weiches. Erst die Flamme von Marcels Feuerzeug erhellte den Boden etwas. Ein Junge lag vor uns im Laub. Sein Gesicht war aschfahl und verzerrt. Seine weit aufgerissenen Augen schienen blicklos, die braune Iris schwamm in milchigem Weiß. Obwohl er flach am Boden lag, schien der dunkle Haarschopf zu Berge zu stehen. Den Jungen anzufassen oder Erste Hilfe anzuwenden traute ich mich nicht. Auch Marcel rührte ihn nicht an. Er behauptete, er sei sicher tot. Es war kaum vorstellbar, dass dieser Körper eine Minute zuvor noch gelebt hatte. Aber so war es gewesen. Eine Minute vorher hatte er am Steuer des schwarzen Corsa gesessen und war über die Landstraße gebraust. Das Auto war jetzt ein zusammengedrückter Haufen Blech. Es hatte Ziehharmonikafalten, alle Fenster waren zersplittert. Vom Beifahrersitz hörten wir ein Stöhnen. Ein Mädchen mit rotgefärbten Haaren hing zusammengekrümmt in ihrem Haltegurt. Das Auto war zu verbeult, wir konnten ihr nicht helfen. Die Tür klemmte. Auf dem Rücksitz saß ein Pärchen, ein Junge und ein Mädchen. Sie lehnten aneinander. Ihre Gesichter waren friedlich, blass und jung. Es sah aus als schliefen sie. Später hörte ich, dass sie tot waren, sofort.

Marcel rief die Polizei an. Im nächsten Dorf war eine Telefonzelle. Den Unfall hatten wir nur gehört, Marcels Auto parkte auf einem Waldweg. Wir standen daneben an einem Baum, etwas abseits der Straße, als hinter uns der Corsa der vier Jugendlichen auf die Buche prallte. Er drehte sich einmal um sich selbst und kam mit der Kühlerhaube nach vorne im rechten Winkel zur Straße zum Stehen. Der Fahrer wurde hinausgeschleudert. Er war neunzehn Jahre alt. Ich las das in der Zeitung. Die Polizei suchte nach möglichen Tatzeugen und vermutete ein weiteres Auto auf der Gegenfahrbahn. Wir waren abgehauen. Marcel hatte dem Notruf einen falschen Namen genannt. Niemand würde uns je mit dem schwarzen Corsa in Verbindung bringen.

Auch später meldeten wir uns nicht mehr bei der Polizei, um auszusagen. Obwohl wir wussten, dass uns keine Schuld traf. Wir waren nicht auf der Straße gewesen. Kein Mensch befand sich auf der Gegenfahrbahn. Es hatte kein zweites Auto gegeben. Niemand hatte die Jugendlichen auf dem Gewissen. Es war unlogisch, dass wir abgehauen waren. Marcel sagte, er hätte nicht nachgedacht, als die Frau am anderen Ende der Notruf-Leitung nach seinem Namen fragte. »Jens Vierwald« war mein Spitzname für ihn. Er war ihm ganz selbstverständlich über die Lippen gekommen. Nach unserer Flucht waren wir doppelt verdächtig. Eine nachträgliche Aussage wäre unangenehm geworden. Wir wollten ohnehin gar nichts preisgeben, nicht unsere Namen, unsere Familien, unsere Freunde. Niemand wusste, dass wir uns trafen. So sollte es bleiben.

Viele Jahre später erzählte ich Laurenz davon. Er fragte, hast du ihn geliebt, den Typen, diesen Marcel, mit dem du da warst. Ich sagte, nein. Das stimmte nicht, aber ich konnte nicht sagen, ich weiß nicht, was es war, das Gefühl zwischen Marcel und mir. Es war oft schal und falsch, aber es war da. Laurenz hätte nicht verstanden, dass das ein Glück war. Deshalb sagte ich ihm, früher habe ich ihn geliebt, ein bisschen. Als wir den Unfall sahen, schon nicht mehr. Laurenz machte ein Gesicht, als wäre das ein Verbrechen. Ich sagte, es war alles ganz harmlos.

Wir lehnten an einem Baumstamm. Marcel hatte mich dorthin gejagt, wir spielten oft Fangen. Ich spürte die Rinde an meinen Schulterblättern. Unsere Gesichter waren nahe beieinander, berührten sich aber noch nicht. Ich zerrte sein T-Shirt hoch und entdeckte Kratzer an seiner Brust. Sie stammten nicht von meinen Nägeln. Ich konnte mir ausmalen, wo er die letzte Nacht verbracht hatte. Er war bei seiner Freundin gewesen. Spielerisch drohte ich ihm mit Prügel, wenn er wieder so ankäme, zerschunden von einer anderen. Er grinste und fragte, ob ich mein Versprechen halten würde. Er ließ es klingen, als sei er scharf auf Schläge. Er griff nach mir, doch ich wich aus und nannte ihn neckend »Betrüger«. Er bekam meine Handgelenke zu fassen und drückte sie mit seiner Rechten an den Baum.

Ich hörte auf, es ihm allzu schwer zu machen. Als er sich über meinen Bauch beugte, sah ich die Lichter des Wagens näher kommen. Sie waren noch weit entfernt. Aber über der dunklen Ebene konnte sich sie gut erkennen. Ich sah die Scheinwerfer durch die Bäume hindurch. Ich achtete nicht darauf. Nur ein Auto. Marcels Hände nestelten an meinem Gürtel herum, ich schloss die Augen. Der Aufprall des Wagens erzeugte einen Knall. Gar nicht so laut, eher dumpf als scharf. Es war sofort wieder still. Die Scheinwerfer waren verschwunden.

Wir hatten keine Ahnung, was passiert war, sagte ich. Laurenz schwieg. Du lügst doch, behauptete er schließlich. Meine Unaufrichtigkeit schien ihn nicht weiter zu erstaunen. Er öffnete den Kühlschrank, und das Licht der Glühbirne beim Eisfach strahlte ihn von unten an. Sein Blick wanderte die Regale entlang. Er wusste genau, was dort lag. Schinken, Tomatenmark, Porreestangen. Er hätte den Kühlschrank nicht zu öffnen brauchen. Er wollte mich nur nicht ansehen. Ich sagte, gut, ich erzähle dir die ganze Geschichte.

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