Christian Westheide

Wortverwandt

“Sum Gert icht karm Michael hilfter” Ein Zettel im Treppenhaus, damit  
fing es an und zwei Wochen später bin ich zu Hause ausgezogen. Ich  
habe den Zettel noch heute, klebe ihn immer wieder auf die erste  
Seite meiner Tagebücher. Als ich ihn damals näher betrachtete,  
erkannte ich die Handschrift meines Vaters, die jedoch seltsam  
kindlich und ungelenk wirkte. Aber da ich oft beim Nachhausekommen  
solche Zettel vorfand - codierte Anspielungen, Worträtsel, die immer  
eine Aufforderung in sich trugen, irgendetwas zu erledigen - legte  
ich ihn beiseite. Ich war in letzter Zeit sowieso etwas zerstreut.  
Wegen Rosa. Die Folgen, einen solchen Zettel zu ignorieren, waren  
zwar unangenehm, aber wenn mein Vater einen Wutanfall bekam, blickte  
ich in letzter Zeit stumpf in sein Gesicht auf den aufgerissenen  
Mund, den Schweiß auf seiner Stirn und dachte umspült von seiner  
Brüllerei an die Stunden, in denen Rosa und ich bei Mövenpick am  
Markt saßen, Händchen hielten und Kakao tranken oder erinnerte mich  
daran, wie ich vor eine Weile mit Rosa abends in meinem Auto an den  
Rand eines Rapsfeldes gefahren war und ihr so nahe kam, dass ihre  
Locken sich in meinem Herz verfingen.

Wie eine Polle den Heuschnupfen, so lösten die Zettel zwischen mir  
und meinem Vater ein ritualisiertes Hin und Her von Worten aus. Ich  
fand einen Zettel und auf das an meinen Vater gerichtete „Warum?  
Warum soll ich das machen?“ erntete ich jedes Mal sein schlichtes und  
übermächtiges, “Weil ich es so will.” Auf diesen Satz hatte er unser  
Zusammenleben gebaut. Weil ich es so will, bedeutete in unserem Code:  
Weil das Leben so ist, und so verstand ich es auch. Aber ich mache  
ihm keine Vorwürfe. Heute glaube ich sogar, er hat seine Rolle sehr  
ernst genommen: dem Sohn ins Leben zu helfen......

Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Chr.W.