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Zeugen
(Leseprobe aus: Lange Tage,
Erzählungen, 2003, S.
Fischer)
Zuletzt passierte etwas Komisches.
Der Sommer fiel aus, der Herbst auch. Es wurde sofort Winter. Die Bäume, die
gerade noch geblüht hatten, warfen ihre Blätter ab, und in den Geschäften gab
es nur Treibhausgemüse. Die Leute behaupteten zwar, sie hätten ihren Sommer
gehabt, aber ich hatte nichts davon bemerkt. Es war wohl eine Art Massenhypnose.
Ich allein war verschont geblieben. Doch ich fühlte keine Erleichterung. Ich
ging umher, ruderte mit den Armen, wies auf die kahlen Äste. Niemand nahm Notiz
davon. Die Leute glitten Meter vor mir zur Seite wie die Türen eines
Supermarktes. Ich unternahm keinen Versuch mit jemandem zu sprechen. Ich dachte
ständig an die Leiche.
In der Dunkelheit im Wald stolperte ich fast über den im Laub liegenden
Körper, meine Schuhsohle trat auf etwas Weiches. Erst die Flamme von Marcels
Feuerzeug erhellte den Boden etwas. Ein Junge lag vor uns im Laub. Sein Gesicht
war aschfahl und verzerrt. Seine weit aufgerissenen Augen schienen blicklos, die
braune Iris schwamm in milchigem Weiß. Obwohl er flach am Boden lag, schien der
dunkle Haarschopf zu Berge zu stehen. Den Jungen anzufassen oder Erste Hilfe
anzuwenden traute ich mich nicht. Auch Marcel rührte ihn nicht an. Er
behauptete, er sei sicher tot. Es war kaum vorstellbar, dass dieser Körper eine
Minute zuvor noch gelebt hatte. Aber so war es gewesen. Eine Minute vorher hatte
er am Steuer des schwarzen Corsa gesessen und war über die Landstraße
gebraust. Das Auto war jetzt ein zusammengedrückter Haufen Blech. Es hatte
Ziehharmonikafalten, alle Fenster waren zersplittert. Vom Beifahrersitz hörten
wir ein Stöhnen. Ein Mädchen mit rotgefärbten Haaren hing zusammengekrümmt
in ihrem Haltegurt. Das Auto war zu verbeult, wir konnten ihr nicht helfen. Die
Tür klemmte. Auf dem Rücksitz saß ein Pärchen, ein Junge und ein Mädchen.
Sie lehnten aneinander. Ihre Gesichter waren friedlich, blass und jung. Es sah
aus als schliefen sie. Später hörte ich, dass sie tot waren, sofort.
Marcel rief die Polizei an. Im nächsten Dorf war eine Telefonzelle. Den Unfall
hatten wir nur gehört, Marcels Auto parkte auf einem Waldweg. Wir standen
daneben an einem Baum, etwas abseits der Straße, als hinter uns der Corsa der
vier Jugendlichen auf die Buche prallte. Er drehte sich einmal um sich selbst
und kam mit der Kühlerhaube nach vorne im rechten Winkel zur Straße zum
Stehen. Der Fahrer wurde hinausgeschleudert. Er war neunzehn Jahre alt. Ich las
das in der Zeitung. Die Polizei suchte nach möglichen Tatzeugen und vermutete
ein weiteres Auto auf der Gegenfahrbahn. Wir waren abgehauen. Marcel hatte dem
Notruf einen falschen Namen genannt. Niemand würde uns je mit dem schwarzen
Corsa in Verbindung bringen.
Auch später meldeten wir uns nicht mehr bei der Polizei, um auszusagen. Obwohl
wir wussten, dass uns keine Schuld traf. Wir waren nicht auf der Straße
gewesen. Kein Mensch befand sich auf der Gegenfahrbahn. Es hatte kein zweites
Auto gegeben. Niemand hatte die Jugendlichen auf dem Gewissen. Es war unlogisch,
dass wir abgehauen waren. Marcel sagte, er hätte nicht nachgedacht, als die
Frau am anderen Ende der Notruf-Leitung nach seinem Namen fragte. »Jens
Vierwald« war mein Spitzname für ihn. Er war ihm ganz selbstverständlich
über die Lippen gekommen. Nach unserer Flucht waren wir doppelt verdächtig.
Eine nachträgliche Aussage wäre unangenehm geworden. Wir wollten ohnehin gar
nichts preisgeben, nicht unsere Namen, unsere Familien, unsere Freunde. Niemand
wusste, dass wir uns trafen. So sollte es bleiben.
Viele Jahre später erzählte ich Laurenz davon. Er fragte, hast du ihn geliebt,
den Typen, diesen Marcel, mit dem du da warst. Ich sagte, nein. Das stimmte
nicht, aber ich konnte nicht sagen, ich weiß nicht, was es war, das Gefühl
zwischen Marcel und mir. Es war oft schal und falsch, aber es war da. Laurenz
hätte nicht verstanden, dass das ein Glück war. Deshalb sagte ich ihm, früher
habe ich ihn geliebt, ein bisschen. Als wir den Unfall sahen, schon nicht mehr.
Laurenz machte ein Gesicht, als wäre das ein Verbrechen. Ich sagte, es war
alles ganz harmlos.
Wir lehnten an einem Baumstamm. Marcel hatte mich dorthin gejagt, wir spielten
oft Fangen. Ich spürte die Rinde an meinen Schulterblättern. Unsere Gesichter
waren nahe beieinander, berührten sich aber noch nicht. Ich zerrte sein T-Shirt
hoch und entdeckte Kratzer an seiner Brust. Sie stammten nicht von meinen
Nägeln. Ich konnte mir ausmalen, wo er die letzte Nacht verbracht hatte. Er war
bei seiner Freundin gewesen. Spielerisch drohte ich ihm mit Prügel, wenn er
wieder so ankäme, zerschunden von einer anderen. Er grinste und fragte, ob ich
mein Versprechen halten würde. Er ließ es klingen, als sei er scharf auf
Schläge. Er griff nach mir, doch ich wich aus und nannte ihn neckend
»Betrüger«. Er bekam meine Handgelenke zu fassen und drückte sie mit seiner
Rechten an den Baum.
Ich hörte auf, es ihm allzu schwer zu machen. Als er sich über meinen Bauch
beugte, sah ich die Lichter des Wagens näher kommen. Sie waren noch weit
entfernt. Aber über der dunklen Ebene konnte sich sie gut erkennen. Ich sah die
Scheinwerfer durch die Bäume hindurch. Ich achtete nicht darauf. Nur ein Auto.
Marcels Hände nestelten an meinem Gürtel herum, ich schloss die Augen. Der
Aufprall des Wagens erzeugte einen Knall. Gar nicht so laut, eher dumpf als
scharf. Es war sofort wieder still. Die Scheinwerfer waren verschwunden.
Wir hatten keine Ahnung, was passiert war, sagte ich. Laurenz schwieg. Du lügst
doch, behauptete er schließlich. Meine Unaufrichtigkeit schien ihn nicht weiter
zu erstaunen. Er öffnete den Kühlschrank, und das Licht der Glühbirne beim
Eisfach strahlte ihn von unten an. Sein Blick wanderte die Regale entlang. Er
wusste genau, was dort lag. Schinken, Tomatenmark, Porreestangen. Er hätte den
Kühlschrank nicht zu öffnen brauchen. Er wollte mich nur nicht ansehen. Ich
sagte, gut, ich erzähle dir die ganze Geschichte.
Rezension I Buchbestellung I home II05 LYRIKwelt © S. Fischer