Schreie am Meer
Er sah durch das Fernglas das Meer wüten, welches hohe Wellen an den Strand peitschte. Er war allein, fühlte sich einsam, nur die Sturmböen rauschten an sein geröteten Ohren vorbei und seine Haare tanzten im Rhythmus mit ihnen. Was sollte er jetzt machen? Seine Frau hatte ihn vor einigen Tagen verlassen und die Kinder einfach mitgenommen. Tränen schossen ihm bei diesem Gedanken in die Augen, die ihm das Aussehen eines weinenden Kindes verliehen. Wie war das doch schön, vor etwa zehn Jahren, als die Hochzeitsglocken läuteten und das Glück nicht hätte größer sein können. Und jetzt? Wo sind die schönen Tage geblieben, die sein Leben damals in ekstatischer Verzückung brachten? Das Leben ist ein Spiel und manchmal ist das Spiel auch ausgespielt, aber ich werde nicht aufgeben, meine Frau kann mir gestohlen bleiben, dachte er wütend. Es gibt genug Frauen die einen Partner suchen und ich bin ein Mann mittleren Alters, da ist noch nicht viel verloren, machte er sich Mut. Aber die Kinder? Was machen denn die Kinder ohne den Vater? Sie hat sie mir einfach weggenommen, einfach so, als hätte sie mir gegenüber keine Gefühle. So sind Frauen offensichtlich, dachte er. Und dann musste er wieder weinen, er weinte wie noch nie in seinem Leben. Es war ein wütendes, verzweifeltes Weinen, das sich in eine Art Hysterie steigerte, so das er an zu Schreien anfing, aber der Sturm verschluckte seinen Schrei, so dass es vermeidlich Still blieb. Der „seelische Schmerz“ ist einer der „Brutalsten“ überhaupt, er geht bis in die Eingeweide hinunter, man fängt an zu taumeln, Schwindel erfasst einen und man könnte Erbrechen. Am liebsten würde er sich jetzt an die Wand stellen und einfach „abgeknallt“ werden, um endlich von den Schmerzen erlöst zu werden. Aber wer möchte schon erlöst werden? Vielleicht ein „Heiliger“? Er glaubt nicht an Gott, aber er glaubt an sich. Aber er musste wieder weinen, hier ganz allein in der Nähe des Meeres und die Wellen kommen im gleichmäßigen Rhythmus wieder ans Land, so als sähen sie den traurigen Mann nicht und eine Welle nach der anderen kam ans Land gespült, ohne Rücksicht, ob dieser einsame traurige Mann nun weinte oder nicht. Dieses Schauspiel würde immer so weiter gehen, von der Natur gespeist, die kein Mitleid kennt. Die Natur ist stärker als der Mensch und wenn der Mensch diese zerstört, zerstört er sich selbst, sagte er leise zu sich. Was aber ist dagegen so ein „Familiendrama“, mit diesem weinenden Mann hier am Meer? Nicht viel vielleicht, doch für ihn sicher eine „Katastrophe“. Dieser Mann wird sich unendlich traurig fühlen, an diesem stillen Ort am Meer. Er wollte wieder schreien, doch ihm versagte diesmal seine Stimme. Mit einem Mal war er ganz ruhig, so ruhig wie eine alte Eiche, die in der prallen Mittagssonne steht. Er war doch erst Mitte vierzig -also im guten Mannes alter – doch davon wollte er jetzt nichts wissen. Wie sollte es stattdessen weitergehen? Ihm fiel dazu nichts ein, sein Gehirn produzierte keine Gedanken mehr. Der Sturm schlug ihm plötzlich vor die Stirn, doch in diesem Sturm, war in seinem Kern eine unheimliche Stille, die ihn betäubte. Er wollte jetzt nach Hause, ja nach Hause, wo jetzt keine Frau und keine Kinder mehr waren. Doch er wollte trotzdem zurück in seine Wohnung, sich in sein Bett legen, in dem nun verlassenen Haus. Er wollte abschalten, doch Gefühle lassen sich nicht einfach abschalten. Gefühle kommen und gehen, wie die Wellen im Meer. Wir müssen mit unserer Trauer umgehen lernen. Lachen in diesem Sinne wäre schöner und leichter. Deshalb freuen wir uns solange wie wir uns noch freuen können, denn das Traurige und Absurde wird uns immer wieder begegnen.
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